Matterhorn Ultraks

Irgendwann habe ich mal von „Partyrauchern“ gehört. Leute die nie Rauchen, in guter Gesellschaft, angeschwipst und dem lasziv aus der Packung blickenden Filterstück der Kippe aber nicht wiederstehen können. Veranstaltungen und ich sind eine vergleichbare Sache. Freiwillig an einer solchen teilnehmen? Äußerst selten. Eine Empfehlung aussprechen? Noch seltener. Warum ich das bei den Matterhorn Ultraks tue? Nun..

…da wäre zu allererst die Startnummernausgabe zu nennen. Wir werden von einer freundlichen Dame begrüßt, die uns auch sofort unsere Startnummern ausgibt. Kein Schlangestehen. Nach einem hektischen Feierabend und diversen Staus ein Wohltat. Im Anschluss daran bekommen wir (trotz über einer Stunde Verspätung) einen Platz in einem der ‚Partnerlokale‘ zugewiesen, die am Telefon sehr freundlich sind und Verständnis für uns zeigen („Kein Problem, wir haben schon auf euch gewartet“). Dank Sponsoren und Veranstaltern erhält man hier ein gutes drei Gänge Menü (mit Nachschlag) für 22 CHF. Wer schonmal versucht hat in der Schweiz zu Abend zu Essen wird nachfühlen können wie dankbar das Portmonnaie war (Leider war unsere Unterkunft nicht so entgegenkommend, so dass wir unser Frühstück am Vortag in der Bäckerei kaufen und das ersparte Geld gleich wieder ausgaben.

Am Morgen des Rennen mäandert das Läufervolk aus ihren Unterkünften gen Start, welcher ziemlich zentral im Ort liegt. Alle ziemlich sportlich hier und kaum einer hat die Rettungsringe nötig, die ich dorthin mitschleppe. Nach dem Versuch des Sprechers, das müde Läufervolk um 7:30 Uhr zu Stimmung zu motivieren, schlägt nur bei den gut gelaunten Franzosen hinter mir an. Ich für meinen Teil möchte einfach nur loslaufen.

Zwei meiner größten Veranstaltungssorgen treten bei den Matterhorn Ultraks nicht ein: Zum einen ist da ein Läuferfeld, welches so groß ist, dass es sich nie entzerrt. Zum anderen ist die Gefahr von mehreren Startfeldern, die diese Situation noch verschlimmert. Beides tritt nicht ein, denn das Starterfeld von 600 Teilnehmer bei der 46K Distanz ist relativ überschaubar und die Streckenführung (und Startzeiten) der 3 Teilstrecken so ausgeklügelt, dass man kaum einem anderen Starterfeld begegnet. (oder ich so langsam, dass ich dem Stau entgehe). So kann sich mein Alter-Ego (Obergrantler) ein wenig entspannen und zum Gornergrat auf ca. 3.130m Höhe hochlaufen.

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Es geht gemächlich zunächst auf breiteren Wegen hinauf und gibt dem Feld damit ein wenig Zeit sich zu sortieren, bevor es rechts weg auf einen schmalen Singletrail am Hang entlanggeht und uns das imposante Matterhorn zwischen den Baumwipfeln zum ersten Mal anstrahlt. Es wird uns während dieser Odysee nicht mehr alleine lassen. Und so erlebe ich meinen ersten Gänsehautmoment, als ich um die (baumlose) Ecke biege und dem Matterhorn Auge in Gipfel gegenüberstehe:

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Der erste kotzend am Trailrand liegende Mensch lindert meine Nervosität nicht sonderlich als wir die erste Verpflegung am Sunnegga erreichen und besonders groß ist mein Appetit dann auch nicht mehr.

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Das dies mein erstes Skyrace ist, wird mir klar, als ich mir vor Augen halte, dass es auf den ersten knapp 15km ganze 1.800m in die Höhe geht und man irgendwann den Zeitpunkt erreicht, an dem die Luft dann doch etwas dünn ist (auch wenn man in den letzten Woche viel Zeit in den Bergen verbracht hat). Der Gornergrat kommt immer näher und wir erkennen die Schemen der Läufer, die ihn schon erreicht haben. Das Geröllfeld vor dem Grat erweist sich als nicht ganz ungefährlich, was spätestens dann augenscheinlich wird, als die Dame unmittelbar hinter uns einen Fußballgroßen Stein lostritt, der aus dem Läuferfeld beinahe ein Bowlingspiel macht. Gut, dass die französischsprachige Warnung des Herren hinter uns von den meisten verstanden wird.

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Den nächsten Gänsehautmoment erlebe ich, als der Moment kommt, an dem die ersten weißen Gipfel über den Grat lugen und mir Schritt für Schritt klar wird, dass ich mir dieses unverstellte Panorama Kraft meiner Beine und meines (noch unbändigen) Willens selbst erarbeitet habe. Die Realität ist wirklich schöner als die Panoramakarte aus dem Hotel: Klar und deutlich sehe ich den Grenzgletscher und den Gornergletscher welche die Dufourspitze (4.634m und höchster Berg der Schweiz bzw. zweithöchster Europas) umrahmt. Rechts daneben der Liskamm (4.527m), Castor (4.228m) und Pollux (4.092m) sowie das Breithorn (4.164m).

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Ich habe schon einiges erlebt und vieles gesehen, aber das hier sucht seinesgleichen: Selten kommt man in den Genuss, während einer Laufveranstaltung so hoch zu kommen und so imposante Gebirgsformationen bzw. noch imposantere Gletscher sehen zu dürfen. Einziges Manko in diesem Moment ist die Tatsache, dass es immernoch ein „Wettkampf“ ist und die nicht ganz unstrenge Cut-Off-Zeit wie ein Damoklesschwert über uns pendelt.

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An den mit der Bahn hochgefahrenen Touristen vorei und in ständiger Begleitung des Matterhorns laufen wir hinunter zur Riffelalp, der ersten Festnahrungs-verpflegung und Treffpunkt aller drei Distanzen. Ab hier wird man ein Stück von der 30K-Distanz begleitet, während man von der 16K-Distanz kurz tangiert wird, bevor diese ins Tal hinabsteigt. Unsereins klettert kurz und steigt gen ‚Furi‘ ins Tal ab. Spätestens ab hier beginnt das Leiden. Man hat mit 1.800 Höhenmetern die Hälfte hinter sich und schon einen langen Downhill in den Beinen. Die Mittagshitze knallt uns auf die Köpfe, der Schweiß fließt in Strömen. Die ersten Blasen werden verarztet, jegliche Wasserspeicher aufgefüllt, bevor es wieder auf eine beachtliche Höhe von 2.583m zum Schwarzsee hinaufgeht. Der Anstieg ist zäh und ich erlebe hier etwas sehr seltenes: Das Läuferfeld ist im Angesicht dieser doch extremen Belastung ziemlich nett zueinander. Wie oft überholt habe ich ein und die selbe Person überholt, bloß um mich später selbst (von derselben Person) überholen zu lassen. Kein Geschubse, kein ungeduldiges Gedränge. So etwas habe ich wirklich sehr selten erlebt.

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Es macht den Anstieg zwar nicht einfacher, doch um einiges erträgliches und so sind wir sehr erleichtert, als wir unter ein paar jubelnden Zuschauern den Schwarzsee erreichen. Hier gönnen wir uns eine kurze Pause und während ich so gedankenverloren meine Tuc-Kekse mampfe, überlege ich für den Bruchteil einer Sekunde, mit der Seilbahn einfach zurück ins Tal zu fahren. Gemütszustände, die man bei Ultras so durchlebt. Die Erschöpfung sät die ersten Zweifel am Erreichen des Ziels. So sehr im A*sch und doch erst die Hälfte geschafft. Zumindest geht es ab hier bergab und ehe man sich versieht, sagen einem euphorische Wanderer, dass die nächste Verpflegung bald erreicht ist. Sie behalten recht. Auch die Stafelalp lassen wir hinter uns und was nun vor mir liegt ist das zäheste Stück des Rennens. Zumindest für mich. Die Downhills malträtieren die Oberschenkel immer mehr. Der x-te Anstieg kostet Korn um Korn. Moralische Stütze ist die unmittelbare Nähe zum Matterhorn, meine Begleitung und einer der edelsten Singletrails, die man in den Bergen finden kann. Als ein Helikopter der Air Zermatt neben uns auf der Wiese landet, sehe ich schon die Helfer auf uns zurennen und uns mitteilen, dass das Rennen für uns gelaufen sei. Doch es bleibt ein Hirngespinst. Ewig schlängelt sich der Singletrail wunderschön am Hang entlang, bis er  um die Ecke den Blick auf die Nische mit dem Hotel du Trift freigibt, zu dem wir in einem technisch anspruchsvolleren Singletrails hinabsteigen. Vor dem Hotel erreichen wir die letzte Verpflegungsstation und die letzten zu erklimmenden Höhenmeter. Zwar sind die vier Serpentinen auf den Höhenweg schnell erreicht, allerdings steigt dieser latent bergauf, so dass der Läuferkollege aus meiner niederrheinischen Heimat, der hinter uns aus dem Nichts heraus einen Monolog mit uns anfängt, mich in diesem Moment mit seiner guten Laune und seiner Geschichte über den 30er von gestern mit nur 360 Höhenmetern und diesem und jenem Ultra, mit diesem und jenem Lauftreff, den ich ja auch kennen müsste, nun… etwas nervt. Tut mir leid Kumpel, aber ich durchlebe hier Reinhold Messners Aufstieg auf den Nanga Parbat, keine Luft für Smalltalk. Keine 10m vor uns findet er seinen nächsten Monologpartner und tatsächlich: Wir erreichen den Punkt, an dem es nur noch bergab geht.

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Zumindest moralisch geht es wieder bergauf und wie von neuen Lebensgeistern beseelt laufen wir die unendlichen vielen Serpentinen gen Tal hinunter, passieren die Baumgrenze und sehen Zermatt immer näher kommen. Wir hören den Sprecher immer klarer und deutlicher und plötzlich passieren wir die Straße, die der Polizist eigens für uns freihält und erreichen das Ortszentrum unter viel anerkennendem Klatschen. Der Zielkorridor gehört nur uns beiden und Hand in Hand überqueren wir die Ziellinie. Der Sprecher holt sich seine O-Töne ab und für ein paar Sekunden komme ich mir vor wie jemand echt bekanntes. Kilian oder so.

Es ist eine der hart erkämpftesten Medaillen und die einzige, die ich beim Schreiben dieser Zeilen immer noch um den Hals trage.

Wenn du also eine Veranstaltung suchst, die eine unfassbar einzigartige Landschaft mit einer exzellenten Streckenmarkierung, ebenso exzellent koordinierten Starterfeldern, netten Helfern (vielen Dank!) und einem ebenso angenehmen Ambiente miteinander vereint, dann sind die Matterhorn Ultraks die einzige Option für dich. Allerdings musst du auch ein wenig masochistisch veranlagt sein 😉

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