Freunde, Herzogstand und Heimgarten.

Räumliche Distanz und Zeit sind die Sargnägel einer jeden Schulfreundschaft. Interessen ändern sich, man reift. So kam es, dass mein guter Schulfreund Bastian und ich uns kein einziges Mal trafen, als wir nur 36km entfernt voneinander studierten. Erst als wir – über soziale Medien – entdeckten, dass wir mit Ausdauersport und Natur wieder gemeinsame Interessen teilten, näherten wir uns einander an.

Nachdem ich Bastian letztes Jahr auf meinem Freiburger Hausberg Trailrunning näher brachte, habe ich die Walchensee-Herzogstand-Heimgarten-Walchensee-Runde eigeninitiativ auf die Agenda meines Gegenbesuchs gesetzt. Mit der bloßen Erinnerung an einen spaßigen Lauf beim unserem letzten Treffen ließ sich mein Gastgeber (dankenswerterweise) auf das Abenteuer ein, ohne so recht zu wissen, dass das was ihn erwartet, eine Ikone von Strecke ist. Die zudem sehr anspruchsvoll zu laufen ist.

Nach einer dreieinhalbstündigen Odysee mit Bus, Bahn und chaotischen Gültigkeiten von Tickets, erreichen wir die Talstation der Herzogstandbahn. Ohne einen Meter Flach zu sein, windet sich die Strecke geradewegs nach oben. Der dichte Wald gibt den Ausblick auf die Alpenkette und den See noch nicht preis, deshalb ist die Überraschung groß, als wir zum ersten Mal das Panorama genießen können…

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In meiner Gleichung, dass die Münchner alle im Urlaub sind, vernachlässigte ich (zu unrecht) die Tatsache, dass es Leute von außerhalb gibt, die in dieser Gegend Urlaub machen, un die Bergkette bevölkern. So war der Aufstieg stark bevölkert, doch zu meiner Überraschung waren die allermeisten sehr freundlich und hatten meist ein paar anerkennende Worte in Petto.

Meinen persönliches Supergau erlebte ich auf dem Plateau der Bergstation, wo es vor Menschen nur so wimmelte, die mit der Seilbahn hochfuhren und die letzten Meter zum Herzogstand dann tatsächlich wanderten. Diese letzten Meter sind wohl die schönsten Serpentinen, die man im Voralpenland laufen kann. Man weiß garnicht, wohin man gucken soll: Auf den Weg vor einem, die Alpenkette, den Heimgarten gegenüber, den Kochelsee oder den Walchensee.

Wenn der Weg und der Ausblick nicht so herrlich wären, wäre ich gernervt ob der vielen Menschen, die nun weniger Verständnis zeigen für uns laufenden Bergfreunde. Dementsprechend stark bevölkert ist auch das Gipfelkreuz am Herzogstand.

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Nach kurzer Rast auf dem 1731m hohen Herzogstand entfliehen wir der Menschenmenge Richtung Gratweg zum Heimgarten. Zumindest für ein paar Minuten. Warum diese Strecke unter Trailrunnern so beliebt ist, wird spätestens jetzt klar: Ein technisch anspruchsvoller Gratweg mit unfassbar schönem Ausblick, was die erforderliche Konzentration nur noch mehr erschwert.

Ich habe das Glück, jegliche anspruchsvollen Gratwege (Nagelfluhkette, Brienzergrat, das hier…) welche stets schattenlos sind, im Hochsommer und seiner sengenden Hitze zu laufen. Mein schwarzes T-Shirt und meine ebenso schwarzen Locken tragen da nicht wirklich zur Abkühlung bei und so wuchte ich mich die letzten Höhenmeter dieser Strecke auf den 1790m hohen Heimgarten.

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Wir kehren im Heimgartenhaus ein. Auf meine Frage, ob es ein alkoholfreies Weissbier (Weizen sagt man hier nicht) und „irgendwas fleischloses zu Essen“ (sowas sagt man hier auch nicht) gibt wird mit bösen Blicken gestraft. Ich oute mich als Tourist und komme noch einmal mit eine Limonade und einem köstlichen Kaiserschmarrn davon.

In einem Paradies von Singletrails geht es ab dem Heimgartenhaus bergab. Bastian möchte „das mit dem Rucksack“ auch mal ausprobieren und so komme ich den Genuss, fast schwerelos die Wege runterfliegen zu können. Leider ist der Weg so stark frequentiert, das man kaum 50m laufen kann, was den Downhillspaß trübt. Unfassbar schön sind die Singletrails trotzdem.

Irgendwann ist auch der größte Spaß leider zu Ende. Die Wartezeit auf den Bus und die Odysee zurück nach München vertrödeln wir bei Café, Kuchen und dem kalten Wasser des Walchensee, in dem wir unsere geschundenen Beine kühlen. Bastian wird mir sagen, dass er aufgrund der langen Anfahrt schon fast schlechte Laune bekommen hätte, die Strecke und das tolle Erlebnis jedoch die Mühen mehr als aufgewogen haben. Kaum zu Hause angekommen, wird er sich einen Wanderführer für das Münchner Umland kaufen, weil er „echt mehr in der Umgebung laufen muss“ und sich zudem „so einen Rucksack“ kaufen will (er wird demnächst einen von mir kriegen).

Es gibt nichts, was mich so sehr freut, wie jemandem an das Trailrunning zu führen und eine Begeisterung zu wecken für etwas, was in einem schlummert. Auf der Agenda unseres nächsten Treffens wird jedenfalls ein Läufchen stehen!

  1. Tipp: Von München aus geht es mit der BOB Richtung Bad Tölz, mit dem Bus nach Kochel am See und von dort aus weiter nach Walchensee zur Talstation der Herzogstandbahn. Kauft euch entgegen der Empfehlung von bahn.de ein Bayern-Ticket, da ihr mit dem „Schönes Wochenende“ Ticket nur bis Kochel kommt.
  2. Tipp: Falls es euch irgendwie möglich ist, meidet Wochenende und Ferienzeiten/Feiertage. Die Strecke ist so unfassbar schön, dass es sich lohnt, für ein ungestörtes Erlebnis einen Urlaubstag zu investieren und die Runde unter der Woche morgens zu laufen.
  3. Tipp: Einkehren kann man sowohl am Herzogstand als auch am Heimgarten.
Getaggt mit , , , ,

Ein Gedanke zu „Freunde, Herzogstand und Heimgarten.

  1. Zwiebel sagt:

    „die nun weniger Verständnis zeigen für uns laufenden Bergfreunde“
    und das sind dann gerade die, die ihren Pöppes hoch und auch runter mit der Seilbahn chauffieren lassen…
    Jerks!!!

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