Großglockner Ultratrail

Meine Wettkampfkarriere (wenn man sie denn so nennen mag) zündete 2013 schnell, brannte lichterloh und erlosch still wie ein Heuler im Gulli an Silvester. In 2015 erglomm die Glut durch eine Böe namens Eiger E51 noch einmal kurz, bis sie dann vollends ausbrannte. Im Stillen erkundete ich den von Trailrunnern weitgehend unberührten Hochschwarzwald und schnitzte mir meine eigenen Panoramatrails zusammen, bis ich irgendwann tatsächlich mehr meiner polygamen Beziehung zu meinen beiden Rädern auf und abseits der Straße fröhnte… bis sich spontan die Möglichkeit ergab, am Großglockner Ultratrail (Weisssee Gletscherwelt Trail) teilzunehmen.


So scheu ich läuferischen Großveranstaltungen auch geworden bin und so gerne ich meine Routen nach meinen eigenen (sehr strengen) Kritieren zusammenstelle, so gerne nehme ich die Gelegenheit wahr, in mir unbekannten Revieren umherzustreifen und mich um Routenplanung einen feuchten Kehricht zu scheren. Also dann doch mal wieder ein „Wettkampf“.

Meine Distanz zur Trailrunning-Szene ist mittlerweile so groß, dass ich seit etwa einen Jahr das einschlägige Magazin nur flüchtig durchblättere, jeglichen Stars der Szene auf Instagram meine Gefolgschaft entzogen habe, mich mit der Veranstaltung erst am Abend vor dem Start auseinandersetze und im gesamten Monat vor dem Lauf in Summe ca. 70 Minuten in Laufschuhen unterwegs war. Meine Vorbereitung darf also durchaus arrogant genannt werden und das hätte ich auch jedem so unterstellt, der mir das erzählt hätte, doch: In den letzten Monaten habe ich zumindest gelernt, was es heisst zu leiden! Unzählige Stunden verbrachte ich auf dem Rennrad oder Mountainbike, in sengender Hitze oder strömendem Regen. Bis meine Lungen implodierten, meine Füße taub wurden und mein Hintern wehtat.

Dies geht mir durch den Kopf, als wir mit Bus und Seilbahn zum Weißsee fahren, dem Start der kürzesten Distanz des GGUT. „Ganz schön viel Aufwand, für die kleine Distanz“ geht es mir durch den Kopf. Vorallem, wenn es laut Veranstalter „einen guten Einstieg in das alpine Trailrunning“ bieten soll.

Um 7:45 Uhr stehen wir also am Weißsee bei starkem Wind und gefühlten fünf Grad Minus. Der Start verzögert sich zwei Mal, meine Laune ist dementsprechend im Keller, als es um 8:15 Uhr endlich losgeht. Während ich am Mittwoch bei über 30 °C im Hochschwarzwald und Breisgau auf meinem Rennrad fast vollständig dehydriert bin, gefriert mir hier mein südländisches Blut. Kaum ist der erste Anstieg an der Rudolfshütte erklommen, begehen wir die erste Schwierigkeit: Der Abstieg zum Stausee Tauernmoos.


In dem dichten Gedränge der Startphase kommt es zu einigen Stürzen auf glatten Steinen und ich hoffe, dass sich das Gedränge (zum Wohle aller) bald auflöst. Wird es aber nicht, denn im Rifflkar passieren uns die Führenden der 50er Distanz, was zu einigem Stress im Starterfeld führt, denn der Aufstieg zum Kapruner Törl läd nicht gerade zum Überholen ein. Wie eigentlich kaum eine Stelle der Strecke, was ich prinzipiell ja super finde, denn das heisst: Viele Singletrails.


Meine griesgrämige Laune verflüchtigt sich in dem Aufstieg ein bischen, denn er ist in meinen Augen ziemlich schön, weil schwer und imposant. Gleichzeitig fühle ich mich in „alte Zeiten“ zurückversetzt, denn der Anstieg zum Rifflkar gleicht dem Anstieg zur Grünsteinscharte während der zweiten Etappe der 4-Trails (2013) sehr. Ähnlich hoch, ähnlich steil, ähnlich beschaffen. Bloß ist der Schnee diesmal auf der anderen Seite. Mit dem Durchschreiten des Kapruner Törls mache ich in Gedanken eine vierjährige Reise in meine läuferische Vergangenheit. Es kommen schöne Erinnerungen hoch.


Das Törl ist sowohl höchster Stelle, als auch Bergfest unserer Distanz und dementsprechend belagert von pausierenden Läufern. Einen Riegel einatmen und auf geht es in den Abstieg.


Die ersten Meter des Abstiegs sind sehr steil und gleichzeitig verblockt, was außer mir scheinbar kaum jemandem so richtig gefallen mag. Ebenso wenig wie das große Schneefeld, welches eher zum Rodeln einlädt, denn zum Laufen. Während um mich herum einige Fluchen habe ich meine helle Freude auf der Schneedecke.

Mit dem Kapruner Törl ist auch ein ziemlich langer Abstieg angebrochen, der auf technische anspruchsvollen und schönen Singletrails ins Tal führt. Als ob das nicht schon genug Konzentration erfordert, muss vorallem meine Freundin das ein oder andere (sehr) unsanfte Überholmanöver durchmachen.

In einer idealen Wettkämpferwelt ist ein jeder Teilnehmer aufmerksam. Der, der von hinten anrauscht macht sich etwa durch ein „Vorsicht“ bemerktbar, während die langsameren Teilnehmer die Geräusche gegebenfalls frühzeitig wahrnehmen und an der nächsten geeigneten Stelle Platz machen. Mit einem „Danke“ sind diese Manöver dann meistens sehr positiv beendet (und tatsächlich gab es von diesen einige). Es besteht kein Grund, als Überholender seinem Genervtsein durch Aggression und Remplern Luft zu machen, denn für den Überholtwerdenden ist das Manöver mindestens genauso lästig. Da Miteinander meistens besser funktioniert und in der Regel auch mehr Spaß macht, würde ich mich freuen, wenn man andere Teilnehmer als „Gleichgesinnte“ wahrnimmt und diesen ebenso freudig begegnet, wie der atemberaubenden Landschaft und den tollen Trails. Die man hoffentlich ausgiebig beobachtet hat.


Der Stausee Mooserboden erinnert mich an ein wegweisenden Ereignis vor vier Jahren: Meinen ersten privaten Lauf in den tiroler Alpen, welcher meine beiden Freunde und mich zum Oberbecken eines Pumpspeicherkraftwerks führte. Dieser erste alpine Lauf hat sowohl eine tiefgreifende Leidenschaft für Berge geprägt, als auch den Ausgang meines Maschinenbaustudiums und meine Berufswahl maßgeblich beeinflusst.

Was sich durch die viele Fahrradfahrerei im Anstieg und mit fortschreitender Zeit bemerkbar macht, muss ich im Abstieg büßen: Meine Oberschenkel haben ihre Nehmerqualitäten eingebüßt. Das deutet sich schon an und macht sich insbesondere zwei Tage danach bemerkbar. Vielleicht sollte ich im Vorfeld tatsächlich auch mal wieder bergab laufen.


Je näher wir dem Tal kommen, desto mehr Zuschauer beklatschen uns. Ich finde diesen respektvollen Umgang mit der Leistung fremder Menschen sehr schön und bedanke mich bei jedem, der uns beklatscht. Besonders freue ich mich über diejenigen, die mit dem Laufen scheinbar garnichts zu tun haben, nur durch Zufall von der Veranstaltung vereinnahmt werden und uns trotzdem anfeuern.

Meine Füße tun weh und meine Oberschenkel schmerzen, so dass die letzten fünf Kilometer durch die Straßen des Tals nicht nur zu einem Akt des Willens führen, sondern an vielen Erinnerungen führen. So erinnere ich mich, dass mir dieser jetzt durchlebte Gemütszustand immer besonders gefallen hat: Wenn man nach großer Anstrengung eigentlich nicht mehr weiter will, es trotzdem tut, innerlich sehr still wird und in Frieden mit sich selbst durch die Gegend schwebt. Ich spüre diesen Willen nach mehr.

Doch bevor ich mir Gedanken über eine mögliche „Volldistanz“ im nächsten Jahr machen kann, stelle ich fest, dass uns die beiden Führenden Männer überholt haben und nun gemeinsam in den Zielschlauch rennen. Es ergibt sich die etwas unangenehme Situation, keine 10 Sekunden nach den beiden ins Ziel zu rennen, sie zu überholen (bloß weg hier) und in die vielen Kameras zu rennen, die da etwas anderes antizipiert hatten.

Unsere gelaufene Strecke war jedenfalls diejenige, mit dem größten Singletrailsanteil und definitiv eine der landschaftlich spektakulärstes. Nächstes Jahr wieder.

Getaggt mit , , , , , ,

6 Gedanken zu „Großglockner Ultratrail

  1. Steve sagt:

    Glückwunsch zum Finish Orkan…freut mich, dass dir der „Wiedereinstieg“ so toll gelungen ist. Schade dass wir uns nicht gesehen, aber vielleicht klappt es ja mal wieder…vielleicht bei irgendeinem Event! 😉

  2. Sabine sagt:

    Toller Bericht. Hut ab vor Deiner Leistung!

  3. Jens Meyer sagt:

    Toller Bericht! Schön, mal wieder von Dir zu lesen.
    LG vom auch aktuell eher Nicht-mehr-Wettkämpfer…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: