Die Überschreitung des Brienzergrats.

Als die Ziehharmonikaklänge der „Freestyle Örgeler“ meine Ohren erreichen, glaube ich, dass ich wieder dehydriert deliriere. Als mir aber Menschen begnen, welche man eindeutig nicht in die Kategorie „eingeschfleischter Naturfreund“ bzw. „Ruhesucher“ stecken kann, realisiere ich, dass mir mein Hirn keinen Streich spielt. Die Harderkulm hat tatsächlich noch auf und kurze Zeit später stehen unsere, in kurzen Hosen steckenden, völlig verdreckten Beine in ebenso verdreckten und verstaubten Schuhen auf der Terrasse der Harderkulm. Doch das passiert erst ca. zehn Stunden nach dem Start dieses Abenteuers.

Am morgen zuvor wachen wir in einem kleinen Zimmer in einem zwielichten Haus am Brünigpass auf, welches eher als Kulisse für Horrorfilme dient, denn als Kulisse für ein Alpenpanorama. Dem Kellner des Gasthauses um die Ecke, sozusagen dem Hotelmanager, trotzen wir am Vorabend ein Frühstück ab. Ich meine, es ist ja schon schwer seinen Gästen (!) auf Wunsch ein Käsebrot zu schmieren und mitzugeben.

Nachdem wir also keine Statisten in einem schlechten schweizerischen Horrorfilm geworden sind, beginnen wir unser Abenteuer um Punkt 5:50 Uhr und machen uns auf den Weg zum Brienzer Rothorn. Mein Rucksack kann man „gepackt“ nennen, von meiner einstmaligen Akribie ist jedoch noch nicht mal der Schein übriggeblieben. Es vergeht kaum eine halbe Stunde, ehe wir zum ersten Mal den Brienzer See sehen. Der See ist surreal türkis, atemberaubend schön und wird uns den Rest unserer Tour immer begleiten.

Als ich dem morgendlichen Farbenspiel der rotgetränkten Berge und dem türkisen See so anschaue, bereue ich es auch nicht (mehr) so früh am Morgen (an einem Wochenende!) aufgestanden zu sein! Während wir an Höhe gewinnen (Achtung: Wortspiel!) erblicke ich einen kleinen Flugplatz. Ziemlich unspektakulär. Erstmal.

Als wir den mit 2.350m höchsten Berg des Brienzergrates, das Brienzer Rothorn, erreichen, bin ich beruhigt, dass die Gaststätte und der kleine Kiosk schon aufhat. An dieser Stelle möchte ich meine Sensibilität bezüglich Flüssigkeiten mit einem Verweis auf mein Fiasko an der Nagelfluhkette begründen. Das heutige Szenario setzt dem damaligen noch eins obendrauf: Eine Verpflegungstation ganz am Anfang (wo die Wasservorräte noch voll sind) und eine ganz zum Schluß. Dazwischen? Nichts. Der Brienzergrat ebenso schattenlos, ist dazu viel ausgesetzter und in seinem technischen Schwierigkeitsgrad das Extrem, welches ich bis dato nicht erlebt habe.

Im Gasthaus lesen wir die Info, dass das Lättgässli aufgrund von Felsensturz gesperrt sei. Die Karte im Gasthaus lässt die Annahme zu, dass wir dem Lättgässli über dem Gratweg entgehen. Dem ist nicht so…

Lättgässli

Das Lättgässli.

Der einstmalige Singletrail ist von einer Felslawine überrollt worden, welche im schmalen Couloir (die senkrechte Rinne im Hintergrund) das Drahtsteil zerrissen hat, so dass man sich entweder über einem Hauch von nichts über die Felslawine wurschtelt oder über die einstmaligen Treppenstufen. Mein Versuch letzteres zu tun löst ein paar Brocken, die in den Abgrund unter uns kullern. Im wahrsten Sinne geht uns der Arsch auf grundeis und wir sind heilfroh, diese Passage hinter uns zu haben.

Wenn man denkt, dass der Adrenalinspiegel sein Maximum erreicht hat, kommt es meist noch dicker. Der Brienzergrat zeigt jetzt, dass er den „Grat“ in seinem Namen mit ganzem Stolz trägt und wir die restlichen acht Stunden unserer Tagestour (im wahrsten Sinne) auf des Grats Schneide laufen werden, was ungefähr so aussieht:

Auf dem Grat

Auf dem Grat.

Und manchmal auch so:

Auf dem Grat.

Auf dem Grat.

Was fühlt man, wenn man die ersten Schritte auf ca. 2.200m Höhe auf einem Grat macht, an dem es links und rechts hunderte Meter ins nichts geht? Das man sein Leben echt gern hat und: hochdosierte Konzentration. Ich kann mich an wenige Momente in meinem Leben erinnern, in denen ich so fokussiert auf eine Sache war. Plötzlich habe ich die Ränder meines Fokusses (die Abgründe links und rechts) nur verschwommen wahrgenommen. Durch diesen Fokus kommt man sicher über alle Hindernisse, allerdings nimmt man seine Umgebung auch kaum mehr wahr und muss sich zwingen, zwischendurch anzuhalten und zu genießen.

Achja, die Bedeutung des Wortes „Trittsicherheit“. Ein Fehltritt kann fatale folgen haben und auch nicht mit einem beherzten „Stütz“ am Hang aufgehalten werden.

So doof das auch klingen mag, man gewöhnt sich dran. Beispiel? Folgendes Bild:

Auf dem Grat.

Auf dem Grat.

Während Catrice irgendwann relativ spielerisch die GoPro in der Hand auf dem Grat balanciert, bleibe ich stehen und mache eines von meinen Panoramabildern (und ich habe echt richtig viele gemacht an dem Tag). Das Schwierige an einem Panoramabild auf einem extrem ausgesetzten Grat ist, dass man nur auf den Bildschirm guckt, während man sich um mindestens 180° um die Achse dreht.

Neben der extrem ausgesetzten Wege, den nicht vorhandenen Verpflegungsmöglich-keiten zwischendrin zermürbt uns das Profil des Brienzergrats nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Beispiel? Wenn man einen Berg erklimmt, werden die drölfzig Berge dahinter verborgen. Spätestens nach dem dritten Berg wird es sehr schwer, seine Motivation zusammenzunehmen um auch den vierten Berg mit Elan zu erklimmen. So steht man dann auf der Kuppe und wird nicht müde, dass Panorma des Brienzersees mit Eiger, Jungfrau und Mönch zu genießen, jedoch sieht man auch die vielen Berge, die noch folgen.

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Es gibt keinen Anstieg oder Abstieg, der nicht den Einsatz von Beinen und Händen gleichzeitig erfordert. Man ist permanent konzetriert und „rollt“ keinen Meter vor sich hin.

Natürlich kommen die vielen T5-Stellen hinzu, die besondere Konzentration erfordern. Ein weiteres Beispiel?

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Am Bälmi verliert sich irgendwann die rot markierte (Bergwanderweg) Route. Man läuft also unausgeschildert Richtung Ostgrat des Tannhorns, welcher als die kritischste Stelle der Strecke gilt. Man überwindet das Tannhorn und wird mit einem Schild konfrontiert, welches verdeutlich, das man sich wieder auf markierten Strecken befinden, die Passage vor einem aber als alpinen Wanderweg markiert, heißt: Höchste Konzentration. Weiterhin.

Nach zwischenzeitlicher Frustration ob der Berge, die noch vor einem liegen trotz der vielen, die man schon hinter sich hatte, erreichen wir den wirklich letzten Berg, den Suggiturm und dann passiert es: Ich trinke den letzten Schluck Wasser. Man sieht „das Stückchen Wald“ durch welches man durch muss, um zur Harderkulm zu kommen, doch es ist weiter weg, als der Geist es einem vorgekaukelt. Das hügelige auf und ab auf den Wurzeln im stickigen Wald, gibt unseren malträtierten Füßen den Rest. Bis wir doch die Harderkulm erreichen und ein Abenteuer mit Ziehharmonikaklängen abrupt zu Ende geht.

Es mag so klingen, als ob ich diese Tour scheisse gefunden hätte, doch das ist mitnichten der Fall. Es ist genau das, was ich will und brauche. Zum großen Teil ist man allein mit sich, dem Berg und dem Wetter. Man ist – durch die technischen Schwierigkeiten –  dazu gezwungen, seine Alltagssorgen zu vergessen. Man ist ja konzentriert, am leben zu bleiben. Die Zeit, die der Brienzergrat für seine komplette Beschreitung von der Tour abverlangt bringt einem unweigerlich Erschöpfung mit sich und mit dieser Erschöpfung kommt auch das, was ich zum kopfschütteln vieler als „Weg zu sich selbst“ beschreibe. Vielleicht ist es meine höchst esoterische Spinnerei, die meint, so etwas wie den „inneren Zen“ bei langen, anstrengenden Ausdaueraktivitäten zu finden. Aber sowas ist ja auch in hohem Maße subjektiv.

Wovon ich definitiv überzeugt bin: Du wirst solche Wege in keiner Laufveranstaltung laufen und du wirst auf einer Distanz niemals so langsam gelaufen sein. Du wirst dir selbst und deiner Umgebung auch niemals so nah gewesen sein. Das garantiere ich dir!

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