Den Geist, den ich rief.

Es gibt Situationen, die kann man jemandem außerhalb des Ausdauersports nicht erklären. Sätze wie „In der Stille der Natur finde ich zu mir selbst“ oder „Laufen bei Wind und Wetter hat etwas meditatives“ sind keine Weisheiten, mit denen man zustimmendes Nicken am Mittagstisch erntet. Man steht – in den meisten Fällen – eher als Sonderling da. Vorallem in einer Welt, in denen man in Bewertungsportalen für Arztpraxen besonders gut wegkommt, wenn man genügend Parkplätze hat. Heute möchte ich wieder zu mir selbst finden. Was auch immer das bedeuten mag.  Foto 19.05.17, 19 45 22Mein Arbeitskollege ist so freundlich und fährt einen Umweg über Menzenschwand, um mich dort rauszulassen. Das Kleinod an Bergen und Singletrails das es ist, dient es mir als Startpunkt auf meinem Weg über den Hochschwarzwald hinweg zurück nach Freiburg.Foto 19.05.17, 19 47 52

Ich laufe los. Nach einer halben Stunde sind meine vier Softflasks ausgelaufen, so dass meine Jacke sowohl vorne, als auch hinten völlig durchnässt ist, ehe es anfängt, in Strömen zu regnen. Ich ärgere mich immernoch, als ich vor dem Feldberg stehe. Über seine kahle Kuppe fegt ein starker Wind, so dass der kalt-feuchte Wind jegliche Restwärme aus meinem Körper zieht.

Als ob das nicht genug ist, fliegen Schrappnelle von Hagelkörner in mein Auge und zerreißen meine Kontaktlinse. Als ich das Ventil meiner Softflasks freibeißen muss, weil das Wasser darin angefroren ist, stelle ich meinen inneren Widerstand gegen das Wetter ein. Meinen Frieden finde ich, als ich mit der einmal gehörten Aussage „Nach drei Stunden ist es keine Luft mehr.“ in das Unterholz flüchte. Shit happens. Sozusagen.

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Mit einem Lächeln auf dem Gesicht lasse ich das Hadern hinter mir und umarme den regen. In das Kanon des Regens, welcher auf meine Jacke prasselt, stimmt das Staccato meiner Schuhe ein, welche bei jedem Schritt, Wasser durch die Fasern nach außen drückt.

Vor mir liegt viel Weg und dementsprechend viel Zeit. Sehr viel Zeit. Ich frage mich, wann mir die Courage vor den eigenen Fähigkeiten verloren ging. Es kam nämlich in der Vergangenheit häufiger vor, dass ich mir eine ähnlich lange Runde wie heute vornahm und dann doch abkürzte. Und auch heute habe ich einen Notausgang: Die Seilbahn am Schauinsland. Es hat mich ebenso Monate an Überzeugungsarbeit gekostet, bis ich mich auf den Weg machte, mit dem Fahrrad vom Büro über den Schwarzwald nach Hause zu fahren. Wann ist das Selbstverständnis, aus dem Stegreif mehrere Stunden durch die Gegend zu rennen oder zu fahren (und auch zu wollen) abhanden gekommen?

Und warum?

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Als mein Wille irgendwann einmal übermütig wurde, mehr wollte, als mein Körper konnte und ich die Rechnung dafür zahlen musste, wurde mein Wille für mich zu etwas Schlechtem. Vorsicht verbündete sich mit der starken Gewerkschaft meiner Faulheit und lullte mich ein. So konnte ich vier Jahre lang beobachten, wie mein Babyspeck zu Mammutwellen heranwuchsen und meinen Hosenbund mit Hilfe der Schwerkraft überschwemmten.

Foto 19.05.17, 19 51 10Mein Körper kann Fett ansetzen und träge werden, mein Geist tut sich damit schwer. Er möchte den um einiges schwerer gewordenen Körper mit einer historischen Leichtigkeit den Berg hochfedern lassen und ist – ähnlich einem trotzigen – Kind gleich beleidigt, wenn das nicht klappen mag. Laufen ist also doof. Kann ich nicht. Andererseits hat mein Körper meinem Geist jahrelang eingeredet, dass er sowas nicht mehr kann. Je länger man sich etwas einredet, um so sehr glaubt man daran. Ob es stimmt oder nicht. So hat mein Geist meinen Körper verletzt und mein Körper meinen Geist vergrault. Der schaut jetzt argwöhnisch von einem anderen Berg herüber.

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Der heutige Freitag ist ein Schritt auf dem Weg, meinem gesunden Körper ein wenig Ballast abzutrotzen und mit dem Geist, den ich einst verlor, wieder zu versöhnen. Mit sinkender Distanz zum Ziel und steigender Gewissheit, dass das absolut machbar ist (und war), sehe ich meinen Geist, wie eine scheue Katze neugierig durch den dichten Wald hervorlugen.

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Anstatt mir auch diesen Lauf wieder madig zu reden, weil es damals so viel müheloser und weiter und höher ging, lasse ich den Lauf als das stehen, was es wirklich ist: Etwas durchweg positives.

Laufen ist das Handwerk was ich nie erlernte und die körperliche Arbeit die ich nicht verrichte und vermag etwas nachhaltiges, positives in mir zu Erschaffen.

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