Corporate Identities oder: Ausdauer ist Liebe.

Flughafen ZRH. Kabinentrolley rollt. Laptoptasche obendrauf. Gate ist erreicht. Anzüge, Krawatten, Röcke, Mäntel. Laptop auf dem Schoß, Handy am Ohr. Mantel auf den Arm, rein in das Flugzeug, hinsetzen, fliegen, landen. Sprint zum Taxi, Hotel XY ansteuern bitte, jaja Wetter ist scheiße, danke, tschüss. Genau, so heiße ich, ja die Anschrift ist korrekt. Guten Aufenthalt. Danke. Schlafen, aufstehen, frühstücken, zur Sitzung. W-LAN hat noch immer jeden Smalltalk im Keim erstickt. Blabla, Häppchen, blabla. Bis demnächst. Taxi, Flughafen, Zuhause.

Tief durchatmen.

Ich löse den Krawattenknoten, schlüpfe aus dem Anzug und hinein in die engen Lycrashorts. Während ich eben noch aussah wie ein übergewichtiger George Clooney, sehe ich jetzt aus wie ein Bockwurst kurz vor dem Platzen. Doch das ist mir egal, denn die Sonne scheint an diesem Vorfrühlingsfreitagnachmittag und der Himmel ist blau. Strahlend blau.

Ich klicke ein, kurbele, schalte und fahre dem Sonnenschein entgegen. Ich rolle die Dreisam aufwärts und mir steigt der Duft des nahenden Frühlings in die Nase. Irgendeine Pflanze anstalten zu Blühen, eine andere Blüte wird verbrannt und auf den Wiesen wird schon gegrillt. Geschmeidig rolle ich in das Hufeisenförmige Dreisamtal, bin umringt von Hügeln und auf bestem Wege in den Hochschwarzwald.

Ich habe gerade nicht nur das gute Gefühl, Sport zu treiben, sondern ich bin gerade wirklich glücklich. Gesundheitlich in der Lage zu sein, das zu tun und so priviligiert zu sein, in dieser schönen Gegend zu wohnen. Mit einem Grinsen im Gesicht biege ich rechts ab und in das Oberrieder Tal. Ich habe Mut gefasst und nähere mich kampfeslustig dem Schauinsland von Nordosten, denn diese Auffahrt soll steiler sein, als die, die sonst immer fahre. Nachmittags ist dieses Tal schattig, doch manchmal blitzt ein Sonnenstrahl durch die Bergkuppen auf die Straße und auf dem Bergrücken angekommen, wird mich definitiv strahlender Sonnenschein erwarten. Es ist die Motivation, mit der ich mich der ersten Serpentine nähere also ich ein Auto direkt auf meinem Kopf höre. Ich schaue nach oben: Dort oben kommt die Serpentine aus. Oh, je.

Das Tal füllt sich mit Schatten und ich kurbele an, diesem Richtung Sonne zu entfliehen. Serpentine für Serpentine schlängele ich mich nach oben und es ist furchtbar motivierend, am Scheitelpunkt der Serpentine zu schauen, welche Steigung man hinter sich hat, bloß um vor sich eine noch steilere zu entdecken. In meinem Leiden und den brennenden Oberschenkel liegt eine tiefe, ehrliche Freude und neben dem Laktat pulsiert diese Freude durch meinen Körper. Während ich beim Laufen am Berg irgendwann einfach gehen würde (weil ich ein bequemer Mensch bin), bin ich jetzt gezwungen, weiterzukurbeln. Es gibt keine Komfortzone mehr und ich fange an, das zu lieben. Man sollte sich als leicht übergewichtiger Mensch vielleicht nicht gleich an solche Berge wagen, aber als Absolvent einer technischen Universität habe ich gelernt, mit Schmerzen umzugehen. Durch mein neues Retrorennrad entdecke ich eine völlig neue Welt und eine völlig neue Schönheit. Vorallem zu dieser Jahreszeit, wenn sich die Bergwelt in eine grüne und eine weiße Welt einzwiebelt.

In dieser weissen Welt angekommen, merke ich wie absurd schön der Schwarzwald ist und wie unfassbar nah dieser vor der Haustür liegt. Als ich das große gelbe Schild an der Ecke sehe, weiss ich, dass ich es geschafft habe. Ich bin oben auf dem Gipfel angekommen. Ich glaube nun zu wissen, wie sich Kinder christlicher Konfession fühlen, wenn Sie wissen, dass gleich Bescherung ist.

So richtig absurd wird es für mich, als ich auf meinem Rennrad an einer Skipiste vorbeifahre. Letztes Jahr lief ich um diese Zeit seit Monaten mehr oder weniger im Flachen herum, da jeder schmale Weg oberhalb 600m tief verschneit war. Jetzt könnte ich Skifahrer umfahren. Stattdessen kurbele ich wie bescheuert durch die Winterwälder und schreie vor Freude, noch nicht wissen, dass mir der eigentliche Höhepunkt dieser Strecke noch bevorsteht:

Auf der Passstraße werde ich mit einem hervorragenden Blick sowohl in die französischen Vogesen als auch auf den nahegelegenen Feldberg belohnt und eine wohlige Wärme durchströmt meinen Körper. Ich bin gerade echt glücklich. Zwar kenne ich die Passstraße schon von Autofahrten, doch fühlte es sich immer wie eine „schöne Aussicht“ an. Nachdem ich mühsam den Berg hochgestrampelt bin ist es eher „atemberaubend“. Mit dem selben Adjektiv lässt sich die folgende Abfahrt beschreiben auf der ich mir vornehme, nun auch noch die letzte mögliche Auffahrt in Angriff zu nehmen. Morgen.

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Wie zuvor beschrieben, lernt man während eines Maschinenbaustudiums zu leiden. Sehr lange. Sehr oft. Irgendwann gehört das Leiden zum Alltag dazu wie der Frühstückscafé. Also was macht man, wenn man eine neue Leidenschaft hat?

Richtig: Sofort übertreiben. Was ist schon eine 18%ige Straße über 5km? Eben. Als „wildromantisch“ wird die Stohrenstraße beschrieben und sie ist es tatsächlich. Linkerhand rauscht ein Bach vor sich hin und ich bin umgeben von Wald in einem engen Tal. Die Straße ist sehr schmal und in gutem Zustand. Und hat 18% Steigung. Wären meine Beine ein Binnensee, wären Sie nach dem ersten Kilometer „gekippt“. Ich kurbele kaum noch, sondern zerre wie ein irrer an meinem Lenkrad, in der Hoffnung, dem Gipfel ein paar Meter näher zu kommen. Ich schreie mir Motivation zu und schwitze ähnliche Mengen Schweiß wie der Bach neben mir Wasser führt.

Es hilft alles nichts. In einer Bucht muss ich anhalten. Die Arme auf dem Lenker, der Kopf eingesunken, der Schweiß strömt (!) auf meinen Vorderreifen, doch ich grinse wie ein Honigkuchenpferd. Die meisten Autofahrer grinsen eher höhnisch, doch mir ist das egal. Mund abwischen, einklicken, weiterkurbeln. Die Straße ist so steil, dass ich mich ähnlich wie beim Mountainbiken nach vorne lehnen muss, damit mein Vorderrad nicht abhebt. Als ob das nicht reichen würde blicke ich in eine so lächerlich steile Doppelserpentine, dass ein Autofahrer am Scheitel der Serpentine kurz wartet, ob ich nicht umkippe. So ganz unberechtigt ist das nicht, denn ich fahre auf der Innenseite der Serpentine die eher eine überdimensionierten Stufen ähnelt, denn einer Straße. Wie ich dort hochfahren konnte, kann ich nicht rekapitulieren.

Mein Kopf liegt schon fast auf dem Lenker und ich glaube das ich Blut schmecke, aber ich kurbele weiter an dem so elendig-schönen Wildbach entlang meinen Weg nach oben. Noch zwei weitere Male muss ich anhalten, doch das Grinsen weicht mir nicht aus dem Gesicht. Welch mächtige Erscheinung Berge sind, weiss man erst, wenn man mit Kraft seines eigenen Körpers diese erklimmt. Vorallem wenn dessen große Masse einen so gnadenlos bergab zieht. Das Bergmassiv des Hochschwarzwaldes hat meinen Respekt sicher und die Stohrenstraße meinen Ehrgeiz geweckt. Ich komme solange hier her bis ich die Straße ohne Absetzen hochfahren kann. Punkt. Angekommen in Stohren, ist es Zeit für einen Freudenschrei:

Ab hier geht es durch offenes Gelände gemächlicher gen Passstraße. Der Blick ins Oberrheintal und die elsässer Vogesen begleiten mich. Am letzten Anstieg vor der Passstraße blicke ich zum x-ten Mal durch die Windschutzscheibe eines Autos und spüre zum ersten Mal Wärme.  Der Autofahrer grinst mich an und streckt mir seinen anerkennenden Daumen entgegen. Ich lächle zurück und hebe meine Hand zum Gruß. Kostet mich enorm viel Kraft. Doch es sind diese kleinen Gesten, die jedes zentimetergenaue Überholen und Hupen vergessen lassen.

Oben angekommen beherbergen meine Beine eine Armee aus Laktakameisen, mein A*sch tut weh und meine Füße sind fast taub. Ich hänge auf dem Lenker und lasse den Blick abwechselnd nach links Richtung Vogesen und nach rechts Richtung Feldberg schweifen.

Dabei frage ich mich, warum ich soviel Spaß an einer Sache haben kann, die ich vor fünf Jahren noch so kategorisch ausgeschlossen habe. Penetrante Autofahrer gibt es immernoch und der Grat zwischen entnervtem Stinkefingerzeigen und stoischischer Fokussiertheit auf die Poren des Asphalts ist schmal. Ähnlich zum Trailrunning ist das Rennradfahren – für mich – ein Akt der physischen Meditation:

  • Es gibt Rollabschnitte, in denen man „leer“ durch die Gegend kurbelt. Die Beine führen automatisiert Bewegungen aus, die Fahrbahn ist gerade und die Gedanken sind beim Kuchen und der Blick nach links und rechts gerichtet. Man „netzwerkt“ mit seiner Umgebung, baut eine Bindung auf.
  • Es gibt leichte bis mittlere Bergabschnitte in denen man sich in eine Art Trance kurbelt. Es dauert, bis man den Tagesrythmus für den jeweiligen Abschnitt gefunden hat, aber wenn es soweit ist, spüre ich den Nervenreiz, der von der harten Sohle ausgelöst in den Fuß geht und von dort durch die Wade in den Oberschenkel wandert. Für mich fühlt es sich an, wie ein überfälliges Ferngespräch mit einem alten Schulkumpel führen. Man wird „physisch“ mit seiner Umgebung.
  • Es gibt diese lächerlich steilen Abschnitte, die jede Faser meines Körpers ächzen lässt und in welcher mein Geist meinen Körper an seine Grenzen treibt. Es tut weh, aber in diesen Momenten fühlt man sich lebendiger denn je. Denn es gibt nur dieses eine Leben und diese eine Gesundheit und man wird seine Kostbarkeit nicht zu schätzen lernen, wenn man am Bürotisch ein Käsebrötchen mit sechs Scheiben Käse aus der Kantine isst. Hier spüre ich, welche Berge die Willenskraft bewegt. Im wahrsten Sinne. Man „prügelt“ sich mit seiner Umgebung.
  • Es gibt die Bergabpassagen, in welcher ich hochkonzentriert, aber dennoch „im Flow“ den Berg hinabrausche. Ich schneide den Wind um schnell zu werden. Ich richte mich auf um zu bremsen. Ich hole aus aus, bremse, ziele auf den Scheitelpunkt der Haarnadel, neige mich in die Kurve greife in den Unterlenker und wiegetrete so lange, bis die Oberschenkel die weisse Flagge schwenken. Und so weiter. Man „verträgt“ sich mit seiner Umgebung.

Ausdauersport ist die reinste Form der Selbstherapie, der Unabhängigkeit, der Achtsamkeit und der Wertschätzung sich selbst und seiner Gesundheit. Solange man es nur für sich selbst und nicht gegen jemanden anders, gegen die Uhr, oder für Zuneigung in sozialer Medien oder der Produktplatzierung tut.

 

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