Rennrad und Stinkefinger.

Euphorie und Ich, das ist eine gefährliche Kombination. Euphorisch meldete ich mich im Studium für ein Fitnessstudio an. Nach zwei Monaten ging ich nicht mehr hin. Die Mitgliedschaft lief zwei Jahre weiter. Über der Küchentür hängt seit Monaten eine Klimmzugstange. Heute hängt meine Windjacke daran. Nicht ich.

So bin ich meiner Euphorie gegenüber sehr misstrauisch geworden. Das heisst, in mir schlummert ein verbitterter alter Mann, der die Fussbälle der Euphorie, die in seinem Garten landen, mit einem schweizer Taschenmesser aufschlitzt. Meine Zweiradeuphorie hat mittlerweile soviele Bälle über den Gartenzaun geschossen, dass die Klinge des verbitterten alten Mannes stumpf geworden und er entnervt aufgegeben hat, Bälle aufzuschlitzen und stattdessen einen Bolzkäfig errichtet hat.

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Die Offenbarung hatte ich an einem warmen Sommertag letzten Jahres, als ich mich entschloss, mit dem Rennrad den Heimweg von meinem Arbeitsplatz anzutreten und dafür den kompletten Hochschwarzwald zu durchqueren. Hätte mein Arsch nicht schon am ersten Hügel (also drei Minuten nach einklicken) wehgetan, wäre er auf Grundeis gegangen. Ich hatte jedenfalls genug Bargeld bei mir um mir vom entferntesten Fleck des Schwarzwaldes ein Taxi zu rufen und mich nach Hause fahren zu lassen. Diese mittlere, dreistellige Summe (der Schwarzwald ist groß und abgelegen) pedalierte ich als in das erste Waldstück, als der Schweiß in Strömen über das Oberrohr lief, ein Transporter mich hupend überholte, dafür meinen Mittelfinger zu sehen bekam und sich mir ein surreales Alpenpanorama eröffnete. Ich bekam Gänsehaut und fror, obwohl es über 30 °C hatte. Im weiteren Verlauf dieser Tour rollte ich gemütlich durch Licht und Schatten beschaulicher Wälder, schnitt Serpentinen messerscharf wie ein Chirurg, erklomm Hügel für Hügel und litt fürchterlich. Der letzte Anstieg war erbarmungslos, meine Handflächen schmerzten und meine Füße waren taub von der ultraharten Carbonsohle meiner Schuhe. Der Arm hatte nicht mehr die Kraft zum Mittelfinger hochzuschnellen und als ich dachte, es ginge nicht schlimmer, erreichte ich meine persönliche Hölle: Das Örtchen Muggenbrunn. Diese letzte Rampe zog mir den Stecker. Keuchend saß ich auf dem Bordstein, den Kopf auf den Armen auf den Knien vergraben floß ich so vor mir hin. Und hatte Spaß. Großen Spaß. Die Qual wurde – oben auf dem Plateau angekommen – mit einem herrlichen Blick rüber in die elsässer Vogesen und einem wunderbaren Downhill vom sonnenuntergehenden Schauinsland nach Freiburg hinunter belohnt. Im tal angekommen schrie ich vor Glück, konnte zu Hause weder richtig sitzen, noch gehen, hatte aber diese ehrliche Freude in mir, die ich so lange nicht mehr gespürt hatte.

Die Zeit war also gekommen, in die Hosentasche zu greifen und in ein Fahrrad zu investieren. Es sollte nicht irgendeines sein:

foto-01-03-17-17-25-23Es sollte aus Stahl und italienisch sein (bleibt mir weg mit eurem Carbon!). Eine rot-weiße Hommage an die stählerne Vergangenheit meines geerbten, väterlichen Rades mit den Vorzügen, eines modernen Schaltwerks. Quasi ein Lamborghini für ärmere Ausdauersportler.

Die ersten zwei wärmeren, niederschlagsfreien Tage mussten für  Jungfernfahrten auf den Schauinsland genutzt werden. Mir fiel auf, dass ein Singletrail mehrmal die Serpentinen kreuzt und in dichtem Wald verschwindet. Ein Singletrail, der von mir noch nie zu Fuß abgelaufen wurde. Weiterhin fiel mir auf, dass der Straßenrand links und rechts von Schneefelder gesäumt wurde und auf der Bergkuppe angekommen, die Leute ihre Skiausrüstung auspackten. Am wichtigsten: Ich habe große Lust, den Schwarzwald neu zu entdecken. Wo finde ich die schmalen, wenig befahrenen Straßen? Wo sind die schönsten Pässe? Wie kann ich diese sinnvoll aneinanderreihen? Ob ich dort laufbare Singletrails finde? Ist das der Beginn einer großen Liebe?

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