05: Wütende Flüsse.

Lenzkirch im Schwarzwald. Sonntag. 10 Uhr. Mit den Läuten der Kirchglocken beginnt meine Expeditionen und mir ist ein wenig mulmig. In dem Hauptort der 5000-Seelengemeinde ist niemand unterwegs. Die ersten beiden Stunden meiner Reise würde ich gerne überspringen. Nur soviel: Irgendwann passiere ich eine lose Ansammlung Häuser mit dem treffenden Namen „Holzschlag“. Was mich danach erwartet ist eine Reise durch schnurgerade gepflanzte Fichtenwälder, matschige Vollernterspuren, riesige Pfützen und kahl abgeholzte Kuppen. Forstwege habe ich schon immer gehasst und selten habe ich in zwei Stunden so oft geflucht. Hätte ich Geld dabei gehabt und eine Bushaltestelle gefunden, ich hätte abgebrochen.

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Ehemaliges Bad Boll. 12 Uhr. Einst stand hier eine Kapelle und Kurhäuser direkt an der Schlucht, jetzt nur noch Überrest der Kapelle. Hier steige ich in die Wutachschlucht ein und muss gleich den ersten Umweg nehmen, da es einen Erdrutsch gab, der hier lebensgefährlich enden kann. Wie der Wutachranger schon ankündigte sind die Wege zunehmend glitschig und echt schwer zu laufen, doch die Entschleunigung tut mir gut. Die Wutachschlucht ist sehr reich an Geo- und Biotopen und Urvater des Naturschutzgedankens im Südschwarzwald (womit man es vor hunderten Jahren eher nicht so genau nahm). Ist mir momentan aber ziemlich egal.

Obwohl die Wutachschlucht sehr schön ist, will in mir keine Euphorie aufkommen. Die Wege sind anspruchsvoll und schmal, so wie ich das mag. Das ständige auf und ab ist kräftezährend und meine Erschöpfung so weit fortgeschritten, dass ich eine Stunde lang weiterlaufe, obwohl sich unter meiner Ferse ein paar Steinchen festgesetzt haben und bei jedem Schritt wehtun. Das feucht-kühle Grau-in-Grau zermürbt die Laune mit jeder Minute. Nicht nur das Schmatzen des braunen Laubbreis nervt, sondern auch das ständige Geglitschte in Hanglage.

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Ich sehe diesen Lauf als wertvolle Lektion in Demut und Geduld. Nicht jeder Lauf ist ein Feuerwerk der guten Laune und auch nächsten Jahr werde ich sicherlich stunden erleben, in denen ich zur nächsten Bushaltestelle laufen und einfach aufhören möchte. Wenn beim Lauf kein Spaß aufkommen will, dann machen wir eben eine Lektion daraus.

 

Lenzkirch. 14:30 Uhr. Ich verlasse die Schlucht und muss das letzte Stück auf Asphalt zurück zum Auto. Es schmerzt ohnehin schon jeder Schritt und auf Asphalt tut es das doppelt. Ich denke an einen Arbeitskollegen, welcher sich auf seinen ersten Marathon vorbereitet und am liebsten auf „frisch geteerten Straßen, gibt nichts besseres“ läuft. Das auf und ab des Schwarzwaldes gehe ihm auf die Nerven. Mir geht eben dieser verdammte Teer auf die Nerven und zu diesem allgemeinen Genervtseins gesellen sich die Menschen, die mich zwar angaffen, aber meinen Gruß nicht erwidert. Ich finde das unverschämt und kann mir auch nach sechs Jahren des regelmäßigen Laufens das Aufregen dieses „Gaffen-und-nicht-Grüßen“ nicht verkneifen. Unverschämt! Vorallem den Autofahrer, der in seiner offenmäuligen Gafferei das Gaspedal vergaß und innerorts überholt wurde. Der überholende Fahrer hat übrigens auch gegafft.

Lenzkirch. 15 Uhr. So traurig (und überheblich) das jetzt im schönen, singletrailsverwöhnten Hochschwarzwald auch klingen mag. Es gibt Tage, an denen ist das schönste an einem Lauf dessen Ende.

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