01: Unterwegs.

Ich gröhle lauthals „Mountains“ von Biffy Clyro mit, mein Blick schweift nach links und rechts ab, während ich das Oberinntal entlangfahre. An den Schildern „Landeck“ und „Imst“ bekomme ich Gänsehaut. Die Etappenorte und das Lied sind unwiderruflich mit dem Großereignis von vor drei Jahren verbunden… und lange her. Nichts womit man sich heute noch rühmen könnte. Vor allem dann nicht, wenn die Wohlstandsspeckrolle an Gurt und Gürtel drückt. Zuviele Ausreden….

„Tut mir leid, leider steht ihr eigentliches Zimmer nicht zur Verfügung, stattdessen würden wir Ihnen gerne die Suite anbieten. Wenn es Ihnen recht ist.“

Natürlich ist es mir recht. Aber wo ist hier der Penthousewintergarten mit Whirlpool? Mir erschließt es sich nicht ganz, was an dieser Maisonettewohnung so „Suite“ ist. Für das Gewissen mache ich etwas, was man mit gutem Willen „Rumpfstabi“ nennen kann, mampfe eine Mannerwaffel (immerhin ist man hier in Österreich) und lege mich zu Bett. So dekadent wie ich bin, nehme ich das zweite Kissen und mache die zweite Decke „unordentlich“. Man muss es mir lassen, vor nicht all zu langer Zeit war Dekadenz für mich, mir einmal pro Semester die Macadamia-Crème aus dem Bioladen zu kaufen, anstatt der Discounter-Schokocrème.

Als ich am nächsten Morgen aufstehe und das Fenster schließen möchte, wird mir klar, warum dieses Zimmer eine Suite ist…

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Es bricht mir ein wenig das Herz, einen Anzug anziehen zu müssen, anstatt meine Laufklamotten. Vom Frühstück möchte ich an dieser Stelle nicht erzählen. Mit Anzug und Krawatte ist das ähnlich entspannt wie der Lotussitz auf heißen Kohlen. Ich fühle mich wie ein Pinguin und watschel durch Innsbruck zum Zielort. Ich habe ein paar Wörter auswendig gelernt, die klingen, als hätte ich Ahnung von der Materie, allerdings enttarne ich mich als Amateur, da ich kein Etui für meine Visitenkarten habe. Wofür auch ein Etui, wo ich die Dinger sowieso immer vergesse? Vor mir sitzt eine Horde ziemlich mächtiger Menschen mit ziemlich imposanter Vita von ziemlich großen Unternehmen. Und mit dabei: Ich.

Ich stelle vor, dass die Aktentaschen Trinkrucksäcke wären und die Gläser Faltbecher, die zur „Pflichtausrüstung“ gehören. Ich stelle mir vor, wie die Herrschaften wohl in Funktionsshirts, Schlauchtüchern und kurzen Hosen aussehen würden. Ich stelle mir vor, wie es aus dem Gestrüpp tönt: „Hey, hast du Klopapier? Du weisst doch, dass es nach mehreren Stunden nicht nur Luft ist.“ Es hilft auf jeden Fall gegen Nervosität.

Manch einer muss einen Flieger erwischen und auch ich habe einen „Folgetermin“. Und zwar mit den Bergen…

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Das Gefühl, den Finger in den doppelten Windsorknoten (der mich am Morgen noch Nerven, Schweiß und 30 Minuten meines Lebens gekostet hat) zu stecken und diesen zu lösen ist wie eine Befreiung. Während ich schon in Shorts und Laufschuhen, aber immernoch in Hemd und Sakko im Kofferraum sitze, kommt mir ein älterer Herr entgegen und drückt mir einen Kalender in die Hand mit dem Kommentar: „Toll, dass Sie sportlich aktiv sind und das Gesundheitssystem nicht belasten.“ Verstehe ich nicht ganz, aber immerhin bemerkt er, dass ich sportlich aktiv bin…

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Warum Trailrunning so unendlich super ist, wird mir (wieder mal) bewusst, als ich diesen ausgesetzten Hangweg entlanglaufe und unterwegs keiner Menschenseele begegnet bin, obwohl dort unten ca. 130.000 Menschen leben. Die eigentliche Suite ist hier oben und für jeden umsonst! Mit dem wohligen Gefühl nach dem Lauf und Euphorie starte ich in ein Abenteuer, welches ich drei Jahreaufgeschoben habe. Es gibt schlechtere Randbedingungen…

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