Sorochi am Tunari.

Wahrscheinlich fing es mit Sorochi (‚Höhenkrankheit‘) an, noch bevor wir auf den Tunari stiegen: Nämlich mit der Idee selbst. Zwar hatten wir schon eine Woche im 2548m hohen Cochabamba verbracht, ein Aufstieg auf 5030m ist ohne vernünftige Akklimatisation sehr harsch. Hätte man durchaus antizipieren können. Andererseits bekommt man selten die Gelegenheit auf Europas höchsten Berg spucken zu können.

Nach stundenlanger Fahrt in einem engen Transporter auf den aberwitzigsten „Straßen“ sind wir auf einer Höhe von ca. 4550m angekommen. Ich fühle mich, als ob ich einen neuen Planeten betrete. Die Welt um mich herum ist so anders als der romantische Schwarzwald oder die epischen Alpen. Die Anden müssen die Vorfahren der Pyrenäen sein, da sie noch karger und wilder sind.

Unsere beiden Guides erklären die Odysee für eröffnet. Während der eine mit dem Hand-GPS Gerät, den festen Wanderschuhen und dem Wanderhut eher als der „jefe camino“ aussieht, entpuppte sich der wettergegerbte, äußerst lässige Typ mit dem Bolivien-Beanie, dem Sweatshirt und der eher lockersitzenden Hose als der wahre Kenner der Kordillere von Cochabamba.

Es gibt hier keine erkennbaren Wanderwege geschweige den Schilder (das Fehlen jeglicher Beschilderung und die Ferne zur nächsten Zivilisation ist schön und beklemmend zugleich), so dass wir unserem Guide 20 Schritte folgen und pausieren. Man stelle sich vor, vom Erdgeschoss in den ersten Stock zu gehen und sich zu fühlen, als wäre man die olympische 4x400m Staffel alleine zu Gold gelaufen. So ergeht es mir nach 20 Schritten. Und zum Gipfel sollten es derer noch einige sein.

Mit der Anstrengung drückt auch mein Hirn immer vehementer gegen meine Schädeldecke. Es fühlt sich an, als ob die Nazca-Kontinentalplatte (welche für die hohen Berge der Anden verantwortlich ist) höchstpersönlich gegen meinen Schädel donnert. Da man als Läufer das Leiden ja irgendwie gewohnt ist, nimmt man einen dröhenden Schädel hin und ignoriert den riesigen Andenkondor, der über eben jenem dröhenden Kopf kreist, sich freuend, das es bald etwas zu aasen gibt. Der Vogel ist so riesig, das es mich kaum verwundert, dass er in der Lage ist, Kühe, Bergziegen und Schafe an Berghängen zum Sturz zu treiben. Gut, dass ich schwerer bin, als eine ausgewachsene Kuh.

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Ich würde euch gerne erzählen, wie ich ziegenpetermäßig und enziankauend in satten grünen Bergwiesen liegend vor mich hin döse, jedoch sind die Anden extrem karg. Die Grasbüschel sehen aus wie ein zu oft mit Blitzlicht abfotografiertes Gemälde, welches 100 Jahre auf einem staubigen Dachboden lag. Doch trotzdem haben die Anden eine enorme Aura, die mir sofort ins Herz(, Hirn) und Mark fährt. Die unendlichen Weiten an Leere und Stille sollte man mal auf sich wirken lassen. Es gibt hier keine Hochspannungsleitungen, asphaltierte Straßen, Bergbahnen und -hütten, die von Zivilisation zeugen und verwöhnte Europäer wie mich in Sicherheit wiegen. Es gibt hier nichts außer rauer, unverstellter, eigenwilliger Natur.

In einem Zustand von körperlicher Erschöpfung und geistiger Ergriffenheit erreiche ich den Gipfel. Während sich viele Blicke in Richtung des Talortes (auf 2600m!) Cochabamba wenden, ist mein Blick in den Tiefen der Anden hängengeblieben. Zwar ist wenig heroisches dabei, in einem Kleinbus auf 4500m gekarrt zu werden und die letzten Höhenmeter wie ein Zombie zurückzulegen, aber trotzdem bin ich tief ergriffen und zu Tränen gerührt.

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Unser bolivianischer Guide packt zur allgemeinen Belustigung ein Deutschlandtrikot aus seinem Rucksack aus, was die Laune unserer Gruppe hebt, bei der – just in diesem Moment – den Gipfel erklimmenden Gruppe US-Amerikaner jedoch zu Kopfschütteln führt.

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Ich sauge die Atmosphäre hier oben, so gut es geht, ein. Dieser Anblick wird mir so schnell nicht wieder zuteilwerden. Bald schon geht es wieder bergab. Unser Guide zeigt uns eine Stelle, an der sich die Wolken an den mächtigen Bergen der Anden stauen. Er sagt, dass man dort das kommende Wetter gut vorraussagen kann.

So laufen wir also einen steilen Geröllhang runter, als man uns zur Ruhe mahnt. Auf einem Haufen Felsblöcke tummeln sich Vizcachas (eine Chinchilla-Art). Wir nicken artig mit den Köpfen und werden uns später fragen, wie man das buchstabiert, um es im Internet nachzuschauen.

Ich bin fast ein wenig enttäuscht keine Lamas gesehen zu haben, als ein kurzer Graupelschauer beginnt und ich hinter dem Vorhang gefrorener Wasserkugeln eine riesige Herde Lamas an dem Bergsee vor uns tummeln sehe.

Unsere Tour ist zu Ende. Am Kleinbus hat uns die Organisatorin ein Mittagessen gerichtet, doch mir dreht es den Magen um. Glücklicherweise bin ich hier von Ärztinnen, OP-Schwestern und Anästhesisten umgeben, so dass schnell für mein leibliches Wohl gesorgt wird. Die Höhenkrankheit („Sorochi“) hat mir einen kräftigen Tritt in den Hintern verpasst. Eine Sauerstoffmaske lindert meine Not und ich döse einige Minuten. Als ich aufwache, weiss ich nicht so recht, ob ich noch in dieser Welt lebe, oder schon ins Nirvana entschwunden bin, denn neben mir ziehen Lamas vorbei…

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Während ich also jeden zu mehr Respekt vor dem Berg und einer realistischeren Einschätzung seiner eigenen Leistungsfähigkeit warne, habe ich in diesen Stunden jede Regel der „Akklimatisation“ gebrochen. Es blieb eben nur dieser eine Tag und diese eine Möglichkeit. Leichtmut wurde auch schonmal teurer bezahlt. Ich nehme mir vor, mich beim nächsten Mal vernünftig zu akklimatisieren, den Anden mehr Respekt zu zollen und sie mehr genießen zu wollen.

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Achja. Ich werde die Hüterin der Lamaherde fragen, wie sie so aberwitzig schnell quasi senkrechte Felswände runterrennen kann! Unfassbar!

Es stimmt nachdenklich, dass unsereins zum Spaß an der Freude hohe Berge erklimmt und sich an den kargen weiten des Andenhochlandes erfreut, während die indigene Hochlandbevölkerung versucht, in dieser unfreundlichen Welt zu überleben. Über unsere Freizeitgestaltung schüttelt man – zurück in Cochabamba – ein wenig den Kopf, hat man hier doch andere Sorgen, als sinnlos durch die Gegend zu wandern.

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