Pirineos III

Am 02. August 2016  erblicke ich das Licht der Welt, begleitet vom Fiepen der Murmeltiere im „Vall de Núria“, dem Geruch grasender Kühe und klarer, kühler Hochgebirgsluft im Hochsommer. Es ist nicht das Datum, sondern die Randbedingungen des Tages, die ihn so vielversprechend machen. Der Wetterbericht sagt Wolken für den Mittag voraus und eigentlich wäre Eile geboten, um am Tagesziel tolle Aussichten zu haben.

  1. Ich frage mich, warum ich dem vernebelten Bergpanorama gleichgültig entgegensehe. Theoretisch ist es ein besonderer Tag, der mit einem besonders schönen Ausblick in einer besonders speziellen Gegend sehr besonders werden kann. Es ist mir irgendwie egal.
  2. Ich frage mich auch, warum ich seit Jahren den Wunsch in mir trage, besonders lange am Stück durch die Gegend zu laufen und was das über mich selbst, für mich selbst aussagt.
  3. Ich frage mich, warum das nicht schon längst geschehen ist.
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Im Hintergrund: Val de Nuria.

Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir erst einmal weg von dem beginnenden Lärm des Tales und das geht erstaunlich schnell. An den Kühen vorbei, einmal rechts abbiegen, kurz am Bach entlang und dann in offenem, sengend heißem Gelände steil bergauf. Das trockene Gras und das Geröll gleichen einer Mondlandschaft, deren einzige Bewohner Murmeltiere sind. Und Millionen Grashüpfer. In Gedanken versunken vergesse ich fast, auch mal einen Blick nach hinten zu werfen, wo der Talort immer kleiner wird und irgendwann verschwindet. Es ist ein überwältigender Augenblick, wenn man eine lange Zeit lang den Blick mehr oder weniger stur auf den staubigen Pfad vor seinen Füßen gerichtet hat, oben auf dem Berggrat anzukommen. Oben am ‚Col de Finestrelles‘ angekommen, haben wir eine raue Mondlandschaft vor uns. Nur die härtesten aller Pflanzen bekommt einen Platz an der Sonne ab und grün ist hier nicht gerade viel. Von der rauen Schönheit der Berge begleitet laufen wir gen ‚Puigmal‘, unserem Tagesziel.

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Im Hintergrund: Die französischen Pyrenäen.

Ich finde es sehr aussagekräftig, dass der Gratweg auf über 2.600m Höhe auch gleichzeitig die Grenze von Spanien zu Frankreich darstellt. Hier gelten keine menschgemachten (politischen) Grenzen. Hier musste man sich seit jeher den (geografischen) Grenzen der Natur unterordnen. Erbauend, dass wir Menschen uns nicht alles unterwerfen konnten. Und so laufen wir auf den nächsthöheren Gipfel, den ich fälschlicherweise für das Tagesziel halte.

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Auf dem Pic de Segre (2.843m). Im Hintergrund: Der Puigmal (2.911m).

Auf dem ‚Pic de Segre‘ (2.843) sehen wir den gesamten Rest unserer heutigen Tour. Es geht zunächst in mörderisch steilem und steinigem Gelände abwärts, bloß um auf dem Grat gleich wieder hoch auf den Puigmal zu klettern. Wir wissen nicht ob wir vor dem Weg dorthin mehr Respekt haben sollen oder vor dem gerölligen Weg quasi senkrecht ins Tal hinunter. Als ob die Szenerie nicht furchteinflößend genug wäre, zieht hinter dem Puigmal eine riesige Wolkenfront empor und fordert uns zum Wettlauf um die Gunst des Gipfels auf.

Der Weg vom ‚Pic de Segre‘ hinab gleicht Surfen auf einem Meer von Rasierklingen, so scharf ist das Gestein unter uns. Der Trail führt an der Außenkante des Talkessels entlang und ermöglicht weite Blicke nach Frankreich, wo das Wetter kaum bewölkt ist, während es hinter dem Puigmal bedrohlich hinaufzieht. Es ist fast absurd, denn vor knapp 10 Minuten bin ich übermütig gen Gipfel gesprintet, bloß um jetzt die Beine mit Hilfe meiner Arme von Felsstufe zu Felsstufe zu wuchten.

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Geschafft. Auf dem Puigmal (2.911m)

Auf dem Gipfel angekommen bleibt überschwängliches Bergglück aus. Keine euphorischen Menschen weit und breit, bloß ein paar Spanier, die sich in Halbkreisen aus angehäuften Steinen vor dem Wind verstecken und auf ihren Broten rumkauen. Oder dösen. Kein Gipfelbuch und keine Berghütte, obwohl der Gipfel einen gewissen Stellenwert unter katalanischen Bergen genießt. Bloß einer dieser obligatorischen Berggipfel-Zementzylinder und ein Gipfelkreuz, welches (natürlich) mit einer katalanischen Flagge behangen ist.

Während wir dem Wind unsere Rücken zuwenden, uns eine Pause genehmigen und die beeindruckende Aussicht gen Frankreich genießen, beschlagnahmen die Wolken die Südseite des Berges. Das die Aussicht nach Süden ebenfalls sehr atemberaubend sein soll, werden wir später den Bildern diverser Wanderführer entnehmen. Es ist einer der höchsten Gipfel, die ich jemals zu Fuß bestiegen habe und eine Tatsache die ich fast vergesse. Ist es was besonderes? Schon irgendwie. Besonders ist vor allem die Wolkenfront, die uns vereinnahmt. Ich stelle fest, dass das Wetter sich in den Bergen sehr schnell ändert, dass es einem gleichzeitig warm und kalt ist, man schöne Aussichten genießen und es im nächsten Moment regnen kann. Dieser Disconebel im Hochgebirge schmeckt ein wenig rauchig und feucht. Mmmh…

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Wir unterlaufen die Nebelfront und laufen auf diesem zähen Gesteinsbrei, die die Wege der Pyrenäen so einzigartig machen. Mann möchte am liebsten mit einem Snowboard in großen Schlaufen den Berg hinabgleiten. Wir verlassen die Mondlandschaft stufenweise und gelangen in malerischere Gefilde, wo scheinbar wilde Pferde in Herden friedlich grasen, Murmeltiere tollwütig pfeifen und einer der sieben mystischen Gebirgsbäche in das Vall de Núria fließt.

Man kann sich das schönste Zeitfenster des Tages herauspicken und seinem Hobby fröhnen. Wenn man ins Hochgebirge will, erlebt man auch die Tageszeiten, die weniger idyllisch und einfach sind, die aber die eigentliche Schönheit des Tages charakterisieren. Je länger wird unterwegs sind, desto mehr nehmen wir nicht nur vom Tag und unserer Umgebung wahr, sondern auch von uns selbst. Morgens sind wir muffelig, gegen Mittag euphorisch, danach träge und zum Schluss gemütlich. Jeder Gemütszustand lässt uns unsere Umgebung anders wahrnehmen. Es ist bestimmt spannend, alles in einem (Tag) zu verbinden. Wenn da bloß nicht diese große Faulheit wäre.

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