Pirineos II

Das Vall de Núria ist ein faszinierender Ort. Der Legende nach hat ‚Sant Gil‘ im Jahr 700 in einer Höhle eine Einsiedelei gegründet, welche im 12. Jahrhundert zum Bau einer Kapelle führte. In der „Santuari de Nuria“ wird Nuria – die Schutzgöttin katalanischer Schäfer – verehrt. Neben dieser Tatsache wurde auch das Grundgesetz eines katalanischen Staates in der Kapelle unterzeichnet (der Ort läuft vor Katalanismus quasi über). Ebenfalls interessant ist die Tatsache, dass sich das auf 1.967m ü. NN gelegene Vall de Núria lediglich per Zahnradbahn oder zu Fuß über den „camí vell de núria a queralbs“ zu erreichen ist. Letzterer führt in sehr anspruchsvollem Gelände durch das Tal des „riu de nuria“ und ist einer der atemberaubendsten Talwege, die man in Europa laufen kann. Und mindestens einmal im Leben gelaufen sein sollte.

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Vor dem Bau der Zahnradbahn war der Talweg die einzige Möglichkeit zur Kapelle zu pilgern. Auch wenn das Wort „Demut“ von mir sehr inflationär benutzt wird, ist es an dieser Stelle mehr als angebracht. Recht schnell entfernt sich der Weg aus dem auf 1.236m ü. NN gelegenen Örtchen Queralbs und steigt ebenso schnell in die Höhe. Spanischen Wanderwegen zu Eigen ist die Tatsache, dass sie sehr steinig, scharfkantig und schroff sind. Dieser spezielle Weg ist zu großen Teilen auch sehr ausgesetzt, was ihn nur noch imposanter macht.

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Man ist schnell eingekesselt von hohen Bergen, die einem andeuten, was uns oben im Vall de Nuria erwarten wird. Das permanente Rauschen des Vall de Nuria ist sehr angenehm im Ohr und lässt jegliche Strapazen schnell vergessen. Wer die Schluchten des Tals (in welchem auch Canyoning betrieben werden kann) genauer betrachtet, kann sich in etwa denken, wo das Sprichwort „Steter Tropfen höhlt den Stein“ seinen Ursprung haben muss. Nämlich hier. Wer die scharfkantig-schroffen Felsen am Rand des Tals betrachtet und danach das vom Wasser wie Knetmasse weichgeformte Flussbett sieht, wird zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommen müssen (!).

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Wir kommen an einem Wasserfall vorbei, den man „cua de cavall“ (Pferdeschweif) nennt. Der Name zeugt von zahlreichen Pilgerreisen in das Hochtal und einem gewissen Respekt der Natur gegenüber. Man kennt es von seiner Hausstrecke, die streckenweise mit Eigennamen geschmückt werden. Die Askese der Pilgernden wird in den „Regufi“ deutlich, die den Weg säumen. Tatsächlich sind sie nicht mehr als eine sporadische Zuflucht, die unter einen Felsvorsprung platziert wurden. Die trostlose Decke und das nicht sehr vertrauenserweckende Plastikschild sind die einzigen Merkmale die darauf hindeuten. Hier ist eben alles weniger luxuriös und ein stückweit „ehrlicher“.

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Oben angekommen fühlt man sich wie einen Abend im „Fight Club“, bloß schlimmer. Man hat sich mit blanken Fäusten eine Schlägerei mit wildfremden Menschen geliefert, blutet in der Fresse und hat blaue Flecken überall. Man hatte tierisch viel Spaß gehabt und steht – im Vall de Nuria angekommen – nun vor einem Dutzend glatzköpfiger, muskelbepackter Hooligans, die einem bloß weiter die Fresse polieren wollen. Während man einen Zahn ausspuckt und blutverschmiert grinst, bittet man um eine kurze Verschnaufpause und überlegt sich eine Taktik, wie man gegen den Schlägertrupp besteht. Man pickt sich den größten und stärksten der Bande aus – der sich „Puigmal“ nennt und 2.911m groß ist – und hofft damit die kleineren zu beeindrucken. Ob das funktioniert weiss man nicht, denn man hat sich womöglich noch nie geprügelt, sich aber schonmal gefragt, warum man sich diese gefühlten Prügel im kostbaren Urlaub antut. Man muss von diesen Eindrücken schon selbst verprügelt worden sein, um diese Frage beantworten zu können.

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