Pirineos I

Canfranc-Estacíon ist ein eher trostloser Ort, das sagt schon der Ortsname und seine eher traurige Geschichte: Einst als Grenzbahnhof zwischen Pau und Saragossa erdacht und gebaut (und zu dieser Zeit auch der größte Spaniens), wurde der Bahnhofsbetrieb durch diverse Bürgerkriege und den zweiten Weltkrieg als solcher eher missbraucht. Nazis tauschten hier ihr Raubgold gegen das Wolfram des Francoregimes. Als Anfang der 1970er Jahre auf französischer Seite eine Brücke einstürzte und man die Strecke aufgab, wurde die Fehlkalkulation entgültig offensichtlich: Ein Bahnhof, der zu seiner Zeit einer der größten Europas und für mehrere Tausend Gäste pro Tag ausgelegt war (im Ort wohnen großzügig aufgerundet 500 Menschen) verfällt seit 50 Jahren und schmückt trotzdem Postkarten.

Canfranc heisst soviel wie „campus francus“ (freies Feld). Deren Einwohner hatten lange Zeit die Aufgabe, die Gegend für Reisende und Pilger stets frei von Hindernissen zu halten und der ganz in der Nähe gelegene Grenzpass von Somport („summus portus“ = höchster Übergang) ist der älteste Pyrenäen- und Grenzübergang zwischen Spanien und Frankreich. Schon Kelten, Karthager, Römer und Mauren nutzten diesen Pass.

Mich für die Geschichte der Orte zu interessieren, in denen ich laufe, ist meine Art von Respekt. Nebenbei trägt es zu meinem eigenen vergnügen bei, wenn man sich vorstellt, dass vor vielleicht hunderten bzw. tausenden von Jahren ganze Armeen über die Pässe marschierten über die wir nun in unserer „Hauch-von-Nichts“ Trailausrüstung herumrennen. Außerdem ist es immer wesentlich cooler, seine eigenen Ideen zu verwirklichen als denen anderer (im wörtlichen und übertragenen Sinne) nachzulaufen.

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Wahrscheinlich hätten die Völker von damals uns einen Vogel gezeigt, wenn wir ihnen erzählt hätten, dass wir so zum Spaß auf den „Vertice de Anayet“ (2555m) laufen wollen. Mir geht in dem Moment, wo ich auf dessen Spitze zeige ein wenig der A**** auf Grundeis. Immerhin ist es schon ein Jahr her, dass ich ähnliche Höhen erklommen habe und wenn die Hochpyrenäen ähnlich rau sind, wie seine Ausläufer zum Meer hin, dann wird das kein Zuckerschlecken. Tatsächlich kann man die extrem rar gesäte Beschilderung und die einer Osterei-Suche-ähnlich versteckte Wegmarkierung als Stinkefinger in unsere Richtung deuten. Oder sich damit abfinden.

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Nachdem wir eher gemütlich in einem Hochtal sanfte Höhenmeter sammeln, werden wir von einer quasi-vertikalen Wand begrüßt, die es gilt hochzusteigen. Das Hochplateau bietet eine kleine Verschnaufpause, ehe die nächste Felswand wartet. Und die ist tatsächlich vertikal und so rau,  dass die Schäfchenwolken von ihren schroff-scharfen Kanten brutal aufgerissen werden. Wir klettern in die offene Wunde der Schäfchenwolke und werden von Hagel begrüßt.

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Nun, der Hagel dauert nicht lange und die Wolken, in dessen Herz wir wie ein Infarkt geklettert sind, zieht weiter. Der Untergrund hat sich von Wiese über Stein in eine Art gealterte Lava gewandelt und die Form des Bergrückens erinnert an den Schuppenkamm eines Chamäleons.

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Aussicht gibt es nur sporadisch und unvollständig, doch sie lässt die atemberaubende Landschaft erahnen. Irgendwann erreichen wir die schmucklose Spitze des „Vertice de Anayet“. Ich bin stolz auf mich, es bis hier oben hin geschafft zu haben und wenn ich ein Fazit ziehen müsste, würde ich diesen Lauf eine „intime Pilgerreise in meine eigene Seele“ nennen. Man hat keine Gelegenheit, seinen Blick in weite Fernen schweifen und sich so von sich selbst ablenken zu lassen. Das fordernde und schroffe Gelände erfordern eine hohe Konzentration und lassen einen geistig und körperlich schneller erschöpfen, als andere Gebirge es tun. Es ist diese Erschöpfung in der man wachen Auges tief meditiert. Es sind die Pyrenäen, die der Katalysator für diesen Zustand sind. Und das ist erst der Anfang.

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