Lanzen brechen.

Wenn ich mein Fahrrad vor die Tür schiebe, den Leerlauf meines Hinterrads höre, die Sonnebrille aufsetze, mich in meine Pedale einklicke und die ersten Umdrehungen mache, fühle ich mich erstmal ziemlich lässig. Der Fahrtwind fühlt sich gut an und die Laufräder stimmen die Melodie der nachfolgenden Tortur an. Aber noch bin ich lässig.

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Ich fahre über die blaue Brücke am Bahnhof, ein wenig Rumkurven in der Stadt, ehe ich den Radweg Richtung Höllental nehme. An der rauschenden Dreisam hinauf, links und rechts sind Weiden und Wiesen. Wir sind eingekesselt von den Bergen des Hochschwarzwaldes. Ich fahre durch eine Ortschaft mit einem so langen Namen, dass ich Ihn im Vorbeifahren nicht lesen kann. Was nun vor mir liegt ist das rennradlerische Äquivalent eines Singletrails: Schöner Weg, so gut wie garnicht befahren von Autos und mitten im Wald. Und steil. Sehr steil. Bald schon brennt es in den Oberschenkel, meinen Atem presse ich aus den Lungen, ich ziehe mich am Oberlenker den Berg hinauf und – irgendwann – am Pferdehof angekommen strecke ich die Faust gen Himmel und schreie vor Freude: Der erste Anstieg ist geschafft und im Gegensatz zu meinem ersten Versuch vor ein paar Wochen bin ich unterwegs nicht drei Mal abgestiegen. Ich schiebe es heute auf meinen verbesserten Fitnesszustand. Oder ist es doch die neue Kassette mit zwei Zähnen mehr am Notritzel? Die Wahrheit liegt wohl dazwischen.

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Es geht bergab, doch dass das täuscht weiß ich vom letzten Mal, denn was kommt ist der asozialste Anstieg der Ausfahrt. So steil, dass ich im kleinsten Gang und im Wiegeschritt schon fast stehe. Die Enten, Ziegen, Kühe und Schaafe des Bauernhofs, an dem ich so bemüht vorbeifahre starren mich an. Ich würde gerne laut fluchen, doch dazu fehlt mir der Atem.  Diesmal möchte ich zur Panoramabank ohne abzusteigen. Ich sehe schon die Spitze des Feldbergs, aber mein Beine haben nicht mehr genug Kraft, ich steige ab. 5m vor dem rettenden Plateau. Ich lache laut, schnaufe kurz durch und hieve mich die letzten Meter zur Panoramabank. Hier oben habe ich einen sehr schönen Blick in den Schwarzwald und meine Ruhe. Allein deswegen hat sich die Mühe schon gelohnt.

Als ich wieder auf dem Fahrrad sitze, genieße ich das Panorama links und rechts. Hier eine Ortschaft, da ein Wald, dort hinten all‘ die Berge, auf denen ich schon war. Ich diesen Momenten habe ich es nicht eilig. Bald bin ich wieder auf der Landstraße, der Straßenbelag ist gut und verleitet – neben dem Straßenverkehr – zu zügiger Weiterfahrt. Das Profil der Straße ist wellig, ich finde meinen Rythmus und zu diesem gehört der gelegentliche Blick nach rechts, denn dort offenbart sich mir eines dieser weiten, weiten seelestreichelnden Schwarzwaldpanoramen, die ich so liebe. Ich erreiche die Kreuzung, biege ab und konzentriere mich, denn es geht wieder hinunter ins Tal. Die Straße ist wenig befahren und garniert mit Serpentinen, der Belag ist perfekt. Ich greife tief in den Bogen meines Lenkers und mache mich klein. Es fühlt sich an, als ob ich von hinten angeschoben werde. Vor der Kurve richte ich mich auf und gebe der Luft mehr Fläche. Die Aerodynamik aus verblichenen Uni-Skripten bringe ich hier auf die Straße und während ich mit dem cleveren Gebrauch von Einhalb-roh-tse-weh-mal-A-mal-fauquadrat in die erste Kurve abbremse, mein Knie in Richtung Spitzkehre deute, einen Kamm’scher Kreis im Kopf zeichnend meinen Professor grüße, vergesse ich alles was ich war und was ich vielleicht sein werde und tauche ein in den Rausch.

Unten im Tal angekommen schreie ich laut „Woohoo“, biege ab und trete euphorisch in die Kurbel als gäbe es kein Morgen mehr, rolle ein wenig und sprinte bis mir die Oberschenkel brennen. Das geht eine ganze Weile so, bis ich wieder an der Dreisam bin. Das Rauschen des Wassers beruhigt mich, auf dem Freiburger Radweg Nr. 1 ist viel Betrieb, am Ufer liegen die Menschen in Badekleidung. Ich kurbele gemütliche vor mich hin, ein Lächeln auf den Lippen und ein Summen im Ohr.

Ich sehe mein Spiegelbild im Glas der Eingangstür und fühle mich wieder sehr lässig. Körperlich verausgabt, seelisch massiert und mental sehr überzeugt von diesem Radsport. Echt ’ne gute Sache.

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