Demut.

Autofahren kann die Nerven enorm strapazieren. In Deutschland stellt jede größere Stadt eine Strapaze dar und Autobahnfahren auf dreispurigen Autobahnen trägt auch nicht gerade zu einem niedrigen Blutdruck dar. Der Mittelspurschleicher, der mit 90 km/h durch die Landschaft tuckert, weil die recht Spur ausschließlich für LKWs reserviert ist stellt den 08/15-Autofahrer schon vor eine große Herausforderung: Rechts vorbei oder links?  Elefantenrennen würzen das Potpourri der guten Laune zusätzlich und der Raser von Links-Außen rundet das Ganze ab.

Das passiert auf der halben Stunde, die man Richtung französische Grenze fährt. Denn dort gilt das Chaos-Prinzip. Man sehnt sich förmlich nach dem heimischen Verkehrschaos, da man es zumindest noch einschätzen kann. Bei den Nachbarn versucht man dem Chaos eine Struktur zu geben, aber irgendwie schafft man das nicht. Jeder hat hier seine eigenen Regeln. Sowohl im Umgang mit dem Blinker als auch der Einordnung in den Spuren einer Autobahn. Allein das Tempolimit auf den Autobahnen hält das Stressniveau auf einem geradeso erträglichen Maß.

Der Endgegner wartet nach 9 Stunden Autofahrt hinter dem Pyrenäenkamm und heißt: Doppelspuriger Kreisverkehr. Man weiss sehr bald, warum die Autos hier alle aussehen, wie vom Autoscooter geflohen. Die Verständigung findet prinzipiell mit Hupen und Gestikulieren statt, dass man sich fragt, wozu in spanischen Modellen überhaupt Blinker eingebaut werden. Wenn man dann in einer 30er Zone bei rechts parkenden Autos mit dem Dreigestirn des Autofahrerterrors (wildes Gestikulieren, Lichthupe, Hupe) napalmisiert wird, dann hat man zweierlei Möglichkeiten:

  1. Sich tierisch aufregen, die Contenance verlieren und sich auf genau dieses Niveau herablassen, oder…
  2. Laufen gehen.

So ist es mir vor ein paar Tagen ergangen. Für einen kurzen Augenblick drohte ich, tierisch auszurasten, doch stattdessen parkte ich das Auto und lief los. Nach 5 Minuten war ich ganz allein (von der großen Herde Ziegen mal abgesehen). Für die nächsten zwei Stunden. Ich fragte mich warum wir uns über so viele Dinge aufregen:

  • Die Schlange im Supermarkt oder am Postschalter
  • verspätete Züge und/oder keinen Sitzplatz (bloß um 8,5 Stunden im Büro zu sitzen)
  • die vielen verlorenen Fußgängerzonenduelle (weil immer man selbst ausweicht, nie die anderen)
  • die werten Nachbarn von der Südgrenze, die die Preise überall hochtreiben
  • die werten Nachbarn von der Westgrenze, die im Drogeriemarkt immer Babynahrung leerkaufen und den Sperrmüll immer einsacken

Man muss nicht erst eine Woche in Katalonien rumrennen um auf die Idee zu kommen, dass all‘ die Aufregerei nicht nur mühselig ist, sondern auch sinnlos. Jedem, der das hier liest oder lesen kann, geht es ziemlich gut. Anstatt uns also über Luxusprobleme aufzuregen, sollten wir uns viel öfter darüber freuen, was wir alles tun können. Laufen zum Beispiel.

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