Schwarzer Wald.

Die Kombination aus Wäldern, mir und der Dunkelheit war noch nie ein harmonisches Trio gewesen. Letztere beäugte ich eher argwöhnisch aus dem Wohnzimmerfenster, als dass ich mich ihr in ihrer völligen Schwärze stellte. Meine akademische Laufbahn war stets begleitet von Sonnenlicht und der Möglichkeit, der Dunkelheit weit aus dem Weg gehen zu können. Doch am Ende dieser Laufbahn gingen die Lichter aus und es wartete der Herbst.

Meine Tourenplanung wurde penibler und mein Abschätzung für das erträgliche Maß an Dunkelheit immer besser. Am Ende meiner Läufe wich das Dunkelblau des endenden Tages immer mehr dem Schwarz der beginnenden Nacht. Es kam die Winterzeit und mit ihr zwangsläufig der Wendepunkt in meiner Beziehung zur Dunkelheit. Er kam in Form eines nebligen Abends. Das letzte Licht begleitete mich auf schönen Wurzeltrails und ließ mich irgendwann mit dem dunklen Wald und ein paar Fledermäusen allein. Diese kreuzten meine Laufbahn und erschreckten mich so nachhaltig, dass ich mich von dort an auch vor herabfallendem Laub erschrecken sollte (von welchem im Spätherbst einiges herunterkam). Entgegen des Wetterberichts hielt sich der Nebel auch in den Höhenlagen des Hochschwarzwaldes, so dass meine enorme Anzahl Lumen an der weißen Wattewand des Nebels 20 cm vor meinem Gesicht abprallte. Das beklemmende Gefühl wich einer tiefen Angst, da ich die Beschaffenheit meiner Umgebung kaum wahrnehmen konnte und zudem von einem roten Warndreieck vor „möglicherweise aggressiven Mutterkühen“ gewarnt wurde (zu meiner Entschuldigung wurde ein anderer Weg keine 10km entfernt wegen diesen Monstern umgeleitet!). Ich durchquerte einen Weidezaun und stand auf einer grünen Wiese. Ich konnte nicht erkennen, ob der Weg links und rechts abschüssig war und auch nicht, wo die nächste Markierung ist, geschweige denn den Weg vor mir. Das einzige was ich erkannte, war der dampfende Kuhfladen einen Meter vor mir (ob es diesen tatsächlich gab, oder meine Fantasie ihn hinzudeutete, ist zum jetzigen Zeitpunkt unklar 😉 ). Das Maß Horror für diesen Lauf war voll. Ich nahm meine Beine in die Hand und machte auf meinen Absätzen kehrt (selten bin ich so schnell gelaufen). Ich stellte mich meiner Angst jedoch wieder und wieder. Und jedes Mal wurde ich belohnt…

  • Das erste Mal war es ein Kaleidoskop von Farben, als ich am Südrand des Schwarzwaldes lief und der orangefarbene Pingpongball von Sonne sich zwischen Wolkendecke und Horizont quetschend ein Potpourri von Farben preisgab, welcher das Sägezahnprofil der Alpen obskur hervorhob. Und mir ausmalte, wie besonders der Übergang von Tag in die Nacht sein kann.
  • Ein anderes Mal bekam ich eine Privataudienz im Waldorchester des Wassers, welches in den verschiedenen Tälern des Schwarzwaldes eine besondere Sinfonie für mich spielte. Mal harmonisch, mal dissonant, mal leise, mal laut. Mal intim in den felsigen Schluchten wiederhallend, mal anonym sich in den weiten der hohen Bäume verlierend.
  • Ein weiteres Mal ließ man mich völlig allein mit Geräuschen. Schnee war in den Höhenlagen gefallen und absorbierte jeden Ton. Man ließ mich mit mir selbst allein und die einzigen Töne gingen von mir aus: Das regelmäßige Knarzen, welches meine Schritte auslösten oder das Rauschen meines Blutes, deutlich hörbar hinter meinem Ohr oder das Fauchen meines Atems oder das Sensen meiner Beine an der Schneedecke, als ich durch knietiefen Schnee lief.
  • Ein seltenes Mal war es das Lichtspiel aus völliger Dunkelheit und monderleuchteter Nacht. Letztere tauchte Wald und Himmel in ein Gemisch aus Blau- und Schwarztönen während die völlige Dunkelheit der Hochtäler ein selten klares Bild des Sternenhimmels zeichnete. In diesem Moment blieb ich stehen, schaltete meine Stirnlampe aus und blickte in den Himmel. Minutenlang ergötzte ich mich an den Sternen, die ich selten so klar und hell leuchtend am Himmel gesehen habe.

Es ist oft schwierig, sich seinen Ängsten zu stellen, denn oft sind sie mit Vorurteilen verbunden und es ist einfacher, diese zu pflegen, als sie beiseite zu legen und sich ein unverstelltes Urteil zu bilden. Auch wenn man in der Dunkelheit den Horizont nicht sieht, so kann sie ihn doch erheblich erweitern. Wenn man sich ihr respektvoll und unvoreingenommen nähert.

Ein Gedanke zu „Schwarzer Wald.

  1. laufendentdecken sagt:

    Lustigerweise hatte ich letztens ein ähnliches Erlebnis. Bei mir war es allerdings eine mir bekannte Strecke die ich in vollkommener Dunkelheit abgegangen bin. Zu Beginn war es echt gruselig, aber man gewöhnt sich da voll dran und dann ist es nur noch halb so schlimm.

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