Zen.

Wie ein scheues Reh im Fernlicht wird der milde Duft nächtlicher Wälder, welcher sich in die Großstadt verirrt hat, vom aufdringlichen Duft des morgendlichen Straßenverkehrs überfahren. Guten Morgen. Ein neuer Tag in der Blech- und Betonwüste hat begonnen. Erste Lungenbrötchen werden gefrühstückt, am Bahnsteig wartet eine trichterförmige Horde Menschen an bestimmten Stellen des Bahnsteiges. Es ist die spezielle Spezies der Langstreckenpendler, gut erkennbar an sehr klein faltbaren Tretrollern, Fahrrädern und besonders dicken Büchern. Man ist sehr streitlustig. Jeder will im Wettkampf um einen morgendlichen Sitzplatz im ICE einen guten Startplatz haben…

Hemd und Hose liegen auf dem Beifahrersitz und werden von Lauftights und Windjacke abgelöst. Ich laufe über die Staumauer, werfe ein Blick gen Süden und sehe die Sonne feuerrot hinter den Alpen verschwinden. Gänsehaut. Das Rascheln des Laubes im Wald übertönt das klingeln des Bürotelefons mit jedem Schritt. Anstelle des Geruchs frisch aufgebrühten Cafés tritt der Geruch feuchter Erde und moosigem Wald. Eine milde brise löst den Hauch der Klimaanlage ab. Frische Luft durchflutet meine Lungenflügel und überschwimmt die Punkte meiner ToDo-Liste. Ich renne tiefer in den Wald, finde meinen Rythmus und erreiche den Zustand in dem ich alles um mich herum vergesse und nichts wichtiger ist, als der Korridor des Blickfeldes und meiner Stirnlampe, die ich so eben angeknipst habe. Ich werde eins mit diesem Kleinod von Wald, mitten in den tiefen dieses – tatsächlich sehr schwarzen – Schwarzwaldes.

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Bimmelbahn. Die Klientel ist deutlich jünger und erkennbar an besonders großen Kopfhörern und Mobiltelefonen. Der letzte Hauch des morgendlichen Idylls muss dem Geruch pubertierender Jugendlicher und dem lauten Dröhnen ihrer Lieder weichen. Gedränge und Geschubse in und vor der Bahn…

Feierabend. Meine akademische Laufbahn lasse ich an der Türschwelle meines Büros zurück. Der Winter ist da. Bei der dritten Zustellung hat der Empfänger sein Paket angenommen. Der Inhalt ist: Kälte, Schnee und Stille. Die Sonne winkt mir leuchtend zu und verschwinden hinter den Bergen. Die Stirnlampe übernimmt. Das Knarschen meiner Schritte auf der Schneedecke klingt schön in den Ohren, das Funkeln der Schneekristalle schmeichelt meine Augen. Schnee liegt auf den Nadelbäumen, die fast schwarz sind. Ich erreiche den Aussichtspunkt und stehe knietief im Schnee. Der See ist ruhig, fast schwarz. Die sattgrünen Wälder auf den umgebenden Bergen sind nun mit weißem Schnee behangen. Es riecht winterlich und hört sich ebenso an. Ich genieße die absolute Stille und stürze mich – an Ästen ziehend – mit kindlicher Freude auf den Singletrail in den tiefen, dunklen, stillen Wald vor mir. Schnee ist auf meiner Haut und in meinen Haaren. Er kriecht in meine Schuhe während ich durch den Pulverschnee düse. Was die Salzlösung für die Nasenspülung ist, ist die kalte Winterluft für mein Hirn.

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Die Dunkelheit war mein Begleiter auf den Läufen der vergangenen zwei Monate und es brauchte eine große Portion Mut, um meine Angst zu überwinden. Wie bei so vielen Dingen hat man Angst vor Dingen, die einem unbekannt sind und gegen welche man Vorurteile hegt. Doch je mehr man sich darauf einlässt, desto mehr Facetten lernt man kennen und desto mehr weicht die Angst einem gegenseitigen Respekt. Es musste sehr viel Schnee über das Land ziehen, um meine Angst vor der Dunkelheit in einen tiefen Respekt und eine große Wertschätzung zu wandeln.

Ich liebe die widrigen und weniger widrigen Bedingungen jeder Jahreszeit und suche in den entlegendsten Wäldern nach Einsamkeit und Ruhe, welche ich nun in der Dunkelheit der kurzen Tage finde. Ich bin nun um eine Facette der Natur reicher. Ich bin seeeehr reich.

Ein Gedanke zu „Zen.

  1. nollefried sagt:

    Ganz toll.

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