Schluchtensteigender Hirtenjunge.

Wir schreiben das Jahr 1996. Es ist das Jahr in welchem viele schlechte Bands gegründet werden, Michael Schuhmacher von Benetton zu Ferrari wechselt und zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ein Schachweltmeister von einem Schachcomputer bezwungen wird. Es ist auch das Jahr, in dem sich ein türkisches, ein pakistanisches, ein bosniakisches Migrantenkind mit vielen anderen Kindern mit oder ohne Migrationshintergrund auf dem Schulhof einer Grundschule irgendwo am Rande eines Kohletagebaus treffen. Um 7 Uhr früh im Winter. Unsere Pilgerstätte ist der Steintisch, dessen metallene Umfassung aufgeplatzt ist und einige Winterjacken – zum Unmut unserer Eltern – aufgerissen hat. Unser Spielgerät ist der kostbare orangene Zelluloidball, den wir gegen den weißen ausgetauscht haben, weil man ihn im Schnee besser findet. Ich zähle zu den Glücklichen die einen Schläger besitzen, den man eigentlich nicht so nennen darf und eigentlich nur symbolische Zwecke erfüllt. Die Beläge sind glatter als die zugefrorene Pfütze, die wir beim Rundlaufspielen mühsam umkurven müssen. Einige Tage später sollte sich das Schlägerblatt vom Griff entzweien und meinem Gegenüber knapp am Gesicht vorbeizischen. Es ist der Beginn einer großen Liebe, die 18 Jahre dauern und vor genau einem Jahr enden sollte. Aus der kindlichen Ballsucht ist etwas erwachsenes Geworden. Das Schlägerholz muss aus einem sehr speziellen Holz mit spezieller Form und unbedingt aus Japan sein. Das Produktionsjahr war ebenso wichtig wie die genaue Grammangabe der Beläge die darauf lagen. Niemand anders als man selbst durfte das Spielgerät bearbeiten. Wir spielten in der obersten Mittelklasse und benahmen uns wie Profis. Spitzenspieler wurden dazugekauft, die kurz vor Spielbeginn kamen und gleich nach Spielende wieder zu (sehr lange) Rückfahrten mit anderen Spitzenspielern aufbrachen. Geselligkeit wurde dem Ergebnis untergeordnet. Die Mannschaften kamen oft nur noch wegen der Liga in der man spielte zusammen und immer weniger, wegen dem Beisammensein danach. Leistungszahlen und Ligazugehörigkeit dokumentierten irgendwann die Stärke eines jeden Spielers und nicht selten war das Ego des Spielers, die Freundschaft zweier befreundeter Landeskaderteilnehmer (von denen eines irgendwann nicht mehr eingeladen wurde) oder die berufliche Zukunft eines Jungprofis an diese Zahlen gebunden. Der Zenit der Leistungsfähigkeit war knapp überschritten und 18 Jahre lange hatte ich als Trainer und Spieler an dieser Leistungsgesellschaft teilgenommen. Ich habe kindliche Freundschaften zerbrechen sehen, habe Eltern aus Hallen verwiesen und wurde nicht selten von Gegenspieler und Zuschauer angepöbelt.

Apropos Pöbeln. Im vergangenen Monat wurde mir gesagt, dass türkische Migranten angeblich von „den Amerikanern“ nach Deutschland geholt wurden, „um das Deutsche Volk klein zu halten“. Jemand anderes erzählte mir letzte Woche, dass in Zeiten des Salzmangels in Deutschland die Tunesier sehr reich wurden. „Ihr da unten habt ja soviel davon gehabt. Damals.“ Das „euer Wohnort da unten“ doppelt so weit von Tunesien entfernt ist wie sein Heimatdorf habe ich ihm nicht gesagt.

Manchmal möchte man die Leute fragen, warum sie lieber den hellhaarigen Herren in der Nebenreihe fragen, ob er seine Tasche vom Sitz nehmen könne, obwohl man den fragenden Blick zuvor mit einem Lächeln (anstatt einem grimmigen Blick) und einer Tasche auf dem Schoß beantwortet hat. Und sowieso die schönere Frisur hat.

Es gibt viele Fragen die man mir nicht beantworten wird zu vielen Fragen die ich nicht stellen werde. Oft hat man mir gesagt, dass ich dieses und jenes nicht schaffen würde, weil ich dieses und jenes sei. Und doch habe ich es geschafft. Ich habe meine Leistung erbracht und werde es in Zukunft auch weiterhin tun. Doch ich habe Räume gefunden, in dem ich das nicht tun muss. Orte an denen die Menschen der Städte und der Lärm nicht vordringen. Orte an denen mich niemand schräg anguckt, weil ich so aussehe wie ich aussehe oder meine Eltern von da herkommen, wo sie eben herkommen. Gemeinschaften in denen ich nicht erst beweisen muss, das ich dieses oder jenes bin oder kann oder nicht bin oder nicht kann.

Man kann sich natürlich sein Leben lang über diese Ungerechtigkeiten grämen, oder sich der Schönheit der Natur erfreuen, die es einem ermöglicht glücklich zu sein. Ich habe mich für letzteres Entschieden und wie man an dieser Stelle oft sieht, bin ich glücklich. Ich habe allen Grund dazu. Der Schwarzwald ist eine Schatzkiste an Singletrails, schönen Aussichten und Einsamkeiten. Ich habe mich für Lebensqualität entschieden. Akribisch entdecke ich jeden unentdeckten Fleck und bin noch lange nicht fertig.

DCIM121GOPRWenn ich laufe, bin ich wieder das 9-jährige Kind. Statt um einen zerrockten Steintisch renne ich um Berge und lose Steinbrocken herum. Und so wie wir uns damals nicht daran gestört haben, woher die Eltern unserer Kumpels kamen, stört sich der Berg ebenfalls nicht daran, woher ich gekommen bin. Leistung war auf dem Schulhof ein sehr fremder Begriff und ähnlich möchte ich es auch mit meiner Lauferei halten. Beim Laufen können wir die wissbegierigen kleinen Kinder sein, die ihre Umwelt mit der Neugier ihrer Sinne entdeckt. An Plätze kommen, über denen ein Schleier liegt und diesen lüften (bewusst gewählte Metapher). Wir sollten Lego-spielende Kinder sein, die aus einzelnen Bausteinen (Trails) ein subjektives Meisterwerk (Strecke) erschaffen und mit diesem Spielen (Laufen). Am besten laden wir Freunde dazu ein, die einen anderen Migrationshintergrund als wir haben (Laufen mit Freunden). Denn im Wald sind wir alle Migranten und alle einfach nur… Mensch.

Ein Gedanke zu „Schluchtensteigender Hirtenjunge.

  1. Steve sagt:

    Sehr schön geschrieben…danke!

    Wir spielten damals an solch ein Tischtennisplatte mit einem Tennisball.
    Einer durfte sogar immer früher in die Pause um eine der zwei Platten zu reservieren. Hach war das geil!

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