Nagelfluhnomade.

Das Wort „menschenverachtend“ geht mir noch nicht durch den Kopf, als ich um 3:30 Uhr das Autofenster runterkurbele, meinen Kopf ausstrecke und am Duft der milden Nacht schnuppere. Nächte riechen ganz besonders toll. Die Sonne geht am Horizont allmählich auf und die grellen Farben machen sofort gute Laune. Das Grinsen will mir nicht aus dem Gesicht weichen. Auch nicht in Hittisau, als ich um 6:40 auf der Terrasse der Bäckerei sitze, Café schlürfe und – auf den Bus wartend – in die Sonne Grinse. Nun, die Sonne wird mir letzteres aus dem Gesicht prügeln heute, aber davon weiss ich noch nichts.

Auch nicht als ich in Blaichach aus dem Zug steige. Es ist 9 Uhr und schon sehr warm, als ich den Weg hinauf zum Mittagberg antrete. Dem ersten Berg in der Nagelfluhkette. Meine Freude ist dementsprechend groß in den schattenspendenden Wald einzutauschen. Hier begegne ich trockenen Nadeln und dem Gestein, welches dem Gebirgszug seinen Namen verleiht: Die Nagelfluh. Im Grunde sieht es aus wie Steine, die in Zement eingegossen wurden. Geologisch ist es ein Konglomerat, das heisst, dass 50 % des Gesteins aus Kies oder Geröll bestehen (Danke, Wikipedia).

Interessiert den Weg vor mir aber weniger. Als ich aus dem Wald herauskomme und auf den Mittagberg zulaufe, nehme ich mir vor, zu Hause die Steigung zu berechnen (22 % Steigung waren es. Bzw. 700 Höhenmeter auf 3,2 km). Hier rinnt mein Schweiß schon in einem zusammenhängenden Strom von meinem Kinn. Ich beschließe, dass mehr Flüssigkeit nötig ist… …und gönne mir sowohl eine Apfelschorle, als auch ein Wasser. Ich glaube, dass nun das gröbste überstanden ist, immerhin bin ich schon ganz gut auf der Höhe. Ich glaube auch, dass der Rest ein welliges, geschmeidiges Laufen mit der ein oder anderen Kletterpassage wird. Auch weit gefehlt. Tatsächlich ist der Weg zum Bärenköpfle eher unspektakulär (der Ausblick allerdings schon eher) und bestätigt zunächst meine Fehleinschätzung.

Ich freue mich, als ich ein Waldstück sehe, welches in enorm steilen Serpentinen seinen Weg in den Himmel sucht. An dieser Stelle wird mir klar, was an diesem Terrain so besonders ist: Bäume, Wurzeln, Nadeln, „Herrgottsbeton“ (so nennen ihn die einheimischen) und die Nähe zum Grat, der in die Tiefe geht.

So richtig in Fahrt kommt die „Gratwanderung“ am Steineberg. Nachdem ich die ca. 17m lange Leiter hochgesteigen bin, stockt mir der Atem. Es gibt viele besondere Orte und diesen nehme ich in meine Liste auf. Warum? Im Norden: Flaches Land. Im Süden: Majestätisches Aufthronen der Alpen. Erstmal sacken lassen. Ich komme mir vor wie auf der Vordersten einer Reihe Wellen, die bricht und dann an den Sandstrand fließt.

Die Euphorie schießt in die Adern und in einem völligen Hoch renne ich auf dem Grat los, begleitet von dem Bimmeln der Kühe. Den Blick wie ein Chamäleon nach links in den Süden, als auch nach rechts in den Norden gerichtet. Eine endlose Reihe an Bergen baut sich vor mir auf und will mich lehren, was der Begriff „Schartenhöhe“ meint. Doch zunächst ist das Idyll perfekt: Es ist heiss, aber windig. Kühe sind auf meinem Weg, bzw. ich auf ihrem und die offene Fläche lässt die Blicke schweifen. Die Trails sind geschmeidig. Noch.

Ich surfe auf meiner Welle des Läuferhochs und strahle mit der Sonne um die Wette. Wie ein Kind, welches in einem Bällebad losgelassen wird, schäume ich über vor guter Laune.

Angesichts der Tatsache, dass ich hier oben auf Trails, wie aus dem Bilderbuch laufe auch nicht verwunderlich. Oft komme ich an sehr ausgesetzten Stellen vorbei, die ich so sehr liebe und dementsprechend in vollen Zügen auskoste.

Als ich das erste Mal zum Riegel greife (der sehr köstlich schmeckt) und diesen mit viel Wasser runterspüle, spüre ich, dass sich hier etwas verändert. Mein Rucksack hat weiße Ränder überall, so dass ich die ersten Salztabletten nehme. Ein Drittel meines Wassers ist aufgebraucht. Ich habe das gefühl, dass das Wasser noch im Rachen verdunstet und keine Chance hat, den Weg in meinen Stoffwechsel zu finden. Der Wind trocknet den Schweiß auf der Haut ähnlich schnell, so dass ich mir der enormen Hitze und dem damit einhergehenden Wasserverlust nicht wirklich bewusst werde.

Das Wasser wird streng rationiert und reicht doch vorne und hinten nicht. Ich spüre, wie mir zusehends Kraft und Konzentration schwindet. Als ich in einem steilen Downhill auf dem losen Boden in der Kurve ausrutsche schießt das Adrenalin in meine Adern. Zunächst bin ich froh, dass der faustgroße Aststumpf nicht meinen Brustkorb durchlöchert hat. Danach bin ich froh, dass ich nicht weiter die Böschung runtergefallen bin, denn da ist keine mehr. Die Wege werden so steil und abschüssig, dass an laufen kaum mehr zu denken ist in meiner Verfassung. Als ich zum wiederholten male wegrutsche, beschließe ich vorsichtiger zu sein.

Die Realität nimmt mir die Illusion eines gemütlichen Aufs und Abs. Da die 16 Berge der Nagelfluhkette eigenständige Berge sind, weisen sie eine gewisse „Schartenhöhe“ auf. Das ist die Höhe, die man mindestens hinunter muss um auf den nächsten Berg zu gucken. Wenn man also völlig dehydriert auf einem Berg steht und auf den Weg (inklusive den Höhenmetern) schaut, der zwischen einem selbst und dem nächsten Gipfel liegt, … dann gibt das einem nicht gerade Hoffnung. Gelinde gesagt. Ich sehe die Serpentinen und die Ameisen, die auf den nächsten Gipfel steigen und frage mich, wann ich dort sein werde. Es sollte noch dauern. Sehr lange dauern.

Die Fotos werden rarer, denn dafür habe ich kaum Kraft mehr. In die Kamera lächeln ist fast so schwer wie den Berg vor mir zu besteigen. Ich fühle mich so, wie die Abenteurer, die den Mount Everest besteigen. Ein Schritt. Atmen und Pause. Nächster Schritt. Atmen und Pause. Immer öfter stütze ich beide Arme auf meinem Oberschenkel ab, dessen Fuß auf der nächsten Stufe liegt und mache Pause. Schweiß strömt auf den Boden. Nächster Schritt. Kopfschmerzen. Schwindel. Übelkeit. Ich bin oben auf dem Rindalphorn, noch dehydrierter als zuvor und mental ziemlich am Ende.

Ich setze mich öfter hin und als ich über die Kuppe des Rindalphornes blicken kann sehe ich, dass mir die Schartenhöhe nochmal einen in die Fresse gibt. Ich lege mich hin. Dass das in der prallen Sonne ist, ist mir auch egal. Ich sauge meine Flasks Wasser leer. In der Hoffnung, dass es reicht.

Das Häufchen Elend, was ich bin schleppe ich den Berg runter und gleich wieder hinauf. Schon längst habe ich begonnen, mich abwechselnd auf türkisch zu beleidigen und mir Mut zuzusprechen. Wenn es mir wirklich schlecht geht tue ich das. Ich stelle mir meine Vorfahren vor, wie sie mit Trinkrucksäcken und Quicklace-Schuhen durch die Taklamakan-Wüste laufen und vor den Gebirgen der Seidenstraße ihre Z-Poles ausfalten. Ihr Seidensportkleidung ist damals ebenso Hightech, wie die Sachen die ich am Körper trage und im Rucksack tragen sie kostbare Handelsware.

Phantasie, Vergangenheit und Realität verschwimmen vor meinen Augen. Ich muss laut lachen. Wie ich letzten Endes auf dem Hochgrat gelandet bin, entzieht sich meiner Erinnerung. Aber irgendwie bin ich dort oben. Im Hier und Jetzt.

Bald schon stolpere ich in das Selbstbedienungsrestaurant. Das kleine Kind vor dem Zapfautomat schiebe ich fast zur Seite, weil es amüsiert eine ekelhafte Plörre aus Zitronenlimo, Cola, Fanta, Apfelsaft, stillem und sprudelndem Wasser zusammenpanscht. Ich mache mir eine Apfelschorle. Später wird mir klar, dass ich das Glas halb ausgetrunken und es nochmal unter die Zapfanlage gestellt habe. Bevor ich zur Kasse bin. Ein alkoholfreies Weizenbier nehme ich mir sicherheitshalber mit.

In der Sonne will ich nicht sitzen und im Schatten ist es mir draußen plötzlich zu kalt, also bin ich der einzige Gast im Innenbereich. Plötzlich ist mir sehr übel und die halbe Apfelschorle sowie das volle, alkoholfreie Weizenbier werden von mir mit Abscheu angeblickt. Zwei Stunden lang habe ich mich nach ebenjenen Getränken gesehnt, meinen trockenen Speichel geschluckt und gedacht, es sei ein Schluck Apfelschorle. Und jetzt diese Lustlosigkeit. In kleinen Schlücken nippe ich die Apfelsaftschorle leer und sacke mit dem Kopf immer wieder auf meine Arme, mit denen ich mich auf dem Tisch abstütze. Ich MUSS unbedingt etwas essen, also bestelle ich die einzige vegetarische Suppe. Eine Kartoffelsuppe. Ich erkenne Mitleid im Blick des Kochs, so dass dieser mir den Teller über den Rand voll mit Suppe macht und es liebevoll mit Kräutern und Croutons garniert. Ich bestelle eine zweite Apfelschorle und packe das Abenteuer Essen an. Eine geschlagene Stunde brauche ich, um die Semmel und die Suppe zu Essen und sacken zu lassen. Die Lebensgeister kehren zu mir zurück, sind aber völlig verkatert.

Es geht mir besser. Ich fülle die Flasks auf und mache mich auf den Weg. Das gröbste ist an dieser Stelle überstanden und was folgt ist eine belohnende Gratwanderung die ebenfalls nicht „eben“ ist, wie ich sie mir ausgedacht hatte.

Die Getränke gluckern unangenehm im Magen, so dass ich mich in den Schatten setze. In diesem letzten Teilstück ist plötzlich keine Menschenseele weit und breit. Ich nehme mir hier vor, in der Staufner Hütte einzukehren und dort sicherheitshalber nochmal etwas zu trinken. Nun, irgendwie schaffe ich es, an ihr vorbeizulaufen. Das wirfst meinen Plan durcheinander, denn zwei Flasks habe ich schon ausgetrunken und eine ist übrig. Umkehren? Weiterlaufen? Ich entschließe mich für letzteres.

Der Hochhäderich ist der letzte der 16 Nagelfluhberge und scheinbar nicht sehr weit weg. Das letzte Teilstück ist besonders rau und besonders schön, doch mein Kopf ist bei der nächsten Möglichkeit, Getränke aufzufüllen und zu konsumieren. In dem Moment, wo ich das denke ärgere ich mich ungemein, denn meine Naivität lässt mich die Schönheit dieser Gegend nur am Rande wahrnehmen.

Ich passiere die deutsch-österreichische Grenze und der Hochhäderich ist in Blickweite. Auf dem Gipfel frage ich, wo die Berghütte ist. Mir wird gesagt, gleich da unten und als ich zwei Schritte an den Rand mache sehe ich sie auch schon.

Apfelschorle und alkoholfreies Weizenbier sind zu den beiden Garanten eines jeden Abenteuers geworden und werden auch hier von mir bestellt. Sicherheitshalber eine Flasche Wasser zum Auffüllen dazu. Ich unterhalte mich angeregt mit einem schwäbischen Ehepaar, welches hier zum Wandern aufbricht. Ich tue selbiges mit Richtung Tal. Irgendwann laufe ich auf die Dorfkirche zu und sehe den Bäcker vom Morgen. Ich schreie laut und schlage meine Faust in die Luft. Als ob ich gerade einen großen Ultra gefinisht hätte. Habe ich mental ja auch. Ein wenig exponiert ist der Dorfbrunnen und mir so ziemlich egal, was die Leute denken mögen, als ich meine Beine in das kalte Wasser tunke.

Dreck auf meinem Shirt, weiße Ränder auf Rucksack und Shorts sowie sonnengegerbte Haut zeugen von dem Abenteuer, welches ich gerade hinter mich gebracht hatte.

Während die Sonne auf der Rückfahrt wieder allmählich untergeht, versuche ich ein persönliches Fazit zu ziehen. Es fällt mir schwer. Die Route habe ich im Voraus sorgfältig geplant. Auch die Stellen, an denen ich Getränke kaufen kann, habe ich mit Wegpunkten in Karte und GPS-Track der Uhr markiert. Völlig unterschätzt habe ich das Gelände und das Wetter. Ersteres habe ich mir nicht so anspruchsvoll vorgestellt, wie es dann tatsächlich war. 16 eigenständige Berge auf dieser relativ (!) kurzen Distanz heisst: Enorme Höhenmeter. Einmal steil hoch und dann gemütlich auf dem Grat laufen is‘ nicht. Zudem ist das Gelände offen und ausgesetzt. Einkehrmöglichkeiten sind spärlich gesät und mit der Ausgesetztheit macht sich das jeweilige Wetter auch deutlich bemerkbar. Schatten ist kaum vorhanden und die Hitze brät alles, was meint auf diesem Grat laufen zu müssen.

Ich werde definitiv nochmal kommen, passenderes Wetter wählen, früher starten und mehr Getränke mit mir führen. Vorallem aber werde ich mit mehr Respekt wiederkommen und dann in der Lage sein, das ganze mehr zu genießen!

3 Gedanken zu „Nagelfluhnomade.

  1. Philipp sagt:

    Toller Bericht! Und beim nächsten Mal eher etwas konservativ an die Planung gehen, damit du mehr genießen kannst 😉

  2. Sascha sagt:

    Na da hast du dich aber wohl etwas verkalkuliert… kommt vor. Klasse Bericht, as usual 🙂
    Wie weit war es denn jetzt eigentlich?

  3. XgregX sagt:

    Geiler Bericht von meinen Heimat-Trails!!! Diesen Sommer werde ich auch die Nagelfluhkette am Stück trailen.

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