Geburtstag am Säntis.

Die Freude könnte kaum größer sein, als Cati mir eröffnet, dass wir das Wochenende meines Geburtstages auf einem Berg in den Alpen verbringen werden. Fieberhaft werden Wetterdaten und Webcams kontrolliert, bis die Erkenntnis in uns reift, dass das Abenteuer ein nasses wird. Das ‚verkorkste‘ Wetter sollte sich jedoch als größtes Glück herausstellen.

Zwar parkieren (ein wenig schweizerdeutsch muss sein) wir an der Talstation der Seilbahn, welche zur Ebenalp fährt, jedoch nehmen wir den weiss-rot-weiss markierten Bergwanderweg, welcher uns sofort mit steilen Serpentinen und baumreichem Wald begrüßt. Hier unten ist es noch warm, dementsprechend entledigen wir uns unserer langen Hosen und Jacken. Erstmal. Keine halbe Stunde ziehen wir die Sachen wieder an, denn es beginnt zu winden und zu regnen. Das erste Bimmeln der Kuhglocken weckt kindliche Freude in uns und gepaart mit dem Duft saftig-nasser Wiesen und herben Kuhfladen entsteht das Alpen-Flair. Wir sind angekommen.

Bald erreichen wir das Berggasthaus ‚Aescher-Wildkirchli‘. Halb in den Fels gehauen sieht man es auf fast alle schweizerischen Alpenkalendern. Ein wenig surreal erscheint in dem nebligen Wetter der Holzverschlag, der uns um den Fels herumführen soll.

Wir durchqueren eine Höhle, deren Bewegungssensoren einen Text an den Höhlenwand illuminiert und uns darüber informiert, dass einst Urmenschen uns Bären in der Höhle hausten. Die einen im Sommer, die anderen im Winter. Die Höhle spuckt uns vor der Bergstation ‚Ebenalp‘ aus, die wir rasch hinter uns lassen.

Während das Wetter schon die ganze Zeit trüb ist, wird es unsere Stimmung auch ein wenig. Der Nebel lässt das Panorama nicht einmal erahnen und so gehen wir schweigend unseres Weges. Dieser führt uns knapp unter 2000m ü. NN in das Berggasthaus ‚Schäfler‘. Wir bestellen uns eine Rivella (na klar!) und wärmen uns an einem Tee. Das Gasthaus füllt sich mit einer großen Gruppe Wanderer in unserem Alter, welche versprengt ankommen und in dieser Geschichte eine weitere Rolle spielen werden. Wir verabschieden uns und ziehen weiter.

Keine 10 Meter vom Gasthaus entfernt bleiben wir wie angewurzelt stehen und staunen nicht schlecht. Der Nebel hat sich in höhere Gefilde verzogen und ermöglichst uns erstmal einen Blick hinab ins Appenzeller Tal und lässt erahnen, welch‘ spektakuläres Panorama sich dem Naturfreund hier an schöneren Tagen bietet. Unsere Seelen saugen dieses Panorama auf wie ein trockener Schwamm und wenn schon nicht das Wetter heiter ist, dann ist es nun unsere Laune. Der Pfad knickt auf die Innenseite des Berggrates ab und wird zusehends schmaler, schroffer und steiniger.

Das ‚Alpstein‘-Massiv sieht an dieser Stelle aus wie ein hufeisenförmiges, riiiiiesiges, antikes Theater. Aus Stein gemeißelt und begrünt. Das Gelände ist schroff und zumindest meine Schuhwahl ‚unpassend‘. Meine harten Gummistollen hat man eigentlich für die weich-wiesigen ‚Fells‘ Nordwestenglands konzipiert. Das Gelände hier ist aber so ziemlich das Gegenteil und das Fehlen einer Steinplatte sowie die hauchdünne Sohle eine dementsprechende Stimulation der Nervenenden.

Es hilft nichts. Ich sehe es als Lektion und gebe mich wieder der Natur hin. Nachdem wir Kühe gesehen haben begegnen wir der nächsten domestizierten Spezies Tier: Dem Schaaf. Die Herde sitzt seelenruhig ein paar Meter über uns und frisst Gras. Wir grüßen und ziehen weiter bis sich vor uns der ‚Öhrli‘ aufbaut. Ein riesiger Felsblock. Während wir also in steilen Serpentinen Richtung äußerer Flanke des Massivs kraxxeln, hagelt es ein paar Meter neben uns Steine. Ohne diesen akustischen Hinweis hätten wir die drei Gämse nie erblickt. Ich frage mich, ob diese Tiere schweben, denn Felsvorsprung kann man das, worauf diese schönen Tiere stehen nicht nennen. Im Angesicht des Todes necken sich die drei Gämse gegenseitig.

Wir erreichen die Außenflanke des Öhrli und erblicken hoch oben auf dem Grat weitere Gämse, welche uns zuschauen wie wir nach dem nächsten Panorama gieren…

Den Öhrli im Rücken, das Tal vor uns, Wolken über uns, Wolken unter uns. Niemals hätte ich gedacht, wie facettenreich die Alpen in dieser Wetterlage sein können!

Mit weichenden Wolken gewinnt die Sonne an Kraft. Es wird warm. Je näher wir dem Säntis kommen, desto näher kommen wir der Wolkendecke. Feucht-flauschig legt sich die Decke um uns.

Das Gelände wir immer schroffer und das Fiepen der Murmeltiere sowohl lauter als auch zahlreicher. Wir freuen uns, als wir ein Murmeltier sehen, welches auf einem Ausguck sitzt, als wir ein weiteres sehen, welches Seelenruhig ein paar Meter vor uns den Bergwanderweg überquert. Das drollige Tier mit seinem wackelnden Hintern entlockt uns beiden ein: „Ooooh, wie süüüß!“.

„Jetzt fehlen nur noch Steinböcke“ denke ich, als ich aufgefordert werde, mal nach schräg links zu schauen und leise zu sein. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben. Sieben Steinböcke grasen keine 5 Meter neben uns. Majestätische Tiere sind das, in deren Anwesenheit ich mich nicht sonderlich wohl fühle. Vorallem da sie uns argwöhnisch beäugen und ziemlich große Hörner haben.

Was dann folgt ist eine Kletterpartie sondergleichen. Den Nebel kann man förmlich schneiden und der Wanderweg verläuft senkrecht in die Höhe. Die Stahlseile sind weder sonderlich straff noch vertrauenserweckend. Ich benutze sie lieber nicht. Die Stufen sind in den Fels gehauen oder mit Tritten versehen, die in die Kategorie „Vintage“ fallen.

Ich bleibe stehen, schaue mich um und hole Luft. Ich spüre die Präsenz der Stille neben mir, wie sie uns begleitet und mich an meinem Hintern in die Höhe schiebt. Der Nebel flüstert mir, dass er mit der Stille sehr gut befreundet ist. Sie kommen immer zu Zweit und schotten den, der es wagt, von seiner Umwelt und dem Tummeln der Täler komplett ab. Sie sind unser Schutzschild und nehmen der senkrechten Wand, an deren Ende uns der Gipfel des Säntis‘ erwartet, ein wenig den Schrecken. Nur ein wenig. Die sogenannte „Himmelsleiter“ trägt ihren Namen völlig zu Recht.

Aus völliger Stille und sommerliche Bergkälte treten wir ein in ein vierstöckiges Touristenparadies. Im Erdgeschoss ein Drehorgelspieler in feinem Zwirn, vor dem Bildschirm in der Fernsehecke eine Horde Menschen, die sich die Tiere, denen wir eben erst begegnet sind, auf dem Bildschirm angucken. Der Souvenirladen führt Schweizer Taschenmesser, Kulis, T-Shirts und sonstigen begehrten Klimbim, welche die Leute, die mit der Seilbahn hochgefahren sind erstehen können. Ein Selbstbedienungsbistro, eine Toilettenetage, ein Panoramarestaurant und ein Gipfelplateau, der einen so guten Betonbelag hat, dass es ein Skatepark sein könnte. Wir fühlen wie Außerirdische, obwohl wir aus Liebe zum Berg doch zu Fuß aus dem Tal gekommen sind. Die Gruppe Wanderer aus dem Berggasthaus Schäfler sitzt im Foyer und vespert. Bei all‘ der Entfremdung schreiben wir unseren Eltern eine Postkarte und essen ein paar Nudeln. Wenn man denn schonmal da ist…

Es geht auf dem Lisengrat hinunter zum Berggasthaus Rotsteinpass, unserem Schlafplatz für den heutigen Tag. Der Grat ist technisch anspruchsvoll (und durch meine Schuhwahl noch ein wenig mehr), ziemlich ausgesetzt und bei schönerem Wetter wohl sehr „panoramig“.

Wir erreichen unsere Unterkunft, duschen und sind pünktlich zum Abendessen im Hauptraum. Lauter Bergliebhaber sind hier und die Gruppe Wanderer ebenfalls. Als die versprengte Gruppe komplett ist, gibt es eine hitzige Diskussion. Manch einer möchte weiterziehen, der Großteil der Gruppe entscheidet sich, dem Wandertag ein Ende zu setzen. Unter denen die noch über den Altmann wollen ist auch ein Mann mit dünnen Fußballshorts, ziemlich ausgelatschen Straßenlaufschuhen, einem völlig durchnässten Baumwollshirt (welches vor ca. 3 Stunden auch schon nass war) und einer umgedrehten Truckermütze. Ich frage mich, wie leichtsinnig man sein kann, vorallem weil es mittlerweile in Strömen regnet und die Begehung des Altmanns eine nicht ungefährliche Sache ist.

Die Hüttenwirte sind sehr freundlich und zuvorkommen und bieten uns ungefragt einen Nachschlag an.

Im Matratzenlager wiegt mich ein Konzert aus Schnarchen in einen losen Schlaf.

Mein neues Lebensjahr beginnt so, wie das Alte aufgehört hat: Kalt. Neblig. Trüb. Aus der Episode gestern habe ich meine Lektion gelernt und bestehe darauf, den Altmann nicht zu begehen. Es ist sehr kalt am morgen, es hat die ganze Nacht geregnet und das Schuhwerk ist für eine gefähriche Kletterpartie nicht geeignet.

Wir laufen hinunter zur Meglisalp und begegnen drei Alpenschneehühnern, die träge den Weg räumen.

Je weiter wir hinunterkommen, desto mehr Menschen begegnen wir. Highlight des heutigen Tages ist der Weg oberhalb des Seealpsees, der an Ausgesetztheit den Wegen hoch oben in nichts nachsteht. Ich stelle mir das schottische Hochland ähnlich vor: Wolkenverhangen, feucht und nass. Die Menschenmassen werden immer dichter und an dem Parkplatz, an dem gestern morgen nur ein einziges Auto stand, platzt aus allen Nähten.

Jeder Besuch in den Alpen hat eine lehrreiche Lektion für mich parat und diese gleich mehrere. Zusammenfassend für bisher alle Alpenbesuche kann ich sagen, dass es sich IMMER lohnt. Auch bei „schlechtem“ Wetter wie an diesem Wochenende. Die Wahrscheinlichkeit, die Berge für sich zu haben ist ebenso groß wie (aus eben diesem Grund) den einheimischen Tieren zu begegnen. Die Sinne, die bei schönem Wetter sonst eher eine Nebenrolle spielen, werden sehr intensiv stimuliert. Man fühlt den Regen und wie feuchte Wolken über den Grat und die Haut an einem vorbeiziehen. Man riecht den Untergrund: Feuchter, sandig-lehmiger Boden richt anders als nasser Fels oder Schnee. Vorallem aber hört man. Und zwar NICHTS! Die Wolken bzw. der Nebel absorbieren sämtliche Geräusche, die aus dem Tal kommen könnten und lassen einen allein mit dem Rauschen seines Blutes, seinem Atem und dem verdammten Tinnitus, die einen an „jugendlichen Leichtsinn“ erinnern.

Viel öfter sollte man seine Abenteuer selber planen und organisieren. Neugierig sein und Gegenden erkunden. Herzblut in ein Projekt stecken und sich von der Ungewissheit lotsen lassen. Oft sind die Läufe, an denen man geringe Erwartungen hat, die schönsten und oft ist die falsche Abzweigung am Ende die richtige.

2 Gedanken zu „Geburtstag am Säntis.

  1. Chris sagt:

    Sehr stimmungsvolle Bilder, super!

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