Der Eiger Ultratrail.

Ob sich Heinrich Harrer damals auch schon den Kopf gestoßen hat, als er zum ersten Mal den Holzverschlag betrat um danach die Eiger Nordwand zum ersten Mal zu begehen? Mein Kopf ist jedenfalls gut gepolstert, als ich mir an diesem Freitagabend den Kopf zum ersten Mal an der Türschwelle Stoße. Die vom Organisationskommitee kontrollierten Rucksäcke schmissen wir in die Ecke, die Pasta-„Party“ lag hinter uns, das Briefing hat uns gehörig nervös gemacht, so dass wir uns entschieden uns für 20 Schweizerfranken 4 Dosenbier auf der Straße vor unserer Nachtresidenz zu gönnen. Wir, namentlich der Reiseleiter und Busfahrer Carsten, seine Frau und Teampartnerin Nadine, meine Freundin un Teampartnerin Catrice und meiner einer,  blickten in das abendliche Grindelwald und zeigten auf die Bergkette vor uns. Die „Oma“, wie wir die Haushälterin liebevoll nannten bot uns ein paar Stühle an, da wir doch auf dem harten Asphalt saßen. Die Stühle lehnten wir ab, den Hinweis, dass die Eiger Nordwand gleich hinter uns ist und nicht „irgendwo dahinten“ nahmen wir jedoch dankend an. Verdammte Touries. Für den mangelden Komfort entschädigt der Blick auf das Wetterhorn, den ich im Bett liegend zwischen meine Füße nehme. Erwartungsgemäß schlafen wir alle schlecht, frühstücken widerwillig und reihen uns ein in die Horde Menschen, die um 6:00 Uhr in der früh auf die Berge losgelassen werden sollte…

Team Eichhörnchen „schwarz“ und Team Eichhörnchen „weiss“ wünschen sich gegenseitig viel Spaß und starten in das Abenteuer mit dem Namen „Eiger Ultratrail E51“. Der Strom rucksacktragender Menschen strömt hinauf zur ersten Verpflegungsstation „Oberer Gletscher“. Als Mixed-Couple Team „THR33KY„, bestehend aus mir und meiner Freundin Catrice, betreten wir die „Labestation“. Bis hierher hatten wir schon einige Höhenmeter in den Beinen und ein Gefühl dafür bekommen, was uns noch erwarten sollte: Toll ausgestatte Verpflegungsstationen, atemberaubende Ausblicke und Begegnungen der besonderen Art. In diesem Fall sehe ich dabei zu, wie ein Pferd versucht, einem Läufer seinen Energieriegel zu klauen. Blicke ich an dieser Kulisse vorbei, sehe ich linkerhand das Wetterhorn, mittig die Ortschaft, am Horizont den Eiger und rechts den Trail, der uns weiterführt…

Der Blick zurück.

Kurz vor VP1: „Oberer Gletscher“

Ich habe großen Respekt vor dem ersten Teilstück. Die erste Zeitnahme an VP3: „First“ liegt 13km und etwas über 1000 Höhenmeter vom Start entfernt. Zudem tritt bei VP2: „Grosse Scheidegg“ das ein, was ich die ganze Zeit befürchtete: Dünne Luft. Ab hier bewegen wir uns für die Hälfte des Rennens über 2000 m ü. NN. Mein Kopf schmerzt und mir wird ein wenig übel. Liefen wir bis hierher noch auf das Wetterhorn zu, so laufen wir jetzt parallel zu Eiger, Jungfrau und Mönch. Es ist der Anblick, der jedes körperliche Leid mildert und uns für die gesamte restliche Zeit des Rennens begleiten sollte. Für die nächsten Stunden sollten wir zudem ein 180° Panorama der Berge genießen, jeder Winkel schöner als der andere.Der Blick!Höhenmäßig geht es stetig bergauf, gefühlsmäßig stetig bergab. Der Schädel pocht mit jedem Schritt und ich erinnere mich an Scott Jureks – ein wenig archaisch anmutendes – Mantra: „This is what I came for!“. Tatsächlich hilft es enorm, denn der Blick auf die Bergkette und die Tatsache, dass es alles andere als selbstverständlich ist, an einem der schönsten Flecke der Erde laufen zu dürfen (und zu können!) heben die Laune ein wenig. Cati scheint von alldem nicht viel mitzukriegen, denn vier Mal muss ich sie um Geduld bitten. Glücklicherweise hat sie die vergangenen Wochen in Bolivien verbracht (die Stadt liegt so hoch wie der höchste Punkt der Strecke) und wäre sie nicht in meinem Team, hätte ich sie des Blutdopings angeschwärzt. Jedenfalls jammert hier gerade nur einer von uns 😉

Wir erreichen VP3: „First“ und werden empfangen von einer Horde Menschen, die im Kanal vor der Verpflegungsstation jeden anfeuern, der vorbeikommt. Es ist schön, die Wertschätzung wildfremder Leute zu erfahren und tut unseren Seelen gut. Während ein älterer Herr meinen Klappbecher mit Wasser füllt, frage ich ihn, wie es ihm geht. Verdutzt blickt er mir in die Augen und lächelt. „Danke, gut!“ erwidert er. Man sollte sich auch mal bei den Helfern bedanken, die die Hektik und die Launen der Läufer klaglos ertragen und immer freundlich sind. Aus dieser guten Tat und der Tatsache, dass wir eine Stunde auf das Zeitlimit haben, schöpfe ich Kraft. Das Feld wird wieder voller, da nun auch einige E101er dazustoßen, die an diesem VP eine Schleife drehen müssen. Für mich bedeutet es Stress und ist einer der Gründe, warum ich mich so rar mache was Wettkämpfe angeht. Gescharre und geklimper vorne und hinten. Aktive und passive Überholmanöver, jeder auf der Suche nach seinem Rythmus.

Das Trailläufer Touries in Laufschuhen sind, sehen wir am Bachsee. Wir laufen Slalom um andere Läufer, die ein Erinnerungsbild von dem (aus dem Imagevideo) so berühmten Bergseepanorama schießen, bloß um uns etwas abseits selber ablichten zu lassen.

Bachsee.Vom Bachsee aus sieht das „Faulhorn“, die 5. Verpflegungsstelle und mit 2680m der höchste Punkt der Strecke, garnicht so weit weg aus. Vorallem auch nicht so weit oben. Doch ehe wir auch nur ansatzweise in die Nähe des Faulhornes kommen, entfernen wir uns davon und laufen eine ziemlich große Schleife. An VP4: „Oberläger Bussalp“ angekommen schlürfe ich kühles Wasser, nasche ein paar Chips und schaue mir den zeitlosesten aller Blockbuster an: „Eiger, Mönch und Jungfrau – Judgement Day“. Bis ich diese Chips bekam wühlte ich mich durch andere Läufer durch, die (immernoch) nicht begriffen haben, dass so eine Verpflegungsstation nach dem „Fruchtfliegenprinzip“ funktioniert: Man stürzt sich gierig auf die Nahrung, bis man verscheucht wird, bloß um danach wieder auf die Nahrung zu stürzen. Einige bleiben beharrlich vor den Früchten stehen, so dass sich ein „Kruste“ bildet. Aber lassen wir das. Es ist jedenfalls ein weiterer Grund, warum ich mich so rar mache bei Wett“kämpfen“: Fehlendes Gemeinschaftsgefühl und mangelndes Studium des Wettkampfknigge.

Zwischen der „Oberläger Bussalp“ und dem „Faulhorn“ komme ich am tiefsten Punkt meines Tals der Tränen an. Mein Magen knurrt, gleichzeitig ist mir übel. Mein Schädel pocht stark, obwohl es bergauf geht. Ich friere, habe aber weder Kraft noch Lust, meine Jacke aus dem Rucksack zu holen.

Freunde.In diesem Augenblick sehe eine der zahlreichen Kühe am Wegrand. Es klingt komisch, aber Kühe haben einen sowohl beruhigenden als auch ermutigenden Einfluss auf mich. Entspannt grasen sie, bimmeln vor sich hin, widerkäuen und werfen uns Läufern gleichgültige Blicke zu. Sie haben eine Aura der Ruhe um sich und einen Blick, der ermutigt. „Das Leben ist schön!“ sagt mir auch diese Kuh, als ich sie mehr vollschwitze als streichle. Sie leckt an meinem salzigen Oberschenkel, gibt mir einen stupst und sagt: „Weitermachen!“.

Und so greife ich mit meinen verschwitzten Händen in die Schlaufen und stöckel weiter gen „Faulhorn“. Das mental schwierige an dieser Sache ist, dass man in weiter ferne die Läufer auf dem Grat sieht und die Rufe der Zuschauer hört, während man selbst gefühlt garnicht vom Fleck kommt. In dieser schwierigen Situation bin ich froh, Cati neben mir zu haben. Verschont von meinem Leid albert sie rum und bringt mich zum lachen. Es lenkt ab. Darüber hinaus zwingt sie mich zur Pause und dazu, meine Jacke anzuziehen.

Wir kommen dem Faulhorn immer näher und als wir die Serpentinen zum Berghotel hinauflaufen wird mein Hals ganz trocken und meine Augen feucht. Worte und Bilder können nicht wiedergeben, wie sehr mich dieser Moment ergreift. Zu dem Panorama von Eiger, Mönch und Jungfrau gesellt sich das Panorama von Brienzer- und Thunersee. Es ist ein Moment der Demut. Der einmaligen, einen umgebenden Natur gegenüber und sich selbst gegenüber. Ich bin gesund und in der körperlichen Verfassung hier hochzulaufen. Ich habe mich durchgebissen.

Es ist kalt und windig, die Wolken geben das schöne Panorama nur temporär her. Wir verpflegen uns und beginnen mit dem Abstieg. Als ob jemand einen Schalter umgelegt hätte, geht es mir schlagartig besser. Die Übelkeit vergeht, die Kopfschmerzen lassen nach. Zum Wind gesellt sich Regen, just in dem Moment in dem die Strecke zunehmend gerölliger und felsiger wird. Der Staub wird zu Schmierseife und in meiner Umgebung häufig geflucht. Der steile, geröllige Abstieg zum Berghaus Männdlenen ist gemeingefährlich. Weder die losen, glitschigen Steine noch das Fixseil bieten sicheren Halt und in der schluchtähnlichen Fels-Geröllpassage heulen unsere Bänder. Ich fühle mich in solch widrigen Bedingungen ziemlich wohl. Regen, ein wenig Wind, Wolken und Temperaturen, die mein südländischen Blut nicht gefrieren lassen. Mein Typ-Nordischer Teampartner formulierte es passend: „Wenn die Beine vom Hochlaufen so heiß sind, spürt man das Wetter ganz besonders an den Beinen, wenn die kalten Regentropfen kribbelnd kühlen.“

Nicht nur die Natur hat seine Launen, auch unser Team hat seine. Während ich mich in meinem Element wähne und auf dem nassen Geröll surfe, flucht jemand hinter mir.

Blicke.Mein plötzlich gute Laune wird mit bösen Blicken abgestraft und wie anstrengend mein frötzelnde Art sein kann, bemerke ich an dem Shitstorm, der zusätzlich zum Regen auf mich einprasselnd. Ich habe mir sagen lassen, dass das nunmal so ist bei Ultraläufen, vorallem wenn man sie gemeinsam mit seinem Partner erlebt.

Unsere Launen haben auch ein Profil und es geht auch schnell wieder bergauf damit, vorallem als wir auf dem Grat Richtung VP6: „Egg“ laufen. Rechterhand Brienzer- und Thunersee und eine Fußbreit neben uns ein Abgrund in die Tiefe. In diesem Moment kreist ein Helikopter über uns und filmt. Wir versuchen, möglichst entspannt und locker zu laufen und ich, meinen Bauch ein wenig mehr einzuziehen. Mal sehen, ob mir das gelungen ist.

Der Abstieg vom Grat wird begleitet von ein paar haarigen Stellen. Wir laufen sowohl am Abgrund…

Der Abgrund.…als auch in „asozial“ verwinkelten Hobbitwäldern:

Hobbitwald.An VP7: „Schynige Platte“ angekommen, erblicke ich eine Frau, die schmerzverzerrt auf die Massageliege steigt, während ich nach Chips und Cola greife. Der Abstieg ins Tal beginnt und wird beschwerlich. Das Rutschen auf den steilen Schotterpassagen ist schon kein Zuckerschlecken, als sich noch Asphaltstraßen dazugesellen. Auf denen kann man nicht surfen, die Stöße gehen 1:1 in die eh‘ schon nichtmehr ganz frischen Beine. An VP8: „Burglauenen“ erreichen wir die letzte Verpflegung und wieder werden wir von vielen Zuschauern begrüßt, die neben ihren eigenen Angehörigen auch uns supporten und uns ihren Respekt aussprechen.

Die letzten Kilometer laufen wir auf dem Fahrradweg, als die Sonne allmählich rauskommt und mit voller Wucht auf uns prallt. Asphalt tut weh, besonders, wenn es auf dem letzten Stück ist. Wir sehen den letzten Anstieg. Eine nahezu senkrechte Straße, an derem oberen Ende sich Zuschauer hingesetzt haben und unser Elend beobachten. Einheimische haben Sprenkleranlagen und Schläuche auf die Straße gerichtet, an denen wir uns kühlen. Der Anstieg spuckt uns auf der Grindelwälder Hauptstraße aus, an dem uns jeder zujubelnd: Läufer, Angehörige, Einheimische und Touristen, die mit Laufen nichts am Hut haben. Neben 51km und 3100 sowohl positiven als auch negativen Höhenmeter haben wir auch unsere eigenen Hochs und Tiefs hinter uns, als wir Hand in Hand ins Ziel einlaufen und einfach nur stolz sind.

Wir empfangen unser verdientes Finishershirt und bekommen anstatt einer Medaille einen Stein vom Eiger. Ein sehr originelles Geschenk, wie ich finde. Im Ziel sehen wir andere bekannte Gesichter und ist gemeinsam froh über das geleistete und stolz. Jeder hat ein Lächeln auf den Lippen und verströmt neben Schweiß auch gute Laune. Wir empfangen unsere Freunde Nadine und Carsten. Erschöpfung und Stolz stehen auch ihnen ins Gesicht geschrieben.

Den Abend lassen wir bei einem ausgiebigen Abendessen ausklingen und lassen das Erlebte sacken. Wenn ich ihre Erlebnisse so höre, meine ich, hinter ihnen gelaufen zu sein. Es ist eine der Sachen, die mir bei Wettkämpfen so sehr gefallen: Die Emotionen und Geschichten nach dem Lauf. Sie bereichern den eigenen Lauf, das eigene Erlebte, zusätzlich. Bei Sekt lassen wir den Abend in unserem verholzten „Wintergarten“ ausklingen und schauen hinauf zur Eiger Nordwand. Wir sehen die Stirnlampen der E101er aufblinken, als es sehr laut und sehr hell wird. Das angekündigte Gewitter wütet in aller Härte und die immer heller werdende Hütte deutet darauf hin, dass das Rennen unterbrochen ist. Wir hoffen, dass unsere Freunde auf der Strecke wohlauf sind und das ein jeder gesund ins Ziel und zu seinen Angehörigen kommt.

Erschöpft falle ich auf mein Bett, blicke durch das offene Fenster auf das nächtliche Wetterhorn, atme frische Alpenluft und Regen ein und falle in einen tiefen, festen und gerechten Schlaf.

Grindelwald.Während der gesamten Autofahrt schlafe ich. Wir verabschieden uns bei Reiseleiter und Busfahrer Carsten und seiner tollen Frau Nadine, mit denen wir dieses Wochenende so viel Spaß hatten. Weiterhin möchte ich mich bei Joachim und Claudi bedanken, die ich bei meinem Odenwälder Revierguide vor knapp einem Jahr zum ersten Mal sah und welche uns ihren Startplatz überliesen. Schade, dass ihr das nicht erleben konntet. Ein weiteres großes Dankeschön geht auch an die Organisatoren und die vielen Helfen, die stehts freundlich und gut gelaunt waren. Ohne Helfer funktioniert keine Laufveranstaltung!

Ein besonderes Dankeschön geht an meine Freundin und Teampartnerin Catrice. Für einfach alles.

„Sie werden in ein großes Loch fallen. Irgendwann. Ganz bestimmt. Aber auch das werden sie wieder rauskommen. Immer wieder.“ sagte mein Mentor (Danke an Prof. R. Bruder) an der Uni vor ca. sechs Jahren zu mir. Es trifft nicht nur auf das akademische Studium, sondern auch auf das Studium des Laufens zu. Allmählich klettere ich aus dem Loch wieder hinauf und was ich mitbringe ist eine große Portion Demut und Respekt den eigenen Leistungen gegenüber. Auch wenn es Leute gibt, die diese 51km in ihrem enormen Jahrespensum so nebenbei laufen können, ist es für mich etwas sehr besonderes. Sehr viel besser als damals, weiss ich diese Leistung einzuordnen und zu schätzen. Schritt für Schritt erarbeite ich mir das Selbstbewusstsein wieder, welches damals so selbstverständlich war. Die Angst und die Hemmungen weichen einer großen Lust, solch ein intensive Odysee der Gefühle noch einmal zu erleben und seine Grenzen weiter auszuloten. Ultras laufen ist unglaublich lehrreich. Sich selbst und seiner Umgebung gegenüber. Wir lernen Demut, Ausdauer und Respekt.

Und wie die Kuh mehr von meinem salzigen Schweiß wollte, will ich mehr von diesen bittersüßen Kilometern.

Ein Gedanke zu „Der Eiger Ultratrail.

  1. Spitze Bericht, ich hatte Tränen in den Augen 🙂

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