Seelenruhe.

Als ich dieses Mal auf die Supermarkt-Kasse zugehe, denke ich, dass ich optimal vorbereitet bin. Ich habe Kleingeld, kleine Scheine, meine Stoffbeutel zum Verstauen der Einkäufe und eine Taktik: Ich lege meine Ware kategorisiert auf das Band: schwer, leicht, stabil und kaputtbar sind die Adjektive, die meine Taktik beschreiben. Doch meistens fische ich eher Taschentücher und Fussel aus der Hosentasche als die kleinen Centstücke die ich unbedingt loswerden möchte und oft wird die Ware des nächsten Kunden über das Piepgerät gezogen, während ich noch packe.

Schwer bepackt laufe ich durch die Fußgängerzone und manövriere meine Einkäufe durch eine Menschenmenge, die stumpf geradeaus zu gehen scheint oder demonstrativ im Weg steht. Verlasse ich dann den markierten Gehweg, begebe ich mich in Lebensgefahr, da Fahrradwege die innerstädtischen Autobahnen sind. Zu Hause angekommen schnaufe ich durch und denke an die nächste Route in die Einsamkeit: Dieses Mal sollte es die Hochflue (1698m) im Rigi-Massiv der Schweiz am schönen Vierwaldstätter See sein.

Wir parken in Gersau, einem Örtchen direkt am Vierwaldstätter See, beschauliche 435 Meter über dem Meer liegend. Der ganze Ort ist in das Rigi-Massiv gemeißelt und hat ein paar Einwohner mehr als die Hochflue Höhenmeter. Dementsprechend schnell verlassen wir den Ort und treten ein in die schmalen Pfade des Waldes, welche sich wie das Gewinde einer Schraube in den blauen Himmel bohren.

Alm.Wir verlassen den Wald und stehen am Fuße der Ochsenalp, einer nahezu senkrechten Wiese. Wenn ich meine Arme im rechten Winkel ausstrecke, kann ich Grasbüschel ausreissen. Wir kraxxeln die Wiese hinauf, ein laues Lüftchen umweht unsere Nasen, in die der Geruch frisch gemähten Rasens steigt während das Geläut der Kuhglocken unsere Ohren schmeichelt.

Oben an der Ochsenalp erhaschen wir einen ersten Blick auf den See. Das Alpengefühl ist präsent: Wenn die Beine brennen, der Schweiß strömt und der Blick hinauf zum flirrenden Horizont das Ende des Anstieges vermuten lässt und die Lunge eine Verschnaufpause erwartet, bloß um festzustellen, dass es gleich weiter senkrecht hinaufgeht dann, ja dann ist man in den (Vor)Alpen.

Je weiter unser Weg hinauf führt, und je blauer unsere Beine werden, desto mehr weiss sehen wir am Horizont. Die Alpen thronen majestätisch hinter den umliegenden Bergen und ermöglichen tolles Panorama für jeden, der bereit ist, weit genug in den Himmel zu laufen.

Unser nächstes Ziel ist die Alp Zilistock, für dessen erreichen wir duch einen düsteren Wald und über äußerst schmale Pfade müssen, an deren Rand es ziemlich steil bergauf oder -ab geht. Auf der Alp Weiden Kühe, deren Milch mit einem Lift ins Tal befördert wird. Kurz oberhalb der Alm beginnt der alpine Pfad, der uns zur Hochflue bringen sollte. Ich lerne, dass die weiss-rot-weiss markierten Wege (Berg)Wanderwege und die weiss-blau-weissen Wege alpine Pfade sind, bei deren Begehung man auch mal an Fixseilgesicherten Stellen oder Leitern vorbeikommt. Darüber informieren uns die Schilder am Anfang des alpinen Pfades. Für die erschwerten Bedingungen bietet sich uns auch folgender Anblick:

Zwischen Zilistock und Hochflue.Mit Händen und Füßen klettern wir auf den felsigen und immer steiler werdenden Wegen Richtung Hochflue, bis wir auf eine Fixseilgesicherte Felswand zulaufen.

Ich blicke zurück und mir stockt der Atem: Es ist ein unfassbar schöner Tag in einer unfassbar schönen Gegend, ich habe eine unfassbar schöne Begleitung und wir sind unfassbar einsam. Erst an der Fixseilpassage kommen uns Wanderer entgegen, während auf dem Gipfel ganze drei Menschen sind.

Hochflue.Es sind die Momente die ich am meisten genieße: Sich körperlich verausgabt einen tollen Ausblick verdienen und sich eine gehörige Portion Stille genehmigen. In der Einsamkeit und der Stille der Natur und der entlegenen Orte finde wir die Kraft, die uns ein hektisches Stadtleben oft raubt. Hier können wir uns frei machen von den Erwartungen, die andere und wir selbst an uns haben. Man sollte viel öfter einfach fließen und sich treiben lassen von seinen Emotionen, den eigenen Launen und der Umgebung.

Die Leiter hinab.Ich mache mit meinen Augen ein 360° Panorama für die Galerie in meinem Gedächtnis und nehme mir vor, dieses Bild hervorzukramen beim nächsten Mal, wenn ich an der Kasse hektisch mein Kleingeld sortiere.

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