Schwarzwald Episode I: Odysee der Rauten

Reliefkarte Schwarzwald.

Heute breche ich eine Lanze für Wanderwege. Grund dafür ist die hervorragende Markierung und das schier unendliche Wegenetz des Schwarzwaldvereins. Vielleicht hole ich kurz aus und erzähle von der Ernüchterung eines jungen Läufers und dem Lernprozess der damit einherging.

Am Hochblauen.

Voller Tatendrang kaufte ich eine GPS-Uhr mit barometrischem Höhenmesser und Navigationsfunktion, sowie die Wanderkarte der Region „Bergstraße/Odenwald“ eines nach einem analogen Navigationsinstrument benannten Unternehmens. Eher grob zeigte die Karte meist die großen Wanderwege der Region, die ich dann Ablief. Viele Teilstücke gingen über Forstwege, machten Umwege in Ortschaften anstatt im Wald zu bleiben und ließen so manchen schönen Trail links liegen. Beim Ablaufen mehrerer Teilstücke des Spessartbogens erreichte die Ernüchterung ihren Höhepunkt. Gefühlt nahm dieser Weg jede Ortschaft am Weg mit, führte über offene Wiesen und Felder.

Am Hochblauen.

Was ich nicht wusste ist, dass ein Hauptaugenmerk von Wanderwegen auch die „Einkehr“ bzw. die „Brotzeit“ ist. Bewusst führen die Wege also auch durch Ortschaften oder über Bänke, die an Schotterwegen auf offenen Wiesen stehen, um sich der Naturromantik zu widmen. Breitensporttauglich werden die Wege bewusst auch mal über Forstwege geführt oder Trails eingeebnet (wie am Nibelungenpfad geschehen). Damals wusste ich all‘ das aber nicht.

Am Feldberg.

Entnervt erklärte ich die Wegplanung zur Chefsache. Lediglich mit gpsies.com und meiner Laufuhr bewaffnet zog ich los, die dünn-schwarz gestrichelten Trails abzulaufen. Erneute Ernüchterung: Manche Trails waren keine Trails, manche Trails waren so verlassen und überwuchert, dass ein Ablaufen schier unmöglich war oder ich entdeckte Trails, die im auf OpenStreetMaps basierenden Kartenmaterial garnicht eingezeichnet waren. Hinzu kam, dass mich mein Armbandnavigationsgerät in größter Unkenntnis und ohne Karte gelegentlich im Stich ließ, so dass ich meinen Zeigefinger anlecken und mich auf Gut-Glück nach Himmelsrichtung orientierte und entnervt in die/den nächste(n) Bus/Bahn/Straßenbahn einstieg.
In diesem Trailvakuum lief ich die mir bekannten Wege ab und gab die Expeditionen ins Ungewisse temporär auf. Bis meine Freundin kam und mir einen Rother Wanderführer in die Hand drückte. Etwas spöttisch sagte ich: „Das ist doch ein Wanderbuch!“ und ließ mich doch eines besseren belehren. Dieses Wanderbuch zeigte uns die krassesten und schönsten Flecken der Costa Brava im katalonischen Nordspanien und das spanische Verständnis von „Wanderweg“. Eine kursive Kurzbeschreibung der Etappe, ein paar detaillierte Kurzinformationen, ein Bild der Strecke, ein detaillierter Text mit dem man sich prima orientieren konnte und das Höhenprofil der Strecke sowie ein Kartenausschnitt basierend auf OpenStreetMaps. Ich mag OpenStreetMaps.

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In der neuen Heimat angekommen kaufte ich mir den Wanderführer für den Südschwarzwald, blätterte ein wenig und lief einige der Routen ab. Vorzugsweise die „schwarzen“ Routen. Die haben die meisten Höhenmeter, die schmalsten Trails, die längsten Distanzen und die schönsten Ausblicke. Kommen also dem am nächsten was unsereins toll findet.
Die Wegbeschreibung war so detailliert wie einfach: „Folge gelber Raute bis Kreuzung XY, dann auf blaue Raute bis Markierung AB, Rückweg auf Querweg Freiburg-Bodensee über Berg CD bis Ziel.“

Am folgenden Tag plünderte ich mein Sparschwein und kaufte mir im Freiburger Landkartenhaus (ein Paradies!) mehr von diesen tollen, kleinen, roten Wanderführer und ein Dutzend Wanderkarten, welche mir der unscheinbare und doch kompetente Mitarbeiter ans Herz lag. Lässiges Shirt, Bart, zerschlissene Jeans und Sneaker.
Ich verschlang diese Bücher, ließ und (lasse mich immernoch) inspirieren und erstaunte ehrfurchtsvoll von der Arbeit des Schwarzwaldvereins. Ein Wegenetz von dem die Deutsche Bahn nur Träumen kann und eine Abdeckung entlegener Landschaften, die man sich von seinem Mobilfunkanbieter für seine Netze wünscht.

Westweg.

Um die Odysee der Rauten zu verstehen habe ich eine Weile gebraucht. Neben den Fernwanderwegen, welche mit verschiedenfarbigen und mit Symbolen versehenen Rauten gekennzeichnet sind gibt es die regionalen Wanderweg, die alle mit blauen Rauten markiert sind und Landschaften sowie Ortschaften miteinander verbinden. Letztlich bleiben die örtlichen und mit einer gelben Raute versehenen Wege. Wortwörtlich sieht man nun den Wald vor lauter Bäumen kaum. Die Schilder sind so zahlreich, dass man sich in der Freiburger Fußgängerzone eher verläuft als in den Tiefen des Schwarzwaldes.

Schilder.Jeder Standort trägt einen Namen, der auf den zugehörigen Karten des Baden-Württembergischen Landesamtes für Geoentwicklung und Landentwicklung in Kooperation mit dem Schwarzwaldverein verzeichnet ist. Verlaufen ist (fast) unmöglich. In den Rother Wanderführer (Fernwanderwege/Mehrtagestouren) sind einzelne Wanderwege beschrieben und geben Auskunft über den „Trailfaktor“, sofern man in der Lage ist ein wenig zwischen den Zeilen zu lesen. Die Tourenvorschläge geben genau an, wo Forstwege sind und wo schmale Pfade verlaufen. Weiterhin kann man einzelne Teilstücke abändern und sich so seinen perfekten Trails zusammenschustern.

Man kommt natürlich nicht drumherum die Wege selbst abzulaufen und sich selbst ein Bild davon zu machen. Am Ende spielt man Lego und baut sich aus einzelnen Trails die perfekte Runde. Ist sowieso der größte Spaß 🙂

Zusammenfassung:

Ein Gedanke zu „Schwarzwald Episode I: Odysee der Rauten

  1. heinz78 sagt:

    Genial! Werde mir das Kartenmaterial auch mal ansehen ! Deine Berichte machen Laune zu Lesen – mehr davon ! Top

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