Potpourri der guten Laune.

Wenn der „unerträgliche Typ“ am Frühstückstisch mit seinem Glas Nutella prahlt, welches zur allgemeinen Belustigung über Nacht hart geworden ist, der „Ziegenpeter“ einem ein tolles, veganes Restaurant im Schwarzwald empfiehlt, man sich mit dem „Monsieur“ über die Feinheiten deutscher Sprache unterhält, Menschen über 40 sich mit „alte Knitterfresse“ ansprechen, man um kurz nach sieben nicht von einem Hahn, sondern von Hansi geweckt wird, Nicole und Jacob aus Rostock anreisen, Udo zum Zelten fährt und sein Zelt zu Hause vergisst und zwei Meter Hünen in ihrem Zweisitzer übernachten, dann hat man eine Menge Spaß gehabt. Und am 1. TRAIL-Magazin Camp in Lichtenstein teilgenommen.

Zu Helfen gäbe es nichts mehr, teilt uns Kurt mit, als wir am späten Mittwochabend in Lichtenstein eintreffen. Kurt ist Denis‘ Vater und sitzt mit seinem Hund Bonnie im Zelt. Kurt und seine Frau haben hier quasi alles organisiert. Neben uns Carsten, einer der Guides, sowie Nicole und Jacob, die extra aus Rostock angereist sind. Ich führe mir vor Augen, dass die zwei eine ähnliche Distanz zurückgelegt haben wie wir, als wir vor ein paar Wochen in den Urlaub gefahren sind. Uns begrüßte die Sonne der Costa Brava und die verschneiten Gipfel der Pyrenäen, während die zwei von strömendem Regen im beschaulichen Schwabenländle begrüßt werden, um frierend in einem kleinen Festzelt zu sitzen. Das muss Liebe sein, denke ich mir 🙂

Zehn Minuten vor Start des ersten Laufes am Donnerstag, stehen die Teilnehmer in Gruppen zusammen, unterhalten sich und lachen, als uns Denis herzlich in dem Ort seiner Jugend Lichtenstein begrüßt. Er stellt die Guides vor, erklärt die Strecke und den Ablauf. So oft ich das als Revierguide-Reisender schon gehört habe und so bekannt mir der Ablauf ist, ist es doch immer wieder was neues und verliert nie seinen Reiz. Es ist für mich wieder ein Ort an dem ich noch nie war und eine Region, in der ich noch nie gelaufen bin. Bevor wir die landschaftliche Schönheit auffällt, fällt mir die Akzeptanz und die Interesse der Einheimischen auf. Interessiert fragen sie, was wir hier machen und zollen uns Respekt, als wir ihnen es erklären. Ich werde von einer kleinen Gruppe Wanderer ausgefragt und beantworte artig – als Botschafter einer ganz tollen Sache – die Fragen, die mir gestellt werden. Auch wenn ich manchmal Mühe habe, den lokalen Dialekt zu verstehen.

Lichtenstein.Was mir besonders in Erinnerung bleibt sind die Felskanten, auf denen der HW1 verläuft. Die Wälder gehen bis an die Kanten dieser Felsen und hören dort abrupt auf. Die Felskanten kesseln die umliegenden Gemeinden ein, auf die wir herabschauen. Markant ist auch das Schloß Lichtenstein, dass wie ein offen liegender Zahnhals am Unterkiefer namens Felskante thront. Wir fließen über diese feine Linie aus Trails, die dichten Wald und Felskante voneinander trennen. Ich drängele mich vor, weil ich Serpentinen sehe und dann nicht anders kann, als mich mit Herzblut dort hinunterzustürzen. Außer Sichtweite gehe ich dann wieder. Verdammte Eitelkeit.

Ich bin erschöpft, als ich den steilen Forstweg aus der Ortschaft hochsteige und den schmalen Trail über die Wiese vor mir betrete. Ich erlebe einen dieser Gänsehautmomente, die der Grund für meine Ausflüge geworden sind: Als ich mein Haupt erhebe, laufe ich über eine Wiese am Hang. Links von mir thront majestätisch der Waldrand, rechts vor mir kuschelt sich eine Ortschaft an die steilen Felskanten in der nahen Ferne vor mir. An diesem Waldrand mäandere ich über die trockene, brüchige Erde unter mir. Ein Luftzug streichelt meine Gänsehaut, ein Kribbeln steigt an meinem Rücken hinauf, mein Herz hüpft und meine Seele lacht.

Einige Minuten später sitzen wir glücklich und zufrieden auf den Regiestühlen vor unserem bunten Zelt. Ich stürze eine Cola-Orangen-Brause in meinen Rachen und würde das alkoholfreie Bier gern gleich mit dazuschütten, wenn gewisse Benimmregeln mich nicht davon abhalten würden. In kleiner Runde plaudern wir über läuferische Vorlieben und den idealen Schuh, bis wir hungrig ins Zelt pilgern und uns für den Nachtlauf stärken. Im Schein der Stirnlampen schlängeln wir uns wieder die Hügel hinauf, sehen Salamander und Kröten, schlängeln wieder hinunter, schauen motivierende Filme und fallen in unsere Zelte. Sofern wir eines haben.

Die Sorge darüber, ob unser Wurfzelt den strömenden Regen übersteht lässt uns nicht schlafen. Den ganzen Freitag über regnet es mehr oder weniger ununterbrochen und ich bin ganz froh, dass Denis unsere Hilfe gebrauchen kann. Wir erledigen ein paar Kleinigkeiten, ehe die Läufer wieder ankommen und das Rahmenprogramm beginnt. Das Ehepaar Kalmbach erzählt über ihr Läuferleben, ihre gemeinsamen Projekte und inspirieren uns, es ihnen gleich zu tun. Denis hält eine tolle Lesung, die an keinem besseren Ort stattfinden kann als aus seinem Nugget heraus. Nach der Podiumsdiskussion werde ich von Ingrid und ihrem Mann angesprochen. Ihr Mann erzählt mir, dass er zum Lernen immer in die Wälder gepilgert ist während Ingrid mir mit einem Lächeln mitteilt auch am Skyrace mitzulaufen. Samstag.

Wir krabbeln aus dem Bett, Dunstwolken steigen über den Pflanzen gen Himmel hinauf und kündigen einen sonnigen Tag an. Jeder hat brav seinen Teller leer gegessen und gemeinsam steigen wir hinab in den Ort zur Startlinie. Fotos werden geschossen, man wünscht sich viel Spaß und herzt sich. Denis gibt den Startschuss zu einem Rennen, der den Namen „Skyrace“ verdient. Gleich nach dem Start geht es steil bergauf, die Menschentraube lichtet sich ebenso schnell wie sie zuvor zusammengefunden hat. Wettkämpfe trage ich mit mir selbst aus. Auch wenn man pro Forma „gegen“ die anderen Läufer läuft, trete ich meistens „gegen“ meine körperlichen und geistigen Grenzen an. Wenn es mir zu steil ist gehe ich, wenn ich laufen kann dann laufe ich und wenn es bergab geht stürze ich mich hinunter. Das letzte Teilstück der Strecke gefällt (nicht nur mir) besonders gut. Am Steilhang und im Schatten des Waldes rase ich den schmalen Weg entlang und verliere mich völlig in der Natur. Man nennt diesen Zustand „Flow“. In meiner Trainerlaufbahn las ich viele Artikel zu diesem Thema: Wie man den „Flow“ bei seinem Schützling triggern kann, wie man gegnerischen Flow erkennt und unterbricht usw. Müsste ich so einen Artikel verfassen würde ich schreiben: „intensive körperliche Anstrengung bei einem Wettkampf“, „lange und längere Distanzen“, „extreme Wetterbedingungen“, „Abgeschiedenheit“, „Natur“. Ich weiss schon, warum ich am Zenit meiner Hallensportkarriere die Sporttasche eingemottet habe.

Don.Ohne uns mit einem Wort darüber zu verständigen oder eine Abmachung zu treffen laufe ich mit Donald. Mal hat er einen Abstand, mal habe ich einen Abstand, doch unsere Dunstkreise kreuzen sich ständig. Stillschweigend laufen wir gemeinsam ins Ziel. Wir bedanken uns beieinander umarmen uns und fast gebe ich ihm einen Kuss, denn beim letzten Wettkampf im Elsass war es meine Freundin, die mich mit Arschtritten ins Ziel gehievt hat und welcher ich erschöpft um den Hals gefallen bin.

Ich werde ein wenig melancholisch, als meine Freundin und ich in der Abenddämmerung über Passstraßen in den Schwarzwald fahren, den ich seit neustem Heimat nenne. Ich bin Teil einer Subkultur, bei der Leute aus Rostock knapp 900km Autofahrt in Kauf nehmen um sich von der Atmosphäre und der Natur begeistern zu lassen. Diese Subkultur bejubelt die über 60-jährige Ingrid frenetisch, als sie als Letzte in das Ziel einläuft und schafft es, sich drei Toiletten für 150 Teilnehmer und eine Gemeinschaftsdusche zu teilen. Sie lässt Leute in Schlafsäcke eingemummelt im Stuhlkreis sitzen und ausgelassen plaudern, die sich sonst wohl niemals begegnen würden.

Vielen Dank TRAIL-Magazin.

Ein Gedanke zu „Potpourri der guten Laune.

  1. […] aber die total leckere Mischung vom Magnesium-Kalium Stick auf der Zunge zergehen lies, den mir Catrice schenkte, hielten sich Krampfanbahnungen zum Glück in Grenzen und ich konnte den Trail wieder in […]

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