El Gat Azul.

In der letzten Woche habe ich „Born to Run“ und „Eat and Run“ gelesen. Zunächst einmal muss ich erwähnen, dass ich selten zwei Bücher in so kurzer Zeit gelesen haben, wenn keine Schulnoten davon abhingen und desweiteren konstatieren, dass ich jetzt große Lust bekommen habe, einen Ultra zu laufen. Andererseits habe ich auch ein schlechtes Gewissen bekommen, weil ich weder dem Nahtod im Death-Valley entgangen, noch völlig dehydriert aus einer Eseljauchegrube in Mexiko getrunken und dort auch nicht den Tarahumaras um die Wette gerannt bin. Nein, ich traue mich nicht, oberkörperfrei durch die Sonne zu rennen und ich habe auch noch keinen Wettkampf gewonnen. Das einzige was ich gewonnen habe, waren Vollkornnudeln und ein alkoholfreies Bier bei einem Wettkampf, bei dem es lediglich drei Teilnehmer in meiner Altersklasse gab und ich somit auf das Treppchen musste. Aber es muss auch uns geben, damit andere glänzen können: Das gemeine Läufervolk.

Salt de Sallent.

Als selbsternannter Herrscher dieses gemeinen Läufervolks erkunde ich fremde Gegenden. Dieses Mal ist die „Zona Volcànica de la Garrotxa“ an der Reihe, einem Vulkangebiet mit markant-zerfranstem Gebirgsmassiv, welches die Pyrenäen quasi-nahtlos mit dem im Süden bei Girona liegendem Montseny-Nationalpark verbindet. Im Vergleich zu den bisherigen Expeditionen erinnert dieses Gebiet an einen Urwald, dessen markante Punkte wir dieses Mal ansteuern.

Von Start weg geht es in dichte Vegetation, dessen Schwüle uns gleich mit einem feuchten Händedruck empfängt. Die Vegetation ist üppig, artenreich und dafür auch in Spanien bekannt. Wie so oft geht es gleich bergauf und schon bald überqueren wir einen schönen Wasserfall, der uns einen schönen Blick auf den „Salt de Sallent“ bietet. Dem Wasserfall, der unser erster Zwischenstopp ist. Ich frage mich, wie man da wohl hochkommt, denn so weit ist der Wasserfall – rein optisch – nicht entfernt. Die Antwort bekomme ich prompt: Es geht in steilen Steinserpentinen und schmalen Wegchen gen Himmel. Nicht umsonst trägt diese Passage den Namen „les Escales“ (Die Stufen). Die Schwüle setzt mir zu und ich torkele das ein oder andere Mal nah dem Abgrund entgegen. Bald erreichen wir das Plateau (und frische Luft). Es ähnelt einem Tellerrand, auf dessen Kreis wir zum Wasserfall laufen und unseren Blick in den Bauch des Tellers werfen, der mit schmackhaftem Grün gefüllt ist.

Salt de Sallent.

Der Alm-ähnliche Tellerrand endet an einem Fluss aus Steinen, über den ein schmales Rinnsal fließt und den Wasserfall speist. Der Strom aus Schweiss, der an meinem Körper entlang strömt kann in Anbetracht des Bächleins durchaus als „reissend“ bezeichnet werden, was die Schönheit dieses Fleckens Erde jedoch keineswegs trübt. Im Gegenteil erlaubt diese schroffe Kante einen herrlichen Weitblick über die Ebene. Nun weiss ich, was es heisst „über den Tellerrand hinaus“ zu blicken.

Über den Tellerrand.Wir lassen den „Salt de Sallent“ hinter uns und laufen durch die Vegetation auf dem Tellerrand weiter, stets dicht am Abgrund, der irgendwo unten im Nichts endet. Das Gefährliche an der Lauferei am Abgrund ist der schöne Ausblick, der einen zum Träumen verlockt. Wir träumen mit offenen Augen bis wir einem Schneebesen von Wanderschildern begegnet, der uns zu unserem Tagesziel führen soll: dem 1514 Meter hohen „Puigsacalam“.

Der vor uns stehende Abschnitt heisst zwar nicht „les Escales“, aber man kann ja auch nicht jeden Weg so nennen. Jedenfalls steht dieser Abschnitt den Stufen in nichts nach. Mehr noch wähnt man sich auf dicht bewaldeten, schmalen Wegchen in Sicherheit, bloß um im nächsten Atemzug auf eine Batterie Steinserpentinen zuzusteuern, in deren Haarnadel der Abgrund liegt. Ich staune nicht schlecht, denn wir befinden uns auf offiziell ausgeschilderten, markierten Wanderwegen. Diese „Wanderwege“ haben es in sich und ich mag es mir kaum vorstellen, wie hier ergraute Hobbywanderer hochkommen wollen. Verrückt, diese Katalanen.

Wir schlängeln uns hoch, bis wir den Dschungel verlassen und auf eine Gruppe Wanderer stoßen, die uns freundlich lächelnd begrüßen. Ich bekomme das Gefühl, dass die Einheimischen ihre Natur und jeden, der sie ebenso genießt, lieben. War der Ausblick am Tellerrand schon berauschend, ist es der Ausblick hier oben noch mehr. Man könnte sagen, wir haben den Tellerrand verlassen und den Rand der Salatschüssel erreicht…

Garrotxa.

Wir laufen am „Puig dels Llops“ (Hügel der Wölfe) vorbei und Blicken in die Tiefen der Garrotxa. In der Salatschüssel tummeln sich die Ortschaften, die am Fuß der kahlen Steilwände liegen, die das Tal wie eine Terrasse von der  nächsten Ebene trennen, auf denen sich andere Ortschaften befinden. Mir hat sich noch nie ein solcher Anblick ergeben. Es geht weiter hoch…

Steil.

…bis wir den „Puigsacalm erreichen. Er ist einer der höchsten Berge der Garrotxa und lädt uns zur Rast ein. Der Tramuntana kommt hier als laues Lüftchen an, so dass unser stilles Idyll lediglich von den Motorsägen aus dem Tal gestört wird. Dreckige Biester.

Keine Menschenseele weit und breit. Es fällt uns schwer, den Rückweg anzutreten, der uns von der alpenähnlichen Hochalm wieder in den Urwald hinunterführt. Die Serpentinen sind unser Erde gewordenes Mantra, die so zahlreich unseren Weg gen Tal schmücken, dass wir uns in eine Trance laufen könnten, wenn man nicht mit jedem Sinn darauf achten müsste in/auf sein Unglück zu stürzen. Jeder bislang gelaufene Weg ist so steinig, spitz und verblockt, dass jeder Bruchteil einer Sekunde Unachtsamkeit die Bänder unserer Füße malträtiert. Nein, man muss sich nicht in mexikanische Gebirge begeben um sich Gefahren auszusetzen, man kann das auch viel billiger in Katalonien haben.

Das hochkonzentrierte Laufen lässt einen tatsächlich alles um sich herum vergessen und lehrt mich auch die heimischen Wälder zu schätzen, wo man gedankenverloren auf weichen Wegen laufen kann, gelegentlich durch Wurzeln angestupst und nicht mit den scharfen Waffen eine Horde Felsblöcke bedroht. So schön es im Urlaub auch ist, irgendwie freut man sich doch auch wieder auf das heimische Schwarzbrot 😉

3 Gedanken zu „El Gat Azul.

  1. Chris sagt:

    Hört Dein Urlaub eigentlich auch mal wieder auf?? Ist ja der Hammer 🙂

  2. Ely sagt:

    Die einen nennen es „Urlaub“, für den Wetherrscher scheint es eher eine „Mission“ zu sein. Habt eine gute Zeit!

  3. […] ein Wanderbuch!” und ließ mich doch eines besseren belehren. Dieses Wanderbuch zeigte uns die krassesten und schönsten Flecken der Costa Brava im katalonischen Nordspanien und das spanische Verständnis von […]

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