Kind des Revierguides.

Die vergangene Woche hatte ich keine Zeit nervös zu sein. Ich hatte mich auf die Aufgabe „Revierguide“, welche mein Chef Denis und sein Fotograf Gripmaster vor einem halben Jahr an mich herangetragen haben, vorbereitet. Ob das gut war, sollte sich an diesem Wochenende zeigen. Mir bleibt gerade soviel Zeit meine Wohnung sporadisch zu wischen, bevor meine drei Gäste aus dem Westerwald, Essen und Berlin bei mir eintreffen, welche mir Eichhörnchenklamotten, Marmalade, gelbe Zucchini und Malzbier mitbringen.

Mein Chef und sein Fotograf stecken im Stau und können nicht am Vorlauf auf meinen Haustrails teilnehmen. Mit den Gästen des „Hotel Weltherrscher“ und ohne meine Vorgesetzten renne ich los um ihnen meinen Haustrail zu zeigen. Wir treten ein in den Wald und in unsere Welt. Ich unterhalte mich mit Clemens und werde von Ely und dem Eichhörnchen getriezt. So gefällt mir das. Glaube ich.

Auf dem Prinzenberg

Auf dem Prinzenberg. Melibokus im Hintergrund.

Auf dem Prinzenberg deute ich auf den Hügel mit dem Plateau in der Ferne. Dem morgigen Ziel. Ich bekomme Lob für meine „schöne Runde“ und bin gespannt, was die Jungs zur Strecke morgen sagen werden.

Duschen, anziehen, essen gehen. Meine Vorgesetzten sind ebenfalls auf dem Weg nach Darmstadt. Voller Stolz schleppe ich sie in den Schloßgarten, wo ich zuvor mein Charisma habe wirken und 10 Plätze reservieren lassen habe. „Wie, hier gibt es nichts warmes zu Essen?“ Das Chefeichhörnchen macht mir die Hölle heiß und die anderen stimmen in den Chor ein. Wie dumm von mir. Welch‘ faux-pas! Doch nicht genug des Unmutes den ich auf mich ziehe. Während ich also meiner Bekannten (welche mir unter Mühe einen so großen Platz am Freitagabend reservierte) klarmache, dass wir nach einem schnellen Getränk weiterziehen und ihre Augen beginnen, hasserfüllt zu funkeln, muss ich mir am Telefon das Gezeter meiner Vorgesetzen anhören. Der nicht-autobesitzende-Praktikant hat vergessen zu erwähnen, dass die Parksituation in der Darmstädter Innenstadt katastrophal ist.

Welchen dieser Brandherde lösche ich also als erstes? Ich entscheide mich für den des Hungers und einen Ortswechsel. Wir steuern das nächstbeste Restaurant an. Es gibt essen, die Portionen sind eher homöopathisch und der Hunger meiner Gäste „angestillt“. Wir ziehen weiter, bekommen sieben Plätze im Café Chaos (wo eine zweite Essensrunde eingeläutet wird) und der Abend gemütlich ausklingt. Gerade nochmal so die Kurve bekommen.

Die Gang.

Ich wache schweißgebadet auf. Der Tag X ist gekommen. Mit Café wecke ich meine Gäste. „Was? Kapselcafé?“. Den ironischen Wink kommentiere ich schroff. Meine vier Nebenjobs und der Verkauf meiner Seele haben leider nicht für einen Cafévollautomaten und Kopi Luwak gereicht. Notiz an mich: „Lade niemals einen Restaurantkritiker in deine Studenten-WG ein.“ Als ob es nicht reicht, dass ich mein Doppelbett einem meiner Gäste überlassen und völlig verspannt auf meiner Isomatte aufgewacht bin, zetert dieser auch noch herum, von wegen die Straßenbahn sei zu laut gewesen, dein Windspiel hat „Klong, Klong“ gemacht und „Ein Glück, dass ich Ohropax dabei hatte.“ Zweite Notiz an mich: „Lade keine Menschen in deine Studenten-WG an der Hauptstraße ein, die so abgeschieden wohnen, dass sie einem Grashalm beim Wachsen zuhören können und deine beiden Medaillen als Windspiel fehlinterpretieren.“ Endlich sitzen wir im Auto. Verspätet natürlich. „Hast du wenigstens dein Bett gemacht?“, frage ich meinen dritten Gast, welcher antwortet: „Nein, aber unter die Decke gepupst und zugedeckt.“ Dritte Notiz an mich: „Lade nicht den Pöbel aus dem Ruhrpott ein.“

„Endlich fahren wir!“ geht es mir durch den Kopf, als mein Chef anruft. „Wir stehen hier in Beedenkirchen und finden den Parkplatz nicht.“ Zwar weiss ich um die bescheidenen Navigationskenntnisse meines Chefs seit Hamburg bescheid, allerdings könnte die Horde Menschen, die in den Odenwald reist, den Parkplatz ebenfalls nicht finden. Oh je, oh je.

Das Wetter ist grau, dicke Wolken ziehen auf und es windet arg, als wir beginnen, ein paar Fotos zu schießen. Meine größte sorge, dass der Revierguide im wahrsten Sinne des Wortes „ins Wasser fallen“ wird, scheint sich zu bewahrheiten. Zack, zack, zack. Ein paar Bilder schießen und einen Happen essen. Während die anderen sich ins Restaurant setzen und Nudeln essen, muss ich Wasser schleppen für die Isobrühe, die wir anrühren müssen. Mein Chef und ich. Die Suche nach einem Restaurant in dem auch wir beide Essen können, endet mit einem halbherzigen Mittagessen vom Bäcker, nachdem die Suche aufgegeben wu

Oh je, oh je. Soviele Leute. Ich überlege noch, was ich sagen soll, als ich vor einer Horde trailwütigen Menschen stehe, die mich erwartungsvoll anschauen. „Ääääh, ja. Viel Spaß.“ Meine Kehle ist trocken, meine Extremitäten zittern. Endlich loslaufen. Mein Chef läuft in meiner Gruppe, er will mir wohl auf die Füße schauen. Ob ich auch alles richtig mache? Es geht gemütlich bergab und schroff den Melibokus hinauf.

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Aufstieg zum Melibokus.

Sammeln auf dem Plateau, den mörderischen Downhill hinab. Völlig außer Atem schießt Dennis den Downhill runter. Nach „der großen Läufergruppe“ fragend hat er den Anschluss gefunden und seine Verspätung aufgeholt. Sehr schön. Hochkraxxeln und oben auf dem Plateau die Stimmung erfühlen. Können die Leute noch lächeln oder sind sie sauer ob des Kletterns? Scheinbar nicht. Puuh. Mein ebenfalls verspäteter Freund Patrick hat sein Shirt zu Hause gelassen und die Sonne mitgebracht. Perfekt. Flowig cruisen wir auf dem Rücken der Bergstraße entlang, als mich zunächst Michael und dann Matthias ansprechen. Beide sind sie schon seit Jahren im Odenwald/an der Bergstraße unterwegs, doch meine Trails seien ihnen neu und wie toll sie das fänden. Wäre mein Chef noch in der Gruppe, wäre er jetzt stolz auf mich. Vielleicht wäre das einer Festanstellung zu Gute gekommen.

Ich bereite die Leute auf das große Finale vor, in dem ich ihnen sage, dass sie etwas großartiges erwartet. Das die Erwartungen oftmals nicht mit der Realität übereinstimmen, ist mir bewusst, aber ich bin absolut sicher, dass das Felsenmeer Eindruck schinden wird. Und das tat es. Schon als ich zum Felsenmeer runterkam, sah ich das breite Grinsen von Clemens, welcher ebenso mit mir Abschlug wie Stephan, der die flotten Leute hervorragend geguided hat. Unten angekommen zwang ich die Leute, mit Händen und Füßen das Felsenmeer zu erklimmen. Nicht nur Felsen wurden erklommen…

Trailcowboy und sein Cowgirl.

Ich setzte mich auf meine Lieblingsstelle im Felsenmeer und wie ich dort so saß und das Grüppchen Läufer sah, die mit einem Lächeln und ein paar Sonnenstrahlen im Gesicht freudig und fertig die Felsen hochklettern, da dachte ich mir, dass ich soviel nicht falsch gemacht haben kann. Das bestätigte mir ein paar Sekunden später auch Jörg, der völlig dehydriert und superglücklich zu mir kam und mir sagte, wie „geil“ das hier ist und das sich seine Anfahrt aus Gummersbach hierher gelohnt hat. Ebenso Matthias, der sich seit 12 Jahren vorgenommen hat, mal hierher zu kommen und an diesem Samstag tatsächlich zum ersten Mal das Felsenmeer live erlebte.

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Keepers of the Faith.

Ich gehe auf die Terrasse des Restaurants, wo die meisten schon genüsslich an ihren Getränken nippen. Als ich den Torbogen durchschreite wird mir applaudiert. Meine Kehle ist trocken und ich kämpfe gegen die Tränen an, die in mir hochkommen. Meine Vorgesetzten sind stolz auf mich. Ich scheine alles richtig gemacht zu haben.

Ich setze mich dazu und blicke in die Runde. Die Leute plaudern, lachen und lernen sich kennen. Auch wenn nach dem Praktikum keine Vollzeitstelle beim TRAIL Magazin herausspringen mag, so habe ich doch wieder festgestellt, warum Trailrunning mehr für mich ist als Freizeitbetätigung, mehr als „Ausgleichssport“.

Der Revierguide besitzt die Kraft, Menschen zueinander zu bringen. Menschen die sich sonst niemals kennenlernen würden. Er zeigt uns all‘ die schönen Ecken unserer Natur, auf denen wir miteinander allein sein können. Er reißt Barrieren ein, flutet diese mit Sympathie und führt Menschen zusammen, die sich sonst niemals begegnen würden. Er nimmt uns unsere Jacken mit Ernsthaftigkeit ab, hängt diese für uns in die Garderobe und gibt uns ein Lächeln. Revierguides sind meine Highlights. Jeder für sich ist besonders. Einmalig und vergänglich. Nicht nocheinmal so zu wiederholen.

Mein Chef sagte mir zum Abschied: „Du bist ein Kind des Revierguides.“ Es ist das größte Kompliment, welches ich bekommen habe.

5 Gedanken zu „Kind des Revierguides.

  1. Maazel sagt:

    „Pöbel aus dem Ruhrpott“… köstlich! 🙂 Gefällt…
    Glückwunsch „Kind des Revierguides“ !!

  2. Steve sagt:

    Yes Weltherrscher…you did it!
    Danke das du die hessische Fahne bei den Revierguides hochgehalten hast.
    Danke für diesen genialen Bericht

    Beim nächsten Mal laufen wir dann auch eine Runde zusammen

    #Awesome #Trailaction

  3. Hi nach Darmstadt,
    da hast Du Großes geleistet. Lese gerade das aktuelle Trail-Magazin und bin begeistert. besser kann man unsere Ecke nicht verkaufen!
    Vielleicht „läuft“ man sich ja mal über den Weg. Würde mich echt freuen!
    Gruß aus Zimmern!

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