Phoenix.

Es sind oft diese unscheinbaren Läufe, die sich zu etwas besonderem entwickeln. Läufe im eigenen Revier, bei denen man nichts besonderes erwartet werden plötzlich zur Gefühlsexplosion. Heute war solch ein Tag. Spätnachmittags komme ich in der Wohnung meiner Freundin an, lege mich auf die Couch, lege die Füße hoch und döse vor mich hin. Große Lust auf Laufen habe ich heute keine. Es ist immernoch der Wurm drin in meiner Lauferei. Mein Körper nagt immernoch an der Verletzung von vor 10 Monaten und die Art und Weise wie ich damit umgehe sind mannigfaltig. Seitdem ich häppchenweise wieder Laufen kann ignoriere ich meistens jegliche Art von Schmerzen. Ähnlich wie mein Tinnitus sind sie da, aber irgendwie unterschwellig.

Ein Blick aus dem Fenster sagt mir, dass es heute einen Sommerabend der besonderen Art und Weise geben wird und so solidarisierte ich mich mit der Sonne, in dem ich meine neuen knallgelben Schuhe schnürte und mir vornahm, ein lockeres, kurzes Ründchen zu laufen.

Der erste Anstieg war irgendwie immernoch zäh und über den Wurzeltrail stolpere ich mehr, als das ich laufe. Ich weiss nicht genau was es ist, die neuen Schuhe (die mir auf Anhieb blendend gefallen), die frische Abendluft oder die satte untergehende Sonne, die die Ketten um meine Lunge sprengen. Plötzlich nehme ich die kleinen Anstiege lockerleicht und federe wie ein jungen Reh aus den Fußgelenken. Mein Trippeln wird zum Laufen, mein Laufen wird zum Rennen. Ich fetze über die Wege und es fühlt sich tatsächlich einfach an. Keine Anstrengung zu spüren. Ich blicke in den Wald wo die Sonne tief Steht und ein herrliches Farbenspiel abgibt. Ich liebe diese Situationen. Es ziept nichts und ich lausche auch nichtmehr in meinen Körper. Ich schaue nichtmehr auf die Uhr um zu kontrollieren, ob die Schmerzen pünktlich sind oder sich verspäten. Ich renne. Ich bin nichtmehr vorsichtig im Downhill, weil es dann an den Rippen zieht. Ich laufe mit großen Schritten den Hügel runter. Einfach so. Ich folge der Sonne wie Bienen einem Stück Apfelkuchen im Sommer. Sie zieht mich an. Ich laufe an den Ausguck und sehe die tiefstehende Sonne über dem Spessart.

Ich laufe die Hügelkette herunter, an den Tennisplätzen vorbei und biege statt wie geplant nach links richtig Wohnung rechts hoch und laufe den Berg wieder hoch (mit Leichtigkeit), bloß um wieder zur Grotte runterzulaufen (in Überschall). Wieder rechts hoch statt links runter, am Wirtshaus vorbei. Ok, das war’s für heute. Den Ausblick am Aussichtsturm genießen, die Sonne über die Seele streicheln lassen und ins Dorf runterfetzen. Es geht runter durch ein Stück Wald, welches eine Lichtung am Hang offenlegt. Über die Wiese rennt ein Fuchs und die Sonne strahl mir frontal ins Gesicht, während ich am Waldrand ins Dorf herunterrenne. Den Asphalthügel nehme ich als letzten Anstieg mit. Die „Hood“ macht gerade „Mauerparty“, die Leute genießen die Sonne, unterhalten sich und trinken, während ich wie ein irrer hochrenne. Man bietet mir ein Getränk an, ich lehne dankend ab. Statt nach Hause zu laufen, renne ich den Hügel noch drei Mal hoch und genehmige mir beim dritten Vorbeilaufen an der „Mauerparty“ ein alkoholfreies Weizen, welches man extra für mich aus dem Kühlschrank geholt hat.

Eine tolle Überraschung.

Ich bin doppelt so lange gelaufen, wie ich geplant hatte. Die Luft war mein Wasser, die Sonne mein Energieriegel und das alkoholfreie Weizen die Siegprämie für den ersten Platz. Ich hätte gefühlt noch viele weitere Stunden wie ein irrer durch die Gegend laufen können. Ich weiss nicht was es ist, was man mir ins Müsli gemischt hat, doch ich möchte mehr davon.

Macht platzt für den zukünftigen Weltherrscher!

Ein Gedanke zu „Phoenix.

  1. Steve sagt:

    Ich entdecke Parallelen zu meinem heutigen Lauf.
    Irgendetwas muss in der Luft gelegen haben.
    Wahrscheinlich liegt es aber einfach daran, dass wir ultra-krasse Typen sind!

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