Proletenbande.

Feierabend. Ich fahre den Rechner runter, ziehe die Laufklamotten an, denn ich sehe, dass ein mit zwei Knalltüten besetztes Auto vorfährt. Es steigt ein Mädchen in Polizeiuniform und Plateauschuhen aus, während der Typ mit den orangenen Kompressionssocken und den bunten Schuhen rückwärts einparkt. Ich hoffe, dass meine Arbeitskollegen diese Aktion nicht hören bzw. sehen, denn Steffen flucht gerade, dass das verdammte Auto da vorne vielleicht ein paar Meter weiter vorne hätte parken können. Ich laufe rot an, denn es ist das Auto einer Mitarbeiterin. Bitte, bitte, sei jetzt nicht am Arbeitsplatz.

Ich habe Gäste. Ich bin ein wenig nervös, denn die Rollen sind nun vertauscht. Während ich mich den letzten Monat habe guiden lassen, bin ich nun der Guide. Der Touristenführer. Der, der sich hier auskennt. Der, der hier alles weiss. Meine Erkundungstour hat drei Etappen. Wir beginnen mit Etappe I: Der Melibokuswahnsinn.

Nun, meine Strecke ist ein wenig erbarmungslos, denn es geht nur bergauf. Der Einstieg ist keine 100m vom Parkplatz entfernt und die Serpentinchen deuten darauf hin, dass es erstmal nur bergauf geht. Es kommt gleich das erste Plateau und eine Verschnaufpause. Eher für mich, denn für meine fitten Gäste. Ich erkläre, dass die Bergstraße ein schmaler Bergrücken ist, der sich von Darmstadt bis kurz hinter Heidelberg erstreckt und die rheinische Tiefebene, auf die wir gerade blicken vom Odenwald trennt, welcher sich auf der Ostseite des Berges befindet. Wir sehen die Kraftwerke Mannheims im Südwesten und dahinter den Pfälzer Wald, währned wir im Nordwesten den Taunus erahnen können. Doch weiter im Trail. Wir verlassen den „Weinlagerweg“, eine leider zubetonierten Rundweg durch die lokalen Weinberge. Sowas haben wir hier.

Die vorgelagerte Orbishöhe haben wir erreicht und in meiner Abstinenz hat sie sich in einen dichten Dschungel verwandelt, in dem die schmalen und ausgesetzten Trails besonders gut sichtbar sind. Meine Gäste attestieren mir die Schön- und Krassheit meiner Trails. Noch wissen sie nicht, dass der Weg hinunter noch steiler sein wird.

Wir lassen die Orbishöhe hinter uns und queren die Serpentinen des Nibelungensteiges. Es geht in direktem Wege bergauf. Wir befinden uns irgendwann unter dem dunklen Turm und der letzte Anstieg ist besonders „steinig und schwer“. Doch der Ausblick, mit dem wir belohnt werden, lässt uns jede Mühe vergessen. Der Mountainbiker, der Bilder von uns machen muss ist ziemlich beeindruckt.

Wer mal mit mir Laufen war, wird wissen, dass mir die Wege nicht verblockt und „technisch“ (ich hasse diesen Ausdruck) genug sein können, gerade bergab. Nun, ich beschreibe den Weg hinab vom Melibokus als phasenweise verblockt und im allgemeinen ziemlich „flowig“. Aber das ist relativ (überzeugt euch selbst davon.)

Ich lasse mich selbst oft von der Geschwindigkeit tragen und warte auf meinen Anhang, der „Geil!“ rufend aufschließt.

Wir erreichen wieder das Sightseeingmobil und rücken vor zu Etappe II: Die Burg Frankenstein.

Die Burg Frankenstein, vor allem aber der dorthinführende Magnetsteinpfad haben es mir besonders angetan. Es ist einer dieser Pfade, die konkurrenzlos schön sind und mich jedes Mal, das ich auf ihm laufe, verzaubern. Sucht man oft nach dem „Flow“ ist er mir hier garantiert. Dementsprechend hoffe ich, dass meine Gäste auch gefallen an ihm finden.

Schon um die Burg Frankenstein herum hat meine Bande so viel Spaß, dass sich das ganze in die Länge zögert und ich die Beiden drängen muss, doch endlich weiterzulaufen, denn es warten die Magnetsteine! Die Stimmung ist nun ziemlich ausgelassen.

Ich erkläre ihnen, dass die Steine magnetisch geladen sind und das ab diesem Steinhaufen hier mein Lieblingspfad beginnt und sie diesen gefälligst genießen sollen. Kaum sind wir auf dem Pfad, geht das geseufze los. Meiner Proletenbande gefällt der Pfad.

Wir toben uns eine ganze Weile in der Magnetsteinlandschaft aus und ich bekomme Rückmeldung, dass es ihnen Spaß macht und sie den Pfad mögen. Ich bin erleichtert und glücklich. Es kann weitergehen zur Etappe III: Darmstadt.

Man will ja nicht dauernd durch die Weltgeschichte reisen um ein paar schöne Trails zu laufen. Aus diesem Grund habe ich nach jahrelanger Erkundung im Darmstädter Wald eine Strecke zusammengebastelt, die es in sich hat. Trailig, verspielt, „hart“ und schön.

Ich mag meinen Wald. Meine Gäste tun das auch. Es ist auch das mindeste, was ich tun kann, denn Iwi reiste aus Berlin an und Steffen kam quasi direkt aus der Nachtschicht. Als er ein wenig dehydriert durch die Gegend deliriert, verkünde ich mit Stolz, dass ich einen Verpflegungspunkt auf der Strecke habe. Der ist gleich um die…. Iwi? Iwi war ein wenig vorschnell und hat die Mountainbikerin mal um einen Schluck aus ihrer Dose gebeten. Diese Großstadtkids… Wie dem auch sei, erreichen wir den Melittabrunnen. Die Leute kommen von weiter her, um sich Kanisterweise das Wasser abzufüllen. Ich kann auch nicht erklären wieso, aber das interessiert meine durstigen Gäste kaum.

Es erfrischt die Lebensgeister und Steffen sprintet auch gleich den Prinzenberg hinauf. Das übelste Stück der Strecke und gleichzeitig mein Ausguck. Ich fordere zum Stehenbleiben auf und zeige gen Süden. Dort sieht man sowohl die Burg Frankenstein, als auch den Melibokus und ich erkläre, dass mich die Ankunft am Prinzenberg bei jeder langen Tour mit Glück erfüllt. Sieht man doch die zurückgelegte Strecke sehr deutlich.

Welcome to Darmstadt.

Welcome to Darmstadt.

Zu guter Letzt gibt es noch ein Panorama über Darmstadt. Es ist zwar nicht mit der Skyline Frankfurts vergleichbar, welche man im Hintergrund sieht, aber naja. Immerhin. Es ist „meine“ Stadt. Ich merke, dass das nun meine Heimat ist.

Meine Gäste sind geschafft und hatten Spaß. Verdreckt, verschwitzt und hungrig belagern wir die Dusche meiner kleinen WG. Ich lasse meine Gäste meine Café-Vorräte plündern und freue mich, dass sie mich ins Café Chaos begleiten. Unbewusst ist der Laden ein wenig Trailrunning. Alternativ, gegen den Strom und chaotisch. Immerhin gibt es Eisbecher mit Salzstangen und Sardellen, sowie Frühstück bis 24 Uhr! Vom Gang in die Toilette erzähle ich an dieser Stelle nichts, den solltet ihr selber erleben 😉

Café Chaos.

Café Chaos.

 

Ein Gedanke zu „Proletenbande.

  1. Steve sagt:

    Yeah…Cafe Chaos!

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