Ruhrgebiet: Land der Gegensätze II.

5 Uhr morgens, der Wecker klingelt. Spartanisches Frühstück, Wohnungstür auf, ab zum Bahnhof.

Die Vögel zwitschern und manch einer stöckelt nordischerweise durch den Park. Schlaftrunken und zeitunglesend fahre ich auf die Arbeit. Blaumann an, Helm auf und ab in die Kraftwerke des Ruhrgebietes. Hinein in das Mordor eines jeden naturliebenden Menschen. Dunkle Türme und rauchende Schlote überall. Hinein in Treppenhäuser aus Beton und ab zum Kessel. Der knapp einhundert Meter hohe Blechhüne verbrennt kolumbianische Steinkohle und lässt Wasser im Nu verdampfen. Ihn umgibt eine lebensfeindliche Atmosphäre aus Stahl, Hitze und Staub. Man kann nur ahnen, was man da in seine Lunge atmet, aber besser ist, man weiss es nicht. Der Lärm ist enorm und Sonnenlicht ist nicht vorhanden. Ölverschmierte und kohlestaubbedeckte Gesichter trinken schwarzen Café und essen Schnitzel mit Pommes. Feierabend. Ich tausche Blaumann, Arbeitsschuhe und Helm gegen rote Laufshorts, Laufschuhe und Buff.

An diesem sonnigen Apriltag bin ich mit „Trailshredder“ Tom verabredet und so fahre ich aus dem grauen Herzen des Ruhrgebietes nach Essen-Kettwig. Kettwig ist Essens südwestlichster Stadtteil und war Zankapfel zwischen den Kreisen Düsseldorf-Mettmann und Essen. Verständlich, denn Kettwig rund um den Kettwiger See ist schön und ich frage mich, ob das hier jetzt tatsächlich noch Ruhrgebiet ist. Die Grenze zum Rheinland und dem niederbergischen verschwimmen hier, aber wenn Tom sagt, das ist Ruhrgebiet, dann glaube ich ihm. Tom ist Ultraläufer aus Passion und es vergeht kaum ein Wochenende, an dem er nicht irgendwo einen Ultra lauf. Manchmal sind es sogar „nur“ 50 Kilometer 😉 Tom hat sich sofort bereit erklärt, mir sein Revier vorzustellen und was er mir heute Zeigen wird, soll mich von den Socken hauen.

Unmittelbar am S-Bahnhof „Kettwiger See“ geht es los und keine 100 Meter entfernt geht es schon auf den Trail den Hügel hinauf. Tom entschuldigt sich ein wenig, weil wir den Pfad verlassen und uns gerade in Querfeldeinmanier durch das Gestrüpp kämpfen und eine Kletterpassage über Felsen hinter uns bringen. Noch weiss er nicht, dass das meine Lieblingsabschnitte sind. Wir erreichen die Spitze des Hügels und haben einen hervorragenden Blick über das Ruhrgebiet und die Umgebung. Tom erklärt mir wo was ist und ich staune, wie grün es hier doch ist.

Wir kommen an Hogwarts vorbei, doch Tom erklärt mir, dass das das (was’n Satzbau) Schloss Oefte ist. An Golfspielern und Pferdeställen vorbei erreichen wir einen schmalen Pfad der rechterhand von grüner Wiese und linkerhand von einem saftig-gelben Rapsfeld eingeschlossen ist. Der Blick über die Felder ist fantastisch als wir auch gleich in ein dichtes Waldstück einbiegen, welches Tom „Dornröschentrail“ getauft hat. Es ist einer dieser Pfade, der komplett von Pflanzen umschlossen ist und sich scheinbar ewig und kurvig durch die Baumreihen zieht. Es ist einer dieser Trails in den man zu 99% in einen „Flow“ kommt. Einfach herrlich. Wiedermal sind es die Gegensätze, die faszinieren. Eben noch von Stahl und Staub umgeben und jetzt an der frischen Luft in saftigem Grün. Eben noch durch Rapsfelder laufend und jetzt in einem dichten Waldstück. Klasse!

Wir laufen weiter und nehmen ein paar wunderbare „Singletrails“  und einen wurzeligen, in Baumnadeln gebetteten Downhill mit, der so breit ist, dass man sich seine Spur frei wählen kann bis wir zurück an den Start kommen, dort wo sich Mountainbiker und Trailrunner zugleich austoben. Tom will mir noch einen Eindruck davon verschaffen, was er unter „Höhenmetertraining“ versteht und durch dichtes Gestrüpp geht es einen ruppigen Pfad hinauf Richtung Ausguck. Ich frage mich, wie man so krass sein kann, hier mit 20kg Stahl unter seinem Hintern runterzudüsen. An dieser Stelle der „Ruhrhöhen“ kann man sich in unendlichen Kombinationen austoben und ich kann Tom gut verstehen, als er mir erzählt, dass er in diesem Waldstück stundenlang herumrennt. Hier gibt es neben Höhenmetern auch schöne Pfade zu sammeln und für eine Erfrischung sorgt die Quelle, die man gleich am Fuß der Hügel findet. Dieses Stückchen Wald steht in Sachen Idylle jenen Wäldern in südlichen Gefilden in nichts nach!

Und wieder bin ich einem Vorurteil aufgesessen, das Ruhrgebiet sei eher Trist und Grau. Tatsächlich gibt es im Ruhrgebiet auch nicht so schöne Ecken, allerdings doch das ein oder andere Kleinod an Trampelpfaden. Hier findet man mehr Grünfläche und Trampelpfade, als man vermuten mag. Tom hat mir einige dieser Schätze, die man erst nach langer suche finden, gezeigt und mir im Anschluss auch noch ein alkoholfreies Weizenbier spendiert! Essen ist definitiv eine Reise wert! Auch ohne Weizenbier 😉

Einen großen Dankeschön geht raus an Tom für das liebevolle „Guiden“ und die Bilder. Klick: http://trailshredder.de/ !

Ein Gedanke zu „Ruhrgebiet: Land der Gegensätze II.

  1. Es war mir eine Ehre den zukünftigen Weltherrscher über die Trails zu führen! Jederzeit gerne wieder!

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