Ruhrgebiet: Land der Gegensätze.

Die Gegensätze im Ruhrgebiet sind krass. Schon am Tag meiner Ankunft musste ich das feststellen. Ein weißes 3er-BMW Cabrio, welches über die „Rü“ hin und her fährt und in regelmäßigen Abständen den Motor aufheulen lässt. Sonnenstudiomuttis und ihre „dieterbohligen“ Macker. Piekfeingekleidete Vorstadtkids schlürfen Cappuccino und tätowierte, fixed-gear fahrende Fahrradkuriere radeln an mir vorbei. In den Werkskantinen wird auch mal gerne Sauce Hollandaise aus Tetrapaks serviert und ein Geburtstagsfrühstück besteht hier nicht aus Lachs, Käseplatte und Sektchen sondern aus Schlossermarmelade, vielen Zwiebeln, Fleischwurst und schwarzem Café. Die Malochermentalität und Bergbauerhistorie ist allgegenwärtig. Stillgelegte Zechen und Bergbauersiedlungen findet man hier zuhauf. Ob man hier auch vernünftige Trampelpfade findet, wagte ich doch zu bezweifeln. Die Neugier war groß, als ich mich gleich nach dem ersten Arbeitstag zum Baldeneysee aufmachte. „Trailrunner“ hat man hier scheinbar noch keine gesehen. Mein äußeres lässt viele Leute verdutzt aus der Wäsche blicken, denn in diesem setze ich mich in die Straßenbahn neben Leuten, die gerade Feierabend machen. Eine Autofahrerin steht im absoluten Halteverbot und blockiert die Straßenbahn. Während man in Südhessen nun so lange klingelt, bis die Autofahrerin weggefahren ist und ihr dann per Gestik vermittelt, was man davon hält, ist die Sache hier im Ruhrgebiet doch anders: Der Straßenbahnfahrer klingelt einmal, klingelt zweimal. Voller Wut reißt er fast die Tür der Fahrerkabine aus den Angeln, öffnet die Tür als die Autofahrerin (immer noch telefonieren) eine andere Parklücke findet und dabei fast in den Gegenverkehr rast. Der Straßenbahnfahrer, auf Grund des Dialektes als Ureinwohner des Ruhrgebietes enttarnt flucht wild und fährt weiter. Herzlich Willkommen im Ruhrgebiet 🙂

Serpentinen im Heissiwald.

Serpentinen im Heissiwald.

Am der Endhaltestelle angekommen renne ich wie wildgeworden los und entdecke viele tolle kleine Pfade, die man allerdings mit offenen Augen suchen muss. Ich finde den Heissiwald, welcher mir so sehr gefällt, dass ich ihn zwei Tage danach gleich nochmal besuche.

Serpentinen im Heissiwald

Serpentinen im Heissiwald

Es ist ein warmer Apriltag und als ich mich voller Vorfreude die Serpentinen hinunterstürze entdecke ich etwas blaues in der Kuhle neben der Haarnadelkurve. Der Plastikbeutel den ich vermute entpuppt sich als kurze Hose und die sich bewegenden, doch etwas hellen Baumstämme als Männlein und Weiblein die sich im Adamskostüm der fleischlichen Lust hingeben. Hier vergeht kein Tag ohne eine Überraschung. Ich kontaktiere Carsten, Essener-Local und mein Fremdenführer. Carsten ist über das Mountainbiken beim Triathlon und irgendwann beim Crosstriathlon gelandet und hat die Trampelpfadlauferei für sich entdeckt. Bei einem „Anfängercamp“ hat er dann feststellen müssen, dass er doch eher kein Anfänger ist. Nach dem wir in einer netten Essener Kneipe Malzbier trinken, verabreden wir uns zum Laufen. Ich bin gespannt, was Carsten mir für Pfade zeigen wird. Am Treffpunkt wartet Abbi auf uns, ebenfalls Ureinwohner des Ruhrgebiets und quatschend laufen wir los.

Carsten, Abbi und Ich.

Carsten, Abbi und Ich.

Carstens Strecke ist eine Odysee durch den Essener Wald am Baldeneysee. Knackige Querfeldeinpassagen…

Querfeldein.

Querfeldein.

…und feine Pfade geben sich die Klinge in die Hand. Carsten erklärt mir, dass Essen zwei Klimazonen mehr hat, als auf der restlichen Welt, was auch die üppige und von Gegensätzen gezeichnete Flora erklärt 😉 Nach Nadelwald…

…folgen saftige, weiche Wege, die von ebenso saftigem Gras umgeben sind.

Attentat auf den Weltherrscher.

Attentat auf den Weltherrscher.

Ich bin positiv überraschend, denn ich hätte nicht gedacht, dass Essen solche Pfade bietet. Neben den tollen Pfaden führen wir total sinnfreie Unterhaltungen und was den Grad des Schwachsinnredens betrifft, so steht Carsten mir in absolut nichts nach. Abbi tut mir ein wenig leid, das ganze aushalten zu müssen, doch ich glaube, er findet gefallen an der Sache. Ich finde gefallen am eher direkten Ruhrpottdialekt, frei nach dem Motto: „Immer mitten in die Fresse rein.“

„In die Fresse rein“ ist auch der „Killerdownhill of awesomess“, mit dem uns die senkrechte Wand schmackhaft gemacht wird, vor der ich nun stehe. Mit entsetzen blicke ich hinunter, denn so etwas steiles hatte ich bisher noch nie gesehen. Glaube ich. Während in der Nähe elektronische Klänge mit derben Bässen wummern…

…laufen wir den Hang mehrmals hoch und runter, bis das Adrenalin mir aus allen Poren dringt. Man(n) kann hier hautnah miterleben, wie erwachsene Menschen ihre jegliche Seriösität ablegen, sich wie kleine Kinder benehmen und einfach Spaß haben. Meine Beine sind aufgekratzt und wabbelig, die Euphorie kocht über und die Ernsthaftigkeit der Gespräche geht gegen Null, als wir allmählich den Essener Stadtwald erreichen, wo Abbi sich von uns verabschiedet.

Da Essen nicht viel Grünfläche hat, ist das wenige Grün doch sehr bevölkert. Allerdings kommt niemand auf die Idee, mal die Pfade abseits auszuprobieren. Unser Glück. Ich verabschiede mich auch von Carsten und laufe über die „Rü“ Richtung Wohnung, vorbei an den Szenekneipen und Restaurant, vorbei an verdutzten Gesichtern und coolen Jungs mit Sonnenbrillen unter grauem Himmel.

Meine erste Woche im Ruhrgebiet war voller Gegensätzen im Alltag, auf den Pfaden und den Typen die ich kennenlernen durfte. Es sind noch drei Wochen, die ich hier verbringen werde. Es gibt noch viele Pfade die ich entdecken und Personen die ich kennenlernen darf. Dieser Monat wird sehr intensiv. Ich freu‘ mich drauf!

Ein Gedanke zu „Ruhrgebiet: Land der Gegensätze.

  1. Sehr schön – nicht mehr lange bis Part2 😉

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