Schildkrötenpanzer.

Es ist sehr lange her, seitdem ich das letzte Mal mit Laufrucksack auf Entdeckungsreise gegangen bin und dementsprechend nervös bin ich, als der Wecker morgens klingelt. Zwar ist meine Karriere als Trampelpfadläufer sehr kurz und die Meilensteine nicht gerade zahlreich, doch macht sich ein wohliges Gefühl in meinem Bauch breit, als ich auf den Boden blicke. Meine Angewohnheit will es, dass ich meine Utensilien einzeln auf den Boden lege und den Rucksack erst kurz vor Beginn der Reise zusammenpacke. Es ist ein tolles Gefühl, denn jetzt bin ich wieder der Anfänger, für den alles neu und aufregend ist.

Ich steige in Weinheim an der Bergstraße aus und ab hier ist alles Neuland. Ich ziehe ein Ticket und fahre mit der Straßenbahn gen Süden Richtung Dossenheim, meines Startpunkt. Ich mag die Bergstraße sehr und an diesem sonnigen Donnerstag präsentiert sie sich von ihrer schönen Seite. Ein Lächeln geht über meine Lippen, als ich meine Regenhose und mein Langarm-Laufshirt ausziehe. Die Passagiere des RNV5 Richtung Heidelberg nehmen mich ab jetzt als Läufer wahr.

Ich steige aus, schaue auf die Uhr und laufe ins Ungewisse. Ich lasse die Hauptstraße hinter mir und laufe an Bäckereien, Spielplätzen, Grundschulen und Wohnhäusern vorbei. Die Forstwege sind die letzten Tentakel der Zivilisation und ich befreie mich aus ihren Fängen, als ich diesen wunderschönen Trampelpfad betrete. Der Tag könnte herrlicher kaum anfangen. Die Sonne strahlt mir entgegen, das Rauschen der Autos auf der Hauptstraße weicht dem Zwitschern der Vögel und ich bewege mich vorwärts ins Ungewisse.

Dossenheim.

Auf dem Weg zum weißen Stein.

Es hat gewisse Vorteile, Student zu sein. Zwar ist man regelmäßig knapp bei Kasse, jedoch gönne ich mir die Freiheit zur Freizeit. Zu diesen Uhrzeiten arbeitet man üblicherweise, doch ich genieße den Luxus, meinen Schweiß in Baden-Würtemberg zu vergießen. Die Region um den weißen Stein ist als Mountainbikermekka bekannt und ich bin froh, dass mir keiner begegnet. Manche Wege sind durch die Reifen ziemlich zerfurcht, doch das tut der Schönheit dieser „Singletrails“ keinen Abbruch. Relativ schnell erreiche ich den weißen Stein und kurz darauf auch ein Szenario, welches immer und immer wieder meine Seele berührt:

Nadelbäume.

Nadelbäume am weißen Stein.

Plötzlich betrete ich ein kleines Stück dicht bewachsenem Nadelwald, welcher seinen roten Teppich vor mir ausgerollt hat. Dem weichen Bett trockener Nadeln folgend, laufe ich zick-zack durch die Baumreihen. Ich weiss zwar, dass ich mich an dieser Stelle wiederhole doch strahlt die Sonne durch die Baumreihen und das Kaleidoskop aus Bäumen, Schatten und Sonne ist herrlich. Ich setze mich auf den Baumstumpf in die Sonne und genieße…

Utopia.

Utopia.

Für diese wenigen Hundert Meter hat sich die Anreise schon gelohnt. Ich bin glücklich. Doch wie das nun mal so ist, wird ein Idyll oftmals gestört und in meinem Falle durch Forstarbeiten. Der Trampelpfad bleibt mir versperrt und seitdem ich mich einer Absperrung widersetzte und neben mir mehrere Bäume umfielen, halte ich mich dieses mal an die Warnung. Ich entdecke weitere Pfade und erschrecke eine Gruppe Wanderer. Eine Dame hat sich an einen Baum „abgehockt“ und wird von mir erschreckt. Die Dame ist sich wohl nicht bewusst, dass der Forstweg auf dem die Gruppe wandert nicht meine bevorzugte Art von Fortbewegung ist. Vielleicht sollte sie demnächst Ausschau halten, ob sie nicht auf einen wunderbaren Trampelpfad pinkelt 😉

Ich erreiche den „Zollstock“ und raste. Durch die Bäume erkennt man den Neckar und Heidelberg. Unter den penetranten Blicken einer Dame, die auf der gegenüberliegenden Bank sitzt, nasche ich meine Banane und ziehe weiter. Ehe ich mich versehe, komme ich in der Zivilisation an, was ich daran erkenne, dass mir Läufer begegnen, diese aber nicht zurückgrüßen und welche lieber dem nett gepflasterten „Philosophenweg“ folgen, statt sich auf den affengeilen Trails auszutoben, die keine 50 Meter Luftlinie von ihnen liegen. Ich kann es nur vormachen! Hier erblicke ich mein heutiges Tagesziel:

Der Königstuhl.

Der Königstuhl.

Ich stürze mich die Kopfsteinpflasterserpentinen hinunter und überquere die alte Brücke:

Alte Brücke.

Alte Brücke.

Ich bin zum ersten Mal in Heidelberg und ich staune nicht schlecht, als ich Horden von asiatischen Touristen und weiblichen Studenten sehe. Letztere sind an einer technischen Universität doch eher rar gesät. Doch dafür habe ich sowieso keinen Blick heute, ich will den Königstuhl erklimmen. Die Serpentinen beginnen schon in der Altstadt und beinhalten einen Spielplatz mit einer mörderischen Rutsche. Für den kleinen Adrenalinkick bin ich zu haben…

Die rasante Fahrt endet in einer urologischen Untersuchung meinerseits durch den Rindenmulch. Mit anderen Worten höre ich jede meiner Wirbel stöhnen, als ich auf den Rindenmulch aufschlage. Ein Glück, dass es mich nicht schon vorher über die Kante geschossen hat 😀 Glücklicherweise kann ich nach diesem Kurzabenteuer weiterlaufen und vor den Toren des Heidelberger Schlosses (für das ich heute keine Augen habe) beginnt mein „Königstuhlwahnsinn.“ Diesen hatte ich mir in gpsies.com zusammengeklickt, kurz nachdem ich gelesen habe, dass dieser die größte Erhebung der gesamten Bergstraße ist und im Google Earth gesehen habe, dass dieser Hügel bestimmt einen feinen Ausblick bietet. Ich staune nicht schlecht, als ich den Einstieg erblicke:

Ausgang Zivilisation.

Ausgang Zivilisation.

Keine 10 Meter neben der Meute parkender Reisebusse liegen ein paar Steinschritte ganz unschuldig da und winken mich zu sich heran und auf direktem Wege hinaus aus der Heidelberger Zivilisation. In Serpentinen (!) laufe ich gen Königstuhl. Ich finde das total abgefahren, kennt man diese Art der Pfadführung doch eigentlich aus den Alpen. Die Pfade sind schön und ich betrete ein Kleinod von weiteren Trampelpfaden und das sogenannte „Arboretrum“. Sehr idyllisch und ruhig das ganze, obwohl sich in der Nähe eine Horde Menschen tummelt. An der Molkenkur hören die Serpentinen auf und es beginnt der direkte Aufstieg zum Königstuhl. Direkt an der Seilbahn entlang beginnt mein „Vertical-K“ für Arme. „Vertical-Paargequetschte“ sozusagen. Es ist genau so wie ich es mir vorgestellt habe. Rau und direkt. Den Neckar und die Bergstraße im Hintergrund trampele ich geradewegs in Richtung Königstuhl. Die Passagiere der Seilbahn sind belustigt und blicken etwas entgeistert aus der Wäsche als sie mich erblicken. Kopfschüttelnd kommen sie an mir vorbei und wissen garantiert nicht, dass ich genau das selbe für sie empfinde.

Der Weg zum Königstuhl.

Der Weg zum Königstuhl.

Die kahlen Bäume, die die rauen Wege nach oben hin begleiten sind irgendwann vorbei und es wird düster. Nicht, dass Wolken aufziehen. Nein. Ich bin plötzlich von Nadelwald umgeben.

Fast geschafft...

Fast geschafft…

Das Ziel ist nah und ich verlasse den Weg und lege eine surfe durch die Nadelbäume zum Gipfel. Ich bin mit mir selbst im Zwiespalt, denn ich versuche zu verstehen, wie man hierhin mit einer Bergbahn oder dem Linienbus hinauffahren, eine Limo/ein Bier/einen Café trinkt, den Ausblick genießt und sich als naturliebender Mensch rühmend wieder gen Stadt fährt. Mir soll es egal sein und ein Urteil erspare ich mir. Stattdessen erfreue ich mich an dem blendenden Wetter und Nasche eine Mandel-Marzipanschnitte mit der ich im Nu wieder sämtliche Kalorien zu mir nehme 😉

Königstuhl.

Königstuhl.

Just in diesem Moment verreckt meine Uhr. Den Abstieg muss ich mir selber zusammensuchen. Zuvor plündere ich den Kühlschrank der Bergstation und surfe wieder hinab. Die rauen, steinigen Wege fordern mir einiges ab, aber es ist ein tolles Gefühl wieder so etwas wie einen „flow“ zu erleben. Dieser ist leider irgendwann vorbei und so wie mich die Steintritte aus der Gesellschaft entrissen haben, spucken sie mich an einer Baustelle wieder aus. Ich laufe wahllos zu einer Bushaltestelle und frage die verdutzten Wartenden, ob einer dieser Busse zum Hauptbahnhof fährt. Als meine Frage bejaht wird, ziehe ich mich um und passe mich der Gesellschaft wieder ein wenig an.

Der Rucksack, den ich seit über einem halben Jahr wieder trage, gibt mir das Gefühl von Sicherheit wieder zurück. Er ist mein Rüstzeug für die Natur und mein Schildkrötenpanzer. Er schützt mich und ist zugleich Rückzugsort. Am Bahngleis blicke ich gedankenverloren in den blauen Himmel und lasse mir die Sonne auf die Haut scheinen. Meine Haut ist salzig und meine Seele in Balance. Die brodelnde Lava in mir, die Sehnsucht nach „Draußen“ ist gestillt. Wie sehr mir dieses Gefühl gefehlt hat ist mit Worten kaum zu beschreiben und für mich einfach nur wunderschön.

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