Grimmich Wood Wolverine

Habt ihr euch schon mal so sehr über jemanden getäuscht, dass ihr euch dafür geschämt habt?
Habt ihr jemanden in eine Schublade gesteckt, in die diese Person gar nicht reingehörte?
Ihr könnt mir sagen was ihr wollt, aber instinktiv versucht jeder Mensch eine neue Bekanntschaft in eine Schublade zu stecken. Das klingt etwas abgedroschen, ist aber so. Es ist wie ein menschlicher Schutzmechanismus, für den man nichts kann. Im Laufe der Jahre lernt man eben eine gewisse Sorte Mensch kennen und kategorisiert diese. Oftmals ist das die äußere Erscheinung, gefolgt von den ersten Sätzen oder Gesprächsthemen. Der „Smalltalk“.
Oftmals sah ich mich als Opfer dieser Kategorisierung und in den meisten fällen war es tatsächlich so. Man sah meine lockigen Haare, die buschigen Augenbrauen und den südländischen Teint und schob mich je nach Bekleidung in die Schublade „3er BMW-Fahrer“, „Gemüsegroßhändler“ oder „Kleinkrimineller“. Nach einem Gespräch wurde ich dann mit Sätzen konfrontiert wie „Ich hätte nie gedacht, dass…“, „Du bist aber nicht so, wie…“ und anderen revidierenden Sätzen. Das fand ich in den seltensten Fällen weiter tragisch, da die Leute ja immerhin zu einer Einsicht gelangten.
Durch diese persönlichen Erfahrungen sah ich mich selbst davor gefeit, jemanden vorschnell in eine Schublade zu stecken, bis mir Ende 2012 selbiges widerfuhr. Damals stand ich vor meiner ersten Begegnung mit diesem „Trailrunning“ und lernte unter anderem Steffen und Martin kennen. Es ist genau der Steffen und genau der Martin, mit denen ich ein halbes Jahr später die 4-Trails laufen sollte. Doch im Dezember 2012, als wir uns zum ersten Mal zum Laufen verabredeten, wusste ich noch nicht, wer die Jungs sind.

Steffen, Martin, Ben und Ich. Die erste Begegnung
Wir laufen los und es sprudelt aus Steffen hinaus. Er erzählt von diesem Lauf, jenem Lauf, das diese und jene Schuhe geil wären sowie der Strecke im Vogelsberg, die wir gemeinsam laufen. Wir lernen uns kennen und ein wenig eingeschüchtert bin ich, denn ich fühle mich unter den beiden durchtrainierten Jungs wie der moppelige, schüchterne Anfänger der ich damals bin. Am Ende des Tages, als wir an den Koffenräumen der Autos stehen, ich mich heimlich umziehe und die breiten Kreuze von Martin und Steffen sehe, bin ich ein wenig eingeschüchtert. Ich sehe Steffens tätowierte Arme und Beine und das Vorurteil macht sich in meinem Kopf breit: Was ein Prolet!
Tätowierte Menschen verbinde ich zu diesem Zeitpunkt mit Proletentum. Als Steffen uns ein Bilderalbum von seinen Abenteuern zeigt und uns das erste Mal von seinem „Trainingslager“ in Kühtai und dem anschließenden Zugspitz Supertrail erzählt, ist meine Schublade sperrangelweit offen: Prolliger Angeber mit zuviel Geld.
Dazu kommt noch Steffens Fitnesswahn über welchen er sich gemeinsam mit Martin rege austauscht und unsere gegründete Whatsappgruppe regelrecht mit seinen Fitnessbildern zumüllt. Martin steht dem natürlich in nichts nach 😉
Das sich Steffen vegan ernährt und trotzdem so krass aussieht und so krass unterwegs ist, passt so garnicht in meine Schublade. Zu meiner Entschuldigung revidiere ich mein Urteil sehr schnell.
Es vergeht viel Zeit…

…wir fahren gemeinsam zum Revierguide. Die Fahrgemeinschaft dorthin war der eigentliche Zweck unserer Verabredung. Doch wir bleiben in Kontakt, denn fortan haben wir ein gemeinsames Ziel: Die 4-Trails.

Steffen ist wieder in Kühtai und hat dort ein Apartment angemietet. Er lädt uns zu sich ein und wir verbringen ein paar echt lustige Tage zusammen. Steffen bekocht uns, zeigt uns seine Pfade im Kühtai, ich stauche mir einen Finger in einem Wasserpark an und wir finishen den Zugspitz Basetrail. Der große Tag kommt,…

…wir laufen die 4-Trails. Ich komme dabei in den Genuss sowohl Etappen gemeinsam mit Martin, als auch mit Steffen zu laufen. Es ist toll, sich im Leiden gegenseitig zu unterstützen und die Woche die wir aufeinander rumhängen bestätigt doch meinen Eindruck den ich von Steffen –  kurz nach meinem missglückten Versuch ihn in eine Schublade zu stecken – hatte: Ein verlässlicher, ordentlicher und bodenständiger Freund.

Bei den 4-Trails erlangt Steffen in meinem familiären Umfeld quasi den Status einer Legende. Meine Freundin, mein Vater und mein Schwiegervater in spe samt Freundin lernen Steffen kennen. Alle sind sie beim ersten Anblick von Steffen schockiert. Übersäht mit Tattoos, muskelbepackt, glatzköpfig und bärtig denken sie alle das was ich zuvor gedacht habe und ebenso wie ich müssen alle ihre Vorurteile über den Haufen werfen.
Entgegen der Erwartung von mir und meiner Freundin ist Steffen der pünktlichste und wohlorganisierteste am gemeinsamen Treffpunkt vor jeder Etappe in Imsterberg. Er hat nie was vergessen. Ich kenne es zwar schon von Kühtai, jedoch staunt meine Freundin nicht schlecht, als sie sieht, wie akkurat Steffen alles in Boxen sortiert. Lebensmittel, Schuhe, Kleidung. Während bei mir alles in eine große Tasche gedeut wird.
Da Steffen im Etappenziel immer vor uns ankommt, hat er genügend Zeit, sich mit meinem Vater zu unterhalten. Die zwei freunden sich schnell an, da mein Vater auch eine große Affinität für Berge hat und schon dort war, wo Steffen gerne hin möchte.
Das er sich vegan ernährt, imponiert sogar den Vater meiner Freundin und seine Lebensgefährtin. Als er ihnen erklärt, wie man was kocht und wie das mit der veganen Ernährung funktioniert, sind sie ebenso erstaunt wie seine wasserdichte „Dorf-Credibility“. Wie mein gesamter Anhang kommt Steffen aus „Grimmich“. Einem Kuhkaff irgendwo bei Gießen. Spätestens als er sich mit meinem Schwiegervater in spe in hessischem Platt „battled“, hat er ein Stein im Brett.
Mein Anhang erkundigt sich oft bei Steffen und alle sind sich einig, dass es ein toller Typ ist und wie sehr wir uns alle – zum positiven – in ihm getäuscht haben. Mein Vater sagt mir oft, dass er ein „guter Junge“ sei, mit dem ich Kontakt halten soll.
Das fällt schwer, denn ich verletze mich und komme nicht wirklich zum Laufen. Wir sehen uns seitdem nur kurz, telefonieren jedoch regelmäßig.

Als ich wieder die ersten Laufversuche machen darf, kontaktiere ich Steffen und wir verabreden uns.
Die Freude ist groß, als wir uns wieder sehen und bevor die Schuhe geschnürt werden trinken wir ein Käffchen und unterhalten uns. In Steffens Wohnung ist noch alles beim alten. Es wunderte mich damals wie heute nicht, dass Steffens größtes Zimmer seine Fitnessstube ist. Kein Pumperschuppen, ein Stube zum Fitwerden. Kettlebell, TRX, Crossfit, nenne etwas und Steffen kennt es und hat es auch schon längst in seinen Trainingsplan einbezogen. Für mich Fitnessmuffel ist Steffen jederzeit eine Riesenmotivation.
Das Steffens (Lauf)Schuhe fast genauso viel Platz wegnehmen, ist da auch kein Wunder.

„Der da ist supergeil! Hammer!“. Steffen ist bekannt dafür, Schuhe zu kaufen, die generell immer der absolute Hammer sind. Obwohl seine Schuhe immer den meisten Grip haben, schafft es Steffen doch in regelmäßigen Abständen hinzufallen.
Als er mir einen Schuhe anpreist, denke ich an Kühtai, als Steffen uns seinen knallroten Schuh zeigte, der zwar nicht so aussähe als hätte er Grip, aber trotzdem sehr griffig sei. Nachdem er das dritte Mal hingefallen war, revidierte er seine Aussage „Doch nicht so geil.“

Wir schnüren die Schuhe und laufen los. Steffen hat etwas neues entdeckt und möchte mir seine Entdeckung zeigen…

…und es wird eine tolle Runde bei strahlendem Sonnenschein.

Während meiner Lauferei habe ich viele tolle Menschen kennengelernt und manch einen Blender. Mit den allermeisten stehe ich in immer noch in Kontakt und es hat sich ein kleines Netzwerk gebildet. Die Deutschlandkarte deckt sich mit Punkten und jedes Mal, wenn ich irgendwo bin oder vorbeifahre denke ich, dass doch der und der hier wohnt und man den oder die mal kontaktieren sollte.

Dieser Beitrag soll keine Lobhudelei über eine Person sein, doch ist Steffen das herausstechende Beispiel für mich, dass auch ich nicht frei von den Vorurteilen den ich mich selbst ausgesetzt sehe. Auch Martin lerne ich zur selben Zeit kennen und wir drei kennen uns dementsprechend alle gleich lang. Doch in Martins Hundeblick, seinem sympathischen und drolligen Hund Ben, welcher aus Martins weisser Familienkutsche springt, habe ich gleich den Sympathen vermutet, der dieser dann auch war.
Nicht jeder Hundebesitzer mit Hundeblick und weisser Familienkutsche muss so sympathisch sein wie Martin und nicht jeder tätowierte Mensch muss ein pöbelnder Rüpel sein.
Lektion gelernt.

Die Trampelpfadlauferei hat mir viel über mich selbst und die Natur beigebracht und das erwähne ich sehr häufig an dieser Stelle. Doch hat es mir auch viel über andere Menschen und Menschen im Allgemeinen gezeigt. Es ist schön, dass die Lauferei die Kraft besitzt, Barrieren zu überwinden und Menschen zusammenzubringen, mit denen man sonst niemals in Kontakt treten würde.

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