Ode an das Felsenmeer.

Vor genau fünf Monaten war ich zum ersten Mal am Felsenmeer. Ich hatte schon viel davon gehört und auch schon Bilder davon gesehen (Im Zeitalter von Google (Earth) ist ja alles möglich). Mein Mitbewohner und meine Wenigkeit wollten Mitte Oktober zu einem unserer Kommilitonen in den Odenwald laufen. Für mich war es auch die Gelegenheit, meinem Mitbewohner mein Laufrevier zu zeigen. Es war ein schöner, sonniger Herbsttag und mein Mitbewohner war von der ganzen Tour sehr begeistert und dankbar. Er genoß „meine“ Pfade ebenso sehr wie ich und war mir dankbar, dass ich mir die Mühe gemacht hatte, eine Strecke zusammenzustellen und uns zu navigieren. Das wir uns verliefen, weil meine Uhr just in dem Moment als ich meine gewohnten Pfade verließ, den GPS-Empfang verlor, fand er garnicht so schlimm. Der gemütliche Grillabend unter Freunden danach, das gemeinsame Leiden und vorallem das Felsenmeer hatten für jegliche Strapazen entschädigt. 
Wir liefen Sonntags und dementsprechend bevölkert war das Felsenmeer. Omis und Opis, händchenhaltende Pärchen und tollwütige Kinder machten ein unbeschwertes Genießen des Felsenmeeres unmöglich. Das obligatorische Foto musste sein. Zur allgemeinen Belustigung der Leute am Würstchenstand. Das man sich dort nur auf den Wanderwegen bewegte und nur die kleines Kinder der Natur so entgegenkamen, wie man es sollte (nämlich mit Händen und Füßen auf den Felsen), war mir ein Rätsel. Aber mittlerweile war ich gewohnt, dass man die Natur gerne aus der Ferne beobachtet, als „wunderschön“ bezeichnet und sich dann als „naturverliebt“ bezeichnet, ohne auch nur einen Fuß in besagte Natur gesetzt zu haben (Der elitäre „Treehugger“, der ich nun bin 😉 ).
Ich sagte mir, dass ich dort unbedingt nochmal in aller Ruhe laufen müsse und warum die Rückkehr ganze 5 Monate gedauert hat, erklärt wohl die miserable Anbindung mit öffentlichen Verkehrmitteln und eine Entfernung, die man dann mal nicht ebenso wieder nach Hause läuft. Das Fristen eines Studentendaseins hat auch seine Schattenseiten 😉
Für eine Woche hatte ich ein Auto zu Verfügung und ihr ahnt richtig, wohin es mich kutschieren sollte. Zum Felsenmeer. Wenn man das Felsenmeer zum ersten mal betrachtet, stellt sich sofort die Frage, wie es zu solch einer seltsamen Formation von großen Felsen kommen konnte. Mir ist die Sage lieber als die tatsächliche Erklärung:
„Die Sage vom Felsenmeer in Lautertal handelt von zwei Riesen, die in der Gegend von Reichenbach wohnten, der eine auf dem Felsberg, der andere auf dem Hohenstein. Als sie Streit bekamen, bewarfen sie sich mit Felsbrocken. Der Hohensteiner war im Vorteil, er hatte mehr Wurfmaterial. So kam es, dass der Felsberger Riese bald unter Blöcken begraben wurde; angeblich hört man ihn noch gelegentlich darunter brüllen. Und die Felswand des Hohenstein soll die letzte Hausmauer des anderen Riesen sein. So wurde im Volksmund die Entstehung des Felsenmeeres erklärt.“
Kontinentaldrift, Subduktion und Verwitterungsgrus sind jedenfalls keine Wörter, die ich auf Anhieb verstehe und auch nicht so sympathisch sind wie zwei Riesen, die sich mit Steinen bewerfen. Daneben fließt durch und unter den Steinen die Siegfriedsquelle, von ebenjenem Helden der Nibelungensage. Ich mag solche Geschichten sehr gern, da sie die Fantasie anregen und spaßig sind. DIN-Normen und wissenschaftlich-wasserdichte Erklärung gehören auf die Arbeit…
…von welcher ich mich an zwei Tagen früher verabschiede um das Felsenmeer auszukosten. Ich sollte es nicht bereuen, denn die Sonne scheint, ich trage kurze Kleidung und habe an beiden Tagen das Felsenmeer mehr oder weniger für mich alleine. Das Felsenmeer ist ein Kleinod und des Trampelpfadläufers Paradies. Sobald man die 20 Meter vom Parkplatz runterläuft und die ersten Steine erblickt, steht man vor der Qual der Wahl. Wo laufe ich hier bloß runter? Hüpfe ich von Felsbrocken zu Felsbrocken hinunter, laufe ich links runter, laufe ich rechts runter, laufe ich zickzack runter? Fragen über fragen für die ich mir zwei Nachmittage Zeit nehme, sie zu beantworten.
Ich entschied mich zunächst dafür den Nibelungensteig herunterzulaufen, welcher ebenfalls sehr trailig ist (bzw. war). Doch ich entdecke soviele Möglichkeiten, nicht über die Steine hinunterzulaufen, dass ich meinen Plan über Bord warf und meiner Intuition folgte, welche mir viel Spaß beschwerte. Ich bekam Gänsehaut, als ich die lange Schneise hinunterblickte und am Ende der „Felsenlava“ den Gipfel des nächsten „ourewällerischen“ Berges sehe. Mir trieft der Schweiß am Kinn hinunter als mir zwei Kinder entgegenkommen. „Du darfst nicht auf die Lava treten, du hast nur ein Leben.“ Tatsache, ich habe nur ein Leben und besser kann es man es gerade nicht genießen. Das „Lava-Spiel“ kenne ich aus dem heimischen Wohnzimmer, wo ich als Kind von Couch zu Couch stieg um nicht in die „Lava“ zu treten. 
Unten angekommen blicke ich hinauf und staune nicht schlecht, denn die Ausmaße des Felsenmeeres sind riesig für solch ein Naturphänomen, welches nicht nur die Römer als Werkkammer benutzten. 
Den Weg hinauf wollte ich lavamäßig auf den Steinen hochsteigen und oben angekommen wusste ich jedenfalls, was ich getan hatte. Meine Handinnenflächen waren verdreckt und aufgerauht, ich hatte Schrammen an den Beinen und die Puste blieb mir auch weg, doch ich hatte für diese Zeit alles um mich herum vergessen.
Am nächsten Tag kam ich wieder dorthin und wieder stellte ich mir die Frage, welchen Weg ich diesmal hinab wähle. Ich kletterte wieder über die Steine hoch und stieg ein zweites Mal hinab. Unten angekommen war ich so fertig, dass ich diesmal stumpf dem Nibelungenpfad folgte, welcher zwar teilweise auch echt schön ist, andererseits stückweise den Blick auf die Felsformation verliert und dem „Wandersvolk“ Tribut zollt. Es werden Holzstufen und Schotterwege angelegt, um jedem Wanderer gerecht zu werden. Finde ich persönlich sehr schade, aber nicht so schade, wie der viele Müll, der doch sehr oft zwischen den Felsen und auch auf den Wegen nicht gerade in geringen Mengen herumliegt. Wie Ignorant muss man sein den Ort, an dem man sich erholt und dessen Schönheit man genießt, aktiv zuzumüllen?
Beim nächsten Mal nehme ich eine Mülltüte mit und sammle Müll auf.
Doch ich lasse mir die gute Laune nicht nehmen, grüße freundlich jeden, der mir begegnet und werde von einem älteren Herren angesprochen, der hier mit seinem Enkelsohn unterwegs ist und mich fragt, wie oft ich denn schon hoch und runter gerannt bin. Wir unterhalten uns kurz und verabschieden uns freundlich. Leider wird aber mich nicht als naturliebenden Trailrunner wahrnehmen, sondern allgemein als „Läufer“.
Meinerseits spreche ich ein gleichaltriges Pärchen an, welches an den Felsformationen bouldert. Ich finde bouldern schön und möchte es auch irgendwann mal ausprobieren, schrecke allerdings vor den hohen Preisen in der Boulderhalle zurück und außerdem ist es viel schöner, an der frischen Luft zu sein. Ich werde das Gefühl nicht los, dass die beiden mich ein wenig „komisch“ finden und das auch an der GoPro liegt, die ich auf einem Gorillapod durch die Gegend trage. Aber das ist mir egal, das Wetter ist klasse und die Sonnenstrahlen, die schönen Trails und die Erschöpfung lassen mich den Ärger des Tages vergessen. 
Ich würde mir ja wünschen, dass das Felsenmeer ebenso gut versteckt ist wie z.B. mein Magnetsteinpfad, so dass dort nur Leute hinkommen, die dort auch wirklich sein wollen. Das am Fuß des Felsenmeeres ein großes Parkplatz und das „Felsenmeer-Informationszentrum“ steht, oben ein afrikanisches Restaurant und ebenfalls ein großes Parkplatz, machen das Felsenmeer zwar zugänglich für Jedermann (was sehr schön ist), aber auch für den Schmutzfink, der das ganze vielleicht nicht so sehr zu schätzen weiss.
Man wird mich hier demnächst häufiger antreffen und ich werde hierhin viele meiner Freunde bringen, denn das Felsenmeer ist einfach schön und einzigartig. Wahrscheinlich wird man mich dann in den frühen Morgenstunden oder in der Nacht antreffen, denn davor verspreche ich mir weitere Gänsehauterlebnisse.

Ein Gedanke zu „Ode an das Felsenmeer.

  1. Klasse Bericht und coole Lauferei 😉

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