Quo vadis, Imperator?

 An philosophischen Diskussionen wie „Was würdest du tun, wenn du nur noch ein Jahr zu Leben hättest?“ wollte ich mich nie beteiligen. Eine stark abstrahierte Form dieser Frage stellt sich mir aber seit einem Monat.
„Wo würdest du Laufen, wenn du nur einmal die Woche laufen dürftest?“, ist die Frage die sich mir momentan stellt. Doch im Gegensatz zu der Eingangsfrage sehe ich das ganze weniger „endzeitmäßig“, denn als positive Herausforderung. Immerhin kann ich wieder Laufen, ohne dabei permanent in mich horchen zu müssen und ohne das sofort etwas zwickt. Die Aufgabe die ich mir nun stelle ist, meine Laufstrecke so schön und nach meinen idealen so qualitativ hochwertig zu gestalten, dass ich mir nicht vorwerfen kann, meinen einzigen Lauf pro Woche vergeudet zu haben. 
Wie ein Surfer, der auf die perfekte Welle wartet und nicht wahllos jede einzelne mitnimmt, so warte ich auf den schönsten Tag der Woche. Das muss nicht immer ein „schöner“ Tag im klassischen Sinne sein. Es muss schön in meinem Sinne sein. So bin ich nach einem Regenschauer raus, wenn der matschige Boden am schönsten duftet und sich die feuchte Erde auf die Haut legt. Oder auch mal in diesigem Nebel, wenn sich die feuchte Luft wie ein samtenes Tuch auf die Haut legt und die Bäume wie mystische Figuren ihren Wald hüten. Aber Sonnenschein ist trotzdem schön. Ja.
Der Frühling kommt allmählich. Wie jede der vier Jahreszeiten hat sie einen ganz besonderen, persönlichen Charme. Ich schüttele die graue Tristesse des kalten Wintern ab, welche zusätzlich meine Laune betrübte und genieße die Sonne, die mein Gemüt erheitert und schon die Kraft hat, meine Haut zu wärmen. Wie ein Kamel, dass durch die Wüste wanderte und sich nun endlich wieder am Wasser laben darf, sauge ich die Sonnenstrahlen auf. Sonne ist jetzt  mein guter Freund. Es werden auch wieder die Zeiten im Hochsommer kommen, in dem die Sonne eher der Gegenspieler ist, der einen umgrätschen möchte, aber jetzt laufen wir Hand in Hand durch die Wälder.
Wahrscheinlich ist es theatralisch und übertrieben, aber ich erfreue mich einfach der Tatsache, mich wieder frei und auf eigenen Füßen in der Natur fortbewegen zu dürfen. Wenn die Verletzung eine gute Seite hatte, dann doch die Selbstreflektion. 
War es das wert?
Ja! Das Training für einen Etappenlauf hat mir definitiv einige Kilos genommen und ein tolles Körpergefühl gegeben. Im Zuge der Vorbereitung bin ich viel herumgekommen und habe ebenso viele Menschen kennengelernt. Allerdings habe ich das in erster Linie aus Neugier, denn als „notwendiges Trainingsübel“ gemacht. Ich habe meine Grenzen erforscht, bin über mich hinausgewachsen, habe Emotionen erlebt, die ich noch nie zuvor kannte und bin dieser Sucht erlegen. Immer mehr Höhenmeter, immer weiter war dann für mich die Devise. Marathondistanz? Im vorbeigehen. Die Plackerei hat sich für all‘ die Eindrücke definitiv gelohnt. Das ich es übertrieben habe schreibe ich nur mir selbst zu. Ich lerne oft nur, wenn ich Fehler mache und das war ein Fehler, der mir körperlich wie seelisch so wehgetan hat, dass ich eine Wiederholung in Zukunft zu vermeiden wissen werde. Hoffentlich. Zu Höchstleistungen gehört auch das Rasten. Der Körper ist nicht unkaputtbar und er braucht seine Ruhe. Der Geist muss erstmal den Körper um Erlaubnis fragen, wenn er höher, weiter, schneller und öfter will. Doch ist das die Essenz des Trailrunning?
Was ist Trailrunning für mich?
Auch diese Frage habe ich mir gestellt. Als ich das erste Mal das TRAIL-Magazin durchlas, sah ich darin fast ausschließlich Berichte und Werbungen für Ultraläufe. So kam es mir zumindest vor. Ich mochte das Prinzip „abseits der üblichen Wege“ und „keine Herzfrequenzmessung/keine Paceanzeige/keine Splitzeiten“. Ein wenig naiv dachte ich, dass die 4-Trails eine Einsteigerveranstaltung seien. Das Gefühl hat sich auch gehalten als ich die ersten Bekanntschaften machte. Alles erfahrene und gestande Trailhasen, die schon einige krasse Rennen auf dem Kerbholz hatten. So wollte ich auch sein. So musste ich auch sein. Um mitreden zu können. Dachte ich. Dieser Irrglaube hat mir die Suppe einbrockt. Denke ich zurück, dann tat ich doch einiges dafür ein gewisses läuferisches Level zu erreichen und verlor dabei die Hauptsache aus den Augen: Den Spaß. Ich hatte mit dem Trailrunning angefangen um dem Leistungsdruck in der Uni oder den Bedingungen des Tischtennis (einen Sport, den ich seit 18 Jahren ausübe) zu entfliehen. Beim Trailrunning kann ich das wie, wo und wann selber definieren. Ich brauche keinen Trainingspartner oder Sporthalle und ich muss auch nicht immatrikuliert sein. Das war toll.

Toll war auch, Dinge „für Umme“ zu bekommen und dann darüber einen Testbericht zu verfassen. Doch schafft das auch Abhängigkeiten. Man MUSS das Zeug dann auch testen. Man MUSS im Regen raus um die Regenhose zu testen. Man MUSS in der Dunkelheit raus, um die Stirnlampe zu testen. Man MUSS im Wind raus um die Windjacke zu testen. All‘ das mache ich gern, aber bitte wenn ich wirklich Lust dazu habe und nicht weil ich MUSS. Denn wenn ich etwas MUSS, dann wird die Sache schnell unattraktiv. Mittlerweile beneide ich niemanden, der gesponsort wird. Natürlich ist das toll, Dinge geschenkt zu bekommen die eigentlich sehr viel Geld kosten. Doch sind diese materiellen Zuneigungen auch mit Gegenerwartungen verbunden. Und das führt wieder zum MUSS. Das weiss ich aus dem Tischtennis, wo Leute sich von einer Firma sponsorn lassen, aber heimlich das Material anderer Hersteller benutzen, weil es einfach besser ist. Ich werde also auch in Zukunft lieber länger im muffigen Labor Linearschlitten programmieren, oder bei Sonnenschein in einer Halle stehen und Jugendtraining leiten als Dinge zu testen und darüber schreiben zu müssen. Ich bin als Materialtester also raus.

Um auf die Frage einzugehen: Trailrunning ist Freiheit. Dazu gehört natürlich auch die Teilnahme an Veranstaltungen. Nur was mir gefällt, wir auch mit meiner Anwesenheit „belohnt“. Ab jetzt mache ich nur noch das, was mir ein gutes Gefühl gibt. Ich werde nicht krasser sein, als ich es selbst möchte. Es kann auch gerne jeder sagen, dass der Orkan „nur kurze Sachen“ läuft. Ich bin ich und ich weiss was mir Spaß und Freude bereitet.
Wenn ich eine Strecke finde die 5 – 10 km lang ist, dafür aber zu 100% nicht nur aus Trails, sondern aus (in meinen Augen) wunderschönen Trails besteht, die Emotionen in mir wecken, dann habe ich alles richtig gemacht. Wenn ich an einem sonnigen Tag die Arme ausbreite, kurz die Augen schließe und über weichen Untergrund laufe, dann ist das höchstes Glück. Wenn ich mich dann auf die Fresse lege, ist das auch Glück. Selbstverschuldetes Glück 😉

Wenn sich meine Profil in den feuchten Boden graben, ich vertrauen zur Traktion habe und mich bei supernebligem Wetter einen waghalsigen, ausgesetzten Downhill runterstürze, dann ist das Glück auch wenn ich mich dabei auf die Fresse lege. Hinfallen und Aufstehen. Auch im übertragenen Sinne.

Wenn ich stundenlang einen Berg hochstöckele und oben tolle Aussichten genieße, mich mit Südafrikanern und Dänen unterhalte, von Israelis überholt werde, dann nenne ich das nicht Wettkampf, sondern Glück. Der Trail kennt keine Staatsangehörigkeiten und auch keine Konfession.
Das ist Trailrunning. Für mich. Und trotzdem werde ich einen Ultra laufen. Irgendwann. Weil ich wissen will, was es mit mir macht und einfach um eine Erfahrung reicher bin. Doch ich werde höhere Ansprüche an die
Strecke stellen. Es muss sich lohnen. Ich werde jedenfalls keine 100km auf einer Tartanbahn laufen 😉
Was möchte ich erreichen?
Glück ist auch – und das hat sich auch nach der Verletzung nicht verändert – das erreichen der persönlichen Grenze. Die physische und psychische Erschöpfung lassen einen für’s (eigene) Leben lernen und haben mich gelehrt, was es heißt, Demut der Natur gegenüber zu entwickeln. Denn wir sind alle Kinder der Natur und erfreuen uns an ihr. „Extreme Läufe“ sind Pilgerreisen in die Natur und zu sich selbst. Die Ultradistanzen, die vielen Höhenmeter und schweren Etappen nacheinander sind bloß das Vehikel für den rauschähnlichen Trancezustand den man dabei erreicht. Die Reise in sein tiefsten Inneres. Auch die Bezeichnung „Trampelpfadlaufen“, welchen zu Benutzen ich die Leute letzten März aufzwang, drückt doch perfekt aus, was mir diese spezielle Lauferei bedeutet. Es ist meine Form der Natur den nötigen Respekt zu zollen.
In dem wir uns auf Pfaden bewegen, die wir durch abermaliges Begehen mit unserer Muskelkraft in die Natur zeichen. In dem unser Schweiß auf den Boden fällt und wir so ein Stück von uns selbst in der Natur lassen. In dem wir uns an Felsbrocken die Haut aufreißen und Blutsbruderschaft mit der Natur schließen.
In dem wir mit Händen in den Boden oder eine Felskante greifen und die Natur liebkosen. Nicht die Waldautobahnen, die wir mit einem „Fuck you!“ und schweren Maschinen in die Natur geprügelt haben.
Nicht das „nachhaltige Wirtschaften mit der Ressource Natur“, in der man mit „Vollerntern“ die Natur vergewaltigt. Respekt ist keine Einbahnstraße und wenn wir nicht nach den Regeln der Natur spielen, werden wir bestraft. Im Kreislauf der Natur, sind wir nur der Kreuzbandriss. Ein großer Schaden, der einschränkt, Zeit und Substanz kostet, den sie aber übersteht.

2 Gedanken zu „Quo vadis, Imperator?

  1. Unknown sagt:

    Toller Bericht, mit tollen Bildern.

    Du sprichst mir aus der Seele.

    Kenne auch einige die total angefixt waren und so sein wollen wie diejenigen die 100 KM laufen. Leider wird aber zu oft vergessen, das die schon seit jahren Laufen und man das nicht von heute auf morgen macht.

    Das testen von Material ist doch klasse, ich würde sowas gerne machen. Freu dich doch drüber, die Möglichkeit haben viele nicht. Ich würde gerne mit dir tauschen.

  2. Holger sagt:

    Wiedermal sehr schön geschrieben. Doof das man die meisten Dinge erst durch leiden bewußt gemacht bekommt.
    Und wenn der Spaß auf der Strecke bleibt sollte man auch aufhören. Es ist ein Hobby und nicht die Arbeit.

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