Stadttrampelpfad.

Der Winter ist nicht nur die Jahreszeit von Schnee, Kälte und tendenziell grauem Himmel, sondern auch die Jahreszeit der Waldarbeiten. So musste ich mit den Laufjahren feststellen, dass die Blüten der Holzfällerkunst mancherorts besonders prachtvolle Blüten tragen. Die Faustformel besagt, dass je schöner das Mittelgebirge, desto rabiater die „Waldarbeiter“ und desto größer die Maschinen. Letztes Jahr durfte ich erleben, wie man im Taunus mit Holzvollerntern bzw. „Harvestern“ den Wald „nachhaltig“ nutzt. Das man dabei mit den bis tonnenschweren Maschinen bestehende Wege ruiniert (die dann zueisen und Achillessehnenentzündungen bei Läufern auslösen können) oder Schneisen in den Wald schlägt, ist scheinbar Nebensache. Persönlich betroffen wurde ich dann in meinem eigenen Revier. Der erste von mir entdecke Trampelpfad wurde letztes Jahr auf besonders brutale Weise zerstört. Der über Jahrtausende hinweg (so munkeln Legenden) eingetrampelte, von Bäumen gehütete und schattige Pfad wurde aufgerissen und dem erdboden gleichgemacht.
Auch dieses Jahr musste ich bei meinen Bergrad- und Laufausflügen feststellen, dass man sogar auf ausgeschilderte Wanderwege keine Rücksicht nimmt und nach getaner Arbeit tief zerfurchte und zermatsche bzw. durchgefrorene Wege hinterlässt. Ein Ärgernis sondergleichen.
Der Abstand von der Trampelpfadlauferei und das Ausüben von Sportarten in anderen Gefilden (Wasser/Landstraßen) haben mir ein wenig den Horizont erweitert. Zumindest kann man sich das einreden, wenn man Dinge positiv sehen möchte. Ein bischen argwöhnisch richte ich meinen Blick ja auf… mmmhh, nennen wir es „Trendsportarten“ wie Hindernisläufe á la Strongmanrun, Tough Guy und Konsorten, die aufgrund der archaischen Wirksamkeit („I’m f*cking sophisticated, b*tch“) gerne mal im Winter stattfinden. Wenn muskelbepackte Männer in kurzen Laufklamotten unter Stacheldraht hindurchkriechen, brennenden Reifen ausweichen und eiskalte Flüsse durchqueren, lässt das meine vergeblichen Versuche der Wasseraufnahme mit Hilfe eines zugefrorenen Trinkschlauches doch ein wenig „spießig“ aussehen. 
Zumindest sieht schwarze Tarnfarbe wesentlich cooler aus als Vaseline im Gesicht wegen der Sche*sskälte. Man ist jedenfalls wieder auf einen „Parcours“ angewiesen, den man erstmal aufbauen und durchqueren muss, statt sich der Hindernisse der Natur oder einer Stadt zu bedienen. Da ich sowas aber selber noch nicht ausprobiert habe, enthalte ich mich meines persönliches Urteils und sowieso: Solange es den Leuten Spaß und Freude bringt, solle thoughguyen und strongmanrunnen wer will.
Ebenso argwöhnisch betrachte ich neue Laufkollektionen. Manche Sachen finde ich gut, so zum Beispiel den Mut zu knalligen Farben und die große Auswahl an Schuhen unterschiedlicher Profile und Sprengungen. Manche Sachen lasse ich unkommentiert an mir vorbeigehen (Hoka), obwohl sie großen Zuspruch finden. Ich muss nicht alles doof finden und auch nicht alles ausprobieren. Ein wenig verdutzt bin ich doch gewesen, als ich Laufschuhe der Kategorie „Citytrail“ fand. Ich erinnere mich an hitzige Diskussionen letzten Sommer, was denn eigentlich „Trailrunning“ sei, wer sich „Trailrunner“ nennen soll/darf und ob es überhaupt sowas wie eine Grauzone zwischen „Trailrunning“ und „Straßenlaufe“ gibt. Namentlich „Citytrail“. Ich bin der Meinung, dass man manche Dinge erstmal ausprobieren soll, bevor man sie doof findet und generell das tun soll, was einem Spaß und Freude bereitet. Dieser Kategorisierungswahn führt in meinen Augen auch eher zu dem Schubladendenken, von dem wir Trampelpfadläufer uns freisprechen.
Mittlerweile findet man auch Laufschuhe dieser Kategorie, die in meinen Augen verblüffende Ähnlichkeiten zu Schuhen der „Trailrunning“-Kategorie aufweisen. Bloß haben sie poppigere Farben. Man ist ja in der City unterwegs. Auch ein von mir gern gelaufener Schuh wurde in diese Kategorie gesteckt und so folgte ich dem Ruf des Chefeichhörnchens Ölaf-Mölaf, die hessische Landeshauptstadt „citytrail-mäßig“ aufzumischen. Passende „Citytrail“-Schuhe habe ich ja zumindest 😉 Ich war ein wenig skeptisch, aber an diesem Tag sollte ich eine meiner Ansichten über den Haufen werfen.
Feierabend duftet an diesem Tag nicht „kräftig, deftig, würzig, gut“ sondern eher urban und nach verbranntem Mineralöl. Die Versuche sich im Schutz der Beifahrertür umzuziehen werden mit neugierigen bis empörten Blicken der Passanten quittiert. 
Während manch einer auf die „After-Work-Party“ geht, gehen wir auf einen „After-Work-Run“, welches und zunächst in den Kurpark und somit das Territorium des „Lifestyle“-Läufers führt. Vom Beethoven-hörenden Akademiker, zur stockschwingenden (handwaffenbenutzenden) Mutti hin zum parfümierten Modepüppchen ist alles dabei. Und nun auch zwei ultralässige, Truckercap- und neonfarbentragenden Querfeldeinläufer die schwätzen, lästern und lachen. Die Stylepioniere die wird sind. Die Spaßbeauftragten der hessischen Landeshauptstadt. Der zukünftige Weltherrscher und das Chefeichhorn. 
Soweit so gut. Einen Stadtpark habe ich erwartet und ist nichts neues, doch gleich neben den Hauptwegen gibt es verspielte Wurzelpfade und plötzlich ein großer brauner Erdhügel, den es in Serpentinen hinaufgeht…
…jawohl, Serpentinen in einer Großstadt. Serpentinige Singletrails mit Betonstufen trifft das ganze auf den Punkt. Sehr kurzweilig und flott das ganze. Schnell sind die ersten Höhenmeter gesammelt, das Laktat im Muskel, der Puls auf 180 und die Zunge am Kinn. Ein wenig surreal sind auch die schönen Singletrails, da man von ihnen herab auf die Gärten von Luxusvillen mit ihren Designer-Outdoor-Möbeln und Swimmingpools blickt.
Wir überqueren eine viel befahrene Straße von deren Trottoir eine Treppe abgeht, welche uns plötzlich auf den „steilsten, innerstädtischen Trail“ führt, „den du je gesehen hast“. Meine Erwartungen sind hoch…
…und die Überraschung groß, als ich mich plötzlich im Gestrüpp befinde und mich am Handlauf hinaufziehend im nächsten Luxuswohngebiet befinde. Weil das so spaßig ist, machen wir das ganze gleich zwei Mal.
Von hier oben hat man Ausblick auf die Wiesbaden umgebenden Ausläufer des Taunus. Ich hatte gedacht, dass das Highlight schon vorrüber war, als mir der „Ghettotrail“ angekündigt wurde, von dem ich zunächst vermutete, dass es ein Euphemismus sei. Wir biegen aus einem Wohngebiet ab auf einen Trampelpfad und statt Wurzeln behindert mich ein umgekipptes Straßenschild. „Citytrail“ trifft das also schonmal ganz gut und auch das Wort Ghetto bekommt eine Bedeutung als…
…wir an einem ausgehöhlten alten Auto vorbeilaufen…
…und uns auf dem großen Gelände eines verlassenen Reha-Zentrum wiederfinden. Surreal trifft die Situation erneut sehr gut, da von vielen Fenster nicht mehr viel übrig ist und wir uns in einer Graffiti-besprühten Turnhalle finden, die noch garnicht so heruntergekommen aussieht…
…was man vom Aussengelände nicht behauptet kann. Aus den Fugen wächst das Unkraut, die Schilder sind bemoost und die ehemals weissen Fenster ziemlich vergilbt.
Keine Frage, hier werden Horrorfilme gedreht. Dieser Ort dient als Inspirationsquelle für Horrorromane oder Horrorvideospiele. Horror ist auch das, was ich empfinde, als ich diese urbane Ruine mitten in der Stadt entdecke. Normalerweise sind die Ruinen, die ich beim Laufen sehe, alte Burgen oder die Steine, die von ihr noch übrig sind. Doch als wir auf dem Gelände ein beleuchtetes Zimmer sehen, packt zumindest mich die Panik und der Wunsch, schnellstmöglich hier wegzulaufen.
Auf rindenbemulchten Wegen entfernen wir uns aus dem Reha-Zentrum des Horrors in ein schickeres, ziemlich graues Hochhausviertel mit marodierenden Kindern. Ok, marodierend ist übertrieben, aber was tut man nicht alles dafür, eine Gewisse Stimmung zu erzeugen?
Wir laufen an Kneippanlagen vorbei, springen über Brunnen hinweg und rutschen an Handläufen hinab. Was Olaf hier mit viel Liebe und Entdeckergeist zusammengebastelt hat ist der absolute Wahnsinn und lohnt definitiv als urbanen Blick über den mittelgebirgigen Tellerrand hinaus. Ich werde Gebirge jderzeit einer Großstadt bevorzugen, doch im Zeitalter von Bürojobs in Wolkenkratzervierteln, Geschäftsreisen und Tagungen in Großstädten sowie Ermangelung an Zeit/Mittelgebirgen gibt es für mich nun auch die Option eines urbanen Querfeldeins. Nutzt man die menschgemachten Hindernisse und sieht diese nicht als verschandelndes Hindernis sondern als „Steilkurve“, so kann man sich, seinen Mitläufern und erstaunten Passanten doch das ein oder andere Lächeln auf die Lippen zaubern.

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