Kalter Truthahn.

Liebes Tagebuch,

ich weiss es ist schon lange her, dass wir beide miteinander gesprochen haben. Doch in den letzten Wochen und Monaten ist soviel passiert, dass ich garnicht dazu gekommen bin, meine Gedanken aufzuschreiben.
Wenn ich ehrlich bin, hatte ich auch gar keine Lust dazu. Wenn man plötzlich nicht mehr der breiteste Hintern ist, der zu Fuß die Alpen überquert sondern der lästige Patient, der von Arzt zu Arzt tingelt, ewig lange Wartezeiten abstottert und mit einem System konfrontiert… lassen wir das. Es gibt echt schönere Themen.

Zum Beispiel die Geschichte, wie ich meiner schwersten Verletzung bisher etwas positives abgewinnen konnte und wie ich meinen „trockenen Entzug“ meistere. Der Prozess läuft nämlich noch und ich bin der Meinung, dass meine Erfahrungen und Einsichten irgendwann und irgendjemandem vielleicht helfen könnten.

Wie es der Zufall so will, habe ich durch meine Tischtennisspielerei jemanden kennengelernt, der sich mit „Suchtprävention“ auskennt und mit diesem gesprochen bzw. ihm meine Erlebnisse im Jahr 2013 geschildert. Irgendwann sagte er, dass die Merkmale der einer Sucht ähnlich seien. Daraufhin habe ich mal nach „Sucht“ gesucht und ein interessantes Schaubild gefunden, welches den Weg in die Sucht beschreibt. Als „Türöffner“ werden z.B. „soziale Prägungen“ wie Kindheitserlebnisse genannt. Anscheinend hat mich das Aufwachsen im Flachland und in unmittelbarer Nachbarschaft zu vier Kohlekraftwerken inklusive Kohlegrube so nachhaltig geprägt, dass ich für dieses Trampelpfadlaufen eine generelle Empfänglichkeit entwickelt habe. Apropos „Empfänglichkeit“. Es wird von der „Empfänglichkeit für bestimmte Substanzen“ gesprochen. Wenn man das Erleben eines „Flows“ und die damit einhergehende Ausschüttung von Glückhormonen in ihrer pursten Form „Sucht“ nennt, dann muss ich mir eine Abhängigkeit nach Glück tatsächlich eingestehen. Der Weg ihn die Sucht geht weiter mit der „Verfügbarkeit“. Demnach besteht eine große Gefahr für jeden Menschen, der in der Nähe von Wäldern wohnt. Die Gefahr wird (in Deutschland) extrem groß, je weiter man gen Süden reist und desto mittelgebirgiger bzw. „alpiger“ diese Wälder werden.
Kommen wir zur „gesellschaftlichen Akzeptanz“. Während also meine Kommilitonen und andere Freunde kopfschüttelnd ihr Unverständnis über meine sportlichen Aktivitäten äußern, geselle ich mich einfach zu anderen Trampelpfadläufern. Diese Gesellschaft hat für meine Form der körperlichen Aktivität eine enorm große Akzeptanz. „Psychosoziale Faktoren“ wie das Fristen eines Studentendaseins (Verfügbarkeit von Zeit) führen in das, was man volkstümlich „Sucht“ nennt.

„Ist die Sucht erst einmal gelernt, hält sie sich selbst am Laufen. Äußere Einflüsse verlieren ihre Bedeutung.“ (Teufelskreis)

Auch die Ärzte haben mich glauben lassen, dass es schlecht ist, was ich da tue. Letzten Endes habe ich es ihnen fast geglaubt. Aber nur fast (wahrscheinlich nervt es sie nur, dass Läufer eher mal in sich horchen und sich nicht mit Antibiotika vollgepumpt nach Hause schicken lassen). Als ersten Schritt der Therapie haben sie mich in den trockenen Entzug geschickt. Im englischsprachigen Raum wird das auch „Cold Turkey“ genannt. Kalter Truthahn. Witzig.
Meine Laufschuhe haben sie mir genommen, meine Laufuhr, meine Laufrucksäcke, meine Laufstöcke (die Ausrede Nordic Walking haben sie mir nicht abgekauft), einfach alles.
Ich habe gedacht die Welt dreht sich nun ohne mich weiter. Ich habe Alpträume bekommen in denen ich mit Moonboots einen Straßenmarathon laufen musste. Ich habe mich in meiner Wohnung verbarrikardiert und „Jogger“ angefaucht und mit rohen Kartoffeln nach ihnen geworfen. Ich habe geweint und meine Laufzeitschriften weggeschmissen. Ich habe mein Abo gekündigt. Ich habe Beiträge über Trampelpfadlaufen in sozialen Netzwerken verflucht und sie letztlich komplett gemieden. Ich habe meine Liebe zu den Trampelpfaden geleugnet und Wälder gemieden, weil es mir Weh tat. Ich habe mich bemitleiden und gehen lassen.

Die Ärzte haben mir nahegelegt es mit Ersatzdrogen zu versuchen. Sie nannten es „Alternativsport“. Wen wollen die eigentlich verar***en? Man kann sich Nutoka kaufen und so tun, als würde man Nutella essen, aber kein Mensch glaubt allen Ernstes, dass man Nutella ersetzen kann. Aber gut, ich schweife ab, liebes Tagebuch.

Ich habe meine Isomatte rausgeholt und begonnen mich zu schinden. Ich habe also einen Teil meiner großkotzigen Ankündigung wahr gemacht.

Zugegeben es ist schon ein befriedigendes Gefühl, wenn man nach dem „Workout“ (ich glaube so nennt man das) schwitzend auf der Isomatte liegt und seine Gliedmaßen spürt. Dass es gut ist und auch der Lauferei etwas bringt, ist mir ebenso bewusst. Allerdings atme ich doch lieber feuchtnassen Matschboden ein, als die Staubkörner auf meinem Fußboden und zerkratze mir lieber die Arme und Beine an Ästen und Dornen als mir Medizinbälle auf die Zehen zu schmeißen und Nachts über den Pezziball zu fallen. Hände auf Schaumstoffmatten ist zwar angenehm, aber nicht so authentisch wie Hände auf Moos, Fels und Wurzeln. Ich habe akzeptiert, dass diese Turnerei das „Handwerkszeug“ für meine Vorhaben ist und mich die Vernachlässigung dieser erst in die Sch**ße geritten hat. Ich meine ein Schmied sollte sich auch nicht wundern, dass wenn er anstatt eines Hammers seine Hände benutzt er irgendwann an gebrochenen und verbrannten Gliedmaßen leiden wird. Mittlerweile stellt sich hier eine gewisse Regelmäßigkeit ein, auf die ich ein wenig stolz bin. Ein bischen Angst habe ich schon, dass man mich bald für das Cover der Men’s Health zweckentfremdet.

„Fahrradfahren“ ist gut, hat man mir gesagt und so hat mein alter Herr mir seinen alten Rennflitzer vererbt. Nun, ich habe mich auch darauf eingelassen und habe es ausprobiert.

Ich möchte das gute vorweg nehmen und berichten, dass es ein gutes Gefühl war, mal wieder ein Brennen in die Beinen zu spüren, wenn man einen Berg hochradelt, die Geschwindigkeit zu spüren und mal wieder so richtig zu schwitzen. Das der Schweiß zu einem Teil auch der Panik eines eingefleischten Trampelpfadläufers im modernen Straßenverkehr herrührt, verschweige ich dir nicht. Wenn man Rehe, Wildschweine und Eichhörnchen gewohnt ist, dann wirken LKW, PKW und Motorrad doch eher wie blecherne Monster (die einen permanent überfahren wollen). Der Sattel ist eine Art Kunststoff gewordener spanischer Bock. Zumindest kam es mir beim ersten Mal so vor. Da nützt auch die gepolsterte Hose nichts, in der ich mich ähnlich fühlte wie ein zweijähriger. Hat nur noch gefehlt, dass… lassen wir das. Was die Familienplanung angeht, darüber lassen sich noch keine Aussagen treffen. Jedenfalls habe ich gelernt, dass man auf den Sitzhöckern sitzen soll und nicht auf den Weichteilen. Spätestens nach der ersten Ausfahrt, in dem letztere in einen tiefen Schlummer versunken sind, welches mich in panischem Zustand zu Hause hat herumrennen lassen. Die Verbildlichung der Ereignisse überlasse ich deiner Fantasie.
Bahngleise und Kopfsteinpflaster sind leider nicht die Art Hindernisse, über die sich Trampelpfadläufer prinzipiell freut, aber wenn man dieses „Rennradfahren“ auf ruhigeren Wegen mit weniger Verkehr und besseren Straßen betreibt, dann kann es doch tatsächlich schön sein. Zumindest kann man mit den Dingern Berge hoch- und wieder runterradeln. Es bleiben allerdings immer Wege, die von Menschenhand in die Natur gemeisselt worden sind. Wege, für die die Natur weichen musste. Im Gegensatz du meinen geliebten Pfaden, in denen der Mensch seine Pfade eintrampelt und dabei von der Natur nur gedulded wird. Jedenfalls holzt man keine Bäume ab, sondern läuft quer durch sie hindurch. Nein, meine Ökoattitüde habe ich immernoch nicht abgelegt.

Viele meiner Artgenossen haben sich ein Bergfahrrad gekauft, weil es als „Ausgleich“ gut sein soll und man größtenteils auf bekannten Pfaden unterwegs ist. Ehrlich gesagt habe ich mich auf dieses „Mountainbiken“ ziemlich gefreut und bis ich mein erstes eigenes „Mountainbike“ in Empfang nehmen konnte, musste ich erstmal studieren. Ich sag‘ dir, liebes Tagebuch, so trivial ist die Geschichte nämlich nicht. Zunächst muss man sich zwischen „Hardtail“ und „Fully“ entscheiden. Bei letzterem gibt es dann noch Kategorien wie „All-Mountain“, „Enduro“, „Race“, „Downhill“. Anscheinend ist dem geneigten MTB-Fahrer die Wahl der Schuhgröße nicht genug, als das sie zwischen 29″/27,5″ und 26″ Rädern unterscheiden. Auch der Federweg unterscheidet sich je nach Art des Rades und der Laufradgröße, aber obacht liebes Tagebuch, nicht alles ist mit jedem kombinierbar. Die Kaninchenregel gilt hier also nicht.
Hätte ich mir vorher ein Bergradl gekauft, dann hätte ich wohl auch mein Maschinenbaustudium besser verstanden. Jedenfalls bin ich erstmal die mir bekannten Wege mit dem Bergradl abgefahren…

Heimlich, still und leise habe ich mich verkleidet und habe mir gleich zu Beginn die schwierigste mir bekannte Strecke rausgesucht und festgestellt, dass es wesentlich schwieriger und mitunter nicht wirklich schneller ist, mit dem Bergradl einen Berg hochzuradeln. Ich habe meinen neuen Aluminium-Bock öfter hochschieben müssen, als das ich mit dem Gerät gefahren bin. Frust und Scham machten sich in mir breit, aber auch Erschöpfung und Muskelkater. Mir abhanden gekommene Gefühle. Viele meiner angestammten Wege konnte ich fahren, aber die schönsten blieben mir verwehrt, denn diese sind nur meinen Füßen zugänglich. Immerhin gibt es keine anderen Blechmonster, die nach meiner Gesundheit trachten und ich kann den frischen Geschmack von Waldluft kosten und meine Lungenflügel mit ihr fluten. Herrlich. Das Gefühl von fast platzenden Oberschenkeln und Waden haben mich immer und immer wieder auf das Bergradl steigen lassen.
In mir wurde der Entdeckergeist vergangener Läufertage wiedererweckt. Ich hatte Lust, meine Umgebung zu erkunden und mit dem Bergradl eine Gelegenheit gefunden, neue Pfade zu erkunden. Das Teil hat nämlich den Vorteil, dass man insgesamt schneller von A nach B kommt und es nicht so schlimm ist, wenn man sich verfährt. Man legt größere Distanzen mit geringeren Erschöpfung zurück, was mir beim Laufen irgendwie ein Graus wäre, mir bei meinen folgenden Erkundungstouren jedoch sehr entgegenkam.

Du wirst es nicht glauben, liebes Tagebuch, aber bei jeder meiner bisherigen Ausfahrten habe ich neue, mir unbekannte und wunderschöne Trampelpfade entdeckt. In den mir bekannten Revieren auch noch! Schau es dir an!

Michelbacher Weinberg „Apostelgarten“

Zum Beispiel an den Weinbergen in Michelbach, keine 100 Meter von einer von mir stark frequentierten Route warte ein wunderbarer und enorm steiler Trampelpfad darauf, von mir gefahren und in Zukunft gelaufen zu werden und dabei den Blick über die Weinberge schweifen zu lassen.

Ich habe den Bock im Zug nach Aschaffenburg gekarrt und bin hinterrücks in mein Zweitrevier gefahren, dabei sah ich z.B. das…

Mainaschaff – Menzenmühle
Mainaschaff – Menzenmühle

…und ärgerte mich, warum ich diese Erkundungstouren nicht schon gemacht habe, als ich noch laufen durfte und wieso ich in meinem eigenen Revier nicht neugierig genug war, Pfade zu entdecken, die quasi genau vor meiner Nase liegen. Ist mir immernoch schleierhaft. Rühmte ich mich doch als Läufer damit, besonders erkundungsfreudig zu sein… Jedenfalls fuhr ich auf den Hahnenkamm hoch.  Es gibt nun zahlreiche Wege von der Hahnenkammspitze bergab, von denen ich an diesem Tag einen anderen ausprobieren sollte und dieser hatte es in sich.

Ich konnte zunächst einmal auf die Weinberge gegenüber blicken, dort wo ich immer mal kurz den Ausblick genieße (und vor kurzem diesen neuen Pfad entdeckt hatte).

Rock’n’Rolllll.

Rock’n’Rollllll.

Vor mir wartete einer der gnadenlosesten und steilsten Downhills, die ich seit den Alpen gesehen habe und die Sattelüberhöhung (ich hatte ein neues Wort gelernt) meines sportlich getrimmten Bergradls machte es mir unmöglich, diesen Weg zu fahren ohne vornüber ins Verderben zu kippen. Meine bremsen waren ebenso kurz davor zu versagen, also schob ich das Rad. Doch auch das war (fast) unmöglich. Als ich die steilen Hänge hinabblickte und eindeutig einen Weg erkannte, sagte ich mir, dass ich diesen Weg eher auf dem Popo runterrutschen als aufrecht runterlaufen würde. Selbst wenn ich es dürfte.
Was mich komplett verblüffte war die Tatsache, dass dieser Weg im Vorhof einer Kläranlage herauskam. An diesem Weg war ich in der Vergangenheit unzählige Male vorbeigelaufen. Mit Schritten habe ich es gemessen: 5 Schritte waren zwischen der von mir gelaufenen (asphaltierten) Route und dem gut versteckten Eingang um die Ecke. Ich ärgerte mich schwarz, warum ich diesen Weg nicht vorher entdeckt hatte. Bergauf wäre dieser Pfad eine harte Nuss und bergab wahnwitzig. Außerdem war es ein Weg, der von Wandersleut nicht frequentiert wurde und wo man meistens seine Ruhe hatte.

So ist das liebes Tagebuch, man weiss die Dinge, die man hat erst dann zu schätzen, wenn sie Weg sind und so spürte ich von Ausfahrt zu Ausfahrt, warum ich eigentlich so gerne lief. Obwohl ich mich auf den selben Pfaden bewegte und die selbe Luft einatmete, war Bergradeln doch etwas total anderes.
Zwischen mir und den Pfaden bestand keine direkte Verbindung mehr. Ich auf die Informationen angewiesen, die der Haufen Technik unter mir zu mir nach oben weitergab. Es ist wie „Stille Post“. Der Boden flüstert gedämpft den Reifen etwas zu. Hier gehen die ersten Informationen verloren, da der Reifen sich erstmal verformen muss, bevor er über den Schlauch die Luft zum vibrieren bringt, die oszilliert und Informationen „schluckt“, weil sie erst einmal warm wird und die nun stark fragmentierte Botschaft an die Speichen weitergibt, dessen Schwingungen durch die Umgebungsluft und den Fahrtwind so verzerrt an die Federgabel weitergegeben werden, welche sie im Feder-/Dämpferelement fast gänzlich wegschluckt. An den Händen, Füßen und dem Hintern kommt nun eine anonymisierte Nachricht an, die in etwa den Informationsgehalt einer SMS hat, die die Frau Bundeskanzlerin ihrem Ehegatten schickte, welche dabei auf dem Weg von der NSA abgefangen wurde und nun in der Bildzeitung veröffentlicht wird. Wahrheitsgehalt stark in Frage zu stellen.
— nicht-technikaffine Leser überspringen diesen Absatz … —
(Oder wie die Energie einer kartoffelknollengroßen Einheit Kohle, die effizient in Strom gewandelt werden soll. Der Bagger der es abgräbt braucht Energie, ebenso wie die Bänder, die die Kohle fördern und die Vorrichtung, die die Kohle trocknet, mahlt und eindüst, bevor das Zeug verbrennt und die chemische Energie freisetzt, welche auch wieder nicht zu 100% im verdampfenden Wasser landet, dessen Energie auch nicht zu 100% in der Turbine landet, welche es auch nicht schafft, die immer kleiner werdende Menge Energie am Generator in Strom zu wandelnd. Von den Überlandleitungen, die nicht nur sehr hässlich sind, sondern auch wieder Verluste generieren, möchte ich an dieser Stelle garnicht reden.)
— …und machen hier weiter —

Da bin ich wieder abgeschweift, liebes Tagebuch, aber bei diesen Themen rede ich mich leicht in Rage. In einer Gesellschaft, die nach der höchstmöglichen Effizienz strebt und Prozesse bis ins Toilettenpapier optimiert ist und bleibt das Laufen doch die effiziente Form der Fortbewegung und des Spaßhabens. Man ist unabhängig von allen einschränkend wirkenden Faktoren wie Öffnungszeiten (Schwimmbäder, Fitnessstudios, Turnhallen) und man braucht keinen Partner zum ausüben seiner Sportart (Tischtennis, Tennis, Badminton, Squash,…). Bei Rückschlagsportarten versucht dieser auch meistens das eigene Spiel kaputt zu machen, statt ein ästhetisches Miteinander zu produzieren (warum man sich lieber in muffigen Sporthallen rumtreibt, ist ein ganz anderes Thema). Man muss keine Unmengen von Geld in sein Material stecken (Rennsport, Fahrradfahren) und wird auch nicht danach bewertet, wie hochtechnisiert und „ultraleicht“ das ganze dann ist. „Dabei sein ist alles.“ und „Der Weg ist das Ziel.“ sind hier keine leeren Floskeln mehr sondern gelebte Tatsachen. Man bewertet ein sportliches Ereignis nicht nach Sieg oder Niederlage sondern wähnt sich vom ersten bis zum letzten Schritt im sportlichen Genuß (oder Qual).
Man wird auch nicht durch sein Material auf bestimmte Wege und Steigungen gezwungen wie z.B. beim Rennradfahren wo man auf Straßen angewiesen ist oder beim Mountainbiken, wo man nicht mal ebenso Wege kreuzen und querfeldein fahren kann. Man ist unabhängig von Jahreszeiten, Wind und Wetter, solange man diese respektiert.
Es gibt beim Laufen keine Getriebeverluste und keine Technik, die die Emotionen der Natur zerquetscht, ausspuckt und sie nur zerhackt weitergibt. Laufen ist nicht nur Hocheffizienz, sondern die purste Form der Freiheit, die man sportlich ausleben kann.

All‘ das ist mir beim Alternativsporteln in den Sinn gekommen. Bitte versteh mich nicht falsch, liebes Tagebuch. Ich verurteile niemanden, der gerne Rennrad fährt, schwimmen geht, Tischtennis spielt oder Mountainbike fährt. All‘ das mache ich mittlerweile ja auch ganz gern. Es ersetzt mir (persönlich) allerdings nicht, was ich beim Laufen erlebe und empfinde. Ganz im Gegenteil, hat mich das Alternativsporteln erst auf diese Gedanken gebracht und mir verdeutlicht, dass es für mich wichtigere Dinge gibt, als Ziele abzustecken und Wettkämpfe zu „finishen“. Ich werde mir auch in Zukunft Ziele stecken und an Wettkämpfen teilnehmen, allerdings werde ich deswegen nie wieder vergessen, dass mir das Erlebnis der Natur und das Entdecken dieser weitaus wichtiger ist. Sage ich zumindest in meiner jetzigen Situation.

Wie dem auch sei. Zeit heilt alle Wunden. Zumindest wenn man sehr viel davon zur Verfügung hat. Als es mir nach über drei Monaten wieder erlaubt war, am Stück laufen zu gehen, ließ ich mich nicht lumpen und tat das auch sofort. Das Szenario hätte besser nicht sein können. Nervös kam ich nach Feierabend zu Hause an, schnürte meine Schuhe und lief die ersten Meter. Nach drei Monaten betrat ich zum ersten Mal meinen „Hauswald“. Die Sonne ging gerade unter und schickte seine wärmenden Sonnenstrahlen durch die kahlen Bäume auf meine Haut, während ich auf den Kinder-Waldkunstpfad abbog. Ich erklimmte die kurze Steigung und sah die knallgelbe Sonne und die langgezogenen Schatten, die sich auf die von Kindergartenkindern geformten Kunst- und Handwerke legte. Ein wunderbarer Anblick der mich in diesem Moment so glücklich machte, dass mir vielleicht ein wenig die Tränen kamen. So genau weiss ich das leider nicht mehr. Jedenfalls lief ich weiter und genoss die Tatsache, dass ich wieder lief und mich nicht sofort vor Schmerzen krümmte. Meine Geduld und die Alternativsportarten hatten mich anscheinend wieder in die richtigen Bahnen gelenkt. Ich genieße den einen Lauf, der mir pro Woche gegönnt ist in allen Zügen und es geht mir dabei immer besser. Die Schmerzen beim Laufen sind minimal bis garnicht vorhanden und die Nachwehen immer schneller verschwunden. Ich schöpfe Hoffnung und Mut und das tut meiner geschundenen Seele gut. Mein Leben ist jetzt wieder mehr Bauchtanz denn Apokalypse…

…und ich bin mir nun immer sicherer, dass ich irgendwann (körperlich) wieder ganz der alte sein werde.

Bis dann, liebes Tagebuch.

Ein Gedanke zu „Kalter Truthahn.

  1. Uff, zum Glück ist Dein Tagebuch geduldig. Bei so einem Hammertext würde es sonst schwierig. 😉

    Aber zum Glück gibt es am Ende einen Hoffnungsschimmer. Einmal pro Woche geht wieder. Mit etwas Geduld wird der Rest auch wieder kommen. Entzug vom Entzug. Das fällt leichter.

    Liebe Grüße
    Rainer 😎

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