Leben. Lieben. Laufen.

Liebes Tagebuch,

wenn ich in letzter Zeit nach meinem Befinden gefragt werde, lüge ich und sage „Gut“. Ich überlege dann jedes Mal sehr lange, wie es mir tatsächlich geht. Zwar ist das Licht am Ende des Tunnels mit der Aufschrift „Studium“ (gefühlte Länge: Gotthardtunnel) zum greifen nah, ich habe ein Dach über dem Kopf, viele Bücher im Regal, Kleidung in, auf, unter und über den Schränken und ein Umfeld, welches mich meistens gut leiden kann. Ich müsste also „Sehr Gut!“ antworten. Jedoch sagt mir mein inneres, das mir etwas fehlt. Wie ein Auto mit drei Reifen. Es fährt, man würde aber trotzdem sagen, dass etwas fehlt.

Ich schließe ab mit meinem Laufjahr 2013, doch bevor gleich ich in Selbstmitleid zerfließe, möchte ich ausholen und den Bogen spannen. Denn zum einen war mein Jahr 2013 himmelhochjauchzend schön und zu Tode betrübend.

Da ich weiss, dass ich dich manchmal mit meinen sehr ausführlichen Texten ein wenig überstrapaziere, habe ich mein Jahr für dich zweigeteilt. Beginnen wir mit Teil 1.

Das ich das Magazin von und für Trampelpfadläufer Anfang Juni entdeckte und dann Anfing, Asphalt gegen Dreck einzutauschen ist ein alter Hut.

Womit dann alles Begann und was bis heute geblieben ist, sind Wanderkarten, GPS und Neugier. Das südlich von Darmstadt nicht nur „Pampa“ ist, sondern die wunderbarsten Landschaften Südhessens, habe ich erst durch die Trampelpfadlauferei erfahren. Seitdem versuche ich überall dort zu Laufen, wo mich mein Studiticket hin- und die Wanderkarte zurückbringt. Wenn ich auf die Einträge damals zurückblicke, erkenne ich doch eindeutig den „Straßenläufer“. Ich definierte mich jetzt nichtmehr über Pace und Länge, dafür nun über Höhenmeter und Distanz. Die Abgeschiedenheit verschiedener Landschaften und die Ruhe gewisser Tageszeiten waren jedoch schnell äußerst faszinierend. Meine Blogbeiträge ähnelten damals zwar noch denen eines neurotischen Eisbärens, aber gut. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

Ich meldete mich für die 4-Trails 2013 an und dachte zunächst: „Naja, Marathon biste ja schon gelaufen.“ Marathon war für mich verkappten Straßenläufer das Maximum und ich dachte, dass die 4-Trails quasi der Halbmarathon des Trampelpfadlaufens sind und das zum Einstieg ganz gut geeignet wäre…

Immernoch lief ich ganz alleine durch die Gegend. Soziale Netzwerke waren mir ein Graus und in meinem Umfeld fand ich niemanden, der sich für „dieses Trailrunning“ begeistern konnte. Ebenso schnell, wie ich später die Macht der sozialen Netzwerke für einen Trampelpfadläufer entdecken sollte, stellte ich fest, dass die Abgeschiedenheit der Wälder nicht nur schön und befreiend, sondern auch düster und bedrückend sein kann. Ich unterschätzte, dass es im Winter schnell dunkel wird und man für eine Tour immer ein wenig mehr Zeit einplanen sollte. Gut, dass ich ein Handy dabei hatte sowie eine Freundin die mich abholen konnte.

Soziale Netzwerke: Per Gesichtsbuch lernte ich Martin und Steffen kennen. In erster Linie waren sie eine Fahrgemeinschaft für den ersten Revierguide im Jahr 2013. Wir trafen uns schon vorher und liefen gemeinsam im Vogelsberg. Ich bemerkte, wie schön es ist sich mit jemandem über sein Hobby auszutauschen, Tipps zu bekommen, Tipps zu geben und dass geteilte Freude doppelte Freude ist.
Dann kam der oben erwähnte erste Revierguide. Ich war zunächst skeptisch, ob das der richtige Platz für einen Neuling wie mich ist, aber verdammte Axt, das war es. Der Spaß den ich dort hatte war unbeschreiblich. Ähnlich dem Öffnen eines frischen Glases Nutella, wenn man die goldene Folie abzieht und den ersten Löffel nimmt. Jedenfalls war das Siegel gebrochen und eine gute Tat für 2013 hatte ich auch schon getan. Ich holte Sascha und Bonni von der Straße auf die Pfade.

Die große Entdeckungsreise ging für mich weiter und weiter. Erst meine eigene Umgebung (Odenwald/Bergstraße, Bergstraße und noch mehr Bergstraße) und die meiner Freundin im Vorspessart (und im Vorspessart). Ich war öfters draußen als zu Hause und das ein oder andere Mal blieb die Lernerei auf der (Lauf)Strecke.
Auch andere Regionen wollte ich kennenlernen aber die schönsten Strecken findet man oft nicht auf Wanderkarten, man muss lange suchen. Mir wurde dieser Typ aus dem Taunus empfohlen, der geführte Touren anbietet. Ich war anfangs skeptisch, bis ich Björn persönlich kennenlernte. Meine erste Tour im Taunus war auch gleich die schönste, die ich dort bis heute machen sollte. Neben dem Übermaß an Spaß zeigte sich der Taunus von seiner bizarr-schönsten Seite. Ich wurde Dauergast im Taunus. Zeitweise war ich dort öfter als in meinem eigenen Laufrevier. Es wuchs soetwas wie eine Taunus-Connection heran. Leute die Dauergast bei Björn Touren waren und immernoch sind und welche ich dann später auf Wettkämpfen wiedersehen konnte. Die Touren wurden sowas wie Klassentreffen. Wo ich schon bei Klassentreffs bin, sollte ich nach dem Revierguide den zweiten Wegweiser auch namentlich nennen: Das 1. Trampelpfadlauf Taunus Wochenende. Man sollte meinen, dass man Ende März durchaus mal in kurzen Hosen rumlaufen könnte, aber nicht, dass die Minusgrade ins zweistellige fallen! Ich lernte nicht nur einen Haufen neuer Leute (zu denen ein enger Kontakt auch über das Wochenende hinaus bestand hat) und deren Erfahrungsschatz kennen, sondern auch, dass ich meinen kompletten Laufkleiderschrank am Körper tragen kann.
Außerdem und vorallem stellte ich fest, dass man Körper auch seine Grenzen hat. Ich entzündete mir die Achillessehne und musste das erste Mal pausieren. Es Begann die erste Leidenszeit. Aber auf die Leiden gehe ich im zweiten Teil ein.

Ich kannte nach 4 Monaten Trampelpfadlauferei unter Menschen nun einige von dieser Spezies. Sowas wie ein „Netzwerk“ entstand und ich machte mich auf, diese und somit weite Teile Deutschlands zu besuchen.
Martin und ich haben erst einmal Steffen besucht, der uns seinen „Draußen-Zuhause“-Spielplatz geöffnet und gezeigt hat, dass „Verlaufen“ relativ ist.
Der Schippenmann war schon Legende, als ich zum Trampelpfadlaufen kann und durch Björn kannte ich jetzt auch Holger. Er bestand darauf, mir sein Revier zu zeigen: Die Eifel. Am A*sch von Deutschland, aber trotzdem wunderschön. Übrigens sollte ich dort zum ersten Mal „Ultra“ werden. Daneben lernte ich (natürlich) wieder neue Leute kennen. „From Dusk Till Dawn“ ist auch einer dieser Läufe geworden, an die ich sofort denke, wenn jemand „Laufjahr 2013“ sagt. In die Nacht und ihre Dunkelheit laufen um der Tierwelt hautnah zu begegnen um einem neuen Tag zu begrüßen hatte doch irgendwie etwas meditatives.
Taunus ist nicht nur Björn, sondern auch Martin. Martin wohnte am äußeren Rande des Taunus, beherbergte mich für einen Tag und zeigte mir den Limes, einen der schönsten Pfade im Taunus.
Durch meinen Bericht zum ersten Revierguide kam ich in Kontakt mit Olaf und somit auch THR33KY (da gehört die Dame dazu, die im Hintergrund die Strippen zieht). Natürlich zeigte mir dieser auch sein wunderschönes Laufrevier: Den Westerwald. Wieder wurde aus Einöde und Langweile (da nur mit ICE oder Auto durchfahren) ein tolltes Trampelpfadrevier. Ich sah (und sehe) Olaf als Künstler der „Trampelpfadlauf-Szene der Mittelgebirge“ und als deren Chefinspirator. Ich liebe THR33KY. Diese „Nehmt-euch-nicht-so-ernst-und-habt-Spaß“-Mentalität gefiel mir sofort sehr gut. Das bewusste Zelebrieren der Trampelpfadlauferei als „façon d’être“ oder „mindset“. Wie auch immer. Die THR33KY-7-HILL-THRILLS als Lauf zum Lebensgefühl (#1 und #2) genießen übrigens schon längst Kultstatus und bringen die gleichgesinnten dieser „Laufszene“ (ich mag das Wort Szene nicht) zusammen. Ich merkte, dass ich mit meinen „künstlerischen Auswüchsen“ nicht allein stehe. Ich trafe Befürworter und Förderer, es wuchsen Nebenprojekte. Ich war an der Maslowschen Bedürfnishierarchie ganz weit oben angekommen.

Wettkämpfe gab es natürlich auch einige wenige. Die Schlammschlacht im Siebengebirge behalte ich als äußerst spaßig in Erinnerung. Das „Trainingslager“ in den Alpen und der Zugspitz Basetrail waren nicht nur atemberaubend schön, sondern auch ein Wegweiser für mein großes, erklärtes Ziel im Jahr 2013: Die 4-Trails. Mein bisher schönstes Lauferlebnis. Ein viertägiger Dauerrausch. Unbeschreiblich. Wahnsinn.

Bis zum Juli war mein Laufjahr 2013 perfekt. Ich fing mir eine schwere Erkältung ein und ebenso früh an zu Laufen. Ich entzündete mir meine Achillessehne und setzte sie gleich wieder unter Volllast. Beides ging glimpflich aus. Normalerweise sind aller guten Dinge drei, aber als mir nach den 4-Trails das Knie wehtat (normal nach solch 4 Tagen) ignorierte ich die Warnzeichen erneut und sollte es bitter bereuen. Bis heute.

Was mir die Trampelpfadlauferei wirklich bedeutet, habe ich in diesen 5 immernoch andauernden Monaten der Leiden, Angst und Frustration gelernt. Zwar wusste ich all‘ das erlebte schon Ende Juli zu schätzen, doch wurde mir die Bedeutung der Trampelpfadlauferei für mich erst richtig bewusst, als sie mir verboten wurde.

Aber das, liebes Tagebuch, erzähle ich dir wann anders…

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