Ode an die Mittelgebirge.

So perfekt die ersten 7 Monate des aktuellen Kalenderjahres liefen, so verkorst ist alles, was danach passiert für mich. Ich muss viele Nackenschläge wegstecken und bin wieder zu einer Laufpause verdammt.
Doch diesmal bin ich nicht alternativlos. Ich habe mir das alte Rennrad meines alten Herren ausgegraben um eine Minimaldosis Salz auf der Haut pro Woche zu bekommen.
Ich empfinde es dennoch als Kulturfrevel, meine ausgediente Stirnlampe als Rücklicht und die Testleuchte als Nebelscheinwerfer zweckzuentfremden.
Die Pedale klicken und statt diesmal den kürzesten Weg in den Wald zu suchen, suche ich den kürzesten Weg zur Arbeit. Ironischerweise geht dieser an meinem Laufrevier der hessischen Bergstraße (und des Odenwaldes) entlang. Ich trete und ziehe, im Augenwinkel der grüne, nebelverhangene Morgenwald.
Das ich Rennrad fahre ist auch der Tatsache geschulded, mich bei „Helmut“ blicken zu lassen. Das Jahreshighlight 2014 in den Alpen. Die Alpen sind für jeden Trampelpfadläufer das Non-Plus-Ultra. So auch für mich. Während wir also alle von diversen Alpenultras und Alpenetappenrennen träumen, sie als Jahreshighlight auf einen Thron hervorheben und alles andere dafür in den Schatten stellen, möchte ich etwas aus dem Schatten holen, was in meinen Augen eigentlich noch viel wichtiger und wertvoller ist, als diese eine Woche/Wochenende in den Alpen. Nämlich die Tage, Monate und Jahre in den Mittelgebirgen vor unseren Haustüren.

Ich liebe mein Laufrevier. Die hessische Bergstraße und auch Teile des Odenwaldes sind ein kleines Paradies für mich und dieses verteidige ich vor jedem. Ich verteidige auch dein Revier ohne das du es bemerkst. Neulich habe ich jemanden angeschnauzt, er solle sich doch bitte nicht beschweren in einem Mittelgebirge zu wohnen.
Ich finde es nämlich ein wenig respektlos. Zum einen jedem gegenüber der (in etwa) nördlich des Harzes wohnt und sich Flachländer nennt (als solcher erblickte ich das Licht der Welt). Zum anderen gegenüber den Mittelgebirgen an sich, die so extrem vielfältig sind und uns ein ideales Terrain für unsere hochgesteckten Ziele in den Alpen bieten.
Unsere Mittelgebirge sind mehr als „nur“ ein Trainingsgelände und mehr als nur Gegenden aus denen wir wegziehen möchten, um uns am Alpenrand niederzulassen.

Die Metamorphose eines Trampelpfades können wir in dieser Art und Weise nur in den Mittelgebirgen beobachten. Während man in den Alpen im Winter höchstens Skifahren kann, kann ich im Winter meinen Magnetsteinpfad laufen.
(Jeder hat einen Pfad, den er besonders gerne läuft und der irgendwie mehr ist als nur Laufrevier. Einen Jakobstrail wenn man es so sehen will. Mein Jakobstrail ist der Magnetsteinpfad.)

Der Magnetsteinpfad. Winter.

Der Magnetsteinpfad ist dann ein Hort der Stille. Hierher verirrt sich im Winter niemand. Kein Wanderer. Kein Linksblinker auf der Waldautobahn. Kein anderer Trampelpfadsommelier. Ich stelle mich unter den großen Magnetstein und genieße die Stille. Der Schnee verdeckt die Steine. Ich bin gezwungen Tempo rauszunehmen und werde dazu animiert, die Gedanken mal kurz kreisen zu lassen.

Der Magnetsteinpfad. Herbst.

Im Herbst genieße ich die morgendlichen Ausflüge auf meinem Magnetstein. In der diesigen Morgenluft duften die bemoosten Steine ganz besonders nach Freiheit und der Blick durch die kahlen Baumwipfel lässt mich viel von meiner Umgebung erkennen. Die Leute, die behaupten, dass der Herbst die schönste Jahreszeit ist haben nicht ganz unrecht. Das Farbenspiel aus bemoosten Steinen, rot-braunem Laub, welches auf dem Boden modert und noch an den Bäumen hängenden gelben Blättern ist tatsächlich imposant. Doch auch ich habe nichts dagegen, wenn ich…

Der Magnetsteinpfad. Frühling.

…im Frühling die langen Laufklamotten in die Schublade verbannen und die ersten Sonnenstrahlen des Jahres genießen kann. Die Lethargie der kalten Wintermonate weicht mit der Kälte aus den Knochen und macht platzt für den Frühling. Wenn alles blüht und sprießt und wir anfangen mit der neugewonnen Spritzigkeit um die Ecken unserer Lieblingspfade zu düsen. Wenn das rascheln der Herbstblätter und das knirschen des Schnees dem trockenen Scharren des Frühlings weicht.

Der Magnetsteinpfad. Sommer.

Während wir im Herbst und Winter das spärliche Tageslicht eher frühmorgens abgreifen,verkriechen wir uns im Hochsommer eher in die Abendstunden, wenn wir nicht mehr im Minutentakt Salztabletten kauen müssen. In diesen Abendstunden genieße ich die Romantik meines Magnetsteinpfades. Wenn die Sonne im Westen untergeht, ich links hochschaue und die Sonne durch die Baumkronen schimmern sehe, während mir die größten der Magnetsteine diese versperren. Mit den letzten Sonnenstrahlen fallen auch meine Sorgen ab. Wer von euch hat nicht auch schonmal eine Gänsehaut bekommen, wenn die Sonnenstrahlen sich durch Baumkronen und Baumstämmen ihren Weg auf unsere Haut bahnen. Wer hat dann nicht plötzlich den Stress von der Arbeit abgestreift und sich lasziv in diese Sonnenstrahlen gehüllt.

Die Zeit vergeht und Dinge ändern sich. Mit den Jahreszeiten verändert sich mein Magnetsteinpfad und ich mich ebenso. Ich habe gelernt loszulassen, bin raus in die große weite Welt gegangen. Aber zunächst einmal zum Felsenmeer, keine 20 km weit von den Magnetsteinen entfernt.

Das Felsenmeer.

Das Felsenmeer hat mich umgehauen. Die Imposanz der großen Steine, die dort herumfliegen, als hätte der Minotaurus einen Sack Reis umgetreten ist einmalig auf dieser Welt. Und doch gleich bei mir um die Ecke. Doch meistens sind diese imposanten Teilstücke,…

 …wie der Blick auf den Rhein im Siebengebirge…

…oder die Hybridgebirge im Schwarzwald, die weder Hoch- noch Mittelgebirge sind – um nur das anzukratzen was du und ich in den Mittelgebirgen erlebt haben –  eben nur Teilstücke auf dem, was wirklich zählt. Nämlich die Trampelpfade auf denen wir Laufen.

Trampelpfadromantik.

Die diebische Freude einen neuen Trampelpfad entdeckt und das eigene Laufrevier erweitert zu haben, kennt oft nur der, der in den Mittelgebirgen zu Hause ist.
Die Genugtuung, jemandem seinen Lieblingspfad oder die Lieblingsstrecke zeigen zu können, die man sooo lange gesucht bzw. so lange daran herumgebastelt hat, kennen nur die Mittelgebirgler.
Während andere ihr Auto aufmotzen, motzen wir unsere Läufe auf, in denen wir den „Trailanteil“ erhöhen. Wir suchen die Perfektion. Die Strecke, die nur über Trampelpfade führt.
Wo sonst können wir aus Bussen, Bahnen und Zügen aussteigen um unserer Sucht zu fröhnen?
Wir können keine 1000 Höhenmeter am Stück hoch- oder runterlaufen und imposante Blicke in irgendwelche Täler genießen. Wir ziehen uns im Hochsommer keine Windjacke auf 3000m Höhe an.
Wir ziehen uns in der drückenden Schwüle des Waldes eher aus.

Wir rennen auch mal über Wiesen…

…und an alten Kasernen vorbei. Solange dort ein schmaler Weg entlangführt.

Wir sind Großstadtguerillas und sind oft zu Kreativität gezwungen.

Wir springen auch mal gerne durch und über kleine Bäche. Auch wenn 10 Meter weiter links eine Holzbrücke ist.

Wenn wir erschöpft sind, legen wir uns auch mal ganz gerne auf den kühlen Waldboden und riechen an den Nadeln. (Ich zumindest mache das.)
Wir schalten das Gehirn aus und geben uns dem „Flow“ hin, wenn wir über die schönsten „Singletrails“ laufen.


Im Winter machen wir aus Waldautobahnen Rodelbahnen. Ohne Bäume dafür abzuholzen.


Wer hast im Winter nicht schon den „Trailengel“ gemacht, seinen Vordermann mit Schneebällen beworfen, selber mal ein wenig Schnee genascht, an einem gefrorenen Trinkschlauch gelutscht…
 
…oder ganz still und heimlich mal gepupst und das lustig gefunden, weil die schneebehangenen Bäume im Zauberwald sowieso jeden Ton schlucken. Hihihi.

Wer hat nicht mal die Fresse verzogen und geflucht, warum man bei diesem „Scheisswind“ überhaupt laufen geht und festgestellt, dass der Mensch in der Natur nichts zu melden hat, wenn man gesperrte Wege betritt und neben einem riesige Bäume umfallen?

Wer hat nicht über die kleinen Waldkunstwerke geschmunzelt, die versteckt im Wald herumstehen oder Herrchen und Frauchen verflucht, weil es Hasso wieder mal nicht angebunden hat?
Wer ist nicht schonmal…

…in einen Zug gestiegen, um ein anderes Mittelgebirge zu erkunden?


Wir fahren weg in die Ferne um Läufe zu laufen, auf die wir uns in unseren Mittelgebirgen vorbereitet haben.
Wir träumen ganzjährig von den Alpen und ihrer einzigartigen Schönheit. Nach den Läufen erzählen wir dann ständig von diesem einen großen Lauf. Unser Mittelgebirge, welches uns einen Finish in den Hochgebirgen überhaupt ermöglicht hat und in denen wir die Leute kennengelernt haben auf die wir uns bei solchen Veranstaltungen freuen, das lassen wir in unseren Erzählungen unerwähnt.
Zu unrecht wie ich finde.

Die Alpen sind schön. Sehr schön. Das steht außer Frage.

Ich hoffe das ihr eure Mittelgebirge nicht erst dann zu schätzen lernt, wenn ihr in den Alpen über der Baumgrenze keinen Baum mehr findet an den ihr pinkeln oder hinter denen ihr eure Notdurft verrichten könnt.


6 Gedanken zu „Ode an die Mittelgebirge.

  1. Hallo Orkan,
    toller Artikel, ich selber wohne im Hunsrück und was für dich der Magnetsteinpfad, ist für mich der Masdascher Burgherrenweg! Landschaftlich wunderschön gelegen gehts über viele schmale Pfade bergauf und bergab! Meld dich mal wenn du in der Nähe bist!
    Gruß Jörg

  2. Hallo Orkan,
    mal wieder ein sehr toller Bericht von dir.
    geht runter wie öl…
    die Fotos sagen einfach alles..
    LG Frank

  3. Wahre Worte 😉
    Ich zitiere aus einen „anderen“ Blog:

    „Support your local Mittelgebirge quasi.“

  4. Wu sagt:

    Super Bericht! Super Fotos! Genialer Blog !
    lg aus Salzburg
    Wu

  5. Timo Litters sagt:

    Sehr geil!
    Um keine langen Worte zu machen, schau mal rein:
    http://www.tnsm.de

    Gut Luft
    Timo

  6. […] Burg Frankenstein, vor allem aber der dorthinführende Magnetsteinpfad haben es mir besonders angetan. Es ist einer dieser Pfade, die konkurrenzlos schön sind und mich […]

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