Helmut.

Die 4-Trails sind vorbei, Geschichten sind erzählt, Berichte abgetippt, Memorabilia einrahmt und Fotos herumgezeigt. Nachdem ich geglaubt habe, durch einen Finish bei den 4-Trails die körperliche Unverletzbarkeit erlangt zu haben, wurde ich doch jäh auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Die Knieschmerzen sind vergangen und trotzdem habe bin ich wegen des „Gummikeils an meinem Knie“ oft und zu vielen verschiedenen Ärzten getingelt, die mir allesamt meine Sorgen nicht nehmen konnten.
Ich habe die Ärzte und bald auch das gesamte Gesundheitssystem verflucht und bin zu der einsamen Ansicht gekommen, dass ich doch selbst irgendwie besser weiss, was mir jetzt gut tut oder nicht. Ich habe diese Erkenntnis in Stein gemeißelt und doch verworfen, habe verstanden, warum Läufer des Arztes größter Albtraum ist und entschlossen, einen Mittelweg mit mehr „Zen“ einzuschlagen.

Als ich dachte, dass nun das gröbste vorbei ist, hat mein innerer Iliosakralschweinehund wieder zugeschlagen und mir ein weiteres Argument dafür gegeben, warum ich mit der Pingpongspielerei aufhören sollte.
Mit Gewalt habe ich mich über den Asphalt geschleift – alles andere als „fluffig“ – und letztendlich bin ich zu der Einsicht gekommen, dass ich die Signale des Körpers dann doch ernster nehmen und mit dem Raubbau an meiner Gesundheit aufhören sollte…

Ich habe gezweifelt, ob ich für das nächste Jahr einfach garkeine Pläne machen soll, bin im Sog dieser Gedanken durch den Alltag gedümpelt und habe mich dann doch für den Zugspitz Ultratrail angemeldet…

Lieber Orkan,


wir bestätigen hiermit Deine Teilnahme zum SALOMON ZUGSPITZ ULTRATRAIL vom 20. – 22. Juni 2014. Du bist als Teilnehmer gemeldet und wir freuen uns schon, Dich in der Registrierung in Grainau im Zugspitzbad begrüßen zu dürfen!

Deine Anmeldung haben wir am 01.11.13 um 18:40:17 Uhr erhalten.

Warum ich mich am Tiefpunkt des diesjährigen Laufjahres für das nächste „krasseste Projekt meines Lebens“ angemeldet habe?
Weil mir die pure Panik und der kalte Angstschweiß ob der übermächtigen Aufgabe eine Willenskraft und eine Disziplin gibt, die ihresgleichen sucht.
Das zeigte sich auch in der Tatsache, dass ich keine 5 Minuten nach der Anmeldung eine große Lust verspürte, wieder meine Rumpfübungen auf der Isomatte auszuführen, die ich nach der Achillessehnenverletzung im April (!) habe schleifen lassen. Ich muss ja schließlich wieder „krass werden“.
Tatsächlich hat es mir zum ersten Mal wieder Spaß gemacht, schweißdurchnässt und muskelverkatert auf der Bettkante zu sitzen und auf das Höhenprofil des Zugspitz Ultratrails zu blicken, welches ich mir zur Motivation im Zimmer aufgehangen habe.

Ich habe mein Projekt, 100 Kilometer am Stück durch die Alpen zu laufen „Helmut“ getauft und eine Art Feindbild kreiiert. Wenn ich Zugspitze sage, dann schwingt immer eine große Erfurcht mit. Bei Helmut nicht. Helmut könnte auch die fiese pummelige Rotzgöre von nebenan sein, die man am liebsten die Treppe runterschubsten würde…
Helmut ist meine Knetmasse. Er nimmt die Formen an, die ich gerade haben will und brauche.
Feind oder Freund.
Helmut ist mein Kryptonit und meine Nemesis.
Helmut ist die Karotte an der Angelschnur vor des Esels Schnauze.
Helmut ist Kumpel und Sackgesicht zugleich.
Helmut ist jetzt allgegenwärtig. Wenn ich aus meinen Albträumen Alpträumen erwache und schweißgebadet ein Glas Wasser trinken möchte, prangt Helmuts Höhenprofil an der Wand. Auf meinem Schreibtisch klagen mich die blanken Zahlen an.

Doch die Zugspitze hat nicht nur schreckliche Seiten, wie den letzten Downhill nach Grainau runter, den ich dieses Jahr als Basetrailer schon verflucht habe und der einigen Supertrailern – ganz zu schweigen Ultratrailern – schon das Sitzfleisch gekostet hat. Die Zugspitze verbinde ich auch mit meiner ersten alpinen Trampelpfadlauferfahrung. Endlose Serpentinen hinauf. Durch den Nebel. Die Gänsehaut, die ich bekam, als ich beim letzten Downhill alle bremsen löste und wie bescheuert den Berg runterheizte.
Nicht nur meine, sondern auch die Emotionen der anderen Läufer lösten eine Sentimentalität in mir aus, die mich jetzt zurückkehren lässt.

Das Ausmaß der Schinderei ließ sich an den Gesichtern der einzelnen Starterfelder erkennen. Während die Basetrailer angestrengt und glücklich ins Ziel kamen, sah man den Supertrailern die Erschöpfung doch sehr deutlich an. Den Ultratrailern hingegen schien das 16 ,17, 18,…-stündige Auf-und-Ab und die damit verbundenen Qualen ins Gesicht geschrieben. Gesichtszüge sind entgleist und der Unfallort nicht aufgeräumt. Ehrfürchtig habe ich für jeden Super- und Ultratrailer geklatscht, die ins Ziel eingelaufen sind und ganz besonders für die, die ich kannte. Carsten und Dirk finishen erschöpft, aber glücklich den Supertrail und freuen sich über unsere Anwesenheit. Immerhin stehen wir seit 17 Uhr geduscht, satt und angezogen im Zielbereich und warten. Was mich jedoch am meisten berührt sind die Einläufe von den beiden Ultratrailern Christian und Sebastian. Die Reaktionen, die Emotionen und die Aussagen, die die beiden Ultratrailer Christian und Sebastian unmittelbar nach dem Zieleinlauf von sich geben, rühren mich innerlich auf. Was man unterwegs durchmacht und erlebt muss unfassbar schön und bitterböse zugleich sein.
Als wir in der tiefen Nacht letztlich den Zielbereich und Garmisch-Partenkirchen verlassen, blicke ich noch einmal rüber zur Zugspitze und sehe eine Kette von Stirnlampen Richtung Tal flimmern. Ich bekomme erneut Gänsehaut und einen trockenen Hals. Spätestens jetzt steht fest, dass ich das auch mal machen muss.

Ich habe Respekt. Keine Angst, sondern Respekt.
Doch ein wenig Erfahrung habe ich jetzt auch schon gesammelt und ich habe gelernt, dass wenn man etwas wirklich will und bereit ist dafür alles in seiner Macht stehende zu tun, man das auch schaffen kann. Jeglichen Unkenrufen zum trotz. Immerhin habe ich das schonmal geschafft.

Ich freue mich auf diese einhundert Kilometer. Die Freuden. Die Qualen. Das Leid. Das Wetter. Der Berg. Der Tag. Die Nacht. Und:

meine Freunde, mit denen ich auf der Pastaparty scherzen kann, die meinen Hochmut bremsen, die beim Laufen an mich denken, sich im Ziel um mich sorgen und im Ziel meine Freude teilen werden. Ob ich das Ziel erreiche, liegt nun ganz in meinen Füßen.

Obacht Zugspitze, der Pöbel kommt. Wieder.

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