Seitensprung.

Ich fühle mich schuldig. Ich bin fremdgegangen und habe meine Liebe, die Trampelpfadlauferei betrogen. Mit der Straßenlauferei. Meiner Ex-Freundin. 42,195 km lang. Es tut mir leid. Warum mache ich sowas nur?
Weil ich es meinem Mitbewohner damals, im September 2012 versprochen habe.

02. September 2012 – Darmstadt Marathon

Dieser hatte mich bei meinem ersten Marathon von Anfang bis Ende unterstützt und wollte es nun auch wissen. Das war ich ihm schuldig und es schien mir lustiger zu zweit. Ich konnte nicht anders.

Meine Versuche latent für die Trampelpfadlauferei zu missionieren schlugen nicht fehl und jedes Mal, wenn wir laufen gingen, liefen wir auf „meinen“ Pfaden. Erst kurz, dann länger und dann noch länger. Aber das Ziel Frankfurt-Marathon stand und meine Versprechen halte ich. Zwar habe ich mich seit dem 02. September geweigert, Asphalt zu betreten (im wahrsten Sinne), doch der Tag X rückte immer näher…

Jeder der mich kennt weiss, dass ich große Menschenmassen nicht allzu gut vertrage. Innenstädte Samstagsnachmittags. Züge im Feierabendverkehr. Marathonmessen. Ich bin zu großen Teilen gesellschaftsuntauglich.
Ich weigere mich auch bis zum Vortag des Frankfurt Marathons, mich mit diesem auseinanderzusetzen. Nur so nebenbei. Das Übel beginnt in der U4 Richtung Festhalle. Es ist voll und die Marathonis tauschen schon Bestzeiten aus und reden abwertend über die „Hausfrauen“, die über 4 Stunden bleiben. Am liebsten würde ich die zwei an ihren Locklaces packen und aus der U-Bahn schmeissen.

Wie dem auch sei ist mein Aggressionspegel schon im roten Bereich, als der Trubel richtig losgeht und wir uns durch die Straßenläufer-Meute durchboxen müssen wie Stiefel durch das Herbstlaub. Wir holen unsere Beutel ab, in denen soviel Papier steckt, dass ich spontan ein schlechtes Gewissen um die Regenwälder in Südamerika bekomme. Immerhin ist eine Zahnpaste-Tube (von Dieter Baumann) mit drin.
Die Rückfahrt wird verschoben, da ich mein Mittagessen hier einnehmen möchte. Diese Entscheidung habe ich genausten abgewägt. Einerseits schnell der Menschenmasse entfliehen, andererseits ein paar Nudeln abstauben. Für die habe ich ja schließlich bezahlt. Da bin ich ganz der Prinzipienreiter und vielleicht auch „typisch deutsch“ als ich mich darüber aufrege, dass es keine zweite Portion gibt. Aber das ist nun wieder ein ganz anderes Thema. Am Rosbacher und Bizzl Stand gehe ich trotzdem vorbei und nehme die Gratis-Getränke mit. Ich bin Student.

Ich treffe meinen Leihschuhdealer am Messestand nicht an und so entschließe ich mich, meine Marathonschuhe vom September 2012 anzuziehen. Ich habe mich natürlich geweigert, für 42,195 km Straße neue Schuhe zu kaufen und meine Trampelpfadschuhe möchte ich auf der Straße nicht „kaputtmachen“.

Endlich bin ich zu Hause und ich begebe mich in den Schlaf, in der Hoffnung morgen aus diesem Albtraum aufzuwachen.

Wecker klingelt. Verdammt. Kein Traum.
Schon in Darmstadt sehe ich Leute mit dem Plastikbeutel des Frankfurt Marathons. Man schaut sich an… und guckt wieder weg. Is‘ klar.
Die Züge werden voller, je näher man Frankfurt kommt und nachdem wir  unser Zeug abgegeben haben,…

…kurz auf die „Toiletten“ gegangen sind,…

im Startblock stehen und ich die Menschenmasse um mich herum wahrnehme… ergreift mich die Panik. Ich würde gerne fliehen, auf irgendeinen Baum klettern, mich unter dem Herbstlaub verkriechen oder im Gebüsch verstecken, bis diese raue Menge an Menschen an mir vorbeigezogen mit, aber der nächste Wald ist Tagesreisen entfernt und ich stecke mittendrin.
Ich trage meinen Laufrucksack um mich vonn der Meute abzugrenzen. „Ich gehör‘ hier nicht hin, denn eigentlich spiele ich mit den Schmuddelkindern.“
Um mich herum Leute in Plastikbeuteln, die sie kurz nach dem Startschuss arglos zur Seite werden. Es würde mir das naturliebende Herz brechen, wenn diese Plastiktüten nicht auf Asphalt zur Ruhe kämen (und später weggeräumt werden).  Trotzdem.

Nach dem Startschuss stehen wir ca. 10 Minuten bis mein Mitbewohner und ich endlich loslaufen können. Ich frage mich, ob ich die Distanz auf Asphalt schaffe. Ich hoffe auch, dass sich die Menschenmassen um mich herum auflösen und wir irgendwann mal ganz entspannt laufen können. Ich hoffe vergebens, bis zum Schluss.
Wir laufen also und nach 3 km beginnt bei mir die Ungeduld. Das ist in etwa das Maximum, was ich auf der Straße ertragen kann und das auch nur, weil ich dann weiss, dass es gleich einen schönen, saftigen Berg in Serpentinen hinaufgeht, mich dort wunderbare Trampelpfade und tolle Ausblicke erwarten. Diese Hoffnung erledigt sich schnell, als auf der anderen Streckenseite zwei Autos und eine Horde farbiger Menschen in einem Tempo an mir vorbeirast, welches ich garantiert nicht auf dem Fahrrad fahren könnte (und das habe ich schon versucht). So werde ich von der Straßenmarathonrealität eingeholt.

Erneut ergreift mich die Panik, als zwei Heliumballons an mir vorbeilaufen, auf denen 3:59 steht. Mein Mitbewohner ruft mir zu: „LAUF ORKAN, GLEICH IST VERPFLEGUNG, WIR MÜSSEN RAUS HIER.“ In meinen Ohren klingt das wie „Fire in the Hole. Alle raus hier, gleich fliegt’s in die Luft.“
Und dann wird mir schwarz vor Augen. Plötzlich schert eine Horde Menschen im Sturzflug an den rechten Straßenrand, ohne Rücksicht auf Achillessehnen oder sonstiger Gesundheit, bloß um einen Pappbecher mit Wasser zu ergattern. Manch einer ist so dreist und schnappt sich gleich die Flasche aus des Helfers Hand.
Während ich stehenbleibe, mir gemütlich eine Kartoffel aus meinem Rucksack ziehe, sie genauso gemütlich verspeise, ganz gemütlich mein Wasser runterkippe und auch ganz gemütlich stehenbleibe, als die hasserfüllten Blicke mich treffen. Ich stehe ja immerhin irgendwie im Weg.
Doch ich lerne dazu und bei den Apferschorlen nehme ich mir einen Becher und gehe zumindest weiter.

Kommen wir nun zu den schönen Seiten. Ich laufe mit meinem Mitbewohner und begleite ihn auf seinem ersten Marathon.

Eigentlich ist das, was er heute tut ein Affront gegen jeden anderen Läufer hier im Feld. Er hat keine jahrelange Lauferei hinter sich und den dreimonatigen Plan nach Steffny konnte er wegen Verletzungen auch nicht einhalten. Das er bei seinem ersten Marathon gleich in 3:57:23h ins Ziel kommt ist eigentlich lächerlich. Vorallem wenn man bedenkt, dass das heute sein erster Laufwettkampf überhaupt ist. Das ist jenseits aller Absurdität. Noch absurder ist eigentlich, dass ich das Gefühl habe, mich eher an ihm hochzuziehen, als dass ich derjenige bin, an dem er sich hochziehen kann.
Jedenfalls hat er sich öfter auf  Trampelpfaden vorbereitet als auf der Straßen. Hat mehr Höhenmeter in den Beinen als Intervalle absolviert. Hat die Trailtöfte und Datteln für sich entdeckt und gelernt, die Schönheit und Abgeschiedenheit der Trampelpfade zu schätzen. Ist empfänglich für die Idee, mit Stirnlampen durch die Dunkelheit zu laufen. Ich bin also stolz auf mich. Denn die Saat ist gesät.
Was ebenfalls schön ist, sind die vielen bekannten Gesichter am Streckenrand die einen Anfeuern. So hat mein Mitbewohner seine Freunde und Familie an den Streckenrand gezerrt und auch meine bessere Hälfte hat sich erbarmt und steht am Streckenrand. Daneben konnte ich sogar ein paar meiner Trampelpfadläuferkollegen dazu begeistern, mich zu besuchen.

Nadine und Großmeister Carsten aus dem Siegerland angereist! Dass ich sie zwei Mal sehe, hat mich überrascht und sehr gefreut.

Auch Don Downhill aka Ulrich Uphill aka Battersiesäure und Stacheldraht aka Wächter des Altkönigs hat sich erbarmt und ist an der Straßenrand gekommen um mich ein paar hundert Meter zu begleiten, seine Ratsche zu betätigen und der Straßenläufermeute etwas laxes zuzurufen, was mich so sehr zum Lachen bringt, dass mir mein speckiger Bauch verkrampft.

Als ich Steffen am Straßenrand erkenne bin ich überrascht. Mein 4-Trails Leidensgenosse ist auch hier und nimmt dieses schöne und zugleich etwas absurde Bild auf. Man betrachte nur den athletischen Menschen in Split-Shorts am linken Bildrand.

Ich weiss, dass hier auch Stefan, Steffi, Björn und Thorsten anwesend sind. Meine Freunde aus dem Taunus. Doch bis auf Steffi sehe ich an dem heutigen Tage niemanden. Und diese auch erst im Ziel. Wo wir auch schon bei dem positiven sind. Dass das ganze ein Ende hat. Da bin ich auch schon beim Fazit:

Nun, die Strecke hat bei mir keine Glückgefühle ausgelöst, denn ich habe nur Asphalt gesehen. Den Regen hätte ich auf den Trampelpfaden als „total geil“ empfunden, weil es eine andere Schwierigkeit in die Lauferei bringt, es zudem sehr schön duftet und es nichts schöneres als verdreckte Menschen gibt. Hier hatte ich nur Rollsplit an den Waden.
Die einzige Abwechslung waren die wenigen Kurven und der Kilometer an dem ich vom Bordstein auf die Straße und zurück gehüpft bin. Immer wieder, um ein paar Höhenmeter zu sammeln. Ist echt so.
Ich habe mich auch über die „Steigung gefreut“, die mit der Mainüberquerung an der Brücke kam und den „Downhill“, der krachend in einer Unterführung hinunterging.
Die Abfahrt auf die Landstraße habe ich mir als „Serpentine“ schmackhaft gemacht.
Die vom Regen aufgequollenen Pappbecher hätte man mit einiger Phantasie als potentielle Stolperfallen im Sinne von Wurzelwerk interpretieren können.
Ihr seht, ich bin kein Straßenläufer mehr und werde in Zukunft auch keiner sein. Ich konnte dem Frankfurt Marathon nur eines abgewinnen und das war die gemeinsame Zeit mit meinem Mitbewohner.

Sich gemeinsam (auf Trampelpfaden) vorbereitet zu haben, gemeinsam durch Höhen und Tiefen gelaufen zu sein und letztendlich gemeinsam über den Roten Teppich ins Ziel zu laufen (bis man ohne die zwei Sekunden gehabt zu haben um das ganze mal ein wenig zu genießen abgedrängt wurde), war echt sehr schön.
Ebenso schön war es, die Anerkennung und Wertschätzung, die ich von meinem Mitbewohner bei meinem ersten Marathon, bei den 4-Trails und anderen Veranstaltungen bekommen habe, zurückgeben zu können.

Was bleibt ist die absolute Gewissheit, dass mich die Straßenlauferei und Bestzeitenjagerei nicht mehr wiedersieht. Ich folge meinem eigenen, ganz persönlichen Ideal von Laufen. Der aufmerksame Leser und Lauffreund weiss, wie ich es mir vorstelle.
Zumindest habe ich die Gewissheit (wieder)erlangt, dass zweieinhalb Monate Verletzungen mit nur sporadischer Lauferei nicht spurlos an einem vorbeigeht und das es noch ein weiter weg ist von 42,195 km Straßenmarathon mit 28 positiven Höhenmeter zu 100 km alpinen Trampelpfaden mit 5400 Höhenmetern. Man hat nur einen gesunden Körper und um dessen Pflege und Aufbau werde ich mich in den nächsten 8 Monaten in erster Linie kümmern.

Sebastian hat diese Treffenden Worte zitiert:
„Manches, was man ohne Grund verwirft, muß man studieren, um es – mit Grund verwerfen zu können.“
Friedrich Hebbel (1813-63)

Ich persönlich verwerfe die Straßenlauferei und sehe mich auf dem Weg meiner Selbstfindung ein wenig bestätigt.
Trotzdem habe ich euch alle gleich lieb. Auch die Straßenläufer 😉

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