Busfahrer in der Eiswelt.

Liebes Tagebuch,

den heute verlebten Tag könnte man ‚verrückt‘ nennen. Ja, das lassen wir so stehen. Heute sollte ich die erneute Laufpause von zwei Wochen nach 12 Tagen beenden. 12 Tage haben mir bei meiner Achillessehne auch geholfen. Über meine nach zwei Monaten gefüllte Krankenakte möchte ich dich nicht belästigen. Immerhin weiss ich jetzt sehr gut über die Studiensituation der drei Kinder meines Hausarztes und die politische Gesinnung einzelner Zeitungen bescheid. Unter anderen Umständen fände ich das total super, allerdings bin ich für einen ärztlichen Befund hier und den bekomme ich zwischen Tür und Angel.
Ich will doch garnicht zum Arzt. Ich will doch einfach nur laufen.

Den umständen entsprechend gut gelaunt zog ich los um die (hoffentlich) drittletzte Prüfung meines Studentendaseins abzulegen. Diese lief ziemlich bescheid, aber immerhin bekam ich danach gerade noch den Bus. Nach diversen Schikanen des Busfahrers einerseits und schlechter Laune meinerseits bezeichnete ich den Busfahrer beim Ausstieg höflich, aber bestimmt als A*schloch.
Nach einem nicht erfreulichen Telefonat kurz darauf hätte ich sogar fast mein Telefon an die Wand geworfen.

10 Minuten später sitze ich im Treppenhaus und schnüre meine Schuhe. Eine gefühlte Ewigkeit ist es her, als ich sie das letzte Mal geschnürt habe. Ob ich das noch kann? Was sagt das Knie?
Es hat geregnet und im Wald ist nichts los. Feucht-kühles Wetter und der duft nasser Erde. Herrlich. Endlich kann ich meine Schuhe wieder dreckig machen und den kommenden Jahreszeitenwechsel einläuten.
Auf meiner Lieblingsstrecke komme ich in etwas, was ich damals „Flow“ nannte.
Ich möchte zuviel, nehme die Kurve zu sportlich und übersehe die Schlammlache, auf der ich ausrutsche.
Es zieht mir regelrecht die Füße weg und ich lande mit der kompletten linken Körperhälfte im Schlamm. Von den Socken bis zur Schulter bin ich eingeschlammt.

Ich stehe auf, gucke an mir hinab. Alles noch dran.
Während ich weiterlaufe muss ich lächeln und mir kommen fast die Tränen. Das permanente hineinhorchen in das linke Knie ist nun vergessen.
Gleich kommt der erste längere Downhill. Es knirscht, knackt und glitscht. Der Wald redet mit mir. Heisst den verlorenen Sohn willkommen. Am Melittabrunnen betrinke ich mich am Quellwasser. Zumindest hoffe ich, dass es welches ist. Ich laufe den Prinzenberg hoch. Der Rotz läuft mir am Kinn runter (verzeih mir diese Wortwahl, liebes Tagebuch) und ich fühle mich lebendig. Der Matsch an meinem Körper beginnt schon zu trocknen als ich mich durch den schmalsten aller Pfade an der Bauwagensiedlung vorbeihusche, welcher komplett unter Wasser steht. Platsch, die Füße sind nass, die Seele glücklich. So schnell ich kann laufe ich wieder den Goethefelsen hoch. Als ich auf dem Plateau ankomme lasse ich den Blick schweifen…

Liebes Tagebuch,

heute war der letzte Revierguide in diesem Jahr. Mal wieder stellte ich mir die Frage, ob so ein langer Lauf nach einer langen Pause denn wirklich sinnvoll ist. Aber spätestens nach dem Wiedersehen einiger bekannter Gesichter, tollen Gesprächen und tollen Trampelpfaden ist die Sorge der Freude gewichen. Falls ich meinem Körper schaden zufügen sollte, dann doch auf dem spaßigen Wege und nicht auf Grund einer hastig eingeatmeten Zigarette in der Raucherpause. Wie andere Menschen machen.
Ich muss ehrlich zugeben (und das bleibt unter uns, liebes Tagebuch), dass ich heute echt zu kämpfen hatte. Ich weiss nicht, ob ich dem – für mich – enormen Tempo auf einer – für mich – anspruchsvollen Strecke Tribut zollen muss, oder ob ich nach mehr oder weniger 2 Monaten Pause noch nicht wieder im Vollbesitz meiner Kräfte bin. Sicherlich beides.
Erfreulich für mich, dass ich trotzdem irgendwie in der Lage war die 4 Stunden Lauferei zu überstehen und dabei mein Knie kaum bis garnicht bemerkt habe. Ich glaube, es ist auf dem Weg der Besserung. Mit Luftsprüngen werde ich mich erstmal zurückhalten. Wer weiss, was da noch kommt.

Mit der Lauferei ist es analog wie in den Videospielen meiner übergewichtigen Jugend.
Laufe ich nicht, sinkt meine Lebensanzeige kontinuierlich, bis es ein bedrohliches Minimum erreicht und ich beginne wie ‚Oscar the grouch‘ schlechte Laune zu verbreiten und sogar Busfahrer beleidige.
Laufe, so steigt die Lebensanzeige mit der Dauer und Schönheit des Laufes, sowie den Menschen, die mich begleiten.
Manchmal, wenn ich diesen ‚Flow‘ erwische, bin ich für kurze Zeit unverwundbar, glühe und leuchte. So wie PACMAN!, wenn er eine seiner fragwürdigen weissen Pillen frisst und Mario einen Stern fangend zu Super Mario wird.
So wie es in Videospielen die schönen Levels gibt, so gibt es in der Lauferei auch die verhassten Eis- und Unterwasserwelten, die man nur spielt, weil man das Spiel so mag und sie einfach dazugehören…

2 Gedanken zu „Busfahrer in der Eiswelt.

  1. Steve Auch sagt:

    Woohhaaa!…das trifft den Nagel auf den Kopf!
    Danke für diesen genialen Beitrag!
    Der Videospiel-Vergleich am Ende…awesome!

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