Leben. Lieben. Trampelpfadlaufen.

Erst als ich gestern Versuche, die Zustände an der Hochdruckturbine eines Dampfkraftwerkes zu berechnen und feststelle, dass ich das auf der Rückseite des Höhenprofiles einer 4-Trails Etappe tue, bemerke ich, in welchem Zustand ich mich selbst befinde seit zwei Wochen befinde: In der Schwebe.

Die vergangenen zwei Wochen habe ich versucht die Welt – die beim Zieleinlauf für einen kurzen Augenblick stillstand – weiter festzuhalten. Den Moment weiter auszukosten. Die Welt dreht sich weiter und das merke ich nicht nur an dem Höhenprofil, auf dessen Rückseite ich nun herumrechne. Nein, ich merke es an dem Leben, das weiterläuft als ich meine Wohnung zum ersten mal als Finisher der 4-Trails betrete.
Der Müll will – immernoch – runtergebracht werden.
Das Prüfungssekreteriat will angerufen werden.
Das Praktikum will organisiert werden.
Die Prüfungen wollen vorbereitet werden.
Es gibt keinen Bonus im Leben. Auch nicht für Finisher der 4-Trails.

Während der ersten Woche prasselt immernoch viel Lob und Anerkennung auf mich ein und das genieße ich in vollen Zügen.
Mit ähnlich breiten Schultern wie die Jungs aus dem Fitnessstudio („Ich mach‘ erst Masse, dann definier ich aus!“) schneide ich die Luft, als ich über das Universitätsgelände schlendere.
Ich erzähle meinem Mitbewohner, der beim Lernen in der Universitäts-Bibliothek fleißig am Liveticker hing, sämtliche Details und ich werde nicht müde vom Erzählen, als ich die gesamte Story auch anderen Freunden und Kommilitonen vorkaue. Weniger um damit zu prahlen, als den Leuten zu erzählen und zu zeigen, wie schön diese Welt doch ist und wie toll es ist, Rotz und Wasser schwitzend durch sie durch zu laufen. Der ein oder andere ist angetan und will dieses „Trampelpfadlaufen“ auch ausprobieren. Super!

Die Welt dreht sich also weiter und schon stürme ich wieder den großen Feldberg hoch (zum ersten Mal in meinem Leben in strahlendem Sonnenschein. Oder überhaupt: Gutem Wetter), überreiche Ina die beiden selbstbesprühten Fahnen und empfange die Spenden-Trailläufer Holger und Björn.
Als letzterer mich kurz nach der Ankunft für den Finish bei den 4-Trails beglückwünscht und mir im Anschluss einbläut, dass ich nun auch „ein Großer“ bin, freue ich mich. Ist das nun wirklich so? Bin ich jetzt auch „ein Großer“? Zumindest wird einer aus mir in Zukunft. Sagt Carsten.
In diesem Moment realisiere ich, dass ich nun tatsächlich einen Schritt weitergekommen bin in meiner Entwicklung und eine Erfahrung gemacht habe, um die ich vielleicht reicher bin als der ein oder andere. Auch wenn ich irgendwann die meisten Rennen gelaufen und generell ein richtig „krasser Tüüüp“ bin, ändert das doch nichts an meiner Person und der Dankbarkeit den Personen gegenüber, die mir auf dem Weg dorthin geholfen haben. Und auch nichts an der Sache selbst: Dem Trampelpfadlaufen.
Und seien wir mal ehrlich: Auch wenn das Karate Kid irgendwann so erfahren, stark und krass ist, dass es Mr. Miyagi problemlos an die Wand klatschen würde, würde es das doch nicht tun.
Eben weil Mr. Miyagi, Mr. Miyagi ist 😉

Im Zug auf der Rückfahrt vom großen Feldberg treffe ich eine Kommilitonin. Die Art Kommilitonen, die man nett grüßt, wenn man sie sieht und nicht so tut, als ob man sie nicht gesehen hätte, weil man keine Lust auf Smalltalk hat. Nein, tatsächlich freue ich mich sie zu sehen und diesmal versuche ich, dass Thema 4-Trails nicht anzuschneiden, doch mein Mitbewohner hat es ihr irgendwie schon erzählt. Sowas ist nicht ihr Fall sagt sie. Schon 8 km laufen ist für sie viel und ein Halbmarathon schier unerreichbar. Mittlerweile ist ein Straßenhalbmarathon für mich kein Problem, doch ich erinnere mich ganz genau an die Zeit, als es das noch war. Jedenfalls erzähle ich ihr ein wenig von dem, was ich getan habe. Wie viele die nicht in der Materie sind, weiss sie zwar die Distanz ungefähr einzuordnen, aber nicht die gesteigerte Schwierigkeit durch die Höhenmeter. Sie meint, dass sei extrem und sie könnte sowas NIEEEE schaffen. Ich sage: „Du, wenn man sich etwas in den Kopf setzt, dann schafft man das auch. Egal was es ist.“ Welch geflügelte Worte am Sonntagnachmittag.

Das Gespräch ist für mich in so fern befriedigend, als es mir nun endgültig die Augen öffnet. Für jemanden, der nicht Trampelpfade läuft und nicht – trampelpfadlaufend – in den Bergen war, ist das alles nicht greifbar. Für die, die es getan haben schon.
Es ist mühsam, den Leuten das geleistete so zu erklären, dass sie ansatzweise einordnen können warum man vier Tage lang bis zu zehn Stunden durch die Alpen läuft. Oder andere „verrückte“/“extreme“ Dinge tut. Aus diesem Grund lasse ich es nun sein. Ich rede nicht mehr darüber. Oft gesagt/gehört, nun tatsächlich festgestellt: Sowas KANN man nicht erklären, sowas MUSS man erlebt haben.
Und so krass und „extrem“ das auch für andere Leute klingen mag, am Ende tut man es nur für sich selbst und für niemand anders. Das ist die Erkenntnis, die ich für mich ganz persönlich ziehe: Ich weiss nun, warum ich das alles tue:
Die Schönheit der Natur genießen.
Den Flow auskosten.
Alleine sein.
Gemeinsam sein.
Sich selbst kennenlernen.
Andere Leute kennenlernen.
Flora und Faune kennenlernen.
Lernen.
Und vieles mehr.
Für mich.
Habe ich meine „innere Ruhe“ nun gefunden? Bin ich nun endgültig „geerdet“? Wahrscheinlich. Vielleicht.
Fakt ist: Laufen! Laufen! Laufen! Spaß! Spaß! Spaß!

Ich komme wieder auf der Erde auf. Ich lasse die Welt los, lebe weiter und liebe die Trampelpfade noch mehr, als zuvor. Als je zuvor. Oder doch genauso viel? Hmm.

Den Körper interessiert das alles natürlich nicht. Das ramponierte Knie schreit nach mehr Pause. Mehr Regenerationszeit. Auf dem Weg in die Krassheit muss ich also lernen, besser auf meinen Körper zu hören.

Aber wie Carsten schon sagte: „Aus dem wird mal ein GANZ Großer!“ 😉

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