Über vier Pfade musst du gehen…

Die Woche vor den 4-Trails ist für mich ein einziges Delirium.

Ich messe die Stufen in den Hörsäalen nicht mehr in Stockwerken, sondern positiven oder negativen Höhenmetern.
Ich sehe die Salztütchen in der Mensa, die eigentlich zum Salzen des meist etwas faden Essens dienen sollen und stecke sie als potentielle Salztabletten ein.
Ich laufe nichtmehr auf den Gehwegen, sondern auf den Wiesen daneben. Um die Gelenke zu schonen.
Ich kann meine Mitschriften nicht auswerten, da nur noch Höhenprofile zu erkennen sind.
Ich scheitere bei dem Versuch, meine Hauslatschen mit dem Salomon-eigenen Quicklace-System schnüren zu wollen.
Ich bin reif. Der Tag X ist gekommen. Wofür ich mich am 14. November 2012 um 16:50:47 Uhr  („Deine Anmeldung haben wir […] erhalten.“) leichtgläubig angemeldet habe, steht nun entgültig für der Tür:
Die 4-Trails

Die geplante Zwischenstation am Schloß Neuschwanstein wird gecancelt („Neee, ich muss die Beine schonen!“) und zum wiederholten Male läuft mir Gänsehaut über den Rücken, als wir durch den Allgäu Richtung Österreich fahren.
Die Alpen – die Pilgerstätte eines jeden Trampelpfadläufers – hier bin ich wieder.
Nach dem „Reinschnuppern“ beim Basetrail diesmal die volle Breitseite Alpen.

Wir checken in unserer Ferienwohnung (Haus Susi – sehr empfehlenswert!!!) in Imsterberg ein und Albert, unser Vermieter staunt nicht schlecht als er erfährt, warum ich hier bin. Ich glaube, er hält mich für verrückt. Aber gut, das bin ich ja auch 😉
Die Wohnung ist sauber, schön und hat einen herrlichen Ausblick.

Unsere Terrasse.

Noch ein wenig die Füße vertreten, essen und den Tag auf der Couch ausklingen lassen.

Dienstag.
Wir fahren rüber nach Garmisch-Partenkirchen und mit der Seilbahn hoch auf die Alpspitze. Ein wenig Sightseeing muss sein. Ausserdem kann ich an dem heutigen Tag auch den Ausblick genießen, der mir beim Basetrail verwehrt geblieben war. Feine Sache.
Als ich die Pfade erblicke, die ich im Juni runtergeheizt bin, kribbelt es mir in den Füßen und ich kann es mir nicht verkneifen, ein paar Schritte zu laufen. Ich rutsche aus. Straßenlaufschuhe. Keine gute Idee.

Alpspitze.

Wir fahren wieder runter und ich hole meine Startunterlagen ab. Nervosität und Vorfreude machen sich breit.

Glückszahl ‚2‘

Die Startnummer enthält eine ‚2‘. Meine Glückszahl. Ich hoffe ein gutes Omen…

Pastaparty. Henkersmahlzeit und ein Wiedersehen mit vielen Bekannten Gesichtern. Steffen und Martin, meine Leidensgenossen seit Anbeginn. Bianka und Berend, die beiden vom Taunus-Wochenende. Babs aus Freiburg. Manfred aus Darmstadt und sein Freund Ulrich aus Usedom. Alle hier. Alle aufgeregt.
Begrüßung, Musik, Fahnen, viele Nationaltitäten, Herzlich Willkommen, schön das ihr hier seid. Briefing, Briefing, Wetter, Briefing, Pflichtausrüstung. ICH WILL ENDLICH LAUFEN!!!

Mittwoch. Etappe 1: 36,3 km / 2410 HM+ / 2113 HM-

Ich kann mich nicht daran erinnern, geschlafen zu haben. Die Nacht war ein einziges herumgewälze im Bett, aber hey: Es geht los! Rucksack ist gepackt, die „Mates“ sind abgeholt und nach diversen Wir-freuen-uns-hier-zu-sein-und-sind-gut-gelaunt-möchten-aber-endlich-das-es-losgeht-Bildern…

Im Zwiegespräch mit den Cracks.
Run like an animal, starring: Eichhörnchen, Schaaf und Rind + Bergziege (links)
„Taunus“-Connection
Support-Crew mit Himalaya-Erfahrung: Papa.
„Taunus“-Connection + zwei krasse Mädels.

…fällt der Startschuss und mit ihm auch die Nervosität ab. Endlich können wir das tun, wofür wir hier sind: Laufen. Winken links, dankeschön rechts und wir verlieren uns im Wald. Der erste Anstieg folgt bald und schließlich auch der zweite, welcher mir durchaus bekannt ist. Beim Basetrail zog er sich noch ewig lang, aber heute ist er plötzlich sehr kurz. Ich fühle mich gut, dass Wetter ist hervorragend.
Wie, schon fertig? Sollte nicht irgendwo die erste Verpflegung sein?

Zur Talstation Längenfelder.

Runter von der Talstation Längenfelder, wo der gripmaster mit seiner Kamera die Teilnehmer filmt. Man erkennt sich am Eichhörnchen und als der gripmaster lauthals „Weltherrscher!“ ruft, gibt es doch ein paar verdutzte Blicke. Der ein oder andere rutscht sogar aus.
Ich muss spontan Lachen. Was’n Typ. „Awesome“ um ihn mit eigenen Worten zu zitieren.
(Später sollte noch dieses Video entstehen: https://www.facebook.com/video/embed?video_id=4534302775056)

Äääh, öööh,…

Nachdem die Crew von plan-b fälschlicherweise die Ausweichroute mit Verpflegungsstationen ausgestattet hat (und dementsprechend auf der Ware sitzenbleibt) gibt es nach 21 km die erste richtige Verpflegungsstelle, an der auch gleich die erste Person unter einer Rettungsdecke liegt und verarztet wird. Worauf habe ich mich da nur eingelassen denke ich mir, ziehe mir Gurken und Tomaten rein und spüle es mit Iso runter, was ich die restlichen 15 km bitter bereuen werde. Ich vertrage das Zeug nicht, mir ist übel. Zu allem weiteren übel rutsche ich aus und lege mich auf den allerwertesten. Ausser Schürfwunden und Dreck auf der Hose bleibt nichts übrig. Als ob ich heute schon nicht genug leiden muss, sind meine Schuhe für das Gelände heute ziemlich ungeeignet. Auf dem Geröll und den glatten Steinen rutsche ich mehr, als das ich laufe und die Dämpfung ist mir dann doch ein wenig zu schwabbelig. Verflucht!
Finale Verpflegungsstation und bekannte Gesichter. Meine Support-Crew steht dort und muntert mich auf.

Hingefallen. Die Freundin findet’s lustig 😉

Guter Dinge laufen Martin und ich auf eine offene Wiese. Nanu, dass ist doch eine Skipiste! Ich richte meinen Blick an den Horizont, wo die schnelleren Teilnehmer in Ameisengröße am Horizont verschwinden. An eben jenem selbst angekommen, geht es nochmal so weit hoch. Atmen tut weh und mir ist immer noch übel. Ich muss leiden, aber das ist ja der letzte Anstieg. Denke ich. Die Höhenprofile weiss ich nur grob und die Kilometerdistanz verbanne ich nach dieser Etappe von meiner Uhr.
Dementsprechend knipse ich ein Bild mit dem Spanier, der vor einer Stunde über seine eigenen Stöcke gestolpert war.

Crazy spaniard 🙂

Dramatik 😉

Es geht die Skipiste wieder runter und kreischend höre ich Anke und Heide hinter mir. Verrückte Hühner.
Unten angekommen geht es erneut eine Skipiste hoch und spätestens jetzt ist es offiziell. Ich hasse Skipisten. Größte mentale Aufgabe für mich während der 4-Trails.
Die Ziellinie ist überquert und die erste Etappe ist überstanden. Wir sind in Tirol, wo wir den größten Teil des Laufes verbringen werden. Ich bin sowohl glücklich als auch nachdenklich. Ob jede Etappe so wird? 
Das erste, was der Streckenchef beim abendlichen Briefing tut, ist sich für die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen. Jeglicher Groll ist sofort verflogen. Sowas kann passieren und wenn man die Größe hat, sich vor 500 Teilnehmern dafür zu entschuldigen, ist das definitiv zu verzeihen!

Donnerstag. Etappe 2: 45,3 km / 2723 HM+ / 2940 HM-

Am Start in Ehrwald sind die Beine schon ein wenig „härtlich“, die Laune aber gut. Aus Fehlern lernt man und aus diesem Grund nehme ich statt Iso nur Wasser mit und packe sowohl Salztabletten als auch selbstgeschmierte Brote ein.

Meiner einer, Michael, Bianka, Berend, Martin.

Tomaten bleiben heute Tabu. In der Vorbereitung funktionierte es mit Salzkartoffeln und Datteln sehr gut, deshalb auch heute möglichst nur natürliche Verpflegung. Dementsprechend wird auch am Gelfläschchen nur selten genuckelt.
Gemäßigt geht es hoch auf die Ehrwalder Alm, wo uns die ersten Kühe begrüßen, die wir noch häufiger sehen sollten auf unserem Weg nach Samnaun. Das Gebimmel der Kuhglocken sind die Anfeuerungsrufe der Einsamkeit in den Bergen.

Dicke Homies.

Heute geht es mir so blendend, dass ich unterwegs meine Freundin anrufe, sie möge bitte noch Milch und Brot kaufen. Milch, weil der Schippenmann mir das empfohlen hat (und es gut funktionierte) und Brot, weil die selbstgeschmierten Stullen mir heute den dicken Hintern retten.

Wer laufen kann, kann währenddessen auch telefonieren.

Die Kühe kündigen höhere, entlegenere Gegenden und somit schönere Trampelpfade an, die dann auch prompt kamen.

Die erste Verpflegungsstelle ist dort, wo sie hingehört und gut bestückt. Am Bauch scheuert entweder die Hose oder das Shirt. Es ist unangenehm und die Vaseline steht auf dem Küchentisch zu Hause. Dreck! Nach ein wenig Fragerei bekomme ich Melkfett, schmiere mich ein und habe keine Probleme mehr. Danke an den Teilnehmer, dessen Namen ich mir zwar gemerkt, aber in den darauffolgenden Serpentinen auch wieder vergessen habe.
Trotzdem mag ich Serpentinen lieber als Skipisten und gemütlich geht es aufwärts zur Coburger Hütte


Auf und über 2000 Meter Höhe wird es frisch und ich ziehe mir meine Jacke über. Zwar höre ich oft, dass die Pflichtausrüstung zu viel sei, ich bin aber froh, soviele Dinge mit mir herumzuschleppen. Spätestens wenn man sich verletzt und nichtmehr weiterlaufen kann, ich man über eine lange Hose und ein Langarmshirt heilfroh. Gerade hier oben.

Der Ausblick ist phänomenal und mit Worten und Bildern kaum wiederzugeben, als wir die erste „Gefährliche Passage“ überschreiten.


Der Weg zur Grünsteinscharte war tatsächlich gefährlich. Über ein Schneefeld ging es zur Scharte hinauf und das überaus steil. Ich trat mit penibelster Vorsicht auf die eingetretenen Fußspuren vor mir, prüfte, ob ich Halt habe und ging erst dann den nächsten Schritt. Ich suchte Martin und schaute über meine Schulter nach hinten, was ich dann auch nur ein einziges Mal tat. Rutsche ich hier aus, halte ich erst ganz unten wieder an und nehme alle Teilnehmer unter mir wie Kegel mit. Das gilt für den Läufer vor mir auch. Bloß weiter. Oben angekommen kann ich den Ausblick dann auch endlich genießen und auf der Südseite des Berges findet man statt Schnee nur noch Geröll und dementsprechend schnell komme ich die Grünsteinscharte auch wieder runter, muss aber diverse Male meine Schuhe entleeren. Ähnliche Probleme haben die beiden Holländer von der „Dutch Alpine Association“ vor mir auch. Ich unterhalte mich mit Stella über ihre Vorbereitung in den für die Benelux-Länder bekannten, hochalpinen Gebieten 😉
Am zweiten Verpflegungspunkt wartet wieder meine Support-Crew auf mich.

Quasi-Halbzeit. Den ersten Berg haben wir hinter uns und gut gelaunt gehen wir den zweiten Berg an, welcher es dermaßen in sich hat, dass wir uns Zwischendrin auf den weichen Waldboden setzen müssen, weil wir total platt sind. Wir überschreiten die Baumgrenze und haben eine der krassesten Steigungen, die ich in meiner kurzen Trampelpfadlaufbahn erlebt habe, hinter uns gebracht. Es geht ein wenig wellig an der Hutschnur des Berges entlang und hinauf zum Haiminger Kreuz. Der Pfad an der Hutschnur entlang ist ziemlich exponiert und so schön, dass ich permanent nach links ins Tal gucke und das ein oder andere Mal stolpere. Das Dilemma der 4-Trails. Es ist eine Laufveranstaltung, aber laufend gehen auch die schönen Passagen schneller vorbei. Ich speichere ein weiteres Bild in der Schublade „Für die Ewigkeit“ in meinem Gehirn ab.

Wir trampelpfadlaufenden Ameisen kitzeln den Berg Richtung Kreuz hinauf und werden auf dem höchsten Punkt mit einem atemberaubendem Ausblick belohnt.

Mir stockt der Atem und meine Augen werden feucht. Weniger vor Erschöpfung als vor Glück. Dem Himmel so nah und der Menschheit so fern, wird mir hier oben klar, was ich eben geleistet habe und womit die Mühen belohnt werden. Ich verneige mich vor den majestätischen Bergen, die sich wie Pinguine im Winter um mich kuscheln, während die Höhe des Berges, auf dem ich stehen darf, den Lärm der Zivilisation dort unten fernhält. Der Wind streichelt mir über das Haar, wie eine Mutter, die ihr Kind für eine gute Leistung lobt.
Ich blicke zurück…

…und sehe den Weg, den ich hierher gekommen bin. Ich bekomme Gänsehaut, möchte am liebsten hier stehen bleiben und die Aussicht so lange genießen, bis mich das Zeitlimit einholt und die Schlussläufer einholen.
Stattdessen entschließe ich mich, den Abstieg nach Imst zu wagen und lasse Literweise Schweiß als Opfer zurück, auf das es die Berge milde stimmen möge, für die weitere Reise. Hier oben macht es ‚klick‘ und nachfolgend begrüße ich jeden Anstieg, da ich nun weiss, was mich am Ende erwartet.
An der Karröster Alpe, dem letzten Verpflegungspunkte holen wir Berend ein, dem es nicht gut geht. Ich entschließe, dass wir ihn ins Ziel begleiten, obwohl er uns vorschicken möchte. Mir geht es blendend und wahrscheinlich wäre ich auch recht flott ins Ziel gekommen, aber zum Preise gewinnen bin ich nicht hier und Lauffreunde unterstützen und durch das eigene Leiden tragen ist schöner und so spazieren wir mehr oder weniger ins Ziel. Nach neuneinhalb Stunden.
Ich gönne mir eine Massage. Neben der Entspannung genieße ich unter freiem Himmel selbigen, der strahlend blau über mir thront und blicke nochmal ehrfurchtsvoll zu dem Berg rüber, den ich eben hinabgestiegen bin. Auf Wiedersehen, mein Freund.

Freitag: Etappe 3: 31,1 km / 1834 HM+ / 1794 HM-

Ein Schelm, wer hier von einer „Sprint“-Etappe spricht, aber genau SO kommt es mir momentan vor. Obwohl diese Distanz im Training eher zu den langen Einheiten gehörte.

Anspannung vor dem Start.

Diesmal klemme ich mich an Steffen. Ich laufe ein wenig schneller und er ein wenig langsamer und so ziehen wir uns gegenseitig den Berg hinauf.

Weltherrscher meets Wolverine.

An der ersten Verpflegung sind wir recht flott, so dass mein Vater es gerade rechtzeitig schafft uns anzufeuern.
Ähnlich wie gestern überschreiten wir die Baumgrenze und werden mich atemberaubenden Ausblicken und ebenso schönen Trampelpfaden belohnt. Ja, ich wiederhole mich, aber es war tatsächlich so schön. Mal wieder.

Steffen ist einfach ein wenig zu schnell für mich und verträgt die Höhenluft wesentlich besser, so dass sich unsere Wege trennen. Ich bin ihm dankbar, mich hier so flott hochgezogen und mich dem gripmaster angekündigt zu haben, der mich mit Königswürden hier oben empfängt, mir geistigen Diarrhoe in Form von Wörtern entlockt und mich mit einem Lachen den Berg hinab schickt.
(Der Beweis: https://www.facebook.com/video/embed?video_id=4543858933954)

Die Trampelpfade heute sind nicht so steil wie die gestrigen, dementsprechend schnell komme ich den Berg runter. Ich komme nun zum ersten Mal in einen „flow“ und werde eins mit dem Weg vor mir. Ich fließe wie Wasser durch ein Flussbett. Ganz natürlich. Schließlich erreiche ich das Ziel.
Allerdings nicht schnell genug, da den Brunnen schon andere Leute bevölkern und reichlich aufgewärmt haben, so dass der Kneipp-Effekt ausbleibt. Dafür plaudere ich nett mit dem Mädchen aus Colorado, die neben mir im Whirlpool sitzt. Die 4-Trails sind tatsächlich international. Neben Dänen, Holländern, Iren, Kanadiern und Spaniern habe ich nun auch eine US-Amerikanerin kennengelernt.

Eine etwas laue Abkühlung.

Meine Beine fühlen sich wesentlich besser an, als vor dem Start. Ich bin absolut überrascht, aber meine „Brot und Salz(tabletten)“-Taktik geht wohl mal wieder auf. Die Massage gönne ich mir aber trotzdem. Heute in einem alten Kinosaal.

Samstag: Etappe 4: 47,0 km / 2844 HM + / 1820 HM –

Wegen Steinfalls muss die Route am Anfang umgeleitet werden, was uns 2,5 km extra beschert. Zunächst erschrecke ich, denke mir aber im nächsten Atemzug, dass die 2,5 km extra den Braten auch nicht fett machen.
Ich möchte mich wieder an Steffen klemmen, doch dieser ist mir gleich zu Beginn viel zu schnell und so mache ich von Anfang bis Ende mein eigenes Ding. Die ersten 12 km bis zur ersten Verpflegung oben am Fisser Joch sind zum Vergessen. Zunächst geht es auf öffentlichen Straßen und auf Asphalt hoch um dann auf Skipisten noch weiter nach oben zu gehen. Wie gesagt, ich hasse Skipisten. Aber Asphalt noch mehr.
Naturgewalten kann man nicht planen und um auf die schönsten Trampelpfade zu kommen, muss man sich eben aus der Zivilisation entfernen. Diese hat nämlich beschlossen mit Autos auf Asphalt zu fahren.
Ich unterteile die Welt nun in drei grobe Zonen. Die städtische Zone in Tälern, wo die meisten Menschen leben und der größte Trubel ist. Die Skigebiete, in denen die Städter fliehen um Wintersport zu betreiben und die Zone darüber, in die sich nur die Leute verirren, die von beidem eine Auszeit brauchen.
Wie dem auch sei habe ich mir heute vier Scheiben Brot geschmiert und an der ersten Verpflegungsstelle trotzdem einen so großen Hunger, dass ich einen Plastikbottich Tomatensuppe mit Brot verschlinge. Wie gut das tut. Weniger gut tut die heiße Suppe auf meiner linken Hand. Aber Rempeln gehört hier scheinbar zum guten Ton. Vielleicht sollte man im nächsten Jahr Tablette austeilen und eine Schlange bilden, wie in der Mensa. In selber würde ich mich aufregen, wenn jemand an der Salatbar stehenbleibt und seinen Salat dort verspeist, ohne auf die anderen hungrigen Leute hinter sich Rücksicht zu nehmen. Egal. Ich bahne mir höflich den Weg zur Verpflegung.
Schon im Vorfeld habe ich vor der letzten Etappe den größten Respekt, da wir rund 20 km lang auf über 2000 Metern Höhe laufen. Das macht sich bemerkbar. Zwar nicht so wie befürchtet, aber bemerkbar. An der zweiten Verpflegung dann wieder Suppe. Diesmal Gemüsesuppe, garniert mit Salz und einer Scheibe Brot. Sterne-Küche für mich. Suppe schlürfend ziehe ich weiter. Der höchste Punkt der gesamten Strecke ist nicht mehr weit. Hier oben halten sich die Schneefelder hartnäckig und das ein oder andere Mal muss ich mich fangen um nicht hinzufallen. Der Streckenchef höchstpersönlich kommt mir entgegen. Ihn frage ich, wie weit es noch ist, bis zum höchsten Punkt. Freundlich gibt er mir Auskunft, feuert mich an und schickt mich meines Weges. Schön, dass sich der Streckenchef höchstpersönlich jeden Tag auf der Strecke blicken lässt, um alles im Auge zu behalten und mitzufiebern.

Hier oben auf dem Nanga Parbat hat man eine tolle Aussicht und wie Reinhold Messner in seinen besten Tagen stapfe ich hoch zur Ochsenscharte. Linken Fuß vor. Atmen. Rechten Fuß nachziehen. Atmen. Ein kleiner Schritt für die Menschheit. Ein großer Schritt für mich. Wo kann ich hier meine Fahne hissen?
Atemberauend. Spektakulär. Auf den Dächern der Erde. Die Höhenluft hat mein Hirn auf die größe eines Energieriegels schrumpfen zu lassen, was mich aber nicht daran hindert, die Füße parallel zu stellen, in die Hocke zu gehen und mit meinen Stöcken in bester Skifahrermanier die Ochsenscharte wieder runterzu“fahren“. Im Schnee bekomme ich schnell das Gefühl, dass mir meine Füße erfrieren und als ich versuche weiterzulaufen, glaube ich kurz, dass mein linker Zeh – wie Wassereis auf dem Fußboden – zersplittert ist. Ah, ne. Doch nicht. Ab hier geht es runter. Das gröbste habe ich geschafft und nun möchte ich nur noch ins Ziel.

Gleichzeitig höchster Punkt der Strecke auf knapp 2800 Metern ü. NN.

Eigentlich im Schneckentempo, aber für mich heute in Lichtgeschwindigkeit „fliege“ ich runter Richtung österreichisch-schweizerische Grenze. Nach der letzten Verpflegung geht es „nur“ noch wellig Richtung Ziel, doch die letzten 7 km ziehen sich wie Kaugummi. Tapfer laufe ich. Und laufe. Und laufe weiter.
In der Zivilisation angekommen wähne ich mich dem Ziel nahe, bin aber doch nur in einem Stadtteil von Samnaun und am nächsten Asphalthügel streiche ich die Segel, was das „durchdrücken“ der Hügel angeht. Ich gehe. So wie sich mein Körper nach dem ersten Tag urplötzlich an die Belastung anpasst, sich eine Stahlausrüstung anlegt, so stark lässt die Spannung auf den letzten Kilometern ab. Habe ich schon erwähnt, dass mir seit 6 Stunden die beiden großen Zehen schmerzen?
Drei Zuschauerinnen feuern mich an, ich ziehe den Hut und frage, ob es im Ziel Pizza gibt.
Zunächst als Spaß gemeint, bejahen es die Damen. Dreimal Frage ich nach und bekomme jedes Mal bestätigt, dass es im Ziel Pizza gäbe. Das wäre schön…
Zu allem Überfluss übersehe ich die Markierung, laufe unnötigerweise eine Grashügel hoch und stehe mitten auf einer Wiese, als ich unten die anderen Läufer sehe. Argh! Wieder runter und weiterlaufen. Mir kommen die ersten Medaillenträger entgegen. „Nur noch 500 Meter.“ rufen sie und feuern mich an. Die längsten 500 Meter meines Lebens. Als ich die rote Transpondermatte sehe, ist mir klar, dass das Ziel tatsächlich nichtmehr weit ist, weil man die Matte hier nur aufstellt, damit der Sprecher einen ankündigen kann.
Ich sehe meine Support-Crew und nun auch die roten Ziffern, die die Laufzeit anzeigen. Tatsächlich. Es ist nicht mehr weit. Der Sprecher ruft meinen Namen und kündigt mich an. Leute klatschen, es geht bergauf.
Im Schnelldurchlauf ziehen die letzten neun Monate an mir vorrüber.
Die vielen Kilos, die ich abnahm.
Die vielen Stunden, die ich einsam und allein im Wald verbrachte
Die vielen Wege, die ich entdeckte.
Die „Flows“, die ich hatte.
Der Rotz, der mir am Berg aus dem Gesicht lief.
Die vielen tollen Menschen, die ich auf dem Weg kennenlernte.
Die vielen Gebirge und Wälder, die ich bei Tag und bei Nacht durchquerte.
Den Spaß, den ich hatte.
Die Achillessehnenentzündung, die schon beinahe das Aus bedeutete.
Die Schuhe die kurz vor den 4-Trails einfach aufgerissen sind.
Der Riemen des Rucksacks, der mir auf der zweiten Etappe einfach wegriss.
Die vielen Wölfe die ich mir gelaufen bin, bis ich die Vaseline für mich entdeckte.
Die vielen Toilettenstopps im Wald, bis ich rausfand, was ich auch nach mehreren Stunden essen oder trinken kann.
Die Bäume auf der Hausstrecke, denen ich Namen gab.
Die Zecken, die ich von meinen Beinen entfernte.
Die Tage, an denen mich meine Freundin und meine Familie entbehren musste.
Die Tage, an denen ich meine Karteikarten im Rucksack mitnahm und beim Laufen lernte.
Die Schmerzen, die mich auf dem Weg begleiteten, schon zum guten Ton gehörten und auch auf den letzten Metern Richtung Ziel präsent sind.

Die Welt steht für eine Sekunde still…

Rucksack öffnen…
…für den Urschrei.

…denn ich überquere die Ziellinie. Immer wenn es zäh wurde unterwegs, habe ich mir meinen Zieleinlauf ausgemalt.
Mache ich einen Purzelbaum? Aber dann verletzte ich mich garantiert.
Springe ich über die Ziellinie? Dabei verletzte ich mich wahrscheinlich auch.
Ob mir die Tränen kommen werden? Ich würde mich schämen. Oder wäre es mir egal?
Ich laufe über die Ziellinie und schreie mir die Seele aus dem Leib. Die Anspannung der letzten 9 Monate fällt von mir ab. Alle Sorgen, alle Gedanken.
Es ist vollbracht, ich habe es geschafft. Tatsächlich.

Ich falle meinem Vater um den Hals, der mich in der Vorbereitung und während der 4-Trails immer tatkräftig unterstützte, sich extra Urlaub nahm und mit dem Motorrad aus Grevenbroich anreiste um mich zu auf dem Weg zu begleiten. Der mir die Liebe zu den Bergen mitgab.
Ebenso meine Freundin, die mich in den letzten 9 Monaten oft entbehren musste und sich nie beklagte. Die mir oft ihr Auto lieh. Die in dieser und der Woche davor alle meine Launen kommentarlos aushielt und sich extra Urlaub nahm, um mich zum Start zu fahren und im Ziel wieder abzuholen. Die während ihres Urlaubs früher aufstand, als zu Werktagen.
Ich bekomme meine Finisher-Medaille umgehangen, werde von vielen Seiten beglückwünscht und kann es trotzdem noch nicht greifen. Und auch während ich diese Zeilen schreibe, ist das ganze noch zu nah um zu realisieren, was da die letzten Tage passiert ist.

PIZZA!!!

Was ich allerdings (ab)greifen kann ist die exzellente Pizza, die ist im Ziel für die Teilnehmer gibt. Tatsächlich. Die Zuschauerinnen haben nicht gelogen. Es gibt Pizza. Während der vier Tage habe ich mich mit Gedanken an Pizza (oder halben Hähnchen) weitergetrieben und nun liegt sie auf meiner Hand. Zwei Stücke fettiger, käsiger, heißer Pizza. Super! Sicherheitshalber frage ich, wie oft ich nachholen darf und die Dame versichert mir: „Soviel sie wollen!“ Ich glaube, ich esse zwei Pizzen und noch nie habe ich eine so leckere gegessen.
Steffen und ich sind schon geduscht und warten auf den Bus zurück zum Zielbereich. Das Schwimmbad liegt an der Strecke und so feuern wir sitzend, geduscht und Medaillenumhangen die anderen Teilnehmer an und mir läuft es kalt den Rücken runter, als ich ihre Gesichter sehe. Fertig mit der Welt aber mit der Gewissheit, dass das bald vorbei ist. Ob ich auch so ausgesehen habe?

Mit der Bergbahn fahren wir rauf auf den Berg. Dort wo sonst die Skifahrer runterheizen und sich das ein oder andere alkoholische Getränk hinter die Binde kippen, soll die letzte „Pasta“party stattfinden.

Leider nichts zum naschen die Medaille.
Support-Crew #1: Nur Laufen musste ich selbst.

Edel sieht es hier aus und das Essen ist von der eher besseren Sorte. Leider habe ich nicht mehr den allergrößten Hunger, da die Pizza noch glücklich in meinem Magen liegt. Erschöpfte Gesichter überall, als die Siegerehrung stattfindet und ich mich frage, was die Führenden mit ihren Leadershirts machen und ob das für einen Profi auch so toll ist, wie für mich. Ich bezweifle es ein wenig.
Ich glaube nämlich nicht, dass Tofol Castanyer (der Gesamtsieger) auch nur eine Sekunde daran gezweifelt hat das Ziel in Samnaun zu sehen. Ich bezweifle auch, dass er oder der ähnlich schmale zweitplatzierte jemals 30 kg Übergewicht mit sich getragen haben.
Ob Tofol die 4-Trails auch in einen strammes Studium reingezwängt hat und am Montag wieder zu Hause an seinem Schreibtisch sitzt und lernen muss? Wahrscheinlich nicht. Wohl eher nimmt er ein Paket mit Schuhen in Empfang, für die ich einen Monat lang in einem muffigen Labor Linearschlitten programmieren und anderen Leuten das Tischtennisspielen beibringen musste.
Ich lächle in mich hinein und realisiere, dass das alles für mich aus diesem Grund so besonders ist und ich mit niemandem in der Welt tauschen möchte. Auch ich bin ein Gewinner.

Namentlich werden alle Finisher aufgerufen. Von ca. 500 Teilnehmern haben es genau 393 Teilnehmer innerhalb der Zeitlimits ins Ziel nach Samnaun geschafft und bekommen ihr Finishershirt. Meines bekomme ich vom gripmaster höchstpersönlich, der mir zum Finish gratuliert. Vielen dank auch nochmal an dich, für alle Aufmunterungen und das Ertragen meiner peinlichen Sprüche 😉

gripmaster meets Weltherrscher 😉

Nach 9 Monaten Vorbereitung ist der erste große Meilenstein meiner Trampelpfadläuferkarriere erreicht und ich habe Blut geleckt.
Die Etappen des Transalpine-Runs habe ich auch schon studiert…

11 Gedanken zu „Über vier Pfade musst du gehen…

  1. Toll geschrieben! Macht viel spass beim lesen. Schön ausführlich und informativ

  2. bin hin und weg von deinem bericht…
    ich habe richtig mitgefühlt…
    ja du bist ein gewinner..
    gruß Frank

  3. Ulrich Faust sagt:

    Prima Story! Happy End! Gratulation zu deinem Super Einstand! Klasse! Von wegen: „dann falle ich meinem Vater um den Hals…..“! http://ulrichfaust.zenfolio.com/p84914918/h62307a5f#h62307a5f

  4. Danke, danke, danke!
    Wie immer wunderschön mit Worten gemalt und die Fotos…ach, watt soll ich sagen. We love Orkan, we do 😉
    Ich bin jetzt leider angefixt. Mächtigst. Verdammt.

  5. Steve Auch sagt:

    Gratulation zum Finish…genial geschrieben!

    Jetzt wird es Zeit, dass der Weltherrscher und der Grüne Goblin mal zusammen auf den Trails laufen und Pläne schmieden, wie sie die Welt mit ihren hessischen Wurzeln verändern können.
    Keine Angst, ich will mich nicht als Weltherrscher aufdrängen…viel mehr als Scherge anbieten. 😉

  6. Jens Karrer sagt:

    Sehr genial geschrieben, wunderschöne Fotos und Hut ab für die Wahnsinnsleistung von Dir!

  7. Ach – ICH LIEBE EUCH! Sagte ich das schon?!

  8. Holger sagt:

    Klasse Bericht und mir kamen die…ach lassen wir das.
    Das war der Anfang, sag ich dir.
    Freu mich auf den nächsten Lauf mit dir.

  9. Traumhafte Leistung: Chapeau
    Gruß aus der „flachen“ Eifel
    Josef Hoffmann

  10. Haus Susi sagt:

    Tolle sportliche Leistung und auch noch ein super Report, Klasse Orkan!
    Albert

  11. Hier natürlich auch: krasses Pferd!!! 🙂

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