Alpen. Der Beginn.

18. Juni:

Hitze. Das einzige, was mich davon abhält, die Vorlesungsunterlagen in die Mülltonne zu schmeißen und mich an den hochschuleigenen Pool zu legen, ist die Aussicht auf die frische Bergluft Kühtais auf 2020m.
Martin hat Verspätung. Der Stau hat uns also schon in Hessen erwischt und sollte uns bis in die Alpen begleiten. (Martin braucht für die Strecke Butzbach – Kühtai satte 10 Stunden).
Mir läuft Gänsehaut über den Rücken, als wir irgendwann durch den Allgäu fahren und am Horizont das Profil der Alpen erkennen. Ob die Allgäuer Überlandwerke nächstes Jahr Ingenieure suchen?
Diverse laute Freudenschreie später fahren wir auch schon durch Österreich. Kaum zu glauben, dass ich vor drei Jahren die Alpen nicht schnell genug durchqueren konnte. Heute jedenfalls lasse ich den Blick so oft es geht in die Ferne schweifen. Ruhe kehrt in meinen Geist ein.
Aus dem Akklimatisationsläufchen sollte nichts werden, denn es ist um kurz vor zehn Uhr abends schon fast komplett dunkel als wir Steffen in die Arme fallen. Er erwartet uns schon und empfängt uns mit einem Abendessen der allerfeinsten Sorte.
Auf dem Balkon genießen wir allerdings die Atmosphäre. Ein idyllische Stille legt sich auf uns, der Himmel ist klar, der Mond leuchtet hell und das einzige was man noch hört ist das Rauschen der kleinen Bäche, die den Schnee von den Gipfeln abtragen. Der Berg vor uns sieht aus wie Toblerone und am liebsten würde ich reinbeißen! Nur schwer kann ich mich von der neuen Kulisse trennen, aber Schlaf muss sein.

19. Juni:

Der Wecker klingelt und das erste was ich mache ist die Tür zum Balkon aufreißen und den Ausblick genießen. Einfach gucken. Die Sonne scheint goldgelb, der Himmel ist quietschblau und der graumelierte Berg lässt sich schon die Sonne auf den schneeweißen Pelz scheinen. Das Wetter hätte an diesem Morgen nicht schöner sein können und als ich vor die Tür trete, schaue ich die Berge ehrfürchtig an und bitte sie darum, mich nicht so hart ranzunehmen. Die erste Hälfte der Strecke ist zum Warmwerden, die Stimmung dementsprechend gut. Wir kommen an einem Speichersee vorbei. Hmm, die Tiroler Wasserkraft AG wäre sicherlich auch ein netter Arbeitgeber. „Hey Jungs, ich laufe mal eben zum Speichersee hoch und gucke ob alles in Ordnung ist…“
Zunächst geht es von Kühtai auch mehr oder weniger bergab mit ein paar kleinen Anstiegen. Exzellentes Bergpanorama und Kühe, die uns verdutzt anblicken, als sich unsere Wege kreuzen.
Steffen genießt unsere erstaunten Gesichter und ist froh, dass er Leute gefunden hat, die das alles hier genauso geil finden wie er. Wir sind froh, dass Steffen uns zu sich eingeladen hat und uns als Gäste in seiner zweiten Heimat herumführt.

Die Pfade sind lockerflockig und die ersten Rampen werden gemütlich genommen. Die Steigungen sind ordentlich, aber nicht zu steil. Die Höhenluft macht sich bei mir noch nicht bemerkbar, vorallem da wir zum größten Teil bergab laufen. Den tiefsten Punkt erreichen wir in Ochsengarten, wo wir an eine Tränke erreichen, wie man sie aus den Bildern der 4-Trails oder dem Transalpine Run kennt. In genau dieser Manier stecke ich meinen Kopf unter den Strahl und kühle mich ab und fülle meine Flaschen mit eiskalten Bergwasser.

„So Männers, jetzt geht’s so richtig los!“ sagt Steffen und mir schwant sofort böses. Ich kenne den Typen mittlerweile ganz gut und weiss, dass er total bescheuert ist. Im positiven. Aber bescheuert 😉 Was nun folgt ist ein Anstieg vom allerfeinsten. Es geht in einem äußerst schönen Waldstück (wir sind nun unterhalb der Baumgrenze) nach oben. Und wie. So stelle ich mir Skyrunning vor, aber wahrscheinlich ist das sehr viel krasser.

Auf 2 Kilometern legen wir 400 Höhenmeter hinter uns und nach einem kurzen Vertikalstück geht es weiter in die Horizontale. Die Höhenluft verbrüdert sich mit den Höhenmetern gegen mich und tritt mir in den Hintern. Aber sowas von! Zwischendrin musste ich mich mal kurz hinsetzen und klarkommen. Ich behaupte, dass ich mittlerweile ganz gut (relativ) viele Höhenmeter am Stück zurücklegen kann. Das hat sich beim Revierguide in Freiburg gezeigt und sollte beim Zugspitz Basetrail bestätigt werden. Zwar relativ langsam, dafür ohne Pausen. Aber das hier ist heute schon ein hartes Stück.
An der Balbach-Alm angekommen entschließen wir uns erstmal, ein alkoholfreies Weizenbier zu uns zu nehmen.

Das tut gut. Der zweite Teil der Strecke ist der absolute Wahnsinn. Trampelpfade vom allerfeinsten mit einem Ausblick der seinesgleichen sucht.

Diesen Bilder ist nichts hinzuzufügen. Ich habe mittlerweile schon einige schöne Strecken gesehen, aber Laufen in den Alpen bzw. in den Hochgebirgen ist dann doch etwas anderes und der Traum eines jeden Trampelpfadläufers. In solchen Landschaften werden die Titelbilder geschossen, die jedem Trampelpfadläufer das Fernweh ins Herz stechen lässt. Spaß am Rande der Tollwut.
Ich genieße jeden einzelnen Schritt in vollen Zügen, obwohl mir die Höhenluft mehr als zu schaffen macht und ich irgendwann kaum mehr in der Lage bin zu laufen. Das macht nichts, denn ich würde mich ebenso gern hinsetzen und meine Umgebung noch mehr genießen. Diese einzigartige Geräuschkulisse der Alpen bei einem Wetter, wie es schöner nicht sein kann und für die vergangenen 6 Monate dieses Jahres entschädigt, in dem das Wetter eher sehr bescheiden und unstetig war. 

Vor der Wohnung angekommen muss ich erstmal hinsetzen. So fertig war ich schon lange nichtmehr. Die Höhenluft und ich werden heute keine Freunde mehr, aber wir haben ausgemacht, dass wir uns wiedertreffen und uns dann auf Augenhöhe miteinander messen. Ich glaube, dies ist der Beginn einer lebenslangen Freundschaft.

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