Ich gehe mit meinem Flutlicht…

…und mein Flutlicht mir miii-hhiiiir.
Dort oben leuchten die Stäää-hääärne
Hier unten leuchten wiii-hhiiiir

Zugegeben bin ich sehr nervös, als ich am Treffpunkt auf Daniel warte, der mich dankenswerterweise auf dem Weg einsammelt. Die beiden Mittagsschläfchen haben nicht wirklich gefruchtet, die koffeinhaltigen und teilweise stark gezuckerten Getränke machen aus mir einen hibbeligen Zuckerhut, der an einer Tankstelle auf und ab läuft.

Es vergehen keine 5 Minuten, als Daniel und ich uns in einem Gespräch über unsere Leidenschaft vertiefen, uns von Läufen erzählen und uns schon für zukünftige Läufe verabreden. Ebensoschnell vergeht die Hinfahrt und schon stehen wir in Holgers Wohnzimmer. Leider haben einige abgesagt oder waren verhindert und die 13 Teilnehmer schrumpfen auf 6 Stück zusammen. Nach dem ersten Smalltalk steht fest, dass die 6 Leute Anfahrten von 100 – 300 km auf sich genommen haben, um am Rande Deutschlands ein wenig zu Laufen.
Wie bescheuert muss man eigentlich sein, zum einen so weit zu fahren und zum anderen auch noch von 0 – 6 Uhr mitten durch die Nacht? Dieser Gedanke geht mir zumindest einmal durch den Kopf, ist dann aber auch gleich verflogen. Weil’s geil ist!
LUPINE stellt uns Stirnlampen und HIGH5 Gels und Isogetränke. Danke schonmal dafür.
Im Taunus habe ich die kleinen Flutlichter schon ausprobieren können und ich freue mich auch diesmal.
Jeder ist ausgerüstet, ein Gruppenfoto (vorher) und los geht’s:

Noch sind wir alle sehr „aufgeweckt“. Meine Mantra für heute: „Noch 6 Stunden bis zum Frühstück.“
Kurz darauf sind wir auch schon auf den ersten Trampelpfaden, gleich wurzelig und nadelig-weich und auch gleich an einem Bachlauf entlang über eine Holzbrücke. „Klasse, hier muss ich mal tagsüber vorbeikommen.“ sagt Martin und ähnlich erstaunt war auch ich, als ich das erste Mal hier langlief.
Wenn unsere Pfade nicht so aussehen, dann laufen wir durch hohe Reihen Nadelbäume, die niemals enden wollen oder über Holgers Trampelpfade der trampelpfadigsten Sorte: Querfeldein mit Ästen selbst markiert. Für weitere Details solltet ihr selber in die Eifel und Holgers Trampelpfade testen!

Fröhlich laufen wir also durch das Bachpanorama, leuchten uns gegenseitig mit den Flutlichtern in die Augen („Leute, denkt daran euch beim Reden nicht gegenseitig in die Augen zu leuchten. Blickkontakt ausnahmsweise verboten.“) und lernen uns kennen.
Daniel als Ultratrampelpfadläufer der eher krasseren Sorte, der mindestens einmal im Monat irgendwo 100 Kilometer oder Meilen durch die Gegend läuft und am nächsten Wochenende in Andorra startet. Krasser Tüüp.
Fynn, der bei 70km die Faxxen dicke hätte 😀
Martin, mein allgegenwärtiger Trampelpfadspezi der ersten Stunde.
Björn, die Legende aus dem Taunus und Holgers Spenden-Trail-Lauf-Spezi.
Frank, der hier seine zweite „richtige“ Trampelpfadveranstaltung läuft.
„Und dann gleich 45km?“
„Jaaa, neee. Die erste war der Wiedtal Ultra (65km/2100 Höhenmeter).“
Zur Verbildlichung der Situationskomik: Wir hecheln gerade irgendeinen Hügel hoch, es ist circa 2 Uhr Nachts und die Antwort kommt im saubersten Ruhrpott-Dialekt mit der ihr innewohnenden Bescheidenheit. 
Über unseren Guide Holger brauchen wir an dieser Stelle keine Worte verlieren.
(„Nee, so wild ist das nicht.“)
Wir genießen das Laufen in der Nacht. Ich lasse mein Flutlicht durch die Baumreihen schweifen und knipse die Lampe gelegentlich aus um hoch in den Sternenhimmel zu schauen. Die Stille des Waldes legt sich wie eine flauschige Decke auf die Seele und das Rauschen der Bachläufe nimmt der Nacht das gespenstische.
Ich hoffe die Tiere verzeihen uns unseren Lärm. Namentlich wären das diverse Rehe, die Kuh auf der Wiese, der Frosch, die Eule, die Gothic-Nacktschnecken und der Frosch.

Nach drei Stunden kehren wir wieder in die Garage ein, unserem ersten und einzigen Verpflegungspunkt heute.

Holger hat die Cafémaschine per Zeitschaltuhr eingeschaltet und dementsprechend haben wir frischen Café. Eine Wohltat. Wir werden von ihm auch darauf hingewiesen, dass Milch die Koffeinaufnahme verzögern und sofort lassen wir (oder zumindest Ich) die Milch weg. Salzbrezeln reinstopfen und mit Cola hinterherspülen. Tut alles gut gerade. Frische und trockene Kleidung anziehen, kurz auf die Campingstühle setzen. Großer Fehler. Sobald wir auf einem der Stühle sitzen und/oder frische Kleidung anhaben und einen warmen Café getrunken haben, macht sich Unlust und Müdigkeit breit. Lieber hinlegen und schlafen oder gleich an den Frühstückstisch setzen, der schon gedeckt ist und auf uns wartet.

Das erneute Anlaufen gestaltet sich als ausserordentlich schwierig und sogleich macht sich die Uhrzeit bemerkbar. Kurz nach drei Uhr in der Nacht. Trotz Café ertappe ich mich dabei, wie mir die Augen beim Laufen zufallen, ich kurz danach die Augen öffne und mich an die letzten drei Schritte nichtmehr erinnern kann. Wäre ich nicht so amüsiert, hätte ich sicherlich Angst bekommen. Die Stunde nach der Verpflegung ist für mich die härteste und die Müdigkeit bearbeitet mich wie Rocky seine Gegner.
Kurz nach vier Uhr sieht man es schon ein wenig Dämmern und die Hochgefühle kehren wieder. Um fünf Uhr früh erreichen wir Monschau, welches für mich ein kleines Highlight ist. Monschau liegt in einem kleinen Tal und auf dem superschmalen Panoramapfad über dem Ort laufen wir einmal um Monschau rum, den Blick immer nach unten gerichtet auf Ort und die rauschende Rur.

Die kurze Passage durch Monschau hindurch ist eine kleine Tortour, denn der örtliche Bäcker backt gerade feinste Teigwarenkunst und bringt mich auf die Idee, den Laden zu plündern. Eine Cafémaschine gibt es dort bestimmt auch…
Wie dem auch sei, man könnte sagen, es ist jetzt hell, leider ist so etwas wie ein Sonnenaufgang im heutigen Dunst leider nicht erkennbar. Auf den letzten Kilometern sehen wir kurz lila Wolken am Horizont, die uns Hoffen lassen, aber kurz darauf auch wieder verschwunden sind.
Wir verlassen den Wald und betreten die Zivilisation. Die Stimmung erreicht ihren zweiten Frühling und man könnte meinen, wir torkeln nach einer durchzechten Nacht nach Hause und geben restalkoholgeschwängerte Sprüche zum besten. Stattdessen laufen wir verschwitzt und mit Stirnlampen auf den Köpfen durch Konzen im Morgengrauen. Das geistige Niveau ist jedenfalls das selbe.

Man beglückwünscht mich zum ersten Ultra und ich weiss nicht, was ich davon halten soll. Zwar freue ich mich, die knapp 45km geschafft zu haben, habe die Veranstaltung aber nicht als „Ultra“ auf dem Schirm. Sind ja auch „nur“ knapp 2 km mehr. Seit dem 2. September (erster Marathon) letzten Jahres bin ich noch nie so lange unterwegs gewesen. Und ich habe es trotzdem ganz gut gepackt finde ich. Zwar bin ich mir eine Blase gelaufen, doch lässt sich die Stelle beim nächsten Mal einfach wegkleben. Das Schnürsenkelbinden muss ich übrigens auch noch üben. Ich habe mir die Schnürsenkel wieder und wieder zu fest zugebunden, so dass nach dem Lauf meine Fussfesseln schmerzen (und es immernoch tun).
Die Distanz der Königsetappe der 4-Trails habe ich jetzt zumindest schonmal geschafft. Zu den Höhenmetern gesellt sich nochmal das doppelte hinzu, aber das ist eine andere Geschichte 😉
Was mir bleibt ist die Tatsache, dass ich (mal wieder) ein wenig über mich hinauswachsen konnte, man einfach immer weiterlaufen muss (das geht schon irgendwie) und gemeinsam einfach viel angenehmer ist.

Wir sind erstmal glücklich, dass wir alle soviel Spaß hatten und alle gut durch die Nacht gekommen sind. Die Dusche ist jetzt sehr begehrt und als zukünftiger Weltherrscher bin ich natürlich zuerst dran.
Ina hat den Frühstückstisch sehr liebevoll und ebenso reichlich gedeckt  und vor lauter Auswahl verzweifelt der ein oder andere. Hier lassen wir die Nacht gelungen ausklingen.

An dieser Stelle möchte ich mich sehr herzlich bei Holger für die Organisation und die tolle Strecke bedanken, bei Ina für das klasse Frühstück und die Freistellung Holgers für so komische Pläne 😉
Danke auch an Martin, Fynn, Björn, Daniel und Frank für die tolle Gesellschaft, den großen Spaß und das Hinwegsehen über das ein oder andere verzapfte geistige Unglück 😉

Bis demnächst!

Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Björn und Holger (nicht, dass ich um Erlaubnis gefragt hätte):

Ein Gedanke zu „Ich gehe mit meinem Flutlicht…

  1. Beim Lesen habe ich richtig Lust zum Mitlaufen bekommen!
    Was Monschau betrifft, kann ich deine Eindrücke bestätigen, denn ich verbrachte dort neulich einen Kurzurlaub in Familie (Wandern statt Laufen). Diese schöne Gegend muss ich öfter besuchen, vielleicht mal zusammen mit euch.

    Viele Grüße,
    Das Pulsmesser

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: