Westerwahnsinn.

Wenn man mich zum Trampelpfadlaufen einlädt, dann nehme ich die Einladung auch durchaus wahr. Sollte man wissen. Und wenn ich die Aufgabe bekomme, den „Autositter“ zu spielen, während die Wagenbesitzerin in Urlaub ist, kann man davon ausgehen, dass ich mir mit dem Auto neue Trampelpfadgebiete erschließe.

Die Tasche wird gepackt und in den Kofferraum geworfen. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau und im Auto dröhnt das neue Album der ‚Queens of the Stone Age‘. Herz, was willst du mehr. Fenster runterkurbeln, laut aufdrehen und durch den Asphalt der Großstadt surfen.
Auch die Mittelspurschleicher auf der A3 und A5 können meine gute Laune heute nicht trüben. Baustellen sind heute eine Möglichkeit das Fenster runterzukurbeln, sich vom Fahrtwind unter’m Kinn kraulen und sich von der Sonne die Seele massieren zu lassen.
Das THR33KY Hauptquartier ist erreicht und die beiden Macher heißen mich willkommen und das sehr herzlich. Die Sonne winkt uns aus dem Haus und schon bald sitzen Olaf und ich im THR33KY-Speeder auf dem Weg zu seinen Heimatpfaden.
Irgendwann fällt mir ein weisser 1er Golf auf, auf dessen abgedunkelter Heckscheibe in weissen (altdeutschen) Lettern „White Power“ steht. Herzlich Willkommen im Westerwald, denke ich mir. Man munkelt, dass der Besitzer wohl eher die Kraft seines weissen Golfs meint und nicht die rassistische Gesinnung, die man hinter dem Ausdruck eigentlich erwartet. Man munkelt außerdem, dass dort nicht die hellsten aller Leuchten am Werke waren. Man munkelt…
Schon oft habe ich die Strecke Köln – Frankfurt mit dem Auto oder dem ICE zurückgelegt und ich habe den Westerwald als hügeliges und eher langweiliges Wald- und Feldgebiet in Erinnerung. Zu meiner Entschuldigung muss man sagen, dass ich damals noch garkeine Bekanntschaft mit der Trampelpfadlauferei gemacht habe.
Wir laufen erstmal tatsächlich über Felder und ich erwarte nichts spektakuläres, als wir in den Wald eintreten und von sehr schönen Trampelpfaden empfangen werden. Schöner, als ich sie mir hätte ausmalen können.
Nach kurzer Zeit laufen wir auch schon durch die Schieferlandschaft alter Bergbauzeiten, immer am Brexbach und/oder stillgelegte Bahngleise kreuzend. Das hier hat etwas skurril schönes. Einerseits denke ich an eine pulsierende Bergbaugesellschaft vergangener Zeit, andererseits sehe ich die schönen Pfade, den rauschenden Brexbach und die bemoosten Steinbrüche vor mir. Ich liebe das Geräusch fließender und wild gebliebener Bäche, die ihren Klang in die stille Natur malen und mir Gänsehaut machen. 100% Natur.
Oft schickt mich Olaf vor und sagt: „Lauf du mal und genieße!“
Mal ist es ein „flowiger“ (auf deutsch klingt das einfach doof), leicht abfallender Trampelpfad über Wurzeln und Nadeln drüber und Slalom um die Bäume rum. Über Brücken den Brexbach überquerend und ihn anschließend begleitend. Ich gebe mich jedesmal diesem Rausch hin und warte am Ende auf Olaf, der mir grinsend entgegenläuft und sich an meiner Freude freut. Gibt es was schöneres für einen Trampelpfadläufer, als jemandem seine Hauspfade zu zeigen und den Spaß auf dem Gesicht des Gastes zu sehen und diesen mit Worten oder entgleisenden Gesichtszügen (passt zum Kontext, hähähäh) bestätigt zu wissen? Ich glaube nicht.
Das nächste: „Lauf du mal und genieße!“ führt mich in engen und steilen Serpentinen aus dem Steinbruch hoch. Ich liebe Trampelpfadserpentinen, habe ich euch das mal gesagt?
Dieser Pfad ist einer der Trampelpfade die die höchste Auszeichnung mit Sternchen bekommen und dem Läufer am Ende ein Fleisskärtchen in die Hand drücken. „Hast du fein gemacht.“
Oben gibt es nach den schönen, bemoosten Steinen links und rechts einen schönen Ausblick in den Westerwald.
„Geil, ne?“ fragt mich Olaf grinsend und keuchend erwidere ich: „Ja, sehr geil!“
Einen Augenblick Innehalten muss jetzt sein. In Weltherrscherpose, die Arme in die Hüfte gestemmt, lasse ich den Blick in das Tal schweifen und lausche kurz dem Rauschen des Brexbaches. Schön. Vorallem wenn die Sonne so schön scheint. Die Burg Grenzau ist nicht weit weg und muss dem Touri gezeigt werden. Nanu, wo geht denn diese Steintreppe hinunter?
„Sieht nach einem Trail aus. Wollen wir mal runter?“
„Klaaar!“
Wir folgen dem Pfad, der ziemlich zugewuchert ist und wissen eigentlich nicht, ob das jetzt eine Sackgasse ist, oder ob es weitergeht. Es sieht so aus ob… oder nicht?
Irgendwann sind wir soweit, dass eine Rückkehr ausser Frage steht, stehen aber vor einem Brennnesselfeld erster Klasse. Rucksack- oder stockschwingend bahnt Olaf sich tollkühn den Weg und ich kreischend und lachend hinterher. Gut, dass das niemand gesehen hat 😉
Nach einer ärgerlichen Begegnung mit einem unfreundlichen Mountainbiker, nachdem unsere Füße fast in einem Rasenmäher gelandet und wir beim überqueren der Straße fast umgefahren worden wären, erreichen wir wieder den Startpunkt und lassen den schönen Tag in der Koblenzer Innenstadt mit bekannten Gesichtern ausklingen 😉

Ich wache auf, schaue aus dem Fenster und werde von blauem Himmel und Sonnenschein begrüßt. Kann ein Tag schöner anfangen? Nein!
Heute ist der Saynsteig mit ein paar Spezialitäten an der Reihe.
„Dort gehen wir nach dem Lauf ein Stück Kuchen essen“ sagt Olaf und ich freue mich jetzt schon darauf. Keine 100 Meter und wir befinden uns schon auf den Trampelpfaden des Saynsteiges und es geht auch gleich bergauf. Habe ich euch eigentlich schonmal gesagt, dass ich bergauf gleich am Start eher nicht so mag? Nun gut, mittlerweile weiss ich, dass solche ekeligen Anstiege gleich zu Beginn immer mit einem schönen Ausblick belohnt werden und diesmal ist es der Blick über Koblenz und dem Wolkenkratzer der Region, nämlich dem Kühlturm des stillgelegten Kernkraftwerkes Mülhem-Kärlich.
Wir verlassen Koblenz und treten ein in den Wald und ein vergessen Koblenz namens Confluentes. Ich staune nicht schlecht, als ich Wanderschilder mit des Limesweges und gleich darauf einen rekonstruierten römischen Wachturm sehe. Es gibt den Limes also auch hier.
„Lauf du mal und genieße!“ sagt Olaf und ich weiss, dass mich jetzt was ganz feines erwartet. Und so ist es auch. Von Zweigen überdeckt und in grüngefärbtes Licht mit Sonnenstrahlen getaucht, geht es Serpentinen hinunter und ich bekomme Ärger, als ich die Serpentinen schneide. Verständlich, so soll ich doch die volle Breitseite der Schönheit abbekommen.
Wir begleiten wieder den Brexbach und plätschern im Einklang mit ihm und neben ihm die Pfade entlang, treten durch Rinnsale und genießen die sonnengeschwängerte Luft und das Farbspiel im Wald. Durch die Gemeinde Stromberg (toller Name) laufen wir Richtung Telegrafenberg, wo es einen Ausblick der Extraklasse gibt.
Wir laufen weiter zu einer Schutzhütte, wo es mal wieder einen schönen Ausblick gibt und ich werde vor die Wahl gestellt.
„Laufen wir weiter, ein kleines Stück auf dem Rheinsteig, oder laufen wir zum Auto?“
Ok, ich bin zwar platt, aber wenn ich schonmal hier bin laufe ich auch. Das sollte ich nicht bereuen, denn in Serpentinen und in felsigen Gefilden geht es hoch, immer weiter hoch zu noch einem römischen Wachturm. Nanu, der Herr der dort Zeitung liest, saß eben noch an dem anderen Wachturm.
Ok, es ist der selbe Wachturm.
Olaf hatte mir eben noch gesagt, dass die Wege total anders aussehen, wenn man sie in die andere Richtung läuft. So war es auch. Wir waren gerade das selbe Stück von eben gelaufen, nur bergauf. Ich habe rein garnichts bemerkt! Und dabei habe ich doch eine ganz gute Orientierung.
Wir kommen wieder am „Meisenhof“ vorbei.
Olaf blickt mich an, grinst und fragt mich, ob wir nicht eine Cola trinken sollen. Selten eine bessere Idee gehabt. Aus der Cola wird ein alkoholfreies Weizen und als wir diese auf die Terrasse schleppen und uns hinsetzen, fällt mir Zweierlei auf:
Zum einen die beiden älteren Herren, die uns mürrisch anblicken und sich wohl denken, wer die zwei Vögel da sind und was da wohl in den komischen Rucksäcken drin ist. „Damals bei uns waren da Ziegelsteine drin und so bunte Schuhe haben wir auch nicht gebraucht.“ meine ich den einen zum anderen sagen zu hören. Wohl mein dehydriertes Delirium.
Zum anderen ist da die 10-köpfige Gruppe weiblicher Kaffeefahrer, die gerade die Hiobsbotschaft bekommt, dass nicht genug Käsekuchenstücke für alle da sind, was sofort Nebensache ist, als sie uns bemerken. Das Geschnatter geht über in penetrante (und neidische) Blicke (auf unsere viel schöneren Beine/) in unsere Richtung und ich löse die „gespannte“ Lage mit einem lässigen „Wie geht’s?“ in die Gegenrichtung. Gekicher und gerötete Gesichter.
Das alkoholfreie Weizen perlt. Weiter geht’s.
Den letzten Downhill von der Burg Sayn hinunten schicke ich Olaf vor. Ich bin platt.
Locker und lässig, die Luft schneidend läuft er ein Gedicht in die kurvigen Pfade hinein und den Hügel hinunter. Voll der lässige Tüüp.
Das alkoholfreie Weizen ist schon längst verdunstet, als wir in die Bäckerei eintreten und uns die beiden größten Kuchenstücke bestellen, die der Laden hergibt.
Die Welt steht still. Ein schöner Tag!

Danke Nadine und Olaf!

Hier ein Potpourri der guten Laune des zweiten Lauftages:



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