Qualen. Freude. Angst.

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Nein, es geht heute weder auf den großen, noch den kleinen Feldberg oder den Altkönig oder die weiße Mauer. Was bleibt vom Hochtaunus dann noch übrig? Einiges! Statt uns wie üblich am „Roten Kreuz“ kurz unter dem großen Feldberg zu treffen, findet sich die Gruppe am Sandplacken ein, Trampelpfade entfernt von den Wahrzeichen des Hochtaunus.
Im Hochtaunus hat es den ganzen Tag geregnet und zunächst sind wir froh, dass der Regen uns am Treffpunkt verschont. Ob das Wetter so bleibt? Keiner weiss es. Die langen Klamotten sind jedoch wieder aktuell. Ende Mai 😦
Meine Beine sind schwer und hart, es ist kalt und womöglich regnet es gleich wieder. Ich habe in der U-Bahn hierher ernsthaft überlegt, ob es eine gute Idee ist, heute zu Laufen…
„Zubringer“ zu den Trampelpfaden gibt es hier nicht und so findet sich die Gruppe Sekunden nach dem Start auf dem Limesweg wieder, der unserer heutigen Tour seinen Namen verleiht.
Nachdem ich auf dem Taunusweekend Ende März schon flüchtige Bekanntschaft mit dem Limesweg hatte und letzten Samstag das Eis zwischen mir und dem Limesweg in Butzbach gebrochen wurde, lernen wir zwei hübschen uns am heutigen Mittwoch noch besser kennen.
Der Limesweg ist eine Art Mikro-„Deich“ und ragt meist ein wenig über den umgebenden Wegen hervor. Die Nadelbäume haben für uns ihre Nadeln ausgebreitet, die bräunlich unter uns liegen und unsere Füße ein wenig in Watte packen und manchmal auch die ein oder andere feuchte Wurzel verdecken.
Weiche Wege sind heute genau das, was ich brauche und der Blick durch die Baumreihen lässt die schweren, harten Beine schnell vergessen.
Begünstigt wird das ganze durch die schlammig-weichen Wege.
„Oben trocken, unten feucht.“ sei das beste zum Laufen sagt Björn. Recht hat er.
Oh Wunder, die Sonne bahnt sich einen Weg durch die dichten Wolken und wärmt unsere durchgefrorenen Körper. Der ein oder andere zieht sogar die Jacke aus!!!
An der ein oder anderen Stelle können wir sogar eine schöne Aussicht genießen!
Für mich ist dieser Lauf körperlich ein wenig zäh. Die vergangene Woche steckt mir in den Knochen und deshalb bin ich froh, dass das Tempo heute moderat ist.
Dankenswerterweise warnt uns Björn mehrmals, auf den Bergabpassagen nicht zu schnell zu machen. Vorallem wenn wir – wie zumindest Martin und ich – noch große Projekte vor uns haben.
Aber heute bin ich sowieso so Morch, dass mir nicht nach Tempo-Abwärts ist. Wie auf rohen Eiern laufe ich die einzige steinige Bergabpassage hinab.
Mein Beine werden immer härter und ich bin ein wenig froh, wieder den Parkplatz zu erreichen.
Nicht, dass ich diesen Lauf nicht genossen hätte, ganz im Gegenteil: Mir wurde heute eine andere Facette des Hochtaunus‘ gezeigt, fernab der großen „Zugpferde“ Feldberg und Altkönig.
Ein Runde nach meinem Geschmack. Bis Bald, neuer Taunus.

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Die nächsten zwei Tage massiere ich mir auf der blackroll „die Scheisse aus meinen Waden“ raus. Vor Schmerzen schreiend wiederhole ich das ganze so lange, bis meine Beine wehtun. Vom Massieren.
Einerseits denke ich mir, dass ich bei den 4-Trails ja auch wenig Zeit zum regenerieren habe und deshalb am Freitag unbedingt meine große Expedition Richtung Hahnenkamm starten muss. Ok, doch „nur“ 23 km. Ok, lassen wir es ganz sein. Mir ist absolut nicht nach Laufen heute. Das Wetter ist grau und meine Beine wollen einfach nicht von der Couch runter. Regeneration soll ja auch Teil des Trainings sein…

Es ist Samstag und mir juckt es schon wieder in den Füßen. Heute keine Unwetterwarnung, also Zeit ein kleines Ründchen zu drehen. Das Wetter ist „perfekt“. Kühl, die Luft feucht und die Temperaturen nicht so scheisskalt wie die letzten Tage. Meine zusammengeklickte Route führt mich an den Anglerteichen vorbei, wo es schöne Trails geben soll.
„Servus“ erwidere ich dem Gassigeher und trete in den Weg, der vom Unwetter total überflutet ist und stehe bis zu den Schienbeinen in der Riesenpfütze. Mal trockene Füße behalten beim Laufen ist in den letzten Wochen nicht angesagt. Aber wenn das so ist, dann soll es so sein. Volle Lotte.
Durch das kleine Trampelpfadlabyrinth an den Anglerteichen herum geht es durch jede einzelne Pfütze, so dass möglichst alles an mir Dreck abbekommt. Ein kleiner, kurzer, fetziger Schlammdownhill und hoch geht es den Berg hinauf. Ein wenig auf Schotterstraßen. Ein wenig. Nanu, dieser Weg…
Dunkelbraun wie gute Bitterschokolade schlängelt sich ein Schlammweg den Berg weiter hinauf. Einziges Indiz, dass das ein Weg ist, sind die Fußspuren.  Von wem auch immer.
Während mir dieses Teilstück ein Lächeln auf die Lippen zaubert, treibt mich das nächste Stück in den Spaß-Wahnsinn. Direkt neben dem Schotterweg geht ein versteckter – natürlich schlammiger – Pfad entlang. Die hohen Bäume formen einen majestätischen Torbogen, in den man Eintritt und in einem hessisch-bayrischen Regenwald landet. Die Luft ist so feucht, dass man sie schneiden könnte. Die in einem Hohlweg liegenden Pfade werden von einem – vom Regen gebildeten – Rinnsal begleitet. Wie in einer Parallelwelt ist das Licht hier gedimmt, die gleissend helle Welt da draussen nehme ich durch die Baumreihen hindurch wie ein Fenster wahr und ziehe die Rollos runter. Ich laufe durch das kühle Nass des Rinnsals immer weiter hinab, bis der Pfad endet, eine Haarnadelkurve beschreibt und wieder hinaufgeht.
Ich versinke nun endgütlig in meinem „Flow“, renne mit einer mir nicht bekannten Leichtigkeit die Wurzelwege hoch und fetze auf die nächsten Trampelpfade dem Licht am Ende des Blättertunnels entgegen. Sieht wirklich so aus! Den Drecksschotterweg hinab, nach dem Eingang zum finalen Downhill suchend. Verdammt zugewuchert und nichtmehr als Weg zu erkennen. Die Rheumakur durch die Brennnesseln wird gut tun, also ab dafür. Am Gasthaus und der Hochzeitsgesellschaft vorbei, über die große Wiese zum Spielplatz. Ok, nach Hause? Neee, nochmal den Hügel hinauf. Es brennt. Weiter. Es brennt. Weiter! Nochmal die Hochzeitsgesellschaft. „Guuude!“. Nochmal die Wiese runter und vor Eintritt in die Zivilisation den Rotz aus der Fresse wischen. Oder ist das der Schaum der Spaßtollwut?

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So. Gegen Mitternacht schlafe ich ein, der Wecker klingelt um 2 Uhr. Kein Witz. Die Freundin will an den Flughafen gefahren werden. Faxen dicke vom Wetter. Verständlich. Zum Glück muss mein Freund Martin seine Schwester und ihren Freund an den Flughafen fahren. Zur selben Uhrzeit. Wie der Zufall es will, fliegen unsere Auftraggeber in der selben Maschine.
Ich hatte also vorgeschlagen in Bingen am Rhein laufen zu gehen. Wenn wir schonmal in der Ecke sind.
Um 5 Uhr in der früh verlassen wir das Parkhaus und fahren nach Bingen. Der Rhein und die saftig-grünen Weinberge drumherum heissen uns Willkommen. Hinter den Hügeln sieht man die Sonne aufkommen. Das könnte ein schöner Tag werden.
Die auf gpsies mühsam zusammengeklickt Route auf die Uhr laden. Wenn das Wetter mitspielt, wird das heute das Non-Plus-Ultra an Trampelpfaderlebnis.

Wie es werden sollte:
Gleich am Start geht es am Rhein entlang, ein paar Burgen mitnehmen, die Aussicht genießen und dann dem Rhein den Rücken zuzukehren um den Salzkopf hochzulaufen. Auf den Salzkopfturm hinauf, ein paar schöne Bilder schießen und Richtung „Steckeschlääferklamm“ laufen. Den Bildern auf Google Earth zufolge ist das ein Wahnsinnsweg!
Anschließend die Panoramaroute mit Blick in den Hunsrück, und dann einen schmissigen Trampelpfad an einem Bach entlang um dann zufrieden an den Autos zu stranden.
(siehe gpsies.com-Strecke Die eigentliche.)

Wie es tatsächlich war:

Nachdem wir total euphorisch gestartet und sofort von den schönsten Trampelpfaden begrüßt worden sind, flatterte vor uns ein rot-weisses Band im doch sehr starken Wind. Was das bedeuten mag? Sicherlich etwas, was man ignorieren kann. Mit der Unwetterwarnung kann das nichts zu tun haben. Die ist nämlich offiziell beendet.
Was die Natur von einer „offiziellen“ Wettervorhersage hält wird uns klar, als wir die Wege nach dem Flatterband sehen. Hier ist eigentlich ein kleines, asphaltiertes Stück, welches heute aber von grünen Blättern und Ästen total bedeckt ist. Als ob die riesengroßen Bäume, die entwurzelt den Hang hinab liegen nicht Warnung genug wären, kracht es in kurzer Zeit ganze drei Mal nacheinander. Die angeknacksten Bäume stürzen reihenweise um. Die meisten glücklicherweise auf den Hängen links und rechts. Doch es liegen auch vor uns umgefallene Bäume. Manche so dicht, dass wir auf einen Umweg über den Hang machen müssen, wo mir ganz mulmig wird.

 Wir müssen zur „Kreuzbachklamm“ hinab…

Der Zutritt zu dieser ist jedoch gesperrt. Ist das jetzt aktuell? Das Flatterband hängt auch nichtmehr richtig. Versuchen wir’s. Diese „Klamm“ ist wunderbar, jedoch hat ihr Schlund schon einige Bäume gefressen…

Ich laufe über die obige Brücke, als es plötzlich „knack“ macht und unter mir ein Holzsteg zusammenbricht. Immerhin müssen wir dann nur einmal darüber.

Um die Ecke wartet ein Holzsteg, der in den Fels festgemacht ist und kein Geländer hat. Als ich sehe, dass dieser Steg in der Mitte gebrochen ist und verdächtig Richtung Abgrund hängt schrillen bei mir die Alarmglocken. Sofort zurück!
Meine Gute Laune ist dahin. Müssen wir den gesamten Lauf abbrechen?
Da ich der Navigator bin an diesem eigentlich schönen Morgen, muss ein Plan-B her.
Ich schlage vor, den eigentlich Rückweg zum Salzkopfturm hinaufzulaufen und dann eventuell ein Stück an den Rhein entlang, falls es nicht zu weit ist. Dieser Plan gefällt mir selber nicht und am liebsten würde ich zum Auto zurücklaufen und nach Hause fahren. Natürlich nicht ohne zuvor irgendein Stopschild umgetreten zu haben.
„Machen wir das beste draus.“ ist zwar das Motto, innerlich bin ich jedoch enttäuscht. Mühsam habe ich die Route zusammengeklickt, dann gekürzt, dann komplett umgeschmissen um Anfangs schöne Aussichten und tolle Trails zu haben und gegen Ende die Waldautobahnen mitzunehmen, um die man nicht herumkommt. Zum Schluss mit müden Beinen ja nicht so schlimm.

 Immer wieder liegen die Produkte des Waldes und dem gestrigen Sturm auf unseren Wegen herum.

Die Panoramaroute haben wir gleich zu Beginn und die aufgehende Sonne beleuchten die dunkelgrünen Hügel und die hellgrünen Wiesen echt nett. Man kann weit blicken, die Pfade auf denen wir laufen sind schön und vor uns liegt eine ziemliche lange Schlammpassage. Gestern hätte ich noch „Endlich Schlamm!“ geschriehen und wäre Zickzack auf den Wegen gelaufen. Heute ärgere ich mich ein wenig, Schlamm in den Schuhen zu haben.
Wir erreichen die Steckeschlääferklamm…

Die bezaubernd schön ist und ihren Namen von den hässlichen Fratzen bekommt, die künstlerisch in die Bäume eingearbeitet sind. Ich finde sie so hässlich, dass ich sie ignoriere und euch kein Bild davon zeige.
Immerhin kommen wir auf dem Rückweg nochmal hier vorbei. Ein Trost. Wenn auch ein schwacher.

Es geht jetzt mit mehr Forstweganteilen Richtung Salzkopfturm. Auf einer Lichtung begrüßt uns die Sonne. Wir stellen uns kurz in ihre Strahlen hinein, bekommen kurz gute Laune und laufen weiter, bis wir irgendwann den Salzkopfturm erreichen. Die Wolken haben sich allerdings schon vor die Sonne gestellt und ein fürchterlicher Wind bläst.

Das obige Bild sagt mehr, als meine Worte beschreiben können. Es ist scheisskalt und ich will hier Weg.
Aussicht haben wir hier eh‘ nicht und die Uhr zeigt 15 gelaufene Kilometer. Keine Zeit also an den Rhein zu laufen, auf Ultra habe ich heute nicht so die Lust. Den ganzen Weg also zurück. Wir laufen auf den Trampelpfaden zurück, an denen ich auf dem Hinweg vorbeinavigiert bin und haben ein wenig Spaß in den Bächen und Pfützen.

Der Magen knurrt, die Sonne scheint. Zeit ein paar Salzkartoffeln zu naschen, die mir echt richtig gut gelungen sind letzte Nacht. Eine schöne Salzkruste haben sie bekommen.
Leider sind sie im Rucksack ein wenig aufgeweicht, was den Genuss ein wenig trübt…

 Auf dem Rückweg geht es also nochmal auf die Steckeschlääferklamm.
„War das eben auch schon hier?“ frage ich Martin.
„Ich glaube nicht.“
Ein kalter Schauer fährt mir über den Rücken…

 … als ich unter den Bäumen hindurchkrieche. Ich habe ein schlechtes Gewissen, denn ich fühle mich verantwortlich für alles, was heute geschehen mag. Immerhin habe ich Martin hier hingeschleppt und ich hätte mich besser informieren sollen.
Wir machen tatsächlich das beste aus unserer misslichen Lage und schießen ein paar schöne Fotos, sozusagen als „Appetizer“ für das nächste Mal. Wenn das alles hier überstanden ist.

Wir kommen wieder an das abgesperrte Stück vom Anfang und als ob die drei krachend umstürzenden Bäume von vor drei Stunden nicht gereicht hätte, sehen wir geradewegs in die Richtung, in der ein vierter Baum krachend umfällt. Keine 10 Meter vor dem rot-weissen Absperrband. Alle Warnungen ignorierend laufen wir durch das abgesperrte Stücke. Es ist der kürzeste und unser einziger Weg zurück.

Nach 100 Metern möchte ich Martin wieder fragen, ob dass das eben schon lag. Ich tue es auch, kenne aber die Antwort. Nein. Das lag da eben noch nicht.  Noch mehr Verwüstung und ein noch klammeres Gefühl im Magen.
Ich entschuldigte mich schon während des Laufs mehrmals bei Martin und tue es auch nach dem Lauf mehrmals. Martin sagt mir, dass er Spaß gehabt hat und ich glaube es ihm. Trotz der Angst, die ich während des Laufes hatte, hatte ich auch Spaß. Spaß, dass alles mit einem Freund durchgemacht zu haben. Nicht allein.
Wir lassen Bilder von uns Knipsen. Als Andenken.

Für mich ein Andenken an die größte Lehre, die ich bei der Trampelpfadlauferei bisher erfahren.
Die Natur diktiert die Spielregeln. Nicht umgekehrt.

Ich liebe die Natur.
Weil sie uns lehrt.

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