Karohemd.

Woran denkt man, wenn man schon seit vier Stunden unterwegs ist, es in Strömen regnet, man gerade durch den Morast einer nicht so schönen Waldautobahn tappst und die Kräfte nachlassen?
Man zwar weiss, dass im Ziel ein alkoholfreies Weizen und ein großer Haufen Süßigkeiten als Belohnung auf einen wartet, es bis dorthin aber noch ein gutes Stück hin ist und man schon alle Phasen einen Laufes durchgemacht hat:
Die Freude, endlich die Schuhe zu schnüren und laufen gehen zu können.
Das Scherzen mit den Mitläufern und das Verbreiten guter Laune.
Das Erreichen der Phase, in der man warm ist und sich in seiner Komfortzone befindet und man Ewigkeiten so weiter laufen könnte.
Die „Embrace-a-friend“ Phase, in der man die Komfortzone verlässt, Müdigkeit, vielleicht auch die ersten Zipperlein auftreten und man diese Willkommen heisst. Scott Jurek spricht dann sein Mantra: „This is what I came for.“
Der Moment in der man realisiert, dass man eigentlich eine Distanz unter der Marathongrenze läuft und die Phasen eigentlich erst bei einem ausgewachsenen Ultra auftreten sollten. Drauf geschissen.

Man denkt an etwas, was einen ablenkt.
Manch einer denkt an etwas warmes zu Essen, eine pappsüße Cola, eine heiße Sauna oder einen Whirlpool. Mein Unterbewusstsein hebt dann den Teppich und bemerkt den ganzen Dreck, den man da mal aus Faulheit druntergekehrt hat.

Zunächst denke ich ganz praktisch daran, wie ich meine Kräfte spare und ins Ziel komme.
Sinnvollerweise hätte ich dann am Start Schuhe ohne Dämpfung angezogen, denn je mehr Dämpfung man unter den Füßen hat, desto mehr Energie darauf verwendet, die Dämpfung einzudrücken, statt in Vortrieb zu wandeln. Je weniger Dämpfung also zwischen mir und dem Waldboden ist, desto mehr Energie wird pro Schritt in Vortrieb gewandelt.
Ja richtiger, ein Wink mit dem Zaunpfahl gegenüber allen Hoka-Trägern 😉
Auch richtig, dass das bequemer sein mag und man erstmal in der Lage sein muss vier Stunden in Barfußlatschen durch die Gegend zu laufen. Wie komme ich dahin? Sinnvolles Training. Ein positiver Teufelskreis wäre das dann, denn meine Beine wären dann so trainiert, dass ich vier Stunden und länger in Barfußlatschen durch die Gegend tapsen könnte und zudem weniger Energie über diese vier Stunden benötige. Jetzt könnte ich problemlos mehr stundenlang durch die Gegend laufen, brauche diese Energie jedoch garnicht. Verrückt, nichtwahr?
Diese zusätzliche Energie oder der Zustand, für die selbe zurückgelegte Strecke bei selbem Tempo nun weniger Energie zu „verbrauchen“ kann ich ja dann anderweitig einsetzen.
Statt also die Steigungen zu gehen und die Stöcke einzusetzen – ein 80kg schwerer Mann (oder Frau) würde dann pro Bein und Schritt 50% weniger Masse tragen müssen – könnte ich da jetzt hochlaufen. Irgendwohin muss die Energie ja.
Schon unser Fahrlehrer lehrt uns, an Steigungen in kleinem Gang zu fahren und so wird auch unsere Schrittlänge automatisch kürzer am Berg, da ökonomischer.
Lassen wir mal den Trainingseffekt beiseite und betrachten Naturgesetze. Ein 60kg schwerer Mann (oder Frau) würde im Vergleich zu einem 80kg schweren Mann (oder einer Frau) am ersten Anstieg der letzten 4-Trails Etappe pro Sekunde 25% weniger Energie benötigen (angenommen beide liefen eine 6er-Pace). Er wäre zum einen erstmal wesentlich schneller am Gipfel und hätte pro Sekunde auch noch weniger Energie verbraucht.
Nun bläst am Gipfel ein starker Wind, der uns mit einer 6er-Pace (also 10 km/h) entgegenbläst. Der 60kg Läufer ist meistens etwas schmaler als der 80kg Läufer mit seinen knapp 1,85m oder sogar dem 100kg Läufer mit 2,02m. Das Trampelpfadwiesel würde also auch dort weniger Energie aufbringen müssen, um gegen den Wind anzulaufen. 10 bzw. 25% wäre das Ersparnis! Ist ja wie im Sommerschlussverkauf.

Hmm… wie kam ich jetzt hierher? Genau. Laufschuhe.
Schuhe mit weniger Sprengung sind nicht nur weniger gedämpft, so dass wir weniger Energie darauf verwenden, die dicke Sohle immer und immer wieder zu zerdrücken, sondern auch dazu verleitet werden, mehr auf dem Vorfuß zu laufen.
(„VORFUUUß!!“ sagte ein weiser, bärtiger Mann aus der Eifel.)
Das Vorfußlaufen (welches uns erstmal mehr Technik und Übung kostet) ist wesentlich ökonomischer als das Fersengeschrubbe unsereins. Des Otto-Normal-Trampelpfadläufers. Ein Grafik erspare ich euch an dieser Stelle, aber stellt auch doch mal folgende Situationen vor. Wenn ihr etwas nach vorne Schieben wollt, einen großen Kleiderschrank zum Beispiel, dann lehnen wir uns ein wenig nach vorne, so dass (bildlich) unsere Füße hinter unserem Oberkörper (Schwerpunkt) sind. So schieben wir große Dinge vorwärts. Wenn wir etwas bremsen wollen, nehmen wir zum Beispiel …hmmm… ein Auto, welches den Hang runterfahren würde, dann lehnen wir uns mit dem gegen dieses Auto, so dass unsere Beine vor unserem Oberkörper (Schwerpunkt) sind.
Der Vorfußläufer „fällt“ also in jeden nächsten Schritt hinein, und spart dadurch Energie, während der Fersenschrubber erstmal Energie aufwenden muss, um gegen das durchgestreckte Bein und die Ferse – die wie eine Stütze in den Boden gerammt werden – anzuarbeiten. Is‘ klar, oder?
So kommt dieser natürlich auch wieder schneller den Berg hinunter und wenn beide im Ziel angekommen sind, haben beide die Erkenntnis, dass die Lauferei doch total ungerecht ist. So ’ne Scheisse!

Aber hey, ich bin im Ziel, habe diesen Lauf dann doch hinter mich gebracht und habe noch so viele Dinge, über die ich mir den Kopf zerbrechen könnte.
Was eine Fußbodenheizung mit der Lauferei zu tun hat oder warum man „10°C und leichten Regen“ als perfektes Läuferklima bezeichnet? Darüber kann ich mir ja bei der nächsten Expedition den Kopf zerbrechen…

Ein Gedanke zu „Karohemd.

  1. Holger sagt:

    Vorfuss ist beim Downhill gut, um beim rutschen möglichst vil Proiffläche am Boden zu haben, aber biomechanisch betrachtet ist der Mittelfußlauf der Beste (hat mir mal ein Porf. für Biomechanik an der Sportuni Köln erklärt).

    Gruß der Bärtige

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