Schlammschlacht.

Mir fallen zwei Anekdoten ein, die dieses besondere Wochenende ganz gut charakterisieren:

Die erste wäre die von einem circa 6-jährigen Migrantenkind im Dorfkindergarten, dass den Sankt Martin spielen darf, bei irgendeiner Aufführung. Woran das liegt, bleibt im Unklaren. Vielleicht konnte ich mich schon damals gut selbst darstellen. Jedenfalls hatte ich ein saucooles Plastikschwer und einen roten Mantel mit Klettverschluss, durch das ich mit meinem Plastikschwert „schneiden“ konnte. Total tolle Sache und eine der wenigen Erinnerungen, die ich an meine Kindergartenzeit noch habe.
Die Legende besagt, das Martin von Tours (Sankt Martin) seinen Mantel mit den bedürftigen teilte und so teilte Martin von Butzbach, sein Heim, seine Trampelpfade und das gute Essen des Hauses mit mir. Dem bedürftigen, hungerleidenden und in einer schäbigen Baracke lebenden Studenten.

Samstag um 12 Uhr schlage ich bei Martin auf und schon geht es los. Martin möchte mir seine Hausbergtour zeigen.
„Heute machen wir aber nicht so lange, morgen haben wir noch was vor.“
„Jaja, heute nur kurz.“
(Wir sollten 3 Stunden unterwegs sein.)
Unmittelbar nachdem wir das Haus verlassen haben, und um die Ecke gebogen sind, sehe ich auch schon den Eingang zum Wald. Namentlich der Taunus. Zwar ist das hier nicht der Hochtaunus vom Björn, aber immerhin auch der Taunus. Gleich zu Beginn fällt mir ein Baum auf, über dessen Äste alte Laufschuhe hängen. Mir wird das ganze mit Brauchtum erklärt und ich frage mich, ob hier noch Hexen verbrannt werden. Komischer Brauchtum, aber witzig.
Wir holen aus, um den „Limesweg richtig genießen zu können“ und das tun wir und vorallem ich. Schon auf Björns Touren konnte ich Bekanntschaft mit dem Limesweg machen und auch der Butzbacher Wald hat ein Stück vom alten römischen Limesweg abgekommen, den wir nun entlangtrampeln. Ich gebe oft ein erstauntes „Boa!“ oder „Stark!“ bzw. „Sehr schön!“ von mir und bleibe vor lauter Staunen an einer Wurzeln hängen.
Jaja, Wurzeln. Das Salz in der Suppe eines jeden Trampelpfades. Mit Vorsicht zu genießen und bei falscher Verwendung die Wurzel allen Übels. Hahaha.
Wie dem auch sei stehe ich auf, schüttele mich kurz ab und laufe weiter. Mir fehlt ein wenig die Kraft, aber Martin hat mich mit Oatsnacks und einer Banane eingedeckt und schon bald geht es mir wieder besser.
Martins Hausbergrunde ist sehr abwechslungsreich, schön und bietet neben dem herausragenden Limespfad andere schöne Einzeltrampelpfade (Singletrails), die sich hinter dem großen Bruder nicht verstecken müssen. Des Öfteren wird mein doch relativ geschultes Trampelpfadläuferauge in die Irre geführt, als Martin mich Wege entlangschickt, die ich nicht als solche wahrnehme. Martin beweist viel Phantasie beim zusammenbasteln seines Kunstwerkes.
Am Hausbergturm angekommen, bemerke ich, dass der Hausberg dann doch knappe 500m hoch ist und einen wunderbaren Ausblick auf das Umland bietet. Leider lädt das Wetter nicht zur Rast ein und schnell friere ich mir meine königlichen Locken ab. Aus diesem Grund wird der Heimweg angetreten, bei dem es noch die ein oder andere fetzige Bergabpassage gibt. Auf dem letzten Teilstück gibt es noch einen sehr kurvigen Pfad Typ „Obacht, gleich legst du dich auf die Fresse!“ der zwar sehr schön ist, beim dem ich wiederrum dauert irgendwelches Ast und Grünzeug ins Gesicht bekomme. Tut der guten Stimmung keinen Abbruch und mit einem Loch im Magen geht es Richtung Pension Sankt Martin.
Ein alkoholfreies Weizen benetzt dort sofort die von Wasser mit Plastikgeschmackt belegten Kehlen.
Martins Frau hat zudem Falafel gemacht, die nach einer schönen Dusche sofort verspeist werden. Vier Falafel-Wraps atme ich ein und am liebsten würde ich mir die restlichen in die Jeanstasche stopfen und essen, sobald der Magen wieder die Kapazität dazu hat.
Zufrieden fläzen wir uns auf die Couch und ich definiere für mich die drei Zustände des Trampelpfadläuferglücks.

  • Das Glück, welches man empfindet, nachdem man eine lange, harte und schöne Trampelpfadtour beendet und dabei viel Spaß gehabt hat.
  • Das Glück, welches man empfindet, nachdem man frisch geduscht und neugeboren aus dem Bad steigt und dabei dem Dreck beim abfließen zusehen konnte.
  • Das Glück, welches man empfindet, nachdem man seinen Kohldampf mit einer köstlichen Mahlzeit gestillt hat.

Heute ein König!
Mit königlichen Gefühlen verabschiede ich mich in mein frisch eingerichtetes Schlafgemach und schlafe für vier Stunden den schlaf des gerechten. Vielleicht doch eher den Schlaf des bescheuerten Trampelpfadläuferes, der um 4:00 Uhr in der Nacht aufsteht, bloß um 160km weit zu fahren und circa viereinhalb Stunden in strömendem Regen zu laufen. Aber soweit sind wir noch nicht.
Für euch erstmal ein paar Bilder des Tages:

Limespfad.

Limespfad.

Limespfad mit Banane,

Limespfad mit Banane.

Downhill mit Banane.

Pferdestärken.

FALAFEL!

Die zweite Anekdote wäre die, von einem Auswahlgespräche an der Uni.
Die Professoren prophezeien dem nun erwachsenen Migrantenkind – mit seinen Vorraussetzungen – einer der Ersten zu sein die das Studium wieder abbrechen würden. Warum sie ihn denn dann überhaupt zulassen sollten?
Ich nenne irgendwelche Gründe, die man als Professor wohl gerne hört und schließe mit:
„…solche Aussagen bestärken mich immer nur in meinem Vorhaben.“
Ein Mensch kann alles erreichen, wenn er das nur möchte. Würde ich heute hinterherschieben.

Der Wecker klingelt also um 4:00 Uhr in der Nacht und Martin bereitet ein Frühstück der Könige vor. Von wegen Frühstücken wie ein Kaiser, Mittagessen wie ein König und Abendessen wie ein Bettelmann. Hier wird das perfekte Trampelpfadläuferdinner zelebriert.
Jedenfalls gibt es kleine Missverständnisse bei der Stärke meines Cafés und Martin beantwortet mir die Frage, die ich mir bei der zweiten Tasse Café stelle: „Warum kriege ich den nichtmehr runter.“ Er erklärt mir, dass ich da einen vierfachen Espresso runtergekippt habe und den zweiten schon zur Hälfte. Das erklärt übrigens auch, warum mir plötzlich so anders ist. Ich denke mir: „So muss gepresstes und hochkonzentriertes Rattengift schmecken.“
Wer sich vor einer Darmspiegelung fürchtet, soll sich von Martin mal einen 8-fachen Espresso einschenken lassen. Teufelsbrühe. Leckere Teufelsbrühe.
Die Fahrt beginnt und mir wird anders. Ein wenig so wie mein Desaster beim Schippenmann. „Oh, oh.“ denke ich, „das kann ich heute mal garnicht gebrauchen.“ Wie helfe ich mir, für den Fall der Fälle? Ich könnte ja in meine Schuhtüte. Aber dann hätte ich nie wieder Spaß mit den Dingern. Aus dem Fenster bei 140 km/h wäre für den Hintermann auch eher schlecht. Nicht daran denken ist die beste Option.
Durch die Serpentinen hindurch zur Insel Grafenwerth werden wir geblitzt. Ich erschrecke mich so sehr, dass ich fast mein Frühstück verliere. Zum Glück sind wir dann auch gleich da.
Wir holen Sascha und Bonni im Ziel ab und werden von ihm zum Start gefahren. In der T-Mobile Lounge (oder was das sein soll) treffe ich alte Bekannte: Pirmin, Rodrigo, Heide, Dirk, Esther, Iris, Lutz, Silvia (ich hoffe ich vergesse niemanden), Sebastian, MacGaida und Zwiebel himself. Der Herrscher über das Siebengebirge. Ich freue mich alle wiederzusehen und hole mir meine Startnummer ab, wo mir auch gleichzeitig noch ein Stoffbeutel in die Hand gedrückt wird.
„Was soll ich denn damit?“
„Ihre Wechselklamotten werden ins Ziel gefahren!“
Achso. Dann fällt mir ein, dass ich nicht nur den Service total verpennt, sondern alle meine Wechselklamotten in Martins Auto habe liegenlassen. Und dieses steht am Start. Saublöd Orkan.
Als ich frage, wo denn der Startbereich ist, sagt Zwiebel mir „Draußen!“, verstehe aber nicht was er meint (da ich nichts erkenne, was nach Startbereich aussieht), reihe mich aber trotzdem dort ein, wo ich „hinten“ vermute. Sogleich verliere ich irgendwie jeden aus den Augen als der Startschuss geht, den ich nicht höre. Ok, folge ich also dem Mob. Kurz ein wenig durch „Wo sind wir jetzt hier genau?“ als wir auch schon Schlange stehen um hoch ins grün zu laufen. Ich drehe mich um. Ein Fahrrad. „Das ist bestimmt das Besenrad!“ flachse ich. Tatsächlich steht Besenrad vornedrauf. Ups!
Irgendwie entzerrt sich das Feld dann doch und irgendwie ergibt sich eine Spaßgruppe, aus Martin, Dirk und meiner Wenigkeit.
Nebenbei bemerkt: Es regnet in Strömen!
Mir geht es während der ersten Stunde nicht wirklich gut, also versuche ich, die Übelkeit bei einem fetzigen Downhill zu vertreiben, was das ganze noch schlimmer macht. Und heute soll ich Spaß haben?
Ich mache das beste daraus. An jeder Verpflegungsstelle sage ich eine Art „Mantra“ auf.
„Cola? Wasser? Tee?“ werde ich jedesmal gefragt.
„Weizenbier?“ frage ich jedesmal zurück und frage nochmal nach:
„Geht es euch gut?“
Was die Helfer ziemlich zu amüsieren scheint, da wir doch die sind, die hier scheinbar was leisten. Sehe ich bzw. wir aber anders. Die Helfer müssen im Gegensatz zu uns auf ihren Posten im kalten Regen stehen und viele sind nicht damit „gesegnet“ Wasser, Cola oder Tee verteilen zu dürfen, sondern stehen einsam mit Regenschirm mitten im Nirgendwo und wehen mit einer Fahne. Traurig und Einsam. „Dort geht es lang, viel Spaß!“.
Martin bedankt sich an ausnahmslos jeder Verpflegungsstelle und verabschiedet sich höflich. Ich behaupte einfach mal, dass Dirk, Martin und Ich heute die höflichsten Läufer mit der besten Laune sind.
„Chapeau“ also an dieser Stelle für die rheinischen Frohnaturen von Helfern und den beiden Jungs, die uns mehrmals auf der Strecke entgegenkommen und die Läufer beklatschen. Tolle Sache.

Bis ich den Steigenberger Hof auf dem Petersberg erreiche geht es mir mehr oder weniger schlecht. Wir verlassen das feine Hotelgrundstück, es geht wieder bergab, ich lasse es trotzdem ein wenig schneller angehen, als wir nach einer Haarnadelkurve vor einem Schlammgrab stehen. Ich freue mich hier einen Ast ab, denn es geht Knöcheltief durch den Morast. Spontane Spaßexplosion.
„Geil, Martin mach mal ein Bild!“
„Ey, ich möchte auch“
So fotografieren wir uns erst gegenseitig…


 …bevor der ziemlich verdutzt unter seinem Regenschirm hervorschauende Streckenposten uns fragt, ob er uns nicht gemeinsam fotografieren soll:

Wir glucksen und lachen, bedanken uns beim Streckenposten, der uns wie folgt verabschiedet:
„Ich verstehe einfach nicht, wieso ihr alle soviel lacht!“
„Ja guck doch mal, wie geil es heute ist!“ entgegne ich, er schüttelt den Kopf und wie von Geisterhand ist meine Übelkeit wie weggeblasen. Dirk ist bei unserer Fotoaktion schon vorweggelaufen und wir holen ihn ein. Ich hole Silvia auf dem Downhill ein, laufe quer durch den Morast und kürze die Haarnadeln ein wenig ab mit dem Kommentar: „Hier ist doch der Singletrail.“. Hat niemand gesehen.
Wir kommen an einer Stelle vorbei die ich sofort als Teilstück des THR33KY 7-HILL-THRILLs wiedererkenne und sehen auch schon Dirk vor uns. Ich schreie nach ihm und hole ihn ein. Ich glaube Dirk begräbt in diesem Moment seine sportlichen Ambitionen und schließt sich uns entgültig an. Ist ja auch wesentlich lustiger. 
Aus der Lethargie heraus bin ich nun zum Gruppenbespaßer geworden und meine gute Laune ist an der Grenze zum Nervigwerden. Den Jungs gefällt’s. Den Aufstieg zum Geisberg erkenne ich auch wieder, beim 7-HILL-THRILL sind wir den andersrum gelaufen. Oben angekommen müssen wir erstmal die hervorragende Aussicht genießen:
28. April 2013
26. April 2013

26. April 2013

„Ich glaube, da unten ist der Rhein!“
Naja, weiter geht’s. Spätestens beim Downhill ist es Zeit, ein wenig die Streckenverhältnisse zu beschreiben.
Schlamm, Schlamm und mehr Schlamm. Der Rheinsteig ist ja bekanntlich ein Wanderweg mit ein paar Anteilen Waldautobahn. Diese hatten mittig einen feuchten Schotterhaufen, links und rechts die Spurrillen in denen sich zwangsläufig ein kleiner Bach bildete, der uns je nachdem entgegen oder mit uns den Hang hinab strömte. Alles was man als Trampelpfad bezeichnen konnte war wunderschön und zugleich unberechenbar. An den steilen Anstiegen floss uns ein wilder Strom entgegen und der umgebende Schlamm war so durchgeweicht, dass jeder Grip versagte. Bergab das selbe in grün. Ein wilder Fluss bildet sich einen Flusslauf, rechts und links von Wurzeln gesäumt und bei jedem Schritt muss man höllisch aufpassen.
Das schöne an den Flussläufen ist die Tatsache, dass man durch sie hindurch eigentlich am besten Laufen konnte. Während die anderen rechts und links davon hinabtippeln und sofort jeden Grip verlieren, laufen wir mitten durch die kleinen Bäche. Zum einen ist die Spur frei und zum anderen durch das Wasser und den Schlamm darunter butterweich. Wie in Tiefschnee kann man tierisch die Hänge runterfetzen.
Irgendwo gab es die heimtückischsten Pfade ockergelben Lehmbodens, oder was immer das auch für eine Art Boden war. Er heuchelte Grip um einem bei jedem Schritt diesen zu verwehren. Zwei Schritte bergauf, einen Bergab war zwischenzeitlich das Motto und ich froh, meine Stöcke dabeigehabt zu haben.
Noch ein paar Impressionen von der Strecke:

Ich wundere mich immer wieder, wie schnell man einen Berg hinaufGEHEN kann. Dirk legt eine mörderische Geh-Pace vor und ich fühle mich zwischenzeitlich an strammes Nordic-Walking oder olympischen 50km-Gehen erinnert, immer Ausschau nach den Kampfrichtern haltend, die prüfen, ob man auch wirklich geht.

Geht ihr mal nur, ich hole euch bergab ein. Mein Metier.
Nach zwei Stunden strömenden Regens, dreht jemand den Wasserhahn zu. Jetzt regnet es nur noch stark.
Wir laufen parallel mit der Bimmelbahn den Drachenfelsen hoch, die Insassen gucken uns verdutzt an und wir schneiden Grimassen zurück. Ich mache ein paar Köpfe aus, die sich schütteln. 
Oben auf dem Drachenfels gibt es Kuchen. Iris klärt mich auf, dass sie wegen dem guten Kuchen extra hier zur Gaststätte hochkommt und jetzt kriegen wir den für Lau. Das Stück Apfelkuchen ist auch wirklich der Hammer. Hier oben hat man an einem schönen Tag hervorragenden Ausblick auf den Rhein und die umliegenden Berge des Siebengebirges. Heute nicht. Vom Drachenfels geht es zum Ulanendenkmal nach Rhöndorf herunter und über die Einzeltrampelpfade an den Schluchten laufe ich mich in einen kleinen Rausch, als mich der Trampelpfad an einer Kopfsteinpflastertreppe ausspuckt, mir jemand „Vorsicht!“ entgegenruft und ich mich auf die nasse Wiese rette. Unten an der Treppen stehen Zuschauer mit Kuhglocken, die Bimmeln und sich freuen. Ich stelle mich neben sie und schaue die Treppe hinauf. Die Zuschauer schauen mich an und ich entgegne: 
„Ich muss auf die beiden alten Säcke warten, mit denen ich hier bin. Die kann ich nicht alleine lassen.“ 
Zum Glück versteht das Paar meinen Humor und als Martin und Dirk dann die Treppe runterlaufen, ruft das Päarchen den beiden entgegen: 
„Ihr müsst die beiden alten Säcke sein von denen erzählt wurde!“
Ich lache herzlich, ebenso meine beiden Laufkumpanen der Masters- und Seniorenkategorie 😉
Mir geht es immernoch ziemlich ziemlich gut. So laufen wir immer weiter, als ich bei Kilometer 26 spüre, das ich gleich Krämpfe in den Waden kriege, die sich zum Glück nur ankündingen und nicht zuschlagen. Dirk scheint es nichtmehr so gut zu gehen, doch wir laufen gemeinsam und gemeinsam geht heute alles einfacher.
Nach Himmerich geht es mehr oder weniger bergab und wir kommen durch die Stadt und wissen, dass das Ziel nichtmehr weit ist. Uns kommt ein Passant mit einer Flasche Cola und zwei Pizzen entgegen und wir überlegen kurz, ob wir den Herren überfallen sollen. 
Hinweis an alle Zuschauer: Zu ihrer eigenen Sicherheit sollten sich nicht zwei Kilometer vor irgendeiner Ziellinie mit lecker duftenden Pizzen und einer Flasche Cola stehen.
Ich bin euphorisch und Dirk drückt auf die Bremse ebenjener, aber dadurch lasse ich mich nichtmehr beeindrucken. Wir kommen hier ins Ziel. Ganz sicher. Wir überqueren die Brücke nach Grafenwerth als Dirk sagt: „Schaut, dort sind wir überall langgelaufen.“ und auf die sieben Berge deutet, die man im Nebel schemenhaft erkennen kann. Ich drehe mich um – bekomme dabei fast einen steifen Nacken – und kriege Gänsehaut. Wenn man das so sieht realisiert man, was man vier Stunden lang so alles geleistet hat und ist stolz auf sich. Ich bin stolz auf mich und meine Mitläufer und alle anderen Freunde die noch kommen oder (zum größtenteil) schon im Ziel stehen.
Auf der Zielgerade denke ich daran, dass mir jetzt über die Woche verteilt über 100km in den Beinen stecken, dass ich nach vier Stunden Lauferei am Donnerstag total platt war, trotzdem Samstag mit Martin wieder drei Stunden unterwegs war und heute wieder harte 34km und knapp 1300 Höhenmeter hinter mich gebracht habe. Dabei war der angenehmste Lauf der Woche der Lauf, den ich gerade zu Ende bringe. Ich habe eher an einen unendlichen Kampf gedacht, aber heute scheint das locker-flockig von den Füßen zu laufen. Mit den üblichen kleinen Problemchen. Liegt das am Adrenalin, dem Trainingseffekt oder der netten Gesellschaft meiner Mitläufer?
Wohl eine Mischung aus allem. Martin und ich hatten Samstag schon ausgemacht, bei den 4-Trails gemeinsame Sache zu machen. Zum einen, da wir ähnliches Tempo laufen und zum anderen, da es zu zweit (oder dritt) wesentlich einfacher ist, Qualen zu überstehen und sich gegenseitig hochzuziehen.

Die dreisten Drei.

Wir kommen im Ziel an, ich vergesse fast meine Finishermedaille, aber natürlich nicht den Honig aus dem Siebengebirge, den es hier für die Finisher umsonst gibt. Wenn es was (zu Essen) umsonst gibt, bin ich natürlich ganz vorne dabei. (Nachtrag vom Frühstück am Montag danach: Die Anreise hat sich allein schon für den Honig gelohnt). Also gleich endlich das alkoholfreie Weizen abholen, von dem ich die ganze Zeit geträumt habe und an den Brezel- und Teilchenstand gehen. „Ne, nur eine Brezel, danke!“
Sascha und Bonni warten auf uns im Ziel, ich sehe bekannte Gesichter unter anderem auch den schnellen Lutz und Silvia, die wir oft überholt und die uns oft wieder eingesackt hat. Wer von uns beiden jetzt eher im Ziel war, tut garnichts zur Sache als sie sagt: „Du bist die bergab aber ganz schön schnell unterwegs.“
JAWOOOOHL, da habe ich sie. Meine Bestätigung, dass ich bergab eine Rampensau bin. So entstehen Legenden 😀
Kaum habe ich das Handy angeschaltet, ruft auch schon Christian an, der am Start auf uns wartet. Eine Stunde vor uns ist er ins Ziel gekommen.
Wir treffen uns am Start, fahren planlos und zu Viert durch die Gegend und landen im Restaurant „Vicus“ in Bonn-Beuel, wo gerade gebruncht wird. Sieht nach einem schicken Laden aus. Ich schicke Martin vor, der von uns allen noch am seriösesten oder zumindest am furchteinflößensten aussieht. 
Er sagt, dass wir gerade von einer Laufveranstaltung kommen und ob wir in unserer Kleidung reinkommen.
„Ich mache da keinen Unterschied, kommt rein.“ sagt der überaus freundliche Kellner und setzt uns an einen Tisch. Wir bestellen und fälschlicherweise bekommen wir einen Flammkuchen zu viel.
„Das wird jetzt eh weggeschmissen, dann esst den doch wenigstens. Geht auf’s Haus. Ihr habt sicherlich hunger.“
Ich zumindest habe Kohldampf und atme auch die Hälfte des Hausflammkuchens ein. Martins Wunsch nach Tiramisu wird zunächst verneint und als Ausweichangebot eine Dessertplatte angeboten, die auch „ein wenig“ Tiramisu enthält. Wer hätte ahnen können, dass Martin dann eine Dessert-Schlachtplatte aufgetischt bekommt?
Wir beschließen einstimmig, dass der Kellner der netteste ist, den wir je gesehen haben und lassen ihm ein saftiges Trinkgeld da. Er freut sich einen Ast ab, hält uns die Tür auf und schüttelt jedem Einzelnen von uns die Hand. Wir versprechen ihm und dem Rheinsteig-Extremlauf nächstes Jahr wiederzukommen!


So endet ein schönes Wochenende unter Freunden. Nachdem ich um 4 Uhr in der früh aufgestanden war, komme ich um 21 Uhr in meiner Wohnung an, möchte eigentlich sofort ins Bett fallen, schmeiße klugerweise aber vorher noch die Schmutzwäsche in die Waschmaschine, putze meine Schuhe ein wenig und lege sie trocken.
Schön war das alles. Sehr schön.
Großes, großes, großes Dankeschön geht an Martin und seine Frau, die mich ein Wochenende lang wie ein König behandelt haben (bin ja auch Weltherrscher).
Danke auch an alle anderen, die ich vor, während oder nach dem Lauf getroffen und die die Veranstaltung für mich erst so besonders gemacht haben.
Bis demnächst.

Ein Gedanke zu „Schlammschlacht.

  1. Jens sagt:

    Wie immer ein genialer Bericht von wahrscheinlich noch viel genialeren (unbeschreiblichen) Erlebnissen! Keep on running… LG, Jens

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