Exit Light. Enter Night.

Wenn der Hexenmeister aus dem Taunus zum Nachtlauf ruft, kommen die Leute aus ganz Hessen wie die Fruchtfliegen an eine reife Banane. Apropos Banane. So wie es in der Uni „Kofferklausuren“ gibt, bei denen man sämtlichen Papierkram mitnehmen kann, welches in die Tasche passt, so werden meine Läufe von 3 Stunden und mehr zu „Fresskorbläufen“. Was nehme ich nur zu essen mit? Nachdem der Versuch, vor dem Lauf Croissants zu naschen gründlich in die Hose (bzw. in den Wald) gegangen war, diesmal ein weiterer Versuch, Nahrung für den empfindlichsten Magen Westeuropas zu finden.
MacGaidas PowerPotato-Rezept wird von mir ein wenig frisiert, in dem die Kartoffeln geschält und dann in einer Salzlake gekocht werden, so dass man die weisse Salzkruste tatsächlich erkennen kann. Salz. Wichtig für den transpirierenden Läufer.
Soll ich mir jetzt noch eine Orange Vierteln und mitnehmen? Neee, das gibt nur eine große Sauerei.
Soll ich Bananen mitnehmen? Neee, bis die gegessen werden, sind die matschig.
Datteln? Warum nicht.

Die Sachen sind gepackt und der Wetterbericht prophezeit Fürchterliches, als ich mich in das Auto begebe um gen Taunus zu düsen. Mittlerweile ist die Strecke in den Taunus die von mir am meisten gefahrene Route und ich die große Freude beginnt immer, wenn ich an der A661 die Linkskurve in Ideallinie genommen und einen guten Blick auf den großen Feldberg habe. Meistens werde ich dann von den Türmen am Feldberg begrüßt. Außer heute. Eine dichte Nebelsuppe hüllt alles oberhalb den Baumkronen der Bäume am Autobahnrand ein und versperrt den Blick auf meinen geliebten Taunus. Ehrlich gesagt trübt das meine gute Laune garnicht, da ich solches Wetter mag. Neblig, nass und frisch (nicht kalt) sind die besten Bedingungen für einen richtig, richtig, richtig guten Lauf. Meiner Meinung nach. Zum einen kühlt die feuchtkühle Luft den überhitzenden Körper ziemlich gut und verleitet dazu, die Tachonadel des Körpers in den roten Bereich zu treiben. Von der Landschaft ganz zu schweigen, die dadurch in einen mysteriös-düsteren Mantel gehüllt wird und die Geräusche der Umgebung nun ein wenig gruseliger klingen.
ALLES, außer Schnee und Permafrost ist für mich akzeptabel in diesem Jahr.

Kurz vor dem Kreisel Oberursel-Hohemark und pünktlich zu Beginn der Hochtaunusstraße zum Treffpunkt, scheppert es den Klassiker:  Iron Maiden – Fear of the Dark. Fenster runter und Bäume erschrecken. Der Pöbel kommt. Ui, ganz schön kalt, Fenster doch wieder hoch. Offenbacher Kennzeichen verunsichern auch den Hochtaunuskreis und dreist werde ich hier überholt. „Lass den nur, du bist viel zu gut gelaunt um dich aufzuregen.“ flüstert mir meine gespaltene Persönlichkeit zu. Hat’ter recht.
Ich schraube mich hoch und der Nebel hüllt mich komplett ein. Wäre es jetzt schon stockduster, wäre es jetzt Zeit, ein wenig Angst zu bekommen.
Am Treffpunkt angekommen, gilt es das Wetter hier oben zu checken. Kurz raus, Beine vertreten. Frisch, nass und neblig. Sehr gut.
Ultra-Steffen und Neu-Ultra-Martin treffen auch ein und lamentieren gleich über das blöde Wetter. Ich mag die beiden trotzdem und freue mich riesig, die zwei wiederzutreffen. Martin muss erstmal zu seinem Ultralauf ausgefragt werden, bevor nach und nach jeder eintrifft.
Der Hexenmeister Björn trifft ein und es läuft ‚Fear of the Dark‘ in seinem Auto. Extra für mich wurde die CD aus den Untiefen irgendwelcher Schränke ausgekramt, bloß um mich zufriedenzustellen. Kundenzufriedenheit wurde noch nie so groß geschrieben!
Björn verteilt die Schmuckstücke von Lupine und erzählt nebenbei den Warenwert, der per DHL bei ihm am Mittwoch eingetroffen ist. Knapp 9 Monate müsste ich als HiWi bei vollem Stundensatz dafür arbeiten. Wie dem auch sei schnappe ich mir die süße kleine Piko und montiere die an meinen Lockenkopf. Stellt sich als ein wenig schwierig heraus, funktioniert aber dann doch. Bevor Björn die spielenden Kinder davor warnen kann, nicht mit der höchsten Leuchtstufe jemandem in die Augen zu leuchten, ist es auch schon passiert und der Geschädigte bin natürlich ich. Verwarnung Nummer 1 geht an Stefan und sollte nicht die letzte bleiben 😉
Björn klärt uns über die Funktionen auf, während ich die Uhr angucke, taste, beschnüffle und dann wieder an meinen Kopf montiere. Ziemlich durchdachtes Teil, zu dem „Made in Germany“ und das Lampenteil scheinbar auch gute Handwerkskunst.
Der Preis ist allerdings über- bzw. gesalzen, eine Studentenversion der Lampe nicht vorhanden und wenn ich so ein Ding schon kaufe, würde ich es auch tagtäglich benutzen. Als Schreibtischlampe, Nachttischlampe, Deckenlampe, Fahrradlampe, Fernlicht für’s Auto und so weiter. Bzw. würde ich ausschließlich bei Nacht laufen, damit sich das Ding während der Lebensdauer auch amortisiert.
Es ist allerdings ein wenig zu neblig um die volle Leuchtkraft der Stirnlampen auszukosten und die Entwicklungsabteilung von Lupine sollte mal darüber nachdenken, Nebelschlussleuchten in Form von Kniebandagen herzustellen.

So geht der ‚1. Lupine NightTRAILrun‘ los und die Meute bewegt sich in den sich immer dunkler werdenden, diesigen Wald.

When the light begins to change
I sometimes feel a little strange
A little anxious when it’s dark 

Noch nie haben sich so viele Läufer auf die Dunkelheit gefreut und jeder möchte seine Testlampe ausprobieren. Sogleich wird der erste schmale Pfad durch das saftige grün gelaufen. An manch einer Stelle kann man die Böschung hinab in den Wald schauen und versuchen, etwas in der Ferne zu erkennen. Die dunklen Baumstämme im Nebel ergeben aber trotzdem eine imposante Kulisse. Passend zu der einbrechenden Dunkelheit. Die Stirnlampen sind nun im Dauerbetrieb und das Testen der höchsten Stufe wird vom Nebel vereitelt. Schade, denn mit der höchsten Stufe kann man mit ziemlicher Sicherheit jeden Pfad taghell erleuchten. An kurzen Querfeldeinpassagen und knackigen Bergabpassagen kann man aber doch erkennen, was diese Lampen leisten können. Nämlich Sicherheit beim Laufen schwieriger Passagen.
Meiner einer gibt sich der Stimmung der heutigen Nacht hin. Durch den Lichtkegel meiner ‚Piko‘ stromern die Tröpfchen des Nebels hindurch und legen sich kühlend auf meine warme Haut. Die Tröpfchen im Gesicht zu spüren hat etwas sehr erfrischendes und so blicke ich durch ebenjene hindurch auf die Läufer vor mir und deren reflektierende Kleidung. Des Öfteren laufe ich an die Spitze der Gruppe, bloß um stehenzubleiben und mir für ein paar Sekunden die Lichtkegel in der Dunkelheit anzuschauen.
Wir machen das beste aus der Situation. Ich für meinen Teil durfte mir den Taunus bei Nacht und klarem Himmel schon einmal zu Gemüte führen und wünsche mir für einen Moment, die Sterne sehen zu können.
So haben wir oben am Altkönig einen herrlichen Rundumblick von ca. 20 Metern in die dichte Nebelsuppe. Von der Frankfurter Skyline ist nichts zu sehen, noch nichtmal die pinkelnden Mitläufer an den Bäumen erkennt man. Schade, aber so ist das Läuferleben. Bisher habe ich schon alles gehabt. Taunus im idyllischen Pulverschnee und kalten Temperaturen. Taunus im Permafrost jenseits von Gut und Böse bei Nacht. Taunus im gräulichen Frühling und heute: Taunus im feuchten Nebel bei Nacht. Was noch aussteht ist der Taunus in superschönem, sonnigen Wetter bei Tag und der Taunus in einer superschönen, lauen Sommernacht. Ich bin ja noch jung.
Bevor es zum großen Feldberg hochgeht werden nochmal die Akkus der Stirnlampen ausgetauscht und die Windjacken ausgepackt. Oben dürfte dieses Unterfangen sehr unangenehm sein.
„Sag mal Björn, wo ist’n hier das Gipfelkreuz?“
„Gleich hier, hinter mir.“
Genau SO neblig ist es hier. Ich war schon öfter hier und weiss eigentlich wo das Gipfelkreuz hier rumsteht, doch in diesen Bedingungen fällt mir das schwer. Nach dem obligatorischen Bild am Gipfelkreuz machen wir uns hinunter Richtung Ausgangspunkt. Björn trichtert uns ein, die Füße still zu halten, da der Downhill runter zwar sehr schön ist, bei diesen Bedingungen aber durchaus tückisch. Mit schlechter Sicht, nassen Wurzeln und Steinen ist heute nicht zu spaßen. So möchte ich hier zwar gern wie bescheuert runterfetzen und mir zum Schluss nochmal einen tierischen Adrenalinkick geben, höre aber auf den Hexenmeister und bin relativ schnell glücklich, das getan zu haben. An den Autos angekommen gibt es das obligatorische alkoholfreie Weizen (für mich auch zwei) und den Express-Ausklang des heutigen Laufes. Trotz widriger Bedingungen habe ich heute viel Spaß gehabt und alles, was nach der heutigen Nacht kommt, kann nur sonnig und schön werden. Laufen in einer Gruppe gleichgesinnter macht Spaß. Viel Spaß.
Auf Wiedersehen, Taunus.
Auf Wiedersehen, Hexenmeister.

Have you ever been alone at night
Thought you heard footsteps behind
And turned around and no one’s there?
And as you quicken up your pace
You find it hard to look again
Because you’re sure there’s
Someone there 

Fear of the Dark


I have a phobia that someone’s
Always there

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